Patricio schreibt: (27.03.2006)

In Hoffenheim entsteht ein Profiverein

In Hoffenheim, in der Nähe von Heidelberg wird ein neuer Verein unter dem Namen FCH Heidelberg 06 aus dem Boden gestampft. Vielleicht nicht ganz so gräßlich wie Spaghetti aus der Dose aber ähnlich unnötig. Und exakt so künstlich.

Heute gibt es dort eine Regionalligamannschaft mit Profierfahrung, einen alten Trainerfuchs und ein klares Ziel: den schnellstmöglichen Aufstieg in die erste Liga.
In Heidelberg entsteht bald ein nagelneues Stadion mit 30.000 Sitzplätzen und idealer Infrastruktur (von der Autobahn zum Parken, zum Fußball sehen und nebenbei Fastfood von McDoof und wieder zurück auf die Autobahn in weniger als 120 Minuten). Fußball aus der Retorte, am Zeichenbrett geplant.

Wie die Menschen der Region rund um Mannheim das Projekt aufnehmen werden, ist ungewiß. Zeigen doch die Beispiele von Leverkusen und Wolfsburg, dass es ohne gewachsene Strukturen eigentlich nicht geht. In Leverkusen, wo man immerhin schon seit 1979 erstklassig kickt, spricht man nach wie vor vom Pillenclub, der FC vom Nachbarn Köln ist bei den Fans (trotz der zeitweiligen Aufenthalten in Liga 2 und diverser Derbypleiten) ganz klar die Nummer 1 am Rhein und der Rest der Liga gönnte vor Jahren den sonst verhassten Bayern den Titel mehr als den besagten Pillen.

Betroffen scheinen mir im Fall Hoffenheim in erster Linie die Badischen Traditionsvereine Waldhof Mannheim und der Karlsruher SC. Beide sind finanziell nicht gerade auf Rosen gebettet und bekommen mit Hoffenheim eine sportliche Konkurrenz, die übermächtig scheint.
Bedanken wird man sich wahrscheinlich auch in Augsburg, Koblenz oder Darmstadt. Dort wird nämlich seit Jahren emsig am Aufstieg in die 2. Liga gebastelt, doch deren (gute) Amateurarbeit wird durch den massiven Vorstoß der Hoffenheimer stark gebremst.

Was für eine Rolle spielt D. Hopp, Mitbegründer der weltweit erfolgreichen SAP dabei? Er ist die entscheidende Person in diesem Spiel, er finanziert die Mannschaft, und das Stadion komplett aus seinem privaten Vermögen. Der neue Verein (pardon, nur die Profimannschaft) wird zu 100% ihm gehören. Er sonnt sich mit Vorliebe im Glanze edler Sportveranstaltungen. Er läßt Tiger Woods auf seinem Golfplatz spielen, baut den Mannheimer Adlern eine perfekte Eissporthalle, puscht ein Handballteam aus dem 1.000-Seelen Dörfchen Östringen in die deutsche Handballelite. Und jetzt also Fußball.

Der Versuch, den Traditionsverein Waldhof aus Mannheim zu fördern mißlang, da wollte man seine Ideen und vor allem seine übermächtige Präsenz nicht dulden. Obwohl Mannheim über ein relativ neues Stadion verfügt, obwohl dort schon seit 100 Jahren Fußball gespielt wird, obwohl die Stadt Legenden wie Sepp Herberger hervor gebracht hat, orientiert sich Hopp nach Heidelberg, kaum 20 Kilometer vom Waldhof entfernt. Dort wird zwar eher Tennis, Rugby oder Basketball oder (ganz studentisch) gar nichts gespielt aber das interessiert ihn nicht. Denn genau dort, wo es keinerlei Grundlagen für einen starken Fußballverein gibt, ist auch mit dem geringsten Widerstand zu rechnen. Genau dort kann Hopp aller Voraussicht nach genau das durchsetzen was er will, und nichts anderes.

Gut, dass sich einer seine Träume verwirklicht ist ja in Ordnung, schön dass sich das der eine oder andere leisten kann.

Dennoch wird diese Strategie bei den meisten Fans (zumindest bei mir) auf starke Ablehnung stoßen, denn diese Strategie ist grundsätzlich falsch. Fußball ist keins der schicken Lightprodukte, das man - leicht bekömmlich - nebenbei konsumiert. So wie seichte Musik bei einem schicken Dinner nebenbei läuft, funktioniert das mit dem Fußball eben nicht.
Zum Fußball gehört vor allem eine unkündbare Verbindung, eine (zeitweise schmerzhafte) Treue die einem quasi als Kind aufgebürdet wird, die man unter keinen Umständen los wird oder auch nie los werden will. Sind wir mal ehrlich, sonst hält man das doch keine zwei Spiele aus ...
Die Fans von Nürnberg, Schalke, dem HSV, Kaiserslautern oder 60 und vielen anderen Clubs dieses Landes werden mich verstehen. Es gehört definitiv mehr dazu als nur ein, zwei mal im Jahr ins Stadion zu gehen und über einen brillant herausgespielten 3:0 Sieg zu jubeln. Genau das passiert nämlich verdammt selten! Die Realität ist eher so, dass man sich über knappes 1:0 freut, auch wenn der Siegtreffer mehr oder weniger zufällig gefallen ist. Und weil man sich doch in der Summe deutlich öfter ärgert als sich freut und häufiger flucht als jubelt, ist es schon von Vorteil, zu diesem Verein zu gehören, und zwar auf Teufel komm raus!

Es kommt, wie es kommen muss: Es entsteht ein neues, schmuckes Stadion mit Null-Stimmung-Garantie, dort wird eine Mannschaft spielen mit Null-Bindung zur Region, dafür mit 100-Prozent-Söldnermentlität. Null-Tradition dafür 100-Prozent-Schönwetter-Fans, die genauso gerne Formel-1 oder American Football sehen und Null-interessiert sind aber 100-Prozent einmal dabei gewesen sein wollen. Und das alles weil einer allein 100-Prozent der Kohle hinblättert!
Das sollte mich eigentlich Null aufregen, wenn es dabei nicht um Fußball ginge...

Schöne Grüße
Patricio