Kurzgeschichte

Un Viaje Especial
oder:
Auswärtsspiel am Guadalquivir

(A. Holzmann)

05.07.02

Es war einer jener heißen Spätsommernachmittage, die vor zwei Jahren die andalusische Tiefebene in einen Glutofen verwandelten. Seine Freunde waren am Morgen in Richtung Madrid weitergefahren, um ihren Flug nach Frankfurt noch zu erreichen.

In knapp drei Wochen hatten sie den Süden der iberischen Halbinsel mit Bus und Eisenbahn unsicher gemacht. Die vielen Eindrücke der Reise vermischten sich nun gegen Ende seiner Ferien mit aufkommendem Heimweh zu einer seltsam dichten Atmosphäre. Da sein Flug ins stürmisch-kühle Bayern erst zwei Tage später gehen sollte, hatte er das kleine Hotelzimmer mitten in der Judería der alten Universitätsstadt am Fluss Guadalquivir noch für eine weitere Nacht gebucht.

Den Abend zuvor hatten sie noch zusammen in einer Tapa-Bar an der Plaza Mayor verbracht. In dem heruntergekommen Laden bedeckten Tausende achtlos ausgespuckte Sonnenblumenkern- und Gambas-Schalen den Boden. Gegen halb zwei Uhr nachts hatten sie den Laden gut betrunken verlassen. Der Abschied knapp fünf Stunden später war kurz und knackig ausgefallen, zu sehr schmerzte sein Kopf vom Zechgelage der vergangenen Nacht. Minuten, nachdem die beiden Reisegefährten den Bus am Hotelvorplatz bestiegen hatten, befand er sich bereits wieder im Tiefschlaf.

***

Jetzt lag er auf dem schmalen und etwas zu kurzen Bett, nackt und kaum bedeckt von der dünnen Baumwollbettdecke. Die Hitze kroch durch die Fensterläden, eine Pferdekutsche passierte unten auf der engen Gasse das Hotel. Touristen unterhielten sich angeregt, der Kutscher gab ein kurzes Kommando.

Er hob den Kopf - nur etwas und ganz langsam. Ein stechender Schmerz schien seinen Schädel in zwei Hälften zu spalten. Sein verschwommener Blick galt seiner Armbanduhr auf dem Nachttisch - 14.10 Uhr. Er erschrak kurz. Das Spiel! Der eigentliche Grund, warum er hier geblieben und nicht gleich in seinen Abflugort Malaga weitergefahren war, wo noch dazu eine stete Brise vom Mittelmeer für etwas Abkühlung sorgte. Der örtliche Zweitligist bekam es in knapp zwei Stunden mit dem Lokalrivalen Real Betis aus der Nachbarstadt Sevilla zu tun. Sicher kein sportlicher Höhepunkt, angesichts der Temperaturen und der grauen Mittelfeldplätze, auf denen beide Klubs in der Segunda División dahinvegetierten. Aber immerhin, ein Derby. Rund 1000 Ultras hatten sich aus Sevilla angekündigt und das wollte er sich schließlich nicht entgehen lassen. Die Karte hatte er bereits zwei Tage vor dem Spiel im Corte ingles ergattert, es war eine der letzten gewesen.

Jetzt musste er nur noch sich in Form bringen...

Mühsam schleppte er sich vom Bett in Richtung Badezimmer. Die Dusche. Eiskalt lief das Wasser seinen Rücken hinab und verschaffte ihm Linderung. Er nahm sich ein paar Minuten Zeit...

Kurz darauf betrat er in Jeans und Trikot des heimischen Club de Fútbol den Vorplatz. 45 Grad zeigte das Thermometer am Hotelportal. Zum Glück war das Trikot weiß. Er begab sich in Richtung Judería, um an der Plaza Mayor einen Bus zum Stadion zu nehmen. Als er am Busbahnhof ankam, fuhr ihm gerade einer vor der Nase weg. Viel Zeit war nicht mehr bis zum Anstoß. Er überlegte kurz und lief dann los.

In den verwinkelten Gassen verhinderte der Schatten seinen frühen Hitzetod. Als er jedoch die Altstadt - und damit auch den Schatten - zurückließ, um über die alte Brücke hinweg in Richtung Industrieviertel zu laufen, ärgerte er sich, dass er seine Schirmmütze vergessen hatte. Auto an Auto passierte ihn. Fahnen und Schals wurde laut gröhlend geschwenkt. Hupkonzert, Abgase, dazu die sengende Sonne Andalusiens. Sein Kater meldete sich wieder verstärkt zu Wort.

Die Flutlichtmasten des Estadio del Arcángel und der sich zäh bewegende Autokorso gaben ihm die Laufrichtung vor. Er hatte noch einen guten Kilometer vor sich. Als er zehn Minuten später das Stadion erreichte, war er ziemlich am Ende.

Nach einer weiteren Viertelstunde in der Schlange passierte er die Gittertore an den Kassen und machte sich mit wachsender Vorfreude auf das Spiel in Richtung Nordkurve auf. Die Aficionados beider Lager stimmten sich bereits mit Sprechgesängen auf die Partie ein. Der Stadionsprecher machte mit reißerischer Stimme Reklame für die örtliche Brauerei. Er hatte Durst.

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last update: 05/07/02