Kurzgeschichte

Jörg H. - Wie es wirklich war

von Andi Holzmann

24.5.02

"Ich muss mit Dir sprechen, Jörg." Jörg wusste, was passieren würde. Er hatte es all die Jahre und Monate geahnt. Rudolf zog ihn am Ärmel seiner neuen DFB-Trainingsjacke, die alle Spieler vor ein paar Wochen überreicht bekommen hatten. Sie gingen an den anderen vorbei zum Ende des Trainingsplatzes. Die meisten Jungs schauten weg, Oliver meinte nur: "Kopf hoch, Jörgi." Jeder wusste offenbar, was hier gerade ablief.

"Du, Jörg - es ist einfach zuviel passiert", begann Rudolf zögernd und blickte dabei etwas verlegen auf den frisch gemähten Rasen. "Ich weiß, was Sie sagen wollen, Teamchef. Aber ich versprech' Ihnen, ich kann mich bessern. Ehrlich." Jörg standen die Tränen bis zum Anschlag. "Und was ist, wenn Du wieder Deinen Schuh verlierst wie damals 98." Rudolf wirkte jetzt entschlossener; jetzt, wo das Thema auf dem Tisch war, das den Teamchef schon seit Wochen geplagt hatte. Die Bosse von der Ausrüsterfirma in H-Town, die in den schwarzen Anzügen mit den drei Nadelstreifen, hatten in einem geheimen Fax an die Verbandszentrale in der Otto-Fleck-Schneise unmissverständlich klar gemacht, dass sie es in keinem Fall mehr dulden würden, wenn auch nur einer der Spieler sein Schuhwerk vor einem Milliarden-Publikum einfach so achtlos verlieren würde. Dem Hans-Hubert hatten sie damals sogar einen abgerissenen Hühnerkopf in einem großen braunen Umschlag nach Grevenbroich geschickt. Mit der Notiz, dass beim nächsten Mal der Schwanz seines Terriers darin zu finden sein würde...

"Aber, Teamchef, Sie wissen doch auch, dass damals der Olaf meine Schuhe nicht fest genug zugebunden hatte," meldete sich Jörg nochmals mit deutlich schwindender Widerstandskraft zu Wort. "Aber Du weißt wiederum doch genau wie das ist bei uns im Team. Jeder ist für sich selbst zuständig. Da gibt es kein ‚wir' oder ‚alle für einen'. Ich kann Dich nicht mitnehmen. Nicht nach der Geschichte beim letzten Treffen in Hennef ..."

Worauf spielte der Teamchef an? Jörg überlegte einen Moment lang. Konnte er von seinem kleinen Techtelmechtel mit Christian und Basti in den Duschräumen der altehrwürdigen Sportschule etwas mitbekommen haben? Hatte einer der andern etwas gesehen und gepetzt? Na, logisch. Es klingelte, der Euro-Cent war gefallen. Lars hatte ihn damals so komisch angeguckt, als er nach der Nummer in der Dusche beim Abendessen aufgetaucht war.

Allmählich war ihm alles klar. Jetzt konnte Jörg sich auch das mysteriöse Verschwinden von Christian und Basti in den Wochen danach erklären. Angeblich verletzt, nicht rechtzeitig fit, können der Mannschaft bei den großen Spielen im Fernen Osten nicht helfen, bla bla bla.

"Mir persönlich ist da ja egal, was ihr in eurer Freizeit so treibt. Aber ich habe mit Em-Vau darüber gesprochen, und der ist nun mal nicht gerade erbaut über solche Eskapaden." Jörg war mittlerweile knallrot angelaufen. "Hätte ich mich nur nicht darauf eingelassen als Basti die Seife fallen ließ," dachte er sich. Er nahm all seinen Mut zusammen. "Woher wissen Sie es, Teamchef?" "Das spielt doch keine Rolle," ließ sich Rudolf nichts entlocken und ging zurück zu den Spielern.

Als auch Jörg wenig später wieder an den Umkleiden ankam, standen Lars und der andere Jörg - der fiese mit dem Herz am rechten Fleck - auf dem Parkplatz vor dem Eingang zum Klubheim. Beide grinsten zu ihm rüber. Lars machte das Siegeszeichen.

Jörg setzte sich ungeduscht in Trainingsklamotten auf sein Fahrrad und fuhr nach Hause. Mit denen war er fertig.

   

 

       

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last update: 24/05/02