Gruß aus dem Osten von Julius, 16.04.2006

„Cool Cats”, freier Eintritt und Bier im Spielertunnel
- Fußball als Randsportart -

Irgendetwas hat gefehlt. Schrecklich gefehlt. Irgendetwas ist oder fehlt eigentlich immer, aber im hier beschriebenem Fall mag auch dies kaum Trost spenden. Dieses Mal war es nicht der Ausgleich fünf Minuten vor Schluß oder die abermalige Fortsetzung der Pechsträhne eines Dauerveletzten.
Dieses Mal waren es auch nicht die mal wieder zahlreich vergebenen Torchancen oder die wiederkehrernde Unfähigkeit der eigenen Abwehr irgendwann vielleicht doch mal unter zwei Gegentoren zu bleiben, nicht die unnötige Gelb-rote Karte fürs Ballwegschlagen inklusive Meckern während der gegnerischen Drangphase in der Schlußviertelstunde, nicht der Fauxpas des Torhüters, der den sicheren Sieg kostete; dieses Mal war gar nichts von alldem.

Geht eigentlich gar nicht, möchte man meinen, und geht eben auch nur, wenn gar nichts geht. Während in Deutschland Wolfsburg drauf und dran ist mit seinem überfälligen Abstieg die Liga zu bereichern, Energie Cottbus mit einer ihresgleichen suchenden Hungertruppe am Oberhaus anklopft, der Existenskampf der Zweiten Liga alles was es im Normalfall an Spannung geben kann in den Schatten stellt, und Chemie Leipzig nach wie vor auf Kuhdörfern gegen dort ansäßige Hobbymanschaften verliert, ruht in Lettland der Ball.


Winterpause. Pause von Herbst bis Frühling, und eine Zeit, die trotz Internets, Chamionsleague-Spielen im Irish-Pub und Sportwetten überaus schwer zu ertragen ist. Was gibt der schönste internationale Fußballabend vor der Glotze, was nützt die beste Berichterstattung aus Deutschland, ja, wer interessiert sich schon für den Abstiegskampf in der italienischen Serie B wenn man den Samstag dann doch wieder mit fußballfremden Aktivitäten, allenfalls vor dem Liveticker sitzend, verbringt?

Wie dem auch sein mag - die scheinbar ewig währende Unterbrechung fand vergangene Woche dann glücklicherweise ihr apruptes Ende und das auf Tiefkühltemperatur schlagende Fußballherz wurde langsam aber spürbar wärmer.

In bereits seit Januar andauernden, endlosen Gespächen wurde man schon darauf vorbereitet, dass der 8. April als den Status eines Heiligen genießendes Datum auf keinen Fall zu verplanen sei. Der achte April war der Saisonauftakt in Lettland und gleichzeitig auch erster Heimspieltermin des FK Riga. FK Riga? Ja, nicht unbedingt eine Mannschaft, die sich über europaweite Bekanntheit erfreuen kann. Ein Team, dass Mittelmaß in der Oberliga – der höchsten Spielklasse Lettlands – verkörpert, das im letzten Jahr Platz fünf in einer aus acht Mannschaften bestehenden Liga belegte, und das am letzten Spieltag mit einem Unentschieden gegen den Vorletzten noch die sicher geglaubte Teilnahme am UI-Cup verspielte.

Eine Liga aus acht Mannschaften die in einer Doppelrunde, macht insgesamt 28 Spieltage, gegeneinander antreten; Eine Liga, die vor zwei Jahren noch so unausgeglichen war, dass der Tabellenletzte Auda Riga nach eben jenen 28 Spielen auf sage und schreibe einen Punkt kam, und eine Liga, die in der letzten Saison zum ersten Mal überhaupt nicht von Skonto Riga gewonnen wurde. Der neue Champion kommt aus Liepaja und ist im großen und ganzen jenes grandiose Team, dass im UEFA-Cup vor zwei Jahren fast den FC Schalke herausgeworfen hätte – fast eben - zwei deutliche 1:5 und 0:4 Niederlagen reichten dann doch nicht zum Weiterkommen und dürften die zu erwartende Stärke der Liga deutlich unterstreichen.

Aber auch Lettland entwickelt sich. Drei Wochen vor Saisonbegin schließt die Liga einen Vertrag mit dem Telefongiganten LMT (Latvijas mobilais telefons) ab, der nunmehr als Hauptsponsor fungiert. Zusätzlich wird pro Spieltag ein Spiel live im frei empfangbaren Fernsehen zu verfolgen sein, was sich langfristig auch positiv auf das öffentliche Interesse auswirken wird. Als angenehmer Nebeneffekt sind sicherlich auch die finanziellen Mittel zu bezeichnen, die aus neuen Quellen in die Kassen der Klubs fließen.

Eine letzte Einstimmung bringt die Radio SWH Saisonprognose, die als Mittelpunkt der wöchentlichen Sportsendung von einer Expertenrunde getätigt wird. Man ist sich nicht ganz sicher, sagt einen Titelkampf zwischen dem FK Ventspils, Serienmeister Skonto Riga und Liepaja voraus, was nicht unbedingt überraschend ist. Um Platz vier kämpfen dann wohl der FK Jurmala, Daugavpils; vielleicht auch der Aufsteiger Daugavpils Ditton. In die erste Liga absteigen wird der andere Aufsteiger aus Rezekne, während man dem FK Riga immerhin Chancen auf Platz sieben einräumt. Dann geht man wenigstens nicht automatisch runter, sondern kann sich durch Relegationsspiele mit dem Zweiten der ersten Liga den Klassenerhalt in der Oberliga sichern. Die Exoten der diesjährigen LMT-Oberliga sind die „Hochadler” aus Rezekne (für Genießer: disvanagi Rezekne – Dieschwanagi Resäkne). Man stelle sich hiermit bitte eine Mannschaft vor, die nicht mal einen Trainingsplatz hat, einige ihrer Heimspiele beim Gegner absolviert, und selbst regulär in einer anderen Stadt spielt. Alle Vorbereitungsspiele wurden hoch verloren, keiner glaubt ernsthaft an Chancen auf Platz sieben.
Unter solchen Vorraussetzungen fühlt man sich ja regelrecht geehrt, wenn man auf den vorletzten Platz getippt wird. Die Ultras, eine Gruppe aus etwa 20 Mann, hingegen winken ab. Platz vier ist drin, wäre ja noch schöner.

Am achten April ist es dann so weit, Riga empfängt den diesjährigen UEFA-Cup Teilnehmer aus Ventspils. Wechselhaftes Frühlingswetter, Anpfiff 14 Uhr. Pünktlich um 13.45 Uhr mache ich mich von zu Hause auf den Weg zum Stadion. A propos Stadion. Zwei Tribünen, die vielleicht 4000 Zuschauern Platz bieten, säumen den Platz entlang der langen Enden ein. Die kurzen Enden sind gänzlich frei, und auch die Laufbahn darf natürlich nicht fehlen. Um in die Kneipe zu gelangen muss man den Spielertunnel passieren. Der Eingang befindet sich dann neben der Schiri-Kabine – mit dem Bier in der Hand läuft man quasi an den Spielerduschen vorbei - alles ein bißchen kleiner eben.
Die offizielle Zuschauerzahl bewegt sich um die 1000, insgesamt sind auch etwa 70 Fans Gegners im Stadion. Eintritt ist selbstverständlich frei. Man will die wenigen Unentwegten nicht auch noch mit ungezogenen finanziellen Forderungen verängstigen.

Die Stimmung im Stadion ist gleich null. Ich glaube sogar, mehrmals das Husten des Linienrichters auf der Gegenseite deutlich vernommen zu haben. Nur ab und zu bemüht sich der Rigar Fanclub „cool cats” – womit eigentlich auch alles gesagt wäre – so etwas wie eine Geräuschkulisse aufzubauen. Auch die gegnerischen Fans sind nicht gerade ohrenbetäubend laut; nur als Ventspils 1:0 in Führung geht, regt sich etwas . Zum Beifall gesellt sich auch ein gelungener Einsatz von Pyrotechnik, der das gesamte Spielfeld in Nebel taucht. Das Spiel selbst ist weit besser als ich zu träumen gewagt hätte. Anstelle des erwarteten Krampfes, höchstens einem Spiel Köln II gegen Oberhausen oder Chemnitz entsprechend, bekomme ich eine technisch ansehnliche Partie auf gutem Regionalliganiveau zu sehen. Die Kombinationen beider Teams laufen überraschend flüssig, auffallend ist aber, dass Körpereinsatz kleiner als in Deutschland oder England geschrieben wird.

Riga hat fünf U21-Spieler im Kader und insgesamt eine sehr junge Mannschaft. Ventspils läuft mit einem kamerunischen Auswahlspieler auf und könnte meiner Meinung nach vielleicht sogar Zweite Bundesliga, mindestens gehobene Regionalliga Nord spielen. Die 90 Minuten sind schnell erzählt. Ventspils geht früh in Führung, macht fast das 2:0 und legt dann die beide Beine hoch. Riga drückt, läuft sich aber immer wieder fest. Am Ende verliert man unverdient 0:1, ist aber aufgrund des optimistisch stimmenden Ergebnisses dennoch nicht unzufrieden.

Nächste Woche bestätigt sich das gesehene bei einem Besuch des Spiels Liepaja-Jurmala. Einige Ultras des FK Riga sind zwar ein wenig sauer, weil ich sie nicht nach Daugavpils begleite und die nun zu dritt (!) fahren müssen, aber da hätte man auch mal eher Bescheid sagen können. Einmal in Liepaja ist natürlich auch ein Stadionbesuch Pflicht.
In das modernste Stadion Lettlands passen 5000 Zuschauer, heute sind es 3000. Etwas neues widerfährt mir dann an der Stadionkasse. Eintritt. Unverschämte drei Euro, aber gut, es spielt ja auch der Lettische Meister.

Die Stimmung ist zwar wie erwartet nicht gut, könnte aber einen Vergleich mit Hachinger Verhältnissen durchaus wagen. Immerhin 150 Zuschauer, die auch mal akkustisch auf sich aufmerksam machen und ein Stadionsprecher, der - wie auch in Haching – die meiste Stimmung macht.
Das Spiel wieder auf ansehnlichem Niveau. Jurmala geht in Führung, Metalurgs Liepaja tut sich schwer. Nachdem man dann endlich 2:1 führt, bringt ein saudämlicher und auch noch berechtigter Elfmeter den schmeichelhaften Ausgleich der Gäste. Zwei Minuten vor Schluß dann doch noch der Sieg, 3:2; warhrend Riga sein Auswärtsspiel in Daugavpils 0:1 verloren hat.
Jetzt ist man mit null Punkten und 0:2 Toren tatsächlich Vorletzter. Vor Rezekne. Nächste Woche geben die ruhmreichen Hochadler, die ohne Trainigsplatz, ihre Visitenkarte ab, dann geht es im Derby gegen Skonto. Hoffentlich ist man danach noch Siebter.

Insgesamt ein guter Vorgeschmack auf die restliche Saison. In Sachen Qualität überstieg das bisher gezeigte jedenfalls meine Erwartungen. 3000 zahlende (!) Zuschauer wie in Liepaja, obwohl zehnmal kleiner als Riga, sind immerhin in Anfang. Ein Generalsponsor und einheimischer Fußball im TV sind für ein Land, das auf Übertragungsrechte für die WM 2002 verzichtete, und diese erst im Nachhinein während der Weltmeisterschaft erwarb, schon ein gewaltiger Fortschritt.
Natürlich alles nicht mit Deutschland, höchstens mit der Regionalliga Süd, vergleichbar. Aber man redet ja auch nicht von „Fußball als Mittelpunkt der Nation”, sondern Fußball als Randsportart;
- insofern haben freier Eintritt, der Fanclub „cool cats” und zwanzig tapfere Ultras des FK aus der Millionenstadt Riga fast schon wieder etwas sympatisches.