15.1.2006 TM

Das große WM Kasperltheater,
Teil 1

 

Nun ist es also soweit. Der erste Monat des großen Fußballjahres ist schon halb rum, wir stecken also bereits mittendrin im lange herbeigesehnten WM-Jahr! Aber nichtsdestotrotz fängt das junge WM-Jahr an, mir langsam auf die Nerven zu gehen. Und hier rede ich nur am Rande von hosenlosen Löwen und grünen Rasen, die einem aus jeder Fernsehshow, Fernsehwerbung und Hochglanzmagazin entgegenlachen, nein, auch sonst ist das Fußballkasperltheater nur begrenzt unterhaltsam. Fassen wir noch mal zusammen:

Ende letzten Jahres tut die Stiftung Warentest das, was sie am besten kann: sie testet. Aber sie testet diesmal eben kein Olivenöl und keine Staubsauger, sondern unsere sagenhaften neuen WM Stadien. Das Ergebnis ist inzwischen hinlänglich bekannt, die Testexperten fanden gravierende Mängel in Bezug auf Sicherheit und Brandschutz, die Reaktion von FIFA und OK ist genauso bekannt, beleidigt wurde bekanntgegeben, dass unsere Stadion selbstverständlich sicher seien und dass die Stifung Warentest sich nur wichtig machen wolle, um auch ein wenig vom großen WM-Kuchen abzubekommen, aber statt dessen doch lieber bei der Beurteilung besagter Staubsauger und Olivenöle bleiben solle.

Ich denke an mein schönes Waldstadion in meinem schönen Frankfurt: „deutliche Mängel“ heisst es in der Warentesterstudie und ich überlege, was ich eigentlich überhaupt von der Stiftung Warentest halte. Ehrlich gesagt denke ich nicht oft darüber nach, manchmal kaufe ich allerdings ein Duschgel, das einen „sehr gut“ Aufkleber trägt, denn irgendwie kann das ja nicht wirklich verkehrt sein, aber Duschgel oder Stadion, das sind ja schon sehr unterschiedliche Waren. Ein Besuch auf der Internetseite von Stiftung Warentest klärt mich auf. Die Stiftung testet tatsächlich alles, Stadien fallen neben Nordic-Walking-Stöcken und –Schuhen, Softshelljacken, Taschen- und Stirnleuchten und Partnersuche unter die Rubrik „Freizeit und Reise“ und ich lerne, dass Nordic Walker für Salomons innovatives Schnürsystem ruhig etwas mehr Geld hinlegen sollten, denn „Den XA Comp XCR und XA Comp II können Nordic Walker mit nur einer Hand schnüren und öffnen“. Toll. Zumindest meine Meinung über die Stiftung W habe ich mir hiermit gebildet. Also zurück zu meinem schönen Waldstadion. Erst letztes Jahr wurde es fertiggestellt, dieses Kleinod deutscher Stadionarchitektur. Und dass in Deutschland ein solches Bauwerk nicht ohne jede Menge Bau- und Sicherheitsforschriften wie zum Beispiel die „Musterverordnung über den Bau und Betrieb von Versammlungsstätten“ realisiert werden darf, ist ja eigentlich eine Selbstverständlichkeit. Klar, sagt die Stiftung, eigentlich bemängeln sie ja auch nicht das Nichteinhalten von Sicherheitsvorschriften, sondern ein mögliches Szenario im Falle einer Massenpanik. Und hier schüttele ich verständnislos meinen Kopf. Natürlich kann in jedem Stadion, jedem Flughafen, jedem Einkaufzentrum oder Multiplexkino eine Massenpanik ausbrechen, obwohl wir natürlich alle hoffen, dass so etwas nicht passiert. Aber falls ein solcher Fall eintreffen würde, dann bin ich mir sicher, dass es in jedem Stadion, jedem Flughafen, jedem Einkaufszentrum und jedem Multiplexkino zu einem Riesendesaster kommen würde. Denn Panikforscher hin oder her, das Verhalten von Menschenmassen im Falle einer Panik sind nun mal leider nur begrenzt vorstellbar geschweige denn manipulierbar, und somit haben die Stadionbauer sicher versucht, mögliche Risiken soweit möglich einzugrenzen, aber selbst die strenge deutsche Gesetzgebung kann eben diese Risiken nicht ausschließen. Der Wert einer solche Untersuchung ist für mich daher mehr als fragwürdig.

Fragwürdig ist allerdings in meinen Augen auch die Reaktion eines Herrn Beckenbauer, der die Tester als Besserwisser bezeichnet, oder eines Herrn Schmidt, der kühn behauptet: „Unsere Stadien sind sicher“. Obacht, meine Herren! Wenn ich es mir herausnehme, die Stiftung Warentest als Besserwisser oder Wichtigtuer zu bezeichnen, so ist dagegen nichts einzuwenden. Schließlich bin ich ja sozusagen der Endverbraucher und darf meine Meinung ungehemmt kundtun. Das Organisationskommittee sollte damit etwas vorsichtiger sein, denn ein solches ist Verhalten nicht gerade souverän. Die Aussage über die Sicherheit der Stadien halte ich für gefährlich, denn sollte es tatsächlich zu irgendeinem Vorfall während der WM kommen (was ich hier natürlich keineswegs hinaufbeschwören möchte, aber jeder weiss leider ob der Verletzlichkeit solcher Veranstaltungen), dann ist kein Stadion sicher, egal ob Kaiserslautern, Berlin, Frankfurt oder München.

Das Kasperltheater um die WM ist aber natürlich mit der Warentestdiskussion noch längst nicht abgeschlossen. Nein, ganz im Gegenteil, es ist gerade erst der Anfang.

Am 13. Januar veröffentlicht die FIFA Presseerklärung, in der bekanntgegeben wird, dass die geplante 25-millionenschwere WM - Eröffnungsgala in Berlin abgesagt wurde. Aha, denke ich, und bin eigentlich unberührt. Trotzdem verfolge ich natürlich interessiert das Theater, über das sich die Presse natürlich besonders jetzt in der Bundesligapause freut. Spekuliert wird über die Gründe der Absage, da geht es um Geld- und Rasenprobleme, um einen fehlgeschlagenen Vorverkauf der Karten, die immerhin zwischen 100 und 750 Euro kosten sollten. Und im obligatorischen Interview gibt sich der allgegenwärtige, beleidigte Andre Heller überrascht, dass die sportlichen Aspekte der WM anscheinend mehr zählen als die künstlerischen. Ach, Herr Heller, lassen Sie mal. Bleiben Sie bei ihrem Zirkus und lassen Sie die FIFA ihren eigenen Zirkus veranstalten. Diese ist sich nämlich für nichts zu schade, und rennt weiter von einem Fettnapf zum nächsten. Was ich von vorneherein nicht verstanden habe ist, wer eine solche WM-Gala eigentlich braucht, denn schließlich gibt es doch eine Eröffnungsfeier, vor dem Eröffnungsspiel wie es sich gehört, und es muss doch reichen, wenn dort lachende Kinder mit bunt angemalten Gesichtern über den Rasen laufen, da brauchen wir doch Herrn Hellers Luftballons nicht auch noch, oder?

Und wie soll das Kasperltheater enden? Naja, erst einmal endet das Theater natürlich noch lange nicht. Vielleicht könnte Herr Heller in jedem der maroden WM Stadien eine Eröffnungsgala veranstalten, denn bei dem geringen Interesse der Zuschauer würde es mit Sicherheit zu keiner Massenpanik kommen. Bleibt die Frage, wo die Spiele ausgetragen werden sollen. Mal überlegen... Wenn die Länderkontingente nicht zurückgegeben werden und sich beispielsweise die Trinidad-und-tobago’schen Fans sich die weite Reise nicht leisten können, weil die Tickets dort nur mit einem überteuerten Reisekomplettpaket angeboten werden, dann kriegen wir unsere Arenen ja doch nicht voll, und dann weichen wir eben auf andere Spielstätten aus. In Frankfurt zum Beispiel empfehle ich den Bornheimer Hang. Oder, nach den kürzlichen Erfolgen der Hallenturniere, könnte man auch die WM in einer Halle austragen, da sind auch die Dächer meistens dicht.

Und dann wird auch alles gut.

 

design by oj-online.com

last update: 15-jan-06