Trautes Heim - Glück allein, 29.8.2006

Wer wie ich ständig und überall unterwegs, selten zu Hause, dafür aber um so häufiger im Ausland ist, wird das Gefühl der Rückkehr in heimische, über die Jahre liebgewonnene und vertraute Gefilde kennen.
Das bekannte Flair der Heimatstadt, das Wiedersehen alter Weggefährten, der stets gefüllte Kühlschrank der Eltern; kurz, all das, was man als lieb und teuer beschreiben würde, was man lange hat entbehren müssen und nun für einen kurzen Moment still genießen möchte.
Das Gefühl von Sicherheit – und die Gewissheit, dass, was auch passieren, wo es einen hin verschlagen möge, es immer wieder einen fast unveränderten Ort gibt, der Halt und Geborgenheit gibt. Schöne Heimat.

Zur vollkommenen Harmonie fehlt dann nur noch der mit Spannung erwartete erste Stadionbesuch. Was wäre die Heimat ohne Fußball? Nach einem halben Jahr FK Riga, elf Punkten und elf Toren aus 19 Spielen schreit auch das entwöhnteste Fußballherz nach dem lang vermissten Lieblingsclub.
Fast ein Jahr war vergangen, seitdem ich ein Spiel von Sachsen Leipzig besucht hatte. Ach, Du wunderschöne BSG, wie lange habe ich Dich vermissen müssen?

Da traf es sich gut, dass Leipzig gleich am ersten Wochenende nach meiner Rückkehr ein Heimspiel zu bestreiten hatte. Gegner war, man halte sich bitte fest, die Feierabendmannschaft des VfB Auerbach. Der Hammer schlechthin, ein garantiert heißer Tanz und mindestens ein Grund mehr, um ins Zentralstadion zu gehen.

Was für das sentimentale Thema „Häusliche Wärme“ gilt, trifft ebenso auf den guten Geschmack Deutschen Bieres, auf die politische Situation in Israel oder auch auf die Perspektisven im Leipziger Fußball zu: Es gibt Dinge im Leben, die ändern sich nicht.

Chemie war vor der Saison, diesen Satz schreibe ich mittlerweile im vierten Jahr, mit großen Ambitionen gestartet. Der Verein ist endgültig zur Marionette von Stadionteilhaber und Kinowelt-Chef Dr. Kölmel geworden, verfügt über einen von ihm eingesetzten Marketingchef, bekommt in der Oberliga trotz fehlenden Hauptsponsors einen 2,3 Millionen-Etat und zu guter letzt Eduard Geyer als Sportdirektor spendiert.
Dieser kauft groß ein und holt mit Ivanovic (Duisburg), Racanel (Ahlen), Rozgonyi, (Saarbrücken, davor Cottbus und Schalke) namhafte Neuzugänge, die den ohnehin gut besetzten Kader verstärken und endlich den Aufsteig in die Regionalliga realisieren sollen.

Alles weitere ist schnell erzählt. Der bisherige Cheftrainer Leitzke fühlt sich übergangen, äußert sich ungeschickt gegenüber der Presse und möchte Eduard Geyer weder bei der Mannschaftsbesprechung, noch auf dem Trainigsplatz sehen, geschweigedenn auf der Bank neben sich sitzen haben.
Eduard Geyer ist jedoch kein Mann für den Schreibtisch sondern einer der besten deutschen Trainer, der so ziemlich alles hat, was man an Erfahrung, Kompetenz, Erfolg und Autorität so haben kann; keiner, der sich von einem Viertligatrainer auch nur ansatzweise etwas vorschreiben lässt. Fruchbarer Boden für eine gute Zusammenarbeit also.

Die Saison beginnt so, wie die alte aufgehört hat. Grauenhafte Gurkenspiele aber immerhin zwei 2:1 - Siege in Halberstadt und gegen die Reserve von Rot-Weiß Erfurt. Bereits am dritten Spieltag jedoch eine Niederlage beim ZFC Meuselwitz und aufflammende Diskussionen um Leitzke. Geyer, der während des Spielt im Gegensatz zu Leitzke mitschreibt, redet Tacheles, Spieler werden öffentlich kritisiert, Besserung gelobt, Leitzke jedoch nicht angetastet.

Beste Vorraussetzungen also um im Heimspiel gegen Auerbach versäumtes nachzuholen und die Jagd auf Spitzenreiter Chemnitz zu eröffnen.
Vor dem Spiel stelle ich fest, dass der im Fanshop angebotene Zollstock ein tolles Geschenk für einen Freund wäre, der am Abend Geburtstag feiert. Gesagt getan – ein Zollstock von Chemie Leipzig kommt überall gut an. Aber das nur nebenbei.

Das Spiel selbst ist das mieseste was mich je für einen Eintrittspreis von 7,50 Euro gesehen habe. Nach furiosen ersten 15 Minuten geht in Leipzig die Angst um, werden Fehlpässe aneinandergereiht, wird kein Angriff mehr über die Außen vorgetragen, ist die Leistung Chemies schlicht und ergreifend erbärmlich.
Es sind weder Taktik noch Wille zu erkennen, bis auf Ausnahmen steht eine leblose Mannschaft auf dem Platz. Leitzke mixt gegen einen Gegner, der praktisch ohne Sturm aufläuft, das komplette Team schier wahllos durch, spielt mit zwei Defensiven vor der Abwehr, dem Linksaußen Racanel in der Mitte und einem Manndecker auf Rechts. Eine taktische Bankrotterklärung, ein Ausdruck absoluter Hilflosigkeit und ein Zeichen, dass mal wieder ist, was eigentlich nicht sein kann.

Nach 90 Minuten fährt der Tabellenletzte mit einem 0:0 nach Hause, tapfer erkämpft gegen einen Haufen sogenannter Profis, der von den 3000 anwesenden, lange geduldigen Zuschauern verdientermaßen ausgepfiffen wird.

Das Duo Geyer – Leitzke wird sich erklären müssen. Wieviel Geld soll man noch in einen Oberligisten hineinstecken, damit dieser nach vier Spielen keine fünf Punkte Rückstand zur Spitze hat? Welche Spieler muss man holen, damit Elf Freizeitspieler in einem Heimspiel besiegt werden können?
Wieso habe ich einen Dilletanten und Amateur wie Leitzke in der Verantwortung wenn auf der Gehaltsliste Mann, ein Idol, die Instanz in Sachen Fußball Eduard Geyer steht?

A pros pros Geyer: Dieser würzte das wie üblich mit ihm geführte Interview nach dem Spiel mit bitterer Ironie und begab sich umgehend auf Spieler-Suche.
Frei nach dem Motto: „Was nicht mit Gewalt geht, geht mit noch mehr Gewalt“ sollen angeblich Tsumo-Madza (ehemals Frankfurt, Ahlen) und Rolf Christel Guie-Mien verpflichtet werden.

Irgendwie muss selbst ein Verein wie Leipzig aufsteigen – und bei solchen Namen wird immerhin träumen erlaubt sein.
Bei unserer Unfähigkeit jedoch scheint der Rückzug des irgendwann entnervten Kölmels und die damit verbundene sofortige Insolvens wahrscheinlicher als ein durch ihn erkaufter Aufstieg.
Bald wird es sicherlich wieder Ortsderbys geben sagen die Pessimisten – Optimisten fügen hinzu, dass man bis dahin vielleicht sogar einen Trikotsponsor gefunden haben wird.

Gute alte Heimat – vertrautes Heim, liebgewonnene, unveränderter Quell des Glückes – wie wäre es, wenn Du wenigstes hier ein wenig Platz für etwas neues, etwas anderes als das bisher bekannte hättest?

Ratlose Grüße von Chemie, FC Chelsea der Oberliga NOFV-Süd und sportlichem Würdenträger der Stadt Leipzig.