“Wenn meine Tante einen Bippel hätte, wär’ sie mein Onkel.”  27.2 2007

Verschobener Rückrundenstart, Qualen am Internetradio, Josef in Bestform und Tormonster Reimann in Aktion…

… kurz gesagt; es gab nichts, was es am 17. Spieltag der Oberliga NOFV-Süd nicht gegeben hätte – ein würdiger Start aus der Winterpause, die bereits viele Anhänger zu überleben drohte.

Winterpause – eine wohl mittlerweile überholte Bezeichnung für die schlimmste Zeit des Jahres. Und gleichzeitig der Beweis dafür, dass ein absolutes Grottenspiel besser ist als gar keines – andererseits ließe es sich kaum erklären, warum man sich nach spätestens drei Wochen sehnlichst zurückwünscht, was man vorher als unfähigen Haufen überbezahlter Söldner oder bodenlose Frechheit abgetan hat.

Am schlimmsten wird es dann, wenn man eh nur noch auf Sommer wartet; die Saison ist schließlich nicht erst einmal abgehakt worden.
Was reicht sind ein paar warme Worte, ein staunender Blick auf Mainz 05 und zwei neue Spieler, um eine völlig verkorkste Hinserie plötzlich als “Warmlaufen” für die Rückserie zu interpretieren.

So weit so gut: Als ersten Spiel im Neuen Jahr war der Pokal-Kracher gegen Auerbach vorgesehen – der nach einem kleinen Zwischenfall beim Lokalrivalen aber erst einmal abgesetzt wurde.
Während uns deutschlandweite Schlagzeilen in der Regel vorenthalten bleiben, schafft es der Familienverein aus Leipzig-Probstheida immer wieder, Gegenstand dieser zu werden.

An Kreativität mangelts scheinbar auch nicht, man muss sich halt nur geschickt genug anstellen.
Seitdem der Lothar in Salzburg ist, und Freundschaftsspiele gegen Hertha seltener werden, formiert man eben ein Hakenkreuz in der Fankurve oder liefert sich eine kleine Straßenschlacht mit der Polizei.
Ich will keinesfalls behaupten, dass Leutzsch vor ähnlichen Vorfällen gereit ist – ein Spiel gegen Dynamo kann immer zu einer Massenveranstaltung für Hooligans werden, - aber es ist schon bedrohlich, wie stark Lok negativ unterwandert ist.
Auch wenn der Verein nicht alle Schuld auf sich vereint würde es vielleicht helfen, wenn man Fan-Pullover mit der Aufschrift “Böhse Lokfanz” aus dem Sortiment nimmt und jene mit dem Slogan “Reichsmessestadt” verbietet.
Einmal angefangen, kann man vielleicht auch das Stadion von rechter Symbolik säubern, ein paar Stadionverbote aussprechen und die als Hooligans bekannten Schläger in Ordnerklamotte rausschmeissen – auch wenn man dadurch der Fanblock auf die Hälfte reduzieren würde.

Da die Anhänger Chemies nicht gewillt waren, noch eine weitere Woche auf hochklassigen Fussball zu verzichten, musste eine Alternative organisiert werden. Gesagt, getan; und innerhalb weniger Tage wurde ein Spiel mit Anhägern aus Auerbach vereinbart, welches an Stelle des Pokalmatches stattfand.
Am Ende musste man Lok fast dankbar sein, denn ohne Absage währe es wohl kaum zu einer solchen Veranstaltug gekommen.
Die Fanauswahl aus Leutzsch gewinnt vor 350 Zuschauern 3:2 und setzt das erste Ausrufezeichen im Jahr 2007. Hoffentlich hat die erste Mannschaft auch gut hingeschaut – eine Woche später ging es dann ja auch für die Herren Profis los.

Und wie es los ging! Bereits nach einer Viertelstunde liegt Chemie 0:1 hinten. Ich muss nicht erwähnen, dass wir gegen den Tabellenletzten gespielt haben, ich frage mich nur, was ich so lange vermisst habe. In Momenten wie diesen verflucht man die eigene Vorfreude und wünscht sich lieber 100 weitere Jahre Winterpause.
Was bleibt ist eine Angstzigarette und Zittern vor dem Internetradio – man ist es mittlerweile ja nicht mehr anders gewöhnt.

Wegbereiter zum 0:1 war natürlich ein Fehler, wie er dümmer nicht hätte sein koennen: Twardzik fängt eine Flanke ab und will den Ball abschlagen. Vorher allerdings muss das obligatorische Aufdaudzen erfolgen – nicht unfallfrei wie sich zeigen wird.
Anstatt abzuspringen bleibt der Ball einfach auf dem Boden liegen – und wird vom nichts ahnenden Torhüter ein zweites Mal aufgenommen.
Richtigerweise entscheidet der Unparteiische auf “unerlaubtes Handspiel” und damit Freistoß im Strafraum. Ich spare mir den Rest – die Ausrede Twardziks, der ja nicht wissen konnte, dass der Ball nicht abspringt, wurde indes von Trainer Geyer folgendermassen komentiert: “Wenn meine Tante einen Bippel hätte wär’ sie mein Onkel.” – dem ist wohl nichts hinzuzufügen.

Gut, dass wir in der Winterpause mit Virag und Reimann groß eingekauft haben. Eben jener Reimann markiert in der 35. Minute das 1:1 und legt in der 55. noch eins drauf.
Damit hat er in einel Spiel doppelt so oft getroffen wie Josef Ivanovic in der ganzen Saison. Möchte echt mal wissen, ob es wirklich der selbe Ivanovic ist, der vor kurzem noch als eiskalter Knipser in der Zweiten Liga gefürchtet war.
Unser Jupp jedenfalls steht völlig neben sich, und zu allem Überfluss ständig im Abseits – ebensooft wie der dicke Brasilianer, nur eben drei Ligen tiefer.

Was soll’s. Geyer wird ihn später gegen den 20-jährigen Lee Gandaa austauschen und das Team den Vorsprung über die Zeit retten.
Immerhin hat sich der Rückstand auf den neuen Tabellenführer Eilenburg auf vernachlässigbare acht Zähler verringert. Später, als die BILD-Zeitung von der “irren Reimann-Show” berichtet hat man das Gefühl, Joggi Löw würde spätestens morgen anrufen. Und was Sachsen Leipzig betrifft, wir sind doch schon längst aufgestiegen.

Spätestens nach dem nächsten Unentschieden sind wir wieder tot und das Team zum Scheitern verdammt – manchmal wünscht man sich doch ein bisschen Beschauligkeit – und sehnt sich nach einer Medienlandschaft italienischen Vorbilds.

Ich für meinen Teil übe mich vorsichtshalber noch etwas in Zurückhaltung, schließlich ist das nächste Spiel immer das schwerste. Und das gegen Angstgegner Meuselwitz wird ein besonders schweres.

In diesem Sinne: Grüsse von Chemie – nicht nur in Sachen Fankultur Nummer 1 in Leipzig.

Julius