Fernsehteams von RTL, Fanprotest, unglaubliche Anstoßzeiten und fein dosierter sportlicher Erfolg. Eine weitere Woche im grün-weißen Erfolgsmärchen., 8.11.2006

Es hätte alles so schön werden können. Pokalspiel gegen Dynamo und die Weltpresse im Stadion. Wenn die Reserve gegen Dresden spielt, muss ja zwangsläufig das kommen, weswegen RTL, Sat 1 und NTV vor Ort sind. Randale, Platzstürme und Straßenschlachten.

Nur Dynamo höchstpersönlich machte dem ganzen einen Strich durch die Rechnung. Ohne die erhofften Bilder begaben sich sogenannte Journalisten wieder auf die Heimreise. Ein 0:1 in fast familiärer Atmosphäre war dann doch keinen Sonderbericht wert.

Das Spiel unserer Zweiten in der alten Heimat Leipzig-Leutzsch war insgesamt kein Brüller. 3200 Zuschauer sehen zwei Choreographien, etwas Rauch aus dem Leutzscher Block, ein Eckballtor und alles in allem eine ganze Menge Leerlauf. Dynamo ist grottenschlecht und das Landesligateam von Sachsen Leipzig zu unerfahren um das 1:1 zu erzielen. Über eine halbe Stunde zu zehnt tut ihr übriges, bis auf drei vier Standarts kommt nie ernsthaft Gefahr vor dem Dresdner Kasten auf.

Der Höhepunkt findet dagegen nach dem Spiel statt. Wie meisterhaft sogenannte Sicherheitsmaßnahmen bei einem Risikospiel geplant sein können, zeigte der letzte Dienstag:

Der direkter Zugang von Ausgang zur Stadionkneipe blieb aus Sicherheitsgründen gesperrt. An Stelle dessen musste ein Umweg in Kauf genommen werden um nicht am schwarz-gelben Block vorbei zu müssen. Ein Umweg wartete auch auf die Dresdner Fans, die mit dem Auto angereist waren, und aus dem Gästeblock zum Parkplatz mussten.
Zufälligerweise waren beide Umwege identisch, sodass Leipziger, die vom Stadion in die Stadionkneipe wollten, mitten durch den Dresdner Anhang, der zum Parkplatz vor dem Eingang des Alfred Kunze Sportparks wollte, durchmussten.

So kam es, dass ich schon auf halbem Wege einigen Hundert Dynamos begegnete. Am Ende der Schlange warteten dann auch jene Dresdner, die im Sonderzug angereist waren. Unterwegs geschätze zwanzig Polizisten, die Ausschreitungen nie und nimmer hätten verhindern können. Absolute Weltklasse. Die geplante Straßenschlacht muss kollektivem Unverständnis weichen. Und selbst die Dresdner, die Pullover mit der Aufschrift: „Nieder mit grün-weiß, vernichtet Chemie Leipzig!“ oder so ähnlich trugen, können sich das Lachen nicht verkneifen.

Am Ende bleibt bis auf eine bisschen Theater mit ein paar Halbstarken alles ruhig. Gut für mich und Leipzig, schlecht für RTL, das ohne Hooligans im Kasten wieder abfahren musste.

Fünf Tage später gibt sich dann die Erste die Ehre. Bei Regen und Kälte verlaufen sich nur 1500 Zuschauern ins Zentralstadion. Gegner ist der punktgleiche Tabellennachbar aus Pößneck. Nicht gerade ein Knaller. Offen gesagt, schlimmer geht es kaum. Kurz vor dem Spiel folgt der nächste Tiefschlag. Fahnen mit Teleskopstangen landen auf dem Index, der Aufkleberverkauf der Ultras werden für verboten erklärt.

Resultat sind volle Treppen, ein leerer Fanblock und null Stimmung. Zu hören sind nur ein paar Assis, die alle fünf Minuten erzählen, dass es schon lange 8:0 stehen müsste und kurz darauf im Schiedsrichter den Sündenbock ausmachen. Chemie gewinnt 2:0. Überragender Mann ist Rolf-Christel Giue-Mien, der nahezu jeden Angriff einleitet und selbst einen Elfmeter zum Tor verwandelt.

Kaum 48 Stunden später bahnt sich ein Kompromiss im Fan-Konflikt an. Das Zentralstadion soll einen grün-weißen Anstrich bekommen. Klingt wie gerade umgezogen, in Wahrheit mussten jedoch fast zwei Jahre vergehen, um dies zu erkennen. Aber gut, wer möchte nicht bei Bier und Bratwurst sein eigenes Stadion streichen?

Bleiben nur noch die nächsten beiden Auswärtsspiele als Quell potentieller Unzufriedenheit.
Sowohl Plauen als auch Cottbus sind so gelegt, dass Zugfahrten nicht möglich sind. Welcher Holzkopf ohne Not Anstoßzeiten zustimmt, die kaum ein Fan wahrnehmen kann, ist noch ungeklärt, die Ursache für enttäuschte Anhänger jedoch nicht. Die Wut der Fans ist hier überaus verständlich. Ein halbe Stunde eher, und man könnte beide Spiele unter Flutlicht sehen. So aber muss man selbst schauen, wie man an einem Freitag,- beziehungsweise Dienstagabend zu einem Auswärtsspiel kommt. So viel Ignoranz bei einem mittelmäßigen Viertligisten hat wirklich Seltenheitswert.

Gefahren wird natürlich trotzdem. Hobby bleibt schließlich Hobby, auch unter erschwerten Bedingungen. Ob das Hobby auch Spaß macht, entscheidet sich in der nächsten Woche dann abermals auf´s neue. Wenn man sich das magere grün-weiße Punktekonto so vor Augen führt, wird es bei sieben Punkten auf Cottbus II höchste Zeit für ein paar Erfolge. Da trifft es sich großartig, dass Oswald langsam in Fahrt kommt, und Giue-Mien sich seiner Topform nahe wähnt.
Mindestens ein Sieg und ein Unentschieden sollten herausspringen. Wenn man in Cottbus gewinnt, ist man auf vier Zähler ran; wenn beide Spiele vergeigt werden, kann man schon einmal getrost für ein weiteres Jahr Oberliga planen.

Dass es dazu nicht kommt, verdanke ich dieses mehr als nur dem Prinzip Hoffnung. Ede Geyer hat sich warmgemacht, den ersten Sieg unter seiner Regie eingefahren, und die dritte Liga ins Visir genommen. Allmählich kann man Spuren seiner Handschrift erkennen, Fortschritte im taktischen Bereich ausmachen und ab und an sogar eine herausgespielte Torchance bewundern.

Der Startschuß kam gerade noch rechtzeitig, die seit Wochen geplante Serie kann beginnen.

Doch Vorsicht: Das nächste Spiel ist immer das schwerste; und Plauen wird ein ganz besonders schweres.

In diesem Sinne: Grüße aus dem grün-weißem Leipzig