Tollhaus Leipzig, 8.10.2006

Wochenlange Trainerdiskussionen, Fußball zum Abgewöhnen, Derby bei Sicherheitsstufe 1, Aktion gegen Rassismus und Stadionordner in Thor-Steiner Klamotten. Obendrein Platz acht in der Amateur-Oberliga bei einem 2,6 Millionen-Etat... Völliges Chaos?

Nein, lediglich gewohnte Realität in Leipzig Leutzsch.

Leipzig steht bundesweit in den Schlagzeilen, mal wieder. Was Fußballfans in ganz Deutschland für völlig verrückt oder gar unmöglich halten wird in Leipzig auch dieser Tage, wenn überhaupt, nur mit einem gelangweilten Gähnen komentiert.

Dr. Kölmel wollte es im Sommer wissen, hat keinen Bock mehr auf ewig und immer Teilhaber einer Investruine zu sein, will mit seinem Zentralstadion bis zum Ende des Pachtvertrages (ca. 2030) groß Geld verdienen. Um nicht wieder eine Enttäuschung zu landen übernahm unser Geldgeber über Nacht nahezu die komplette Kontrolle über den Verein, installierte Ersatzpräsidenten und Sportdirektor, ließ sich auch bei Neuzugängen nicht lumpen. Schön und gut – wohl dem, der noch Ideale hat.

Was in den Jahren zuvor so gut klappte sollte auch in diesem auf keinen Fall schiefgehen. Vor der Saison plante man vorsorglich schon einmal für die dritte Liga, holte wie erwähnt erst Eduard Geyer und später vier Spieler aus dem Profifußball. Vorläufiger Höhepunkt in Sachen Qualitätserhöhung war die Verpflichtung von Rolf-Christel Giue-Mien.

Ja, Guie.Mien, der selbe Giue-Mien der für Freiburg, Frankfurt und Köln am Ball war. Der steht jetzt gegen Freizeitmannschaften aus Halberstadt und Auerbach auf dem Platz – im Trikot der personifizierten Unfähigkeit Chemie Leipzig.

Resultat Kölmels Bemühungen waren ein Unentschieden und eine Niederlage nach nur vier Spielen und damit höchste Zeit für einen Trainerwechsel. Obwohl Hans Leitzke einen Idolstatus besitzt und gleichzeitig das letzte Fünkchen Chemie im FC Sachsen ist, war eine Trennung überfällig.

Wer in der Vorbereitung an die 35 Spieler einsetzt und bis zum vierten Spieltag keine Stammelf gefunden hat; wer eine Mannschaft trainiert bei der nicht ein Spielzug klappt und keine Ecke für Gefahr sorgt, wem sowohl Autorität als auch Erfahrung fehlen, und wer sich obendrein rhetorisch auf einem Level mit Thomas Cichon oder Kevin Kurany befindet, ist mit einem Team aus Profis einfach überfordert.

Allen offensichtlichen Fakten zum Trotz sahen weder Ede Geyer, noch Präsident und Gemütsmensch Rolf Heller Veranlassung, vor einer dreiwöchigen Spielpause etwas zu ändern. Eigentlich geradezu unverständlich wenn man bedenkt, dass Heller auch schon in Frankfurt Aufseher eines randgefüllten Pulverfasses war.

Drei Wochen Pause – eine zweite Saisonvorbereitung nach vier absolvierten Spieltagen also, und somit drei Wochen, die man als Fußballmannschaft irgendwie auszufüllen hat. Möglichkeiten zum Zeitvertreib gibt es viele:

Jürgen Klinsmann entschied sich einst, innerhalb von drei Wochen eine Mannschaft topfit zu bekommen. Andere üben sich in Standarts, probieren ein paar neue Spielzüge aus oder versuchen die Abschlussschwäche zu bekämpfen.

Leipzig hätte nach einem Punkt aus den vorangegangenen Spielen gegen Meuselwitz und Auerbach allen Grund gehabt, wenigstens einem Beispiel zu folgen, beließ an Stelle dessen aber alles beim Alten und verpflichtete lieber Giue-Mien.
Was danach berechtigterweise als Sensationskauf durch die Medien ging, könnte meiner Meinung nach auch als Verzweiflungstat eines augenscheinlich absolut untauglichen Beraters bezeichnet werden.
Mein Gott, wen will man eigentlich noch holen? Und wie masochistisch müssen die Anhänger eigentlich sein wenn sie sich nach drei Wochen Pause und dem Kader ein 2:1 gegen die Reserve von Jena sowie ein 0:1 in der 92. Minute gegen des Halleschen FC antun?
A pros pros Halle: Das Spiel vor knapp 9000 Zuschauern fand unter höchster Sicherheitsstufe statt. Straßensperren, Polizei wohin man schaut, Verhältnisse wie bei einer Gegendemonstration zu einem Naziaufmarsch.

Normalerweise wird man da von den Ordern bis auf die Unterwäsche ausgezogen – das heißt würde man, würde man denn das Einlaßtor erreichen.

Für die fast ausverkaufte Fankurve, der Rest des Stadions blieb wie immer leer, kalkulierten die Organisatoren mit sage und schreibe vier Drehkreuzen. Wenn man also nach 40 Minuten Wartezeit an der Kasse endlich in Spielfeldnähe kam, konnte man bereits am Horizont die Warteschlangen sehen.
Kein Wunder, wenn jede Karte erst elektronisch gelesen und in 30% der Fälle nicht sofort erkannt wird. Ein zweiter Eingang blieb übrigens verschlossen, auch der Anpfiff wurde nicht verschoben, warum auch mal einen Gedanken an die Fans verschwenden?.
Dilletantischer geht es kaum. Wozu ein Ticketsystem wie bei einer Weltmeisterschaft solange man sich mit den Reserven von Cottbus und Erfurt duelliert?

Das Spiel gegen Halle dann eine einzige Offenbarung. Ein Torschuß in der ersten Halbzeit bei einem Heimspiel kann getrost als schwach bezeichnet werden. Das Verhalten der Gästefans übrigens auch. Während des Spiels, das mit einer Anti-Rassismus-Aktion begonnen hatte, dunkelhäutige Spieler des Gegners mit Affengebrüll zu verhöhnen, könnte den Wiederholungstäter HFC teuer zu stehen kommen. Da hilft auch die Entschuldigung des Halleschen Fanbeauftragten nichts. Wenn ich meine hundert Problemfans kenne kann ich sie auch irgendwann mal festnageln.
Der Schiedsrichter und das Präsidium aus Halle wollen von all dem nichts mitbekommen haben, ganz im Gegensatz zu den am weitesten wegstehenden Anhängern aus Leipzig. Immerhin zeigten wir unser Bekenntnis und forderten „Nazis raus!“

Einigen Ordner im Block dürften sich auch angesprochen gefühlt haben – wie weit muss es sein, dass ich als Ordner bei einem eher linksorientierten Klub in Thor-Steiner-Hose aufkreuze? Von mir aus am 3.10 auf der Demo und dann mit einem Ziegelstein im Gesicht, aber doch nicht bei einer politisch neutralen Veranstaltung.

Zurück zum Spiel. Leipzig verliert in letzter Minute, nachdem man in 90 Minuten zuvor genau zwei Torchancen herausgegurkt hatte, verdient mit 0:1. Rolf Heller will von einer Trainerdiskussion nichts wissen, die Fans hingegen fordern die überfällige Ablösung.

Geyer ziert sich, wollte auf seine alten Tage vor allem ruhig abtreten, auf keinen Fall aber als Oberliga-Trainer sein Comeback geben. Er wird nicht anders können.

Drei Tage später beim Spiel in Chemnitz wissen nicht einmal die Spieler wer auf der Bank sitzen wird. Es ist Leitzke. Geyer dirigiert das Spiel, geht nach der Partie auf die Pressekonferenz und wird am nächsten Tag offiziell als Chefcoach vorgestellt.
In Chemnitz wird vor 5000 Zuschauern an einem Mittwochabend, davon 700 aus Leipzig, genau eine Torchance für die Heimelf registriert. Dass es trozdem unsere beste Saisonleistung war stimmt etwas versöhnlich – für einen Punkt beim Spitzenreiter, dessen Stadionsprecher uns zu recht als Liga-Krösus verhöhnt, hat sich die Fahrt immerhin gelohnt.

Freier Entritt, weil man in Chemnitz die Zahl der Gästefans falsch kalkulierte, keine Karten mehr hatte und das Spiel nicht mehr als 15 Minuten später anpfeiffen wollte, sowie ein tatsächlich gutes, spannendes, wenn auch chancenarmes Oberligaspiel heben merklich die Stimmung.

Es muss einfach aufwärts gehen, es geht gar nicht mehr anders. Ein Eduard Geyer wird sich nicht in der vierten Liga lächerlich machen – Schweißgeruch bis an die Grenzen Leipzigs dürften das Mindeste sein was und jetzt erwartet. Mit etwas Glück kommen auch ein wenig Taktik und vielleicht ab und zu ein gelungener Standart hinzu.

Bei so viel guten Nachrichten darf die letzte natürlich auch nicht unerwähnt bleiben: Angeblich gibt es Kontakte zu einem potentiellen Trikotsponsor, der Geyers Engagement auf der Bank als Bedingung gehabt haben soll.

Dann wäre das auch noch geklärt. Bei uns fängt die Saison eben erst am achten Spieltag an. Wenn es neben einem vernünftigen Trainer noch Geld für die Vereinskasse – eventuell für einen neuen Stürmer gibt, kann es ja losgehen.

So viel „jetzt erst recht“ hat es in Leutzsch lange nicht gegeben. In diesem Sinne: grün-weiße Grüße nach Düsseldorf, Pauli und Lübeck – Chemie steigt wieder auf!