Aufschwung in Leipzig, 22.10.2006


„Wer hat denn diese fucking Aufstellung gemacht?“ So und nicht anders lautete im gestrigen Heimspiel der Begrüßungskommentar des Stadionsprechers, der sein Mikro wohl etwas voreilig angeschaltet hatte.
Ede Geyer wird sich wohl zuerst im falschen Film gewähnt, später mit Sicherheit innerlich gekocht haben. Seine Meinung und besonders Aufstellung ist schließlich nichts geringeres als Religion, und der Stadionsprecher höchswahrscheinlich seinen Job los...

Nur eine von vielen Anekdoten, die sich im Laufe einer Saison so ansammeln. Fußball gespielt wurde nebenbei auch. Tabellenachter gegen Tabellendritten, oder anders formuliert: Ligakrösus Leipzig gegen die graue Maus aus Eilenburg.

Wie man sich doch täuschen kann. Leipzig und seine Startruppe haben seit drei Spielen kein Tor mehr geschossen, rangieren mit zwölf Punkten aus acht Spielen glanzlos im Niemandsland, während Nachbarkaff Eilenburg mit 15 Punkten oben an der Spitze schnuppert.

Nach dem 0:0 im Auswärtsspiel bei Dresden-Nord hatte man eindeutig den allertiefsten aller Tiefpunkte erreicht. Das, was 400 mitgereisten Fans in 90 Minuten angeboten wurde, spottete jeder Beschreibung. Ganze zwei Torschüsse, dafür aber geschätzte 537 Fehlpässe und mindestens fünfzig Abseitsstellungen gab es von der teuersten Oberligamannschaft aller Zeiten zu bewundern.
Nicht ganz das, was man sich vorgestellt hatte – aber kein Thema, wo doch gegen Eilenburg alles besser werden sollte.

Das Spiel selbst kann als abwechslungsreich, teilweise fast spannend beschrieben werden. Nach zwei Aluminiumtreffern unsererseits geht der Gast mit 1:0 in Führung. Leipzig gleicht zwar aus, muss aber in der 85. Minute nach einem Konter das 1:2 hinnehmen. Daraufhin scheint der Ofen aus, Chemie aber kämpft wie ein Löwe und erzielt doch noch das nicht mehr für möglich gehaltene, absolut hochverdiente 2:2. Ein gutes Spiel endet in einer gerechten Punkteteilung, die über Leutzsch die Sonne strahlen lässt.

Nur einige Unbelehrbare suchten das berühmte Haar in der Suppe. Kritisieren kann jeder, bitte, macht es doch besser.
Mal ehrlich Kollegen, was habt Ihr denn erwartet? Dass der Dritte mal einfach so aus dem Stadion geschossen wird? Immerhin haben wir zwei Tore geschossen, nach zweimaligem Rückstand eine Riesen-Moral bewiesen und uns den Punkt leidenschaftlich erkämpft.
Dass Bundesligaspieler Racanel für einen A-Jugendspieler weichen muss und gar nicht zum Einsatz kommt, ist einzig und allein Beweis einer fantastischen Jugendförderung, für die wir bundesweit berühmt sind, und die Mannschaft wächst trotz aller Unkenrufe schrittweise und für jedermann sichtbar zu einer Einheit zusammen.
Star-Stürmer Ivanovic höchstpersönlich war es schließlich, der 30 Meter vor dem Tor den Sonntagsschuß von Talent Lee-Gandaa auflegte, und Giue-Mien war auch irgendwie mit einem Querpass am zweiten Tor beteiligt.
Mit Gegentoren muss man gegen Eilenburg sowieso immer rechnen. Aber hey, das erste Tor schießen die so auch nie wieder, und dem zweiten ist ganz klar ein Regelverstoß an der gegenüberliegenden Eckfahne vorausgegangen. Kein Grund zur Panik also – auch weil die Konkurrenz schwächelt, und der Abstand zur Spitze lächerliche sechs Punkte beträgt.

Wenn das kein Startschuss war, dann weiß ich auch nicht. Zwei Tore geschossen, so viel wie seit Ewigkeiten nicht mehr. Jetzt geht es los... und die Liga zittert schon... wenn’s denn so wäre...
Nur mit einem ganz dicken Fell und einer ganz großen Portion Sarkasmus lässt sich das, was eigentlich an diesem Sonntag passierte einigermaßen optimistisch wiedergeben.

Immerhin ein Punkt, so das eigentliche Fazit eines Spieles, das uns endgültig zum Gespött der Liga degradiert. Die Konkurrenz rutscht aus und was macht Chemie? Spielt unentschieden gegen den Dresden-Nord und schafft es in einem Spiel gegen Eilenburg nicht, drei Punkte im eigenem Stadion zu behalten.
Die Leistungen der Neueinkäufe sind grottenschlecht, teilweise unterirdisch. Ivanovic steht völlig neben sich, Giue-Mien ist nur ein Schatten seiner selbst. Racanel spielt gar nicht erst mit. Tore werden wenn überhaupt von Talenten aus der zweiten Mannschaft erzielt, Leute, die das zehnfache verdienen sind hingegen überfordert und ein Abbild völliger Hilflosigkeit.
Die Gegentore fallen jeweils aus Kontern, bei denen die komplette Hintermannschaft irgendwo auf dem Feld verteilt, jedoch meilenweit entfernt von ihren Gegenspielern steht. Das erste Tor nach drei Spielen ist Resultat eines Verzweiflungsschusses, der sich hinter dem Torwart ins Netz senkt, das zweite ein Kopfball, der normalerweise gehalten wird.

Die Mannschaft mit Coach Geyer vorneweg wirkt ratlos, und harmoniert in keinster Weise. Das Team hat eine Entwicklung genommen, die das Ergebnis eines viel zu großen Gehaltsgefüges ist. Lange kann es eben nicht gut gehen, wenn die Unterschichtendebatte auch innerhalb der eigenen Elf geführt werden kann und Ivanovic für Abseitsstehen monatlich fast mehr bekommt, als Torschütze Lee-Gandaa im Jahr verdienen kann.

Wenn es überhaupt etwas positives gibt, dann sind das die erwähnten sechs Punkte nach oben. Nächsten Sonntag ist spielfrei, weil man in Cottbus erst jetzt gemerkt zu haben scheint, dass die erste Mannschaft am Samstag ja gegen Hertha ein Heimspiel hat.

Zwei Wochen. Zwei Wochen Zeit um endlich etwas zu ändern. Zu geschätzten 29 reinigenden Gewittern könnten sich langsam auch mal ein paar Fortschritte gesellen. Ansonsten wird es ganz düster in Leutzsch – wer weiß, wie lange Dr. Kölmel Millionensponsor eines biederen Oberligisten bleiben möchte.

Grün-weiße, sprachlose Grüße von Chemie, Aushängeschild und Stolz der Sportstadt Leipzig.