Gastkommentar von Jörg, 23.05.2006

Aufarbeitung der Saison 2005/06 beim TSV 1860 München


Manni Hartl atmete auf. Endlich! Der Schlußpfiff im Spiel gegen Saarbrücken ertönte. Somit stand fest: 1860 bleibt für ein weiteres Jahr zweitklassig. Die Saison, die wie ein Märchen begann, endete fast in einer Katastrophe. Statt einen der drei Aufstiegsplätze zur Bundesliga zu belegen, kam man über viele Wochen der Regionalliga näher, in der sich bereits die eigene zweite Mannschaft gegen den Abstieg stemmte.

Manni Hartl hatte sich oft genug mit den anderen Mitgliedern seines Fanclubs den Kopf über die Gründe des plötzlichen Niedergangs zerbrochen. Den Beginn dieser Pannenserie hingegen hatten sie schnell ausgemacht, wobei im Fanclub Uneinigkeit darüber herrschte, ob die Heimniederlage im Herbst gegen Unterhaching der Auslöser war oder der angebliche Dopingskandal um den Spieler Vucicevic.
Manni war sich sicher, daß die Schuldigen sowohl in der Führungsriege der Löwen, als auch unter den Spielern zu suchen waren, die oftmals lustlos und demotiviert über den Platz krochen. Niemand im Fanclub konnte verstehen, wie leichtfertig ein aussichtsreicher Aufstiegskandidat seine Chancen verspielte und sich ohne Gegenwehr seinem Schicksal ergab. Für Manni stand fest, daß eine verfehlte Einkaufspolitik die Hauptursache für die verpatzte Saison war. Nachdem 1860 letztes Jahr ganz knapp im Aufstiegsrennen gescheitert war, stand für die Vereinsoberen fest, daß diese Spieler wohl den Ansprüchen auf einen Spitzenplatz in der 2.Liga absolut genügen müßten. Garniert wurde die Mannschaft lediglich mit dem angeblichen Goalgetter Stefan Reisinger, der den Beweis seiner Fähigkeiten bis zum heutigen Tage schuldig blieb und Heimkehrer Torben Hoffmann, der das Abwehrbollwerk der letzten Saison noch erheblich verstärken sollte.

Doch Manni will sich nicht beklagen. Zu lange schon ist er Fan eines Vereins, der oft in Skandale verwickelt war und sprichwörtlich mehrfach am Boden lag. Natürlich wumt es ihn, daß ausgerechnet der FC Bayern mit dem Kauf der Arena-Anteile die Existenz der Löwen in der 2.Liga sicherte. Doch wenn der Nachbar den Sechzgern nicht unter die Arme gegriffen hätte, wäre der Verein wieder in die Bayernliga abgestiegen, wo die Gegner Ismaning und Großbardorf heißen und nicht mehr Köln oder SC Freiburg.
Schade findet er nur, daß die Bemühungen und die Leidenschaft der Fans vom Verein in der Vergangenheit nicht gewürdigt wurden. Spruchbänder frustrierter Fans wurden im Stadion vom eifrigen Ordnungsdienst unmittelbar wieder entfernt und auch sonst trat man bei 1860 wenig in den Dialog mit den Fans. Es scheint, als wenn die Fans wirklich nur dann interessant für den Verein sind, wenn vor Saisonbeginn neue Rekordumsätze von Dauerkarten vermeldet werden sollen oder ein Familienvater mindestens ein Monatsgehalt in die Artikel des Fanshops investiert.

Aber was will man von einem Verein auch erwarten, der es nicht für nötig hält, sich bei seinen treuen Mitgliedern wie Manni für 15 Jahre Vereinszugehörigkeit zumindest mit einem kurzen Anschreiben zu bedanken, sondern einfach gar nicht reagiert? Und so allmählich begreift Manni, daß es bis zur bronzenen Mitgliedsnadel wohl noch ein sehr weiter Weg sein wird.

Die Zukunftsaussichten bei 1860 sind nicht gerade rosig: Geknebelt von einem wirtschaftlichen Korsett, welches sich Lizenzauflagen nennt, sind Verpflichtungen namhafter Spieler nahezu ausgeschlossen. Ob Spieler der 2. Mannschaft soviel Potential besitzen, um die sportlichen Lücken des Profiteams aufzufüllen, bleibt fraglich. Ebenso, ob es die Verantwortlichen von Sechzig schaffen, alterne Stars an die Grünwalder Str. zu lotsen oder unzufriedene Bankdrücker von Bundesligisten.

Die Zeiten allerdings, in denen sich an der Grünwalder Str. Weltstars wie Abedi Pele, Icke Häßler oder Davor Suker die Klinke in die Hand drückten, sind wohl unwiderruflich vorbei.