Kurzgeschichte

Die Frau des Keepers

von Andi Holzmann

27.04.02

Dirk war keine besondere Rakete im Tor. Und seine Augen, wenn er Sonntagmittag zum Treffpunkt kam. Aber - und das musste der Rest der Truppe uneingeschränkt zugeben - er sah nun mal am besten von uns allen aus. Was nicht viel heißt. Immerhin, kein Hauch von Bierbauch, vollständige Frisur, ± weiße Schneidezähne (trotz 30 Kippen pro Tag)

Viele Mädels schauen ja nicht gerade vorbei bei unsern Spielen. Wer Zoff mit der Alten hat, braucht am Sonntag auch nicht noch unsinnige Kommentare von draußen. So gibt man ihr dann lieber zu verstehen, dass sie doch zu Hause auf der Couch besser aufgehoben sei.

Wo war ich? Ach, ja. Dirk. Der Dirk also. Der hatte schon die eine oder andere Frau mit angeschleppt. Meist, wenn er noch zu dicht war, um selbst zum Spiel fahren zu können. Das waren dann oft Frauen, die du morgens vielleicht nach dem Namen fragen musst. Oder, ob sie denn gestern nacht im "Brooklyn" genauso ausgesehen hätten.

Im letzten Mai wurde alles anders. Vier Wochen lang gewannen wir jedes Spiel. Lola. Keiner wusste, ob das ihr richtiger Name war. Als Dirk ihr eines Mittags auf dem Schotterparkplatz vor dem Sportgelände aus seinem Mazda half, war uns das egal. Gab es eine Steigerung von perfekt? Im kleinen Schwarzen schwebte sie am Kassenhäuschen vorbei. Dirk dicht hinter ihr, nachdem er noch seine Sporttasche aus dem Kofferraum gewuchtet hatte. Auf halber Strecke zu den Umkleiden hatte er sie eingeholt. Seine freie Hand klebte sofort an ihrer linken Pobacke - so wie ein Hundewelpen an der Wange seines Frauchens. Dieser Claim war offenbar abgesteckt.

"Jungs, Lola. Lola, die Jungs", so versuchte unser Keeper der Situation die Spannung zu nehmen, indem er beide Parteien einander vorstellte. "Hi Jungs, ich hoffe, ihr gewinnt heute", hauchte dieses kaum zwanzigjährige Luder durch ihre vollen, dunkelrot geschminkten Lippen. Unser Gegner hatte zu diesem Zeitpunkt schon verloren, obwohl die von der Barmer Ersatzkasse, Sektor Nordost, an und für sich keine Schlechten waren.

Aber wir hängten uns alle voll rein. Vor diesem Superweib Schwächen zeigen? Kam gar nicht in Frage. Die Barmer kamen kaum zum Luftholen. Und wenn sich einmal ein Ball in Richtung Dirks Kiste verirrte, pflückte er sich das Leder aber so was von souverän aus der Luft. 3:0 schon zur Halbzeit. Lola räkelte sich dabei genüsslich in der warmen Maisonne auf einer der Bänke, die am Spielfeldrand sonst meist verwaist rumstehen.

Wir schmissen uns während der Unterbrechung ins Gras. Die meisten von uns so, dass sie die Kleine mehr oder weniger unauffällig begutachten konnten. An eine taktische Besprechung war nicht zu denken - aber die war ja auch nicht nötig bei dem Spielstand. "He, Dirk. Kannste mir die mal ausleihen? Nur für ne Stunde oder so..." Freddie, unser Linksaußen brach das kollektive Schweigen. "Abhaken, Alter. Du bist doch bei deiner Gisi gut aufgehoben. Ne, ne. Die Lola is nich zum Teilen", kam es deutlich aus Dirks Richtung zurück.

5:0 hieß es am Ende. Mit dem gemeinsamen Bierchen im Klubheim wurde es diesmal nix. Als Dirk sich mit Lola ebenso eng umschlungen wie augenzwinkernd von uns verabschiedete, machten sich die meisten auch in Kürze zur Wochenend-Pflichtnummer "bei Mutti" auf. Die Gedanken gehörten an diesem Abend aber wohl jemand anderem ...

Nach den Barmern waren auch TuS Stahl (4:1) und die BallaBallaBoys (7:2) fällig. Unser Talisman selbstverständlich immer eisern am Rande des Geschehens dabei. Und selbst gegen die Mauer Ultras, ungeschlagener Spitzenreiter, reichte es zu einem 0:0. Dirk hielt dabei wie sein Vorbild Toni Schumacher in seinen besten Tagen. Es lief einfach richtig rund.

Tags darauf war Lola verschwunden. Es hieß, sie sei mit dem Libero der Ultras Richie Felgendreher durchgebrannt. Ein ehemaliger Regionalliga-Kicker Ende 30, Marke George Clooney, der jetzt nebenbei für die Tabakindustrie modelte.

Am 3. Juli mussten wir zum Drittletzten Victoria und verloren 2:6. Dirk war keine besondere Rakete im Tor.

   

 

       

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last update: 09/05/02