Brasilien in Offenbach: Unser Reporter Alex war vor Ort!
 

Caipi, Sonne, Frühaufsteher – Brasilien trainierte in der „verbotenen Stadt“


Heiß war es, verdammt heiß - und dann noch dieser Heuschnupfen, der immer dann auftaucht, wenn ihn keiner will. Was tut man nicht alles für Ronaldinho & Co.? Doch mein Bericht vom ersten und während der WM auch einzigen öffentlichen Training der brasilianischen Seleção beginnt schon früher:


Dienstag:
Halb sieben, aufstehen, Kaffee und ab in die verbotene Stadt – Tickets holen. Schon lange vorher war bekannt, dass sich die Weltmeister von 2002 die Ehre auf dem Bieberer Berg geben und eine ihrer berühmt berüchtigten „Spaßtrainingseinheiten“ absolvieren werden. Schon beim Confed-Cup im vergangenen Jahr füllten die Kicker vom Zuckerhut die BayArena in Leverkusen und veranstalteten eine Sambaparty der Extraklasse. Klar, dass auch ich mich nach Offenbach aufmache um kostenlose Tickets zu ergattern. Schon weit vor dem Stadion ist jegliche Parkmöglichkeit rar – die Schlange vor dem Kassenhäuschen nimmt ein gigantisches Ausmaß an. „Um zehn wird erst geöffnet“, heißt es von weiter vorne – ich muss mich also noch rund zwei Stunden gedulden um die begehrten Papierfetzen in den Händen zu halten. Mittlerweile machen die ersten schon den großen Reibach und verkaufen alle möglichen Fanartikel an die wartende Menge.


Dann endlich Bewegung in der Schlange: „Anstatt der angekündigten zwei werden nun doch alle Kassen rund um das Stadion geöffnet“, ertönt es von irgendwo her. Und schon leichte Anzeichen von Panik und bald wird klar, dass auch hier die FIFA wieder ihre Hände im Spiel haben muss: Anstatt wie angekündigt vier Tickets pro Person zu verteilen halten es die Kassierer unterschiedlich. An Kasse 1 und im Fanshop werden vier Tickets ausgegeben. Steht man an den restlichen Häuschen bekommt man nur zwei – erster Unmut macht sich breit, sodass schon bald das Gesetz der Stärkeren gilt. Als ich endlich meine Karten in der Hand halten darf laufen mir junge Männer entgegen mit einem ganzen Stapel Tickets in der Hand. „Wie das?“ frage ich laut und erhalte eine ebenso kurze Antwort: „Dreimal vorgedrängelt!“ Schon wenige Stunden nach beginn der Ausgabe sind alle Tickets restlos vergriffen. Tröstende Mütter mit weinenden Kindern laufen mir entgegen – ich stecke meine Karten schnell weg, will nicht prahlen. Wer heute noch in einem großen Internetauktionshaus sein Glück versucht, muss sich mit horrenden Summen auseinandersetzen. Will man den lieben Kleinen aber einen Gefallen tun so muss man als Vater oder Mutter tief in die Tasche greifen. Und wieder einmal wird klar, dass die Organisatoren der FIFA versagt haben.


Donnerstag:
Endlich ist es soweit, heute um 16.45 Uhr beginnt das Training der wohl besten Elf der Welt – ich freue mich auf Ronaldinhos Tricks, Roberto Carlos Freistöße, Didas Flugeinlagen und Kakas Dribblings. Doch erstmal steht S-Bahn fahren auf dem Programm. Die Kartenvergabe bescherte einen Vorgeschmack dessen, was das heutige Training auf dem Bieberer Berg bringen kann. Ein Wirrwarr wie am Dienstag soll nach Möglichkeit vermieden werden. Diesmal beugt die Polizei vor und bittet unbeteiligte Autofahrer und Anwohner vorab schon einmal um Verständnis für Umleitungen und Sperrungen. 25 000 Zuschauer, so viel wie bei keinem Kickersspiel, werden erwartet. Wer keine Karte hat, braucht erst gar nicht anzureisen - ohne Ticket kein Blick auf Ronaldinhos Warm-up-Übungen.
Der Bus ist pünktlich, die Mannschaft ist da! Der Puls der Sicherheitskräfte steigt rasant in die Höhe – die Massen toben. Nachdem die Spieler erstmal 10 Minuten in der Kabine verschwunden sind geht es endlich los. Doch dann tauchen erste Fragen auf: „Wo ist Ronaldo – Hast Du ihn gesehen?“ Der Torjäger fehlt. Der Torschützenkönig der WM 2002 musste wegen leichten Fiebers passen. „Angeblich eine Entzündung der oberen Atemwege“, ist später zu lesen. Dass Ronaldo zuvor aber in einer Frankfurter Edeldisco seine Trinkfestigkeit unter Beweis gestellt haben soll, davon redet niemand.
Vereinzelt trotten die Stars endlich aus dem Tunnel und machen sich auf in der Hitze von Offenbach - ein bisschen Spaß haben. Anfangs jongliert jeder die Kugel in bisschen ehe Stretching und Trainingsspiele folgen. Dass plötzlich ein Junge den Sicherheitsgürtel der 400 Einsatzkräfte durchbricht ist fast schon typisch für die Rahmenbedingungen des Events. Als die Ordnungshüter den Jungen aus dem Stadion bringen wollen, verhindert das Superstar Ronaldinho: Er setzt lächelnd sein Autogramm auf das Brasilien-T-Shirt des Jungen. Viele der 25 000 Zuschauer im Stadion begleiten die Aktion mit Beifall. Erst danach wird der kleine Störenfried aus der Sicherheitszone entfernt. Das Training geht locker weiter. Die Spieler haben Spaß und begeistern die Massen mit ihrem Können. Dank der Hitze ist nach 90 Minuten dann doch jeder froh, dass das Training langsam dem Ende entgegen geht. Die Spieler ziehen sich winkend in den Bus zurück – die meisten Fans feiern schon Caipi schlürfend und Samba tanzend den erhofften WM-Titel der Perreira-Truppe. Schön wars!