von Janus, 30.12.2009

 

Am 30.10.2009, zur Abwechslung mal wieder freitags, empfing die Fortuna den Erstliga-Absteiger Karlsruher SC. Wieder so ein potenzieller Aufstiegsfavorit, der aber im Gegensatz zu Kaiserslautern noch nicht richtig in die Puschen gekommen war und vor dem Spiel auf Platz 13 dümpelte. Trotzdem natürlich ein Team mit jeder Menge Bundesliga-Erfahrung auf dem Rasen und sogar an der Seitenlinie mit Ex-Profi Markus Schupp als Trainer.

Dank des herausragenden Anstoßtermins um 18 Uhr machte ich mich natürlich wieder mal direkt von der Arbeit auf den Weg nach Düsseldorf. Weit wäre ich allerdings nicht gekommen, verhieß doch die Radiomeldung, die ich kurz darauf empfing, nichts Gutes: auf der A 3 von Köln nach Leverkusen zehn Kilometer Stau, die üblich Freitagsroutine rund um Köln, allerdings zusätzlich angereichert durch einen Unfall inklusive Sperrung von Fahrstreifen. Da ich die Spielvorbereitung aber lieber in einem rollenden statt einem stehenden Fahrzeug verbringen wollte, wählte ich das in diesem Fall kleinere Übel: von Bonn aus über die A 59, die genau unter der Kölnarena endet (ja, ich weiß, die heißt jetzt anders, aber es geht um den Wiedererkennungswert für den Leser, da müssen Sponsoren schon mal in die Röhre gucken), von dort dann über die B 8 nach Leverkusen und dann erst auf die A 3. Die Rechnung ging auf, dort war der Stau Geschichte. Somit erreichte ich Düsseldorf und wusste, es kann nur ein großer Abend werden. Wer auf dem Hinweg schon durch Köln und Leverkusen muss, den kann so leicht nichts mehr schocken.

Die sinngemäße Auslegung des letzten Satzes sollte allerdings ebenfalls noch vor dem Anpfiff einer schweren Prüfung unterzogen werden. Die Ausgangssituation war wie folgt: den linken Verteidiger in unserer Startelf gibt normalerweise Johannes van den Bergh. Der war allerdings verletzt. Für ihn kann auch Fabian Hergesell diese Position spielen. Der war allerdings ebenfalls verletzt. Und so sollte jemand sein Debüt geben, der sich zum Schluss der letzten Saison überraschend einen Stammplatz in der ersten Elf erobert hatte, im Laufe der Vorbereitung und des Saisonbeginns allerdings ebenfalls durch eine Verletzung zurück geworfen worden war: der 21jährige Kai Schwertfeger, zwar eher auf der rechten Seite des Spielfeldes zuhause, aber auch schon auf links zur vollen Zufriedenheit eingesetzt. Der lief sich dann mit seinen Mitspielern warm. Und auf einmal lag er am Boden. Niemand hatte gesehen, wie es passiert war bzw. was überhaupt passiert war. Es musste allerdings etwas Ernstes sein, denn nachdem er einige Minuten behandelt worden war, musste er auf einer Trage vom Platz gebracht werden, das linke Bein dick bandagiert. Und das beim Warmmachen! Anscheinend hatte er sich unglücklich das Knie verdreht, man befürchtete sogar einen Kreuzbandriss. Zum Glück war es im Nachhinein nicht ganz so schlimm: die Kniescheibe war herausgesprungen. Eine sehr schmerzhafte Angelegenheit, allerdings „nur“ mit ca. drei Wochen Pause verbunden. Trauriges Ende seines ersten Zweitliga-Einsatzes, bevor er überhaupt begonnen hatte.
Trainer Norbert Meier wurde somit gezwungen, vor Beginn des Spiels über die Viertbesetzung (!) der vakanten Position nachzudenken. Ich glaube, so etwas gibt es noch nicht einmal in großen Hollywoodschinken mit 5.000 Komparsen. Er löste das Problem, indem er Innenverteidiger Hamza Cakir, seit der Genesung von Jens Langeneke zumeist mit einem Platz auf der Bank bedacht, auf die linke Seite beorderte. Dies ist nicht seine Schokoladenseite, aber an jenem Abend passte es, er schlug sich mit Bravour.

Wie der Rest der Truppe auch. Fortuna bezwang den Karlsruher SC vor 24.000 Zuschauern mit 1:0, landete den nächsten Überraschungserfolg. Und was es langsam, aber sicher unheimlich machte: auch dieser Sieg war, wie schon in Kaiserslautern, völlig verdient und hätte sogar noch höher ausfallen müssen.
Ich war dabei von Anfang an relativ entspannt. Wenn man eine solche Anreise hinter sich hat und dann noch mit anschauen muss, wie der erste eigene Spieler schon vom Feld getragen wird, ehe das Spiel überhaupt begonnen hat, dann kann man nur müde lächeln, wenn der Gegner bereits nach einer Minute im eigenen Strafraum auftaucht. Wird schon gut gehen. Tat es dann auch, Fortuna-Keeper Ratajczak fasste rechtzeitig zu, um Stindl und Tavarjärvi die Kugel von den einschussbereiten Schlappen zu nehmen. Dies war dann auch gleich für längere Zeit das Einzige, was an dem Spiel aufregend war. Fortuna tastete sich nur langsam in die Partie, der KSC, sehr ballsicher und technisch versiert, wesentlich öfter in Ballbesitz, aber am Strafraum war Feierabend, unsere Abwehr stand bombensicher. Da dies bei den Karlsruher zunächst auch der Fall war, verlegten wir den Ereignishorizont ein wenig nach hinten: in der 23. Minute zog Rechtsverteidiger Christian Weber aus über 20 Metern vom rechten Strafraumeck ab. Eine echte Granate, die auch schön gepasst hätte, doch KSC-Keeper Miller konnte prima parieren. Kurz danach war die Entfernung noch größer, dafür brauchte Miller auch nicht eingreifen: Marco Christ zwirbelte einen Freistoß aus 25 Metern knapp übers Tor. Daraufhin stellten die Karlsruher ihre Offensivbemühungen für die erste Halbzeit ein, mit einer Ausnahme, die es allerdings in sich hatte: nach einer Ecke von links kam Abwehrspieler Sebastian Langkamp frei zum Kopfball und drückte die Kugel rechts unten ins Eck, Ratajczak konnte nur bewundernd hinterher schauen. Und sich anschließend freuen, denn da, wo der Ball die Torlinie überschritten hätte, stand Olivier Caillas und konnte klären. Lohnt sich für den Torwart also schon ab und zu, bei solchen Standards einen Spieler an irgendeinem Pfosten des Tores anzulehnen. Dies war der erste und einzige Ball, den Karlsruhe in der ersten Halbzeit auf das Fortuna-Tor brachte. Die Führung wäre somit ein ziemlicher Witz gewesen, aber doch bemerkenswert für den Schützen. Als Abwehrspieler trifft Langkamp naturgemäß eher seltener, und schon gar nicht so präzise. Sein letzter Treffer gelang ihm in der letzten Rückserie der Ersten Liga, als er Deutschlands aktuelle Nr. 1 im Tor, René Adler, mittels fulminanter 47-Meter-Grätsche überwinden konnte. Der Spielort damals: dieselbe Arena, nur mit anderem Namen...

Aber wie gesagt, dass war es bis zur Pause von Karlsruhe, jetzt drehte die Fortuna auf. Kurz vor der Pause wurden die Karlsruher mal eben schwindlig gespielt, jede Minute eine neue Torchance. Zunächst setzte sich Caillas auf links durch und spielte einen schönen Rückpass auf den völlig freistehenden schönen Claus. Der war zwar – ich greife hier kurz vor – bester Mann auf dem Platz an diesem Abend, räumte vor der Abwehr wirklich alles weg, aber zum Torjäger ist er bekanntermaßen nicht geboren. Auch in dieser Situation traf er den Ball nicht voll, das Leder flog neben das Tor. Vor solch unglücklichen Abschlüssen ist allerdings auch ein Stürmer nicht gefeit: nur zwei Minuten später servierte Caillas wieder von links, diesmal eine Flanke, und irgendwie hatten sie Martin Harnik in der Mitte völlig übersehen. Der stand sowas von frei, dass er dies direkt zum Anlass nahm, das Tor des Monats erzielen zu wollen, indem er den Ball per Direktabnahme volley in die Kiste nageln wollte. Es blieb beim guten Willen, auch er traf den Ball nicht voll, sodass Miller keine Probleme hatte, die Kugel aufzunehmen. Das war wirklich eine Riesenchance, denn Harnik war dermaßen allein gelassen worden, der hätte die Kugel sogar noch in Ruhe runter pflücken und den Keeper dann fragen können, wohin er ihn haben möchte. Hatte ihn wohl selbst überrascht.
Als sich nach dieser Großchance jeder innerlich ein wenig damit abgefunden hatte, dass zur Pause auf beiden Seiten die Null stehen würde, konnte wiederum nur kurz darauf, in der 43. Minute, plötzlich Folgendes gesichtet werden: Einwurf Karlsruhe, auf der linken Abwehrseite, weit in deren Hälfte. Der Einwurf kommt zu einem Abwehrspieler, der den Ball per Befreiungsschlag nach vorne bringen will. Aber Marco Christ geht mit dem Fuß dazwischen, der Ball springt zurück, genau auf Jovanovic, der mit dem Rücken zum Tor steht, was seinem Gegenspieler aber nichts nutzt, denn ausgetanzt wird er trotzdem, und zwar mit der Hacke. Jawohl, per Hackentrick legt der Jova die Kugel an zwei Abwehrspielern vorbei in den freien Raum, und dass ihm dies unfallfrei gelingt, damit hat nur einer gerechnet, nämlich Kapitän „Lumpi“ Lambertz. Der ist in Position gelaufen, und plötzlich ist die rechte Seite völlig offen. Er marschiert noch einige Meter mit dem Ball in den Strafraum, und spielt dann genau richtig den Querpass in die Mitte, wo Harnik halbhoch ins linke Eck zum 1:0 abstaubt. Das Ganze hatte nach dem Karlsruher Einwurf keine zehn Sekunden gedauert. zwar glücklich in Ballbesitz geraten, aber dann blitzschnell umgeschaltet und den Angriff abgeschlossen. Man konnte fast an den Treffer zum 2:0 in Kaiserslautern denken, der war ähnlich anzusehen.

Mit diesem hoch verdienten 1:0 ging es in die Pause. In der 2. Halbzeit durfte man gewiss sein, dass der KSC kommen würde. Und natürlich kamen sie, aber unsere Abwehr inklusive des viertbesetzten linken Verteidigers stand so gut, dass Torwart Ratajczak am Pfosten lehnend eingepennt wäre, hätte ihn nicht Lars Stindl aufgeschreckt, mit zwei Distanzschüssen, einer ganz flach, einer als fieser Aufsetzer. Ratajczak konnte beide Bälle entschärfen, und dies waren die einzigen zwei Bälle, die Karlsruhe in de zweiten Halbzeit aufs Tor brachte. Trotz eines Ballbesitzes von 65% über das gesamte Spiel hatten die nur diese drei Torchancen! Wie man so was im halben Dutzend zu vergeben pflegt, zeigten die Fortunen dann in der zweiten Halbzeit. Okay, war ein bisschen Pech dabei, als Lambertz in der 57. Minute nur den Pfosten traf, auch zeigte Miller eine weitere Klassereaktion bei einem Fernschuss von Christ unmittelbar nach Wiederanpfiff. Und Harnik wurde einmal von Fink falsch angespielt und konnte den Ball drei Meter vor dem Tor daher nicht mehr abstauben, ein anderes Mal wurde er schön frei gespielt und konnte aus 16 Metern abziehen, wurde aber beim Abschluss gestört und setzte den Ball neben das Tor. Wenn man alle Großchancen des Spiels aufaddiert, hätte sich Karlsruhe über drei, vier Gegentreffer nicht beschweren können. Statt dessen mussten wir das Spiel, welches eigentlich klar war, aufgrund des knappen Spielstands nach Hause zittern, wobei die Karlsruher nichts unversucht ließen: als der schöne Claus im eigenen Strafraum verletzt am Boden lag, warf Torwart Ratajczak den Ball ins Seitenaus, in Höhe des eigenen Sechzehners. Da man so etwas nicht ungestraft macht, warfen die den Ball anschließend nicht zurück, sondern versuchten sofort, wieder in den Strafraum zu kommen. Ein wenig schöner Zug, mit dem aber in der 89. Minute bei diesem Spielstand auch gerechnet werden musste. Weshalb Trainer Meier in der Pressekonferenz auch die ironische Umschreibung dieser Szene wählte: „Unser Torwart hat heute gelernt, dass er bei Verletzungsunterbrechungen den Ball nicht am eigenen Strafraum ins Seitenaus spielen sollte. Bei solch einem Spielstand darf er sich nicht wundern, wenn er ihn nicht wieder bekommt.“ Markus Schupp war diese Szene zu peinlich, um dazu Stellung zu nehmen, aber wenn aus dieser Szene der Ausgleich entstanden wäre, hätte er den natürlich auch gerne mitgenommen. Anschließend wuchtete Torwart Miller seinen Astralkörper auch noch in den Fortuna-Strafraum, bei der letzten Karlsruher Ecke, und wäre sogar fast noch zum Kopfball gekommen, aber Ratajczak konnte vor ihm fausten. Und kurz darauf war das Spiel Geschichte, und Fortuna hatte einen weiteren „großen Namen“ geputzt. Somit stand man auf Platz 5 der Tabelle und hatte die imaginäre „halbe Miete“ zum Klassenerhalt, 20 Punkte, bereits am elften Spieltag eingefahren. Hätte mir dies jemand im Sommer erzählt, den hätte ich einweisen lassen.
So kann es manchmal doch gut gehen, selbst wenn man durch Köln und Leverkusen anreisen muss. Weil unsere Jungs genauso unbekümmert an den großen KSC rangingen wie ich an diese beiden Vororte: Augen zu und durch!

Tolles Spiel – nicht gesehen

Endlich wieder freitags, am 06.11.2009, spielte Fortuna beim FC St. Pauli. Es war wohl ein prima Spiel mit besserem Ende für den Gastgeber. Fortuna hätte durchaus mindestens einen Punkt verdient gehabt, aber Jovanovic und Lambertz vergaben zwei 100%ige, außerdem versiebte Lambertz aus aussichtsreicher Position, als er von schräg rechts den Ball aufs Tor brachte anstatt in die Mitte abzuspielen, wo drei Mitspieler freistanden. Das lag aber wohl u.a. auch daran, dass der Ball in der entscheidenden Sekunde des Abspiels auf dem holprigen Boden versprang. Außerdem setzte sich die Kette unglücklicher Schiri-Entscheidungen gegen Fortuna in dieser Saison fort, es wurden mal wieder zwei glasklare Elfmeter nicht gegeben (an Jovanovic und an Harnik), einen gab es für ein Foul an Lambertz, den musste man wiederum nicht unbedingt geben, sah eher nach Konzessionsentscheidung aus. Langeneke verwandelte glücklich (Hain war dran) zum zwischenzeitlichen 1:1. Die beiden Treffer von St. Pauli, muss man neidlos anerkennen, waren klasse herausgespielt und sind im Nachhinein zähneknirschend schön anzusehen. Fortuna hielt das Spiel bis zum Ende offen und verlor etwas unglücklich.

Das war es leider von mir zum Spiel. Quelle ist die zehnminütige Zusammenfassung auf DSF, die ich irgendwann an jenem Wochenende sah. Vom Spiel selbst habe ich aufgrund einiger persönlicher, durchaus positiv verlaufener Angelegenheiten leider nicht mitbekommen. Ich hätte eh nicht hinfahren können, irgendwann drückt auch der Dienstherr mal kein Auge zu, und ohne arbeitsfreien Freitag war das Spiel bei dieser genialen Anstoßzeit nicht zu schaffen. So gibt es also ausgerechnet von dieser Partie nur die Kurzzusammenfassung. Aber dafür wird es jetzt auch wesentlich länger. Weil der Fußballgott uns nach der Länderspielpause gleich zwei der beliebtesten Koryphäen auf des Gegners Trainerbänken gönnte. Und die enttäuschten uns naturgemäß nicht. Also schon mal anschnallen für Pelé Wollitz und Ewald Lienen!

Zwischenspiel I

Nach dem St. Pauli-Spiel stand ein spielfreies Wochenende auf dem Plan, aufgrund der beiden Test-Länderspiele der Nationalmannschaft gegen Chile und die Elfenbeinküste. Das sollten einige entspannende Tage werden. Leider kam es anders. Am 10.11.2009 nahm sich Robert Enke, Torwart der Nationalmannschaft und Stammkeeper bei Bundesligist Hannover 96, das Leben. Der 32jährige hatte seit Jahren an Depressionen gelitten, dies aber gut vor der Öffentlichkeit und vor allem vor seinem Verein verborgen. Man steht bei einer solchen Tat immer fassungslos vor den Scherben der „heilen Welt“, die man sich um diejenige Person aufgebaut hat, wenn man der Meinung ist, bei denjenigen liefe doch alles „normal“. Man kann es einfach nicht glauben. Und da spielt es keine Rolle, ob es der unbekannte Nachbar nebenan oder eben der Nationaltorwart ist – man kann nur erahnen, wie es in solchen Leuten aussehen mag, die sich zu diesem Schritt entschließen. Und hoffen, dass es einem selbst nie so ergeht, dass man wirklich gar keinen anderen Ausweg mehr sieht. Damit soll dieser Angelegenheit hier Genüge getan sein, ich trete solche Sachen nicht gerne breit. Er war ein großartiger Torwart und, nach dem, was man als Fernsehzuschauer und Interviewleser beurteilen kann, ein sehr feiner Mensch. Ich hoffe, er hat seinen Frieden gefunden, den es anscheinend für ihn hier nicht mehr gab.

Aber auch Fortuna vermeldete in jener Woche einen Aufreger: Wir waren die deutsche Profi-Mannschaft, die sich mit dem doch eher zweifelhaften Ruf schmücken darf, die erste zu sein, bei der eine Erkrankung mit dem Schweinegrippe-Virus nachgewiesen werden konnte. Es erwischte unseren brasilianischen Abwehrspieler Anderson, der sich unmittelbar nach dem Spiel auf St. Pauli fiebrig ins Bett legte, und bei dem das Virus nachgewiesen wurde. Nach einigen Tagen war er aber wieder wohlauf und er scheint auch niemanden angesteckt zu haben.

Dann wurde das Länderspiel gegen Chile aufgrund der Trauer um Robert Enke abgesagt, was ich sehr vernünftig fand. Das Spiel gegen die Elfenbeinküste vier Tage später wurde allerdings ausgetragen, was ich mir zumindest mal überlegt hätte, aber die Spieler sprachen sich wohl für eine Durchführung aus. Hierbei gab es zumindest was zu kichern, nämlich das zwischenzeitliche 1:1 der Elfenbeiner, welches daraus resultierte, dass Torwart Neuer beim Versuch eines Befreiungsschlages versehentlich einen gegnerischen Stürmer anschoss, woraufhin der Ball von dessen Gemächt ins leere Tor holperte. Erinnerte mich natürlich sofort an den März diesen Jahres, unseren Torwart Michael Melka und das Gegentor in Regensburg. Unseres sah aber eindeutig schöner aus.

Anschließend gab es noch einen europäischen Wettskandal, von dem auch 32 Partien aus der letzten Saison in Deutschland betroffen sein sollen, der Name des VfL Osnabrück und die von drei seiner Ex- und aktuellen Spieler Reichenberger, Cichon und Schuon standen relativ schnell im Raum. Allerdings habe ich zum jetzigen Zeitpunkt keine Ahnung, was die konkret getan haben sollen und wie man so schnell auf die Namen kommt, noch weiß ich etwas über irgendwelche der anderen Spiele, die betroffen sein sollen. Ich kann daher nur hoffen, dass Fortuna bei den drei Spielen der 3. Liga, die angeblich derzeit als „manipuliert“ gelten könnten, nicht mitgewirkt hat, habe aber auch davon keine Ahnung, weil die Informationen nur spärlich fließen. Also kann ich das Thema hiermit abwürgen (nur vorübergehend, fürchte ich), und mal wieder von Fußball berichten. Diese zwei Wochen Pause hatten es echt in sich.

Positive Energie

Überraschenderweise an einem Freitag, den 20.11.2009, kam der nächste Erstliga-Absteiger, dessen aktuelle Leistungen in einem ziemlichen Gegensatz zu den Ansprüchen stehen: Der FC Energie Cottbus, durchaus im Umfeld des Vereins mit der ein oder anderen Wiederaufstiegsvision behaftet, bislang jedoch eher enttäuschend im unteren Mittelfeld der Tabelle zu finden. Unzweifelhaft mit einem starken Kader, aber die brauchten ja ihre Form nicht ausgerechnet bei uns in der esprit-Arena wiederzufinden. Taten sie auch nicht.

Fortuna siegte hochverdient mit 2:1 vor 20.100 Zuschauern, in einem Spiel, das 85 Minuten lang wie eines jener Gurken-Unentschieden aussah, mit denen wir in der letzten Saison fast den Aufstieg verspielt hätten. Fortuna rennt an, macht und tut und kämpft, spielt Chancen am Fließband raus, nebenbei noch 13:1-Ecken, kassiert mit dem zweiten Torschuss der Gäste das 0:1 und nimmt schließlich gerade mal einen Punkt mit. Wie gesagt, bis zur 85. Minute konnte man als Zuschauer lässig abwinken und sagen: Kenn ich doch alles schon. Bis es dann auf einmal noch hochdramatisch wurde, mit Happy End für uns. Muss man genießen, wenn es uns schon mal trifft.

Wie erwähnt, ging Cottbus mit dem zweiten Torschuss in Führung. Dies geschah in der 57. Minute. Der erste Torschuss konnte ca. fünf Minuten zuvor gesichtet werden, als der junge Kanadier Straith mit einem Kopfball nach Brzenska-Freistoß nur ganz knapp das Gehäuse verfehlte. „Fünf Minuten zuvor“ bedeutet natürlich unzweifelhaft zu Beginn der zweiten Halbzeit, und die sich daraus ergebende Konsequenz entspricht auch den Tatsachen: Cottbus hatte in der ersten Hälfte nicht einen Torschuss! Was auch nicht wirklich verwunderte, wenn man sich die Mannschaftsaufstellung beguckt. Erfolgstrainer Pelé Wollitz, von dem noch die Rede sein wird, wie immer, wenn er mit irgendeiner Mannschaft in Düsseldorf an der Seitenlinie herum springt, setzte zum Beispiel Kweuke, Shao und Petersen auf die Bank. Da es sich bei diesen drei Spielern um drei Stürmer handelt, lässt sich die Ausrichtung des Energie-Spiels in der ersten Halbzeit wohl unschwer erkennen. Die wollten gar nicht mitspielen. 8:0-Ecken für Fortuna sowie die ziemlich verblüffend anzusehende Tatsache, dass sich vor der Pause wiederholt alle Cottbusser am und im eigenen Strafraum versammelten, lassen erahnen, dass es eine ziemlich einseitige erste Hälfte war. Aber Fortuna versemmelte mal wieder beste Gelegenheiten, angefangen von einer Ecke auf den kurzen Pfosten, die Langeneke mit der Hacke verlängerte, Gästekeeper Tremmel bekam gerade noch eine Hand an den Ball, welcher dann orientierungslos parallel zur Grundlinie durch den Strafraum hoppelte, ohne dass jemand hätte abstauben können, über eine schöne Balleroberung durch den ebenso schönen Claus, der etwas überraschend am gegnerischen Strafraum aufgetaucht war, was die Cottbuser Abwehr dermaßen verwirrte, dass sie den Ball gleich freiwillig herschenkte, aber seine Flanke in die Mitte hätte Jovanovic nur mit einer Körpergröße von ca. 2,60 m erreichen können, bis zu Martin Harnik, der 20 Meter vor dem Tor einen Gegenspieler wunderbar per Hackentrick austanzte, nur um den anschließenden Flachschuss neben das Tor zu setzen – nichts klappte. Von solchen „Kleinigkeiten“ abgesehen, dass auch noch ein zweiter Eckstoß flach auf den kurzen Pfosten getreten wurde und wieder durch die Reihen eierte, ohne dass sich mal jemand zum Abstauben bequemt hätte, oder dass nach Lambertz-Flanke der Gästetorwart rechtzeitig zufassen konnte, nachdem Harnik per Kopf für Jovanovic aufgelegt hatte. Und als Krönung vertändelte Harnik kurz vor der Pause noch leichtfertig die Führung, als er nach einem Traumpass aus dem Halbfeld allein auf Tremmel zusteuerte, aber dafür dermaßen lange brauchte, dass Gegenspieler Sascha Dum noch klären konnte. Mir schien, er habe innerlich sowieso nur auf den Abseitspfiff gewartet. Ich auch, aber es war tatsächlich keins, eine gute Entscheidung des Schiri-Gespanns. Und da pfiff ja nicht irgendwer, sondern „meine“ Bibi, unsere Aufstiegs-Schiedsrichterin Bibiana Steinhaus. Nachdem wir jahrelang nie ein Spiel gewinnen konnten, welches von ihr geleitet wurde (was aber nie ihre Schuld war), scheint sie so langsam zu unserem Glückskäfer zu avancieren, wie noch zu zeigen sein wird.

Zur Pause also 0:0, mit der Leistung konnte man sehr zufrieden sein, mit dem Ergebnis weniger. Ein weiterer Wermutstropfen: bereits nach 24 Minuten musste „Bamba“ Anderson mit Muskelquetschung im Oberschenkel raus, für ihn kam Stephan Sieger, der seinen Stammplatz im defensiven Mittelfeld schon längst an Claus Costa verloren hat. Aber da es in der Mannschaft momentan halt passt, lieferte der Sieger auch mal eben seine beste Saisonleistung auf der „Sechser“-Position ab, während der schöne Claus demonstrierte, dass ihm durchaus auch der Platz von Anderson in der Viererkette nicht zuviel wird. Fast schon unheimlich.

Es folgte die erste Viertelstunde in der zweiten Halbzeit, die Fortuna total verpennte. Cottbus traute sich zweimal nach vorne, mit dem bekannten Ergebnis. Wobei wir ihnen selbst das Führungstor noch auflegen mussten, von alleine konnten die nix. Eine weite Flanke ins Nirwana wollte Rechtsverteidiger Christian Weber nämlich an der Strafraumgrenze ganz entspannt zu Torwart Michael Ratajczak zurück köpfen. Dabei übersah er den neben ihm mitgelaufenen Cottbusser Stürmer Emil Jula, was nicht weiter verwunderlich war, hatte der bis dato doch maximal drei Ballkontakte im gesamten Spiel. Aber das zeichnet einen guten Stürmer natürlich aus – 56 Minuten völlig unsichtbar, plötzlich stand er vor Weber, wurde per Kopf bestens bedient, machte noch drei, vier Schritte mit dem Ball und versenkte die Kugel dann aus zehn Metern trocken zum 0:1. Bereits sein fünfter Saisontreffer, 0:1 in der 57. Minute – Spiel ziemlich auf den Kopf gestellt.

Da war es gut, dass Fortuna direkt zurückschlagen konnte. Trainer Meier brachte nur vier Minuten später Rastamann Patrick Zoundi für den diesmal etwas schwächelnden (aber auch angeschlagenen) Marco Christ. Und, wie schon gesagt, da derzeit alles passt...oder um Andy „Scheiße am Fuß“ Brehme mal kurz abzuwandeln: „Passt es, dann passt es“, oder so ähnlich. Auf jeden Fall bringt der wieder genesene van den Bergh in der 64. Minute die zehnte Ecke für Fortuna von links in den Strafraum, Zoundi begeht ein Sakrileg, das ihm in seiner Bruderschaft hoffentlich nicht allzu negativ ausgelegt wird: ohne Rücksicht auf seine Rastalocken köpft der den Ball! Eigentlich unfassbar. Die Cottbusser haben sich wohl auch gedacht, dass der aus Angst um seine künstlerische Frisur niemals seine Rübe gegen den Ball halten würde, er steht nämlich so was von völlig frei im Strafraum, und das nach einer Standardsituation, das sieht man auch nicht alle Tage. Und so kann er in aller Gemütsruhe per Kopf Martin Harnik bedienen, der am Fünfmeterraum lauert und den Ball per Direktabnahme zum Ausgleich unter die Latte hämmert. 1:1 in der 64. Minute, nur sieben Minuten nach der Gäste-Führung – ganz wichtig!

Und nun kommen wir zur jetzt schon legendären 85. Minute. Zwischendurch hatte Fortuna noch einige Gelegenheiten, aber etwas richtig Zwingendes war nicht dabei. Man schien sich schon auf eine wieder einmal unnötige Punkteteilung einstellen zu müssen, wie wir sie bei Heimspielen in der vergangenen Saison des Öfteren hinnehmen mussten. Aber jetzt zu Minute 85, in aller gebotenen Ausführlichkeit:

Cottbus greift an, der Ball wird zwanzig Meter vor dem Fortuna-Tor zunächst geklärt und kommt nach halblinks zu Bittroff, etwa dreißig Meter vom Tor entfernt. Zehn Meter vor ihm liegt Patrick Zoundi verletzt am Boden, nicht erst seit einer halben Sekunde, sondern durchaus länger, er hatte sich bei der Abwehr des vorherigen Angriffs verletzt. Wirklich unübersehbar, auch schön mittig im Spielfeld. Der Fairplay-Gedanke würde es nun erfordern, dass Bittroff den Ball ins Seitenaus spielt, damit Zoundi behandelt werden kann. Da Wollitz während seiner ja noch recht kurzen Tätigkeit als Trainer in Cottbus bei der Taktikschulung seiner Spieler anscheinend noch nicht beim Buchstaben „F“ angekommen ist, weiß der Bittroff davon aber wohl nichts. Wollitz selbst ruft von draußen wohl mehrmals ins Feld, den Ball ins Aus zu spielen. Das würde ich ihm auf den ersten Blick eher nicht glauben, aber er hat den vierten Schiri als Zeugen, und somit ist das okay. Aber entweder hört Bittroff ihn nicht oder er hört einfach nicht auf ihn, kann man sich aussuchen. Jedenfalls spielt er den Ball nicht ins Aus, sondern zieht mit ihm noch schön in die Spielfeldmitte, praktisch genau auf Zoundi zu. Da zieht nun wirklich keine Ausrede mehr, er habe ihn nicht gesehen, das könnte in dieser Situation noch nicht mal ein Maulwurf behaupten. Dann spielt er die Kugel quer auf Kruska. Der weiß offensichtlich nicht, was er damit anfangen soll, verheddert sich mit seinen Beinen. Heran rauscht Fortuna-Kapitän Andreas Lambertz. Zuerst glaube ich, der will den jetzt richtig rasieren, aber nein, er trifft und spielt eindeutig den Ball. Kruska geht zu Boden, Lambertz hat plötzlich freies Feld vor sich. Tja, und wenn Cottbus den Ball nicht ins Aus spielt, um eine Überzahl auszunutzen, dann werden wir ja wohl in Unterzahl den Konter wenigstens noch ausspielen dürfen, die zehn Sekunden wird der Zoundi auch noch warten können. Also treibt Lambertz die Kugel über sechzig Meter nach vorne, drei Fortunen gegen zwei Lausitzer, und endlich, endlich, spielen sie so ein Ding auch mal ordentlich zu Ende: Lambertz wartet bis zur letzten Sekunde, schiebt dann am gegnerischen Sechzehner die Kugel quer nach rechts auf Harnik, der ist nicht im Abseits und schlenzt den Ball wunderschön links in die Ecke. Guckt erst noch ein bisschen sparsam, ob der Treffer überhaupt zählt, aber was soll die Bibi machen, wenn keiner den Ball ins Aus spielt, und der verletzte Spieler auch nicht im Weg rumliegt? Natürlich zählt das Tor, 2:1, Spiel gedreht.

Trainer Norbert Meier läuft in seinem Jubel in Richtung Cottbusser Trainerbank, nach dem Motto „Da könnt ihr mal sehen, was ihr davon habt!“ Er wird später erklären, dass man auf der Fortuna-Bank gehört habe, wie Wollitz Bittroff zugerufen habe, den Ball im Spiel zu halten. Dies ist aber widerlegt durch den vierten Offiziellen. Also auch nicht die feine Art von Meier. Die Antwort von Wollitz lässt nicht lange auf sich warten, der stürmt erst mal zur Fortuna-Bank und diskutiert das mit Meier aus. Immerhin steht er so, wenn schon nicht in der eigenen, zumindest in der Coachingzone seines Gegners, wahrscheinlich wird er nur deshalb nicht auf die Tribüne verbannt. Schöner Kindergarten an der Seitenlinie, mehr was zum Schmunzeln.

Das Schmunzeln wäre uns dann fast noch vergangen. In der 93. Minute (!) holt Energie Cottbus die erste Ecke (!!) des Spiels heraus, sie kommt von rechts in den Fünfmeterraum, und ausgerechnet der üble Bursche Bittroff netzt per Kopf zum Ausgleich ein! Dabei ist er aber gefährlich nah an Torwart Ratajczak dran, und deshalb hat die Bibi schon abgepfiffen, bevor der Ball überhaupt im Netz liegt. Anschließend meistert sie noch souverän die so beliebte Rudeldiskussion mit denjenigen, die mit der Entscheidung nicht ganz einverstanden sind, und kurz darauf beendet sie auch das Spiel. Ich kann den Cottbusser Unmut über diese Szene verstehen, das muss man beim besten Willen nicht abpfeifen, das Ding kann auch genauso gut als reguläres Tor durchgehen. Es ist eine der gefühlt hundert Szenen pro Spieltag, die schon im Entstehen von den Assis abgewunken und den Schiris zurückgepfiffen werden, wenn ein Torwart im Fünfmeterraum auch nur berührt wird. Darüber kann auch ich oft nur den Kopf schütteln, aber die entsprechende Regel gibt es, und die Schiris setzen sie eben auch entsprechend oft um, wenn sie den Torwart durch einen Gegenspieler auch nur leicht behindert sehen. Insoweit kann man das pfeifen, es gehört aber auch ein wenig Glück dazu.

Fortuna siegt also durchaus glücklich, aber ebenso durchaus verdient mit 2:1 gegen destruktive Cottbusser, die mit diesem Spiel auch nicht mehr verdient hatten. Jetzt schon 23 Punkte aus 13 Spielen...es wird langsam unheimlich.

Und während die Gastgeber feiern, gibt der Wollitz dem Bezahlsender sky ein Interview, in dem man mal wieder gut sehen kann, warum der Mann einen solchen Ruf hat. Beim 2:1 habe ein klares Foulspiel von Lambertz vorgelegen, dass der Ausgleich nicht gegeben wurde, sei der Witz des Tages, und wie der Düsseldorfer Trainer bei Siegtreffer herum hampele, könne ja nun nicht verwundern, man kenne ihn ja, der habe ja auch schon mal Ärger mit einem Kölner Spieler gehabt (gemeint ist die „Kopfstoß-Affäre“ von Meier gegen Albert Streit aus dem Jahre 2005...zweitausendfünf!).
Man kennt Wollitz ja...aber (und das habe ich vor Jahren schon geschrieben) man erschreckt dann doch, wenn sich einer als so beratungsresistent und darum mies erweist, wie man es in der Vergangenheit von ihm gewohnt ist. Denn die Nummer geht noch weiter. Wollitz wird bei diesem Interview, am Rande des Spielfelds stehend, wohl von Fortuna-Fans beschimpft und unter anderem mit einem Schal beworfen, den brauchte wohl grad jemand nicht mehr. Natürlich ist dies unmöglich, und ich gebe Wollitz sofort Recht, dass so etwas ein Unding ist. Aber: dann faselt der tatsächlich noch etwas darüber, dass ihn so etwas traurig stimme und dass der Respekt voreinander vollständig verloren gegangen sei. Respekt! Und das von jemandem, der Sekunden vorher dem gegnerischen Trainer noch mit einer über drei Jahre alten Sache schnell mal einen reinwürgen wollte, weil er selbst grad sickig war! Wenn so einer von Respekt fabuliert, darüber kann ich noch nicht mal mehr lachen. Ja, Herr Wollitz, Respekt auf dem Platz ist wichtig, und was das Verhalten der Fans betrifft, sehe ich das eigentlich auch genauso – aber verdammt noch mal, wer im Glashaus sitzt, sollte nicht mit Steinen werfen, sondern sich selbst mal fragen, ob er nicht persönlich auch ständig dazu beiträgt, dass es ein hübsches Glashaus und kein schnöder Betonbau bleibt. Wenn er sich aufgrund seiner Emotionen unmittelbar nach dem Spiel nicht im Griff hat, soll er halt kein Interview geben. Oder aber es unterlassen, in diesem Interview Respekt einzufordern, nachdem er Sekunden zuvor einen Kollegen beleidigt hat. Beides zusammen geht nicht. Auch nicht, wenn man Pelé heißt.

Da Wollitz anschließend natürlich sehr viele Fragen zum Wettskandal und zum VfL Osnabrück beantworten muss, seinem Ex-Verein, der derzeit im Visier der Fahnder steht, dauert es fast eine Stunde bis zur Pressekonferenz. Wir müssen so lange warten, dass wir schon annehmen, der lässt gleich vorsichtshalber seinen Anwalt einfliegen. Aber dann kommen sie doch noch, und siehe da – es geht auch anders. Trainer Meier hat sich für seinen übertriebenen Jubel bereits vor der Kamera und bei Wollitz entschuldigt. Dieser wiederum analysiert die Partie sehr sachlich und fair, vor allem hat er in der Zwischenzeit wohl mal Fernsehen geschaut, es fällt kein Wort mehr zu dem angeblichen Foul von Lambertz an Kruska, im Gegenteil, das Siegtor nimmt er jetzt voll und ganz auf die Kappe seiner Mannschaft. Er lobt sogar noch Düsseldorf, das Team, den Trainer, den Manager, ich kann es kaum glauben. Und beantwortet anschließend auch die Fragen der schreibenden Zunft zum Thema Osnabrück ruhig, aber doch innerlich aufgewühlt, wie man sehen kann. Und wie man es ihm auch abnimmt. Zum ersten Mal seit Menschengedenken sammelt er damit bei mir Pluspunkte. Ein paar. Und wahrscheinlich auch nur bis zu irgendeinem Interview direkt nach irgendeinem Spiel in irgendeinem Stadion. Er sollte dann halt nur nicht glauben, dass er in diesem Leben noch eine Respektperson wird. Wie man in den Wald hinein ruft...

So gesehen war an jenem Freitag mächtig was los, auf dem Rasen, am Spielfeldrand, in den Interviews. Und alles ab der 85. Minute, das nenn ich mal einen Adrenalinschub zu später Stunde! Nach dem KSC konnte Fortuna den zweiten Skalp eines Erstliga-Absteigers verbuchen.

Zwischenspiel II

Vor dem nächsten Spiel kam es dann knüppeldick für die Fortuna, gleich an zwei Fronten. Die eine ist wohlbekannt, es ist das gut gehütete Lazarett, in das sich in der Woche vor dem Trip nach München auch Regisseur Marco Christ mal wieder einliefern lassen durfte. Innenbandeinriss im rechten Knie nach einem Zusammenprall mit Johannes van den Bergh im Training. Exakt dieselbe Verletzung, die er zuvor bereits im linken Knie hatte! Das sind mal wieder vier Wochen Pause, somit darf das Sportjahr 2009 für Christ als beendet gelten. Man hofft, dass er zum Rückrundenstart in Paderborn (15.01.2010) wieder zur Verfügung stehen wird.

Die andere Front ereilte uns mit einer eher lapidaren Pressemitteilung der Fortuna: Ben Abelski und Maximilian Schulze Niehues, somit Mannschaftskapitän und Torwart von Fortuna II, wurden von der Polizei abgeholt und im Rahmen des Wettskandals verhört. Es gab keinerlei konkrete Anschuldigungen, die Staatsanwaltschaft gab noch nicht einmal bekannt, ob es sich um eine Vernehmung als Beschuldigter oder Verdächtiger oder aber als Zeuge handelte. In der Zwischenzeit kam heraus, dass die beiden Namen wohl in einem abgehörten Telefongespräch eines mittlerweile festgenommenen Betrugsverdächtigen gefallen seien. So schnell geht das also. Konkret ging es um zwei Partien der laufenden Saison in der Regionalliga West, nämlich das 0:3 bei Schalke II und das 1:3 gegen Kaiserslautern II, sowie eine Partie aus der abgelaufenen Saison in der NRW-Liga, das 1:4 beim Bonner SC, hier bei mir um die Ecke. Das letztgenannte Spiel habe ich auch gesehen und kann mir nicht vorstellen, dass es dabei zu Manipulationen gekommen soll. Wie übrigens der Bonner Co-Trainer Joachim Hopp, der sich über diese Gerüchte „doch sehr wundern“ musste, von einem „Klassespiel damals“ sprach und zusätzlich erwähnte, dass die Bonner die komplette Partie auf Video aufgezeichnet hätten, welches sie gerne zur Verfügung stellen würden. Seitdem hat man von der Sache auch nichts mehr gehört.

Der Verein reagierte, kündigte eine Zusammenarbeit mit den Ermittlungsbehörden bis ins letzte Detail an und ließ die beiden Spieler zum Rapport antreten. Anschließend unterzeichneten beide eine gleich lautende Erklärung:

„Ich (...) erkläre hiermit ausdrücklich, dass ich nie um Geld auf Fußballspiele meiner eigenen Mannschaft gewettet habe und ich niemals in dieser Hinsicht von jemandem kontaktiert wurde.
Mir ist niemals Geld angeboten worden, um ein Spiel meiner Mannschaft zu manipulieren. Ich habe niemals ein Spiel manipuliert oder versucht, ein Spiel zu manipulieren.
Ich habe auch niemals innerhalb meiner Mannschaft von einer Manipulation gehört.“

Das war es bis heute. Ich glaube auch nicht, dass da irgendwas dran ist, die Staatsanwaltschaft wird wohl lediglich alle Namen überprüfen, die bei der Auswertung von abgehörten Telefonaten oder Hausdurchsuchungen auftauchen, und das muss noch lange nichts heißen. Die Spieler haben die Erklärungen unterschrieben und solange niemand das Gegenteil beweist, haben sie als unschuldig zu gelten und nehmen weiter am Trainings- und Spielbetrieb teil. Beziehungsweise eher nicht: Abelski ist derzeit eh verletzt und um Schulze Niehues ein wenig aus der Schusslinie zu nehmen, nahm Norbert Meier den zweiten Keeper der Zwoten, Patrick Nettekoven als Ersatzmann für den weiterhin verletzten Melka mit nach München.

Kein schönes Thema. Und ich hoffe, dass ich meinen Erfahrungsschatz diesbezüglich in Zukunft nicht noch erweitern muss.

„Hast du uns auf deinem Zettel, Ewald???“

Obiger Satz stand auf einem Transparent, das am 29.11.2009 (Sonntag) im Gästeblock der Allianz-Arena hing. Man sieht, so langsam geht unser Selbstbewusstsein mit uns Gassi. Aber so ganz unberechtigt war das nicht. Wir reisten als Tabellen-Vierter zu unserem allerersten Spiel in der Allianz-Arena an, der Gastgeber TSV 1860 München, vor der Saison mal wieder als potentieller Aufstiegskandidat gehandelt, dümpelte auf Platz 15 herum, der letzten sicheren Bastion vor Relegation und direkten Abstiegsplätzen. Und das, obwohl die Mannschaft eigentlich nicht schlecht sein und mit Ewald Lienen gerüchteweise auch über einen fähigen Trainer verfügen soll. Wozu der fähig ist, werden wir allerdings noch sehen.

Aufgrund eines unschlagbaren Kombinationsangebots einer Fluggesellschaft, bei der mich Hin- und Rückflug genau 50 Cent mehr kosteten als das billigste Angebot der Deutschen Bahn, welches zum Zeitpunkt der Buchung noch zur Verfügung stand, reiste ich bereits am Samstag an und verlustierte mich ein wenig in der Innenstadt. Ausführlich habe ich dies schon im April getan, vor und nach unserem Spiel gegen Bayern II, bei Interesse kann der entsprechende Bericht gerne nachgelesen werden. Somit kann ich mir eine größere Bestandsaufnahme von An- und Abreise sowie eine ausführlichere Beschreibung der Münchner Innenstadt schenken, war ja alles schon mal da. Aber eine Neuentdeckung machte ich doch. Okay, neu ist die bestimmt nicht, ich war wohl nur im April achtlos daran vorbei gelaufen. Mitten in der Innenstadt, auf der Neuhauser Straße, befindet sich ein Beate Uhse-Shop. Dies ist beileibe heutzutage nichts Ungewöhnliches mehr, aber die Kombination überraschte. Nämlich die Kombination der Fachberater, mit denen sich Beate Uhse das Gebäude teilt, deutlich abzulesen an einem Schild, welches direkt am Eingang hängt. Wer nämlich durch den Besuch des Domizils im Erdgeschoss in irgendeiner Weise animiert wird und weitere Behandlung benötigt, der kann im selben Hause die Dienste einer Heilpraktikerin in Anspruch nehmen. Und es gibt nur wenige Orte in der Welt, an denen der Name der fachkundigen Handauflegerin – Frau Dr. Popp – besser passen würde als hier, wo im Hintergrund das Beate Uhse-Schild leuchtet. Und wenn’s dann doch mal schief geht oder eben nicht, je nach Einstellung, dann geht man einfach noch ein Stockwerk höher, in die Hebammenpraxis der Frau Dr. Sackerer. Dies alles unter einem Dach, man möchte glatt von Systemanbietern sprechen. Ein sehr schönes Fundstück.

Am Sonntag ging es dann raus nach Fröttmaning zur Allianz-Arena, welche ich im vorgenannten Artikel ebenfalls erschöpfend beschrieben habe. Einen Preis für Ästhetik werden Stadion und Umgebung wohl niemals bekommen, alles grau, trist, fast ausschließlich Beton, und es kreuzen gefühlt dreihundert Autobahnen rundherum. Die Außenhaut des Stadions verdient zwar weiterhin Beachtung und auch eine gewisse Bewunderung, hat ja nicht jeder so ein überdimensionales Schlauchboot in seiner Stadt stehen. Aber wenn man dann reingeht, ist doch alles wieder nur grau in grau, soll wohl alles einen gewissen futuristischen „Touch“ darstellen. Naja, wem`s gefällt...Und wer der Meinung ist, dass es mir nicht zustünde, über die Arena des tollsten Vereins aller Zeiten nur zu lästern, der kann sich die entsprechende Mail sparen: ich weiß auch, dass unsere Arena aus ästhetischen Gesichtspunkten auch nicht so der Knaller ist, von der Verpflegung mal ganz abgesehen. Aber darum geht es ja nicht, sondern um dieses graue, unfreundliche, zugige Monstrum weit draußen vor den Toren Münchens. Wenn es wenigstens ein Abendspiel gewesen wäre, diese Idee mit der Beleuchtung der Außenhaut finde ich sehr hübsch. Aber nicht einmal dies war mir vergönnt.

Nun ging es ja bekanntlich nicht gegen den tollsten Verein der Welt, sondern gegen dessen kleinen Lokalrivalen, der ein Problem hat, welches wir aus der Vergangenheit noch gut kennen: er muss in dieser Schüssel spielen, ob es ihm passt oder nicht. Und den Umzugsbestrebungen der Fans, die gerne wieder in Grünwalder Stadion zurück möchten, räume ich soviel Chancen ein wie uns selbst, als wir uns nach den ersten Arena-Spielen wieder an den Flinger Broich zurück wünschten – gar keine.

Im April gegen Bayern II musste Fortuna noch in der Bruchbude an der Grunwälder Straße antreten. Einmal kurz aufgestiegen, gab`s zur Belohnung diesmal die Allianz-Arena. Vielleicht würde dies ja die Mannschaft beflügeln, denn trotz aller Kritik meinerseits – wer als Gastmannschaft in dem Ding spielen darf, der weiß auch, dass es sich lohnt, bis zum letzten Schweißtropfen um den Aufstieg zu kämpfen. 3.500 Fortunen reisten dann gleich mal mit, um Düsseldorf auch stimmungstechnisch zu vertreten. Here we go.

Zunächst einmal fragte ich mich, ob ich zur richtigen Zeit am richtigen Ort war. Auf der Eintrittskarte prangte nämlich unübersehbar, und das nicht nur bei mir, als Spieldatum der 11.11.09. Vielleicht war man bei diesem Datum von uns als Gegner und Karnevals-Hochburg inspiriert worden? Aber das konnte nicht sein, denn auf dem ersten Schwung Mannschaftsstellungen, von denen ich eine in die Hand bekam, standen zwar tatsächlich die Mannschaftsaufstellungen des TSV München von 1860 und des TSV Fortuna Düsseldorf von 1895, wir firmierten aber unter der Überschrift „MSV Duisburg“. Die haben glücklicherweise nicht das Geringste mit unseren Jungs zu tun, mit dem 11.11.09 allerdings auch nicht, die spielten bereits im Oktober in der Allianz-Arena und verloren mit 1:3. Irgendwie alles ganz merkwürdig.

So traute ich dann auch zunächst einem Namen nicht, den ich auf dieser Mannschaftsaufstellung fand: Yuki Kozo. Unser japanischer Innenverteidiger mit der Erfahrung ganzer sechs Regionalligaspiele bei Fortuna II stand in der Anfangsformation. Das konnte nur ein weiterer Fehldruck sein! War es aber nicht. Den hatte Trainer Meier aufgrund der Verletztenmisere in der Abwehr wie das Kaninchen aus dem Hut gezaubert und ihm einfach mal ein Zweitliga-Debüt verschafft. Um es vorweg zu nehmen, er spielte doch sehr ordentlich, sicherlich zur Überraschung vieler mitgereister Fortuna-Fans, die ihn zum ersten Mal überhaupt auf dem Rasen sahen. Nur an der Technik seiner Befreiungsschläge sollte er noch ein wenig feilen, das war mehrfach Kerzen-Style, 100 Meter hoch, aber nur drei Meter weit.

Zum Spiel selbst kann man gar nicht so viel sagen, es war nämlich nicht besonders. Zumindest in der ersten Halbzeit. Wir kamen einmal gefährlich vor das „Löwen“-Tor, als Caillas nach herrlichem Direktspiel mit Zuckerpass ausgerechnet Costa im Strafraum frei spielte, aber der verhedderte sich mal wieder auf dem Weg zum Tor, versuchte dann noch, auf Harnik abzulegen, konnte allerdings in letzter Sekunde von einem Abwehrbein geblockt werden. Immer wieder schade, dass der schöne Claus nicht wenigstens zu einem halbwegs passablen Torjäger geboren wurde, der schleicht sich oft frei und unerkannt in solch gute Situationen, aber der Abschluss lässt dann leider meist zu wünschen übrig.

Bei den „Löwen“ gab es eine ähnliche Situation, die von Caillas entschärft werden konnte, und das 1:0 in der 36. Minute. Somit ein Chancenverhältnis in der ersten Halbzeit von 1,5 zu einhalb. Dies bewertete Großmeister Ewald nach dem Spiel mit dem Begriff „klar überlegen“. Sowohl diese jämmerliche Anzahl Torchancen auf beiden Seiten als auch die statistischen Angaben über die Spielverteilung bringen dies nun nicht unbedingt zum Ausdruck, aber wir haben ja in den letzten Jahren schon des Öfteren gelernt, dass man einem Ewald Lienen nicht einfach widerspricht, auch wenn er seine Meinung noch so exklusiv hat. Und immerhin war das 1:0 ein Hingucker: nachdem Fortuna den Ball in der eigenen Hälfte vertändelt, statt ihn aus der Gefahrenzone zu schlagen, kommt ein flacher Pass an den Sechzehnmeterraum, dort lässt Alexander Ludwig die Kugel durchlaufen, was gleich zwei Abwehrspieler aushebelt, Benny Lauth legt Ludwig die Kugel anschließend in den Lauf, und der hat keine Mühe, zur Führung einzunetzen, auch Kozo, der ihn noch attackieren will, kommt zu spät. War aber nicht sein Fehler, da konnte er beim besten Willen nicht mehr rankommen. Ein sehr schön herausgespieltes Tor der Gastgeber, mit nur einem Haken: der Torschütze hätte zu diesem Zeitpunkt eigentlich gerade unter der Dusche stehen müssen, weil er kurz zuvor hätte vom Platz fliegen müssen. Ludwig, eh nicht grad als Filigran-Techniker sondern eher als Haudrauf bekannt, schaffte es in den ersten dreißig Minuten dreimal, Fortunen von hinten umzugrätschen, wobei er jedes Mal nicht den Ball, sondern nur den Gegner traf, und ich behaupte mal, dass bei diesen Szenen auch ein Ball im Spiel war, hatte ihn nur mäßig interessiert. Der Schiri, Daniel Siebert, unser alter „Elfmetergott“ aus dem legendären Braunschweig-Spiel, legte das alles wohl großzügig als internationale Härte aus, auch wenn er wissen müsste, dass solch ein Typ wie der Ludwig im Leben nicht international spielen wird. Nach der dritten Grätsche von hinten, in der 33. Minute, bequemte sich Siebert immerhin, dem dazu auch noch permanent meckernden Wüterich mal die Gelbe Karte zu zeigen. Bei normaler Regelauslegung wäre jedes einzelne dieser Fouls ein Platzverweis gewesen, aber das traute sich Siebert offenkundig nicht. Nun gedenke ich nicht, die Regeln bis ins Allerkleinste auswalzen. Wer dafür ein Kandidat sein könnte, werden wir gleich sehen.

In der 2. Halbzeit schien zunächst relativ schnell die Entscheidung zu fallen. Zunächst vergab Jovanovic den möglichen Ausgleich, als ein abgefälschter Schuss von Caillas auf seinem Schlappen landete. er musste den halbhohen Ball jedoch erst stoppen, anders war der nicht zu spielen, dadurch bekam sein Gegenspieler die nötige Zeit, den anschließenden Schuss noch über das Tor abzufälschen. Dann in der 60. Minute Freistoß auf halbrechts in Höhe des Strafraums für die „Löwen“. Durchaus diskussionswürdig, aber was soll`s. Es tritt wieder mal der Herr Ludwig an, der um diese Uhrzeit eigentlich schon geduscht und gefönt im VIP-Raum an seinem Feierabend-Snack knabbern sollte, bringt den Ball nach innen, weit auf den langen Pfosten, wo sich Torben Hoffmann gegen unseren Außenverteidiger Christian Weber durchsetzt und im zweiten Versuch aus Nahdistanz das 2:0 erzielt. Weber sah dabei nicht gut aus, erst ringelt sich Hoffmann hinter ihm hervor, kommt dann eher an den Ball, lässt sich auch durch Trikotzupfen nicht beirren und netzt ein. 2:0 nach einer Stunde – war`s das?

Vor nicht allzu langer Zeit, ja. Da hätte man schon mal gemütlich den Spielbericht schreiben können, wäre eh nur noch um die Höhe der Niederlage gegangen. Aber in dieser Hinrunde ist eben alles anders. Und der Trainer, in seiner Wechselpolitik beständig zwischen Genie und Wahnsinn pendelnd, hatte diesmal das feine Händchen mitgebracht. Kurz vor und kurz nach dem 2:0 brachte er mit Zoundi und Heidinger für Caillas und Fink noch mehr Offensive ins Spiel. Und ab diesem Moment, so ca. ab der 65. Minute, wurde das Spiel eindeutig zu schnell für die Heimmannschaft, die den Sieg innerlich wohl schon abgehakt hatte. Zoundi auf der rechten Seite, unser Mann aus Burkina Faso, seit dem Sommer bei uns, jedoch mit Zweitwohnsitz in allen möglichen Fliegern, die ihn von Düsseldorf zu den WM-Qualifikationsspielen der Nationalmannschaft von Burkina Faso und wieder zurück gebracht hatten, seit zwei Wochen endlich fest beim Team und schon gegen Cottbus als Vorlagengeber erfolgreich, packte auf rechts ein paar Tricks aus, die seine Gegenspieler eher nur vom Hörensagen kannten, und verteilte die Bälle auch ganz geschickt. Nur die Rückwärtsbewegung scheint nicht so sein Ding zu sein, aber daran kann man sicherlich noch arbeiten. Heidinger, der Mann mit dem „Pfeil im Arsch“ (Kapitän Lambertz), übersprintete in den ersten drei Minuten nach seiner Einwechslung dreimal seine Gegenspieler locker mit zwanzig Meter Anlauf, und auch, wenn aus diesen Situationen keine Gefahr entstand, die werden sich schon etwas hilflos gefühlt haben, bei diesem Wirbelwind. Die „Löwen“ fingen bedenklich an zu wackeln, und stürzten kurz darauf dann auch endlich.

Zunächst zirkelte Jovanovic einen Freistoß aus 17 Metern links um die Mauer halbhoch zum 1:2 ins Eck. Und Kennern der Partie sei gesagt: Ja doch, dieser Freistoß wird noch eine Rolle spielen in der Berichterstattung. Aber alles zu seiner Zeit. Dies war in der 70. Minute. Und drei Minuten später hatte man den Rückstand egalisiert: Ecke von links, in der Mitte Harnik im Duell mit „Löwen“-Keeper Kiraly, kommt nicht zum Kopfball, begeht aber auch kein Foul, der Ball kommt kurz hinter dem Fünfmeterraum wieder runter und wird von Zoundi aus dem Gewühl heraus artistisch mit einer Art Seitfallzieher unter die Latte gesetzt. Ausgleich! Und gar nicht mal unverdient, denn die „Löwen“ rannten in der eigenen Hälfte größtenteils nur noch herum wie aufgescheuchte Hühner. Kurz darauf hätte Fortuna sogar noch das 3:2 machen können, aber Lambertz versuchte es nach Traumpass Zoundi lieber alleine, statt die mitgelaufenen Harnik oder Jovanovic einzusetzen. Immerhin, nachdem er an seinem Gegenspieler gescheitert war, schaffte er noch den Rückpass auf Zoundi, der dann aus 16 Metern übers Tor schoss. Es wäre auch des Guten zuviel gewesen, so toll war die Fortuna an jenem Sonntag auch nicht, aber der Gegner war ja auch nicht besser. Bis auf einen, wie wir gleich sehen werden. Bezeichnenderweise bestand die größte Chance der Gastgeber in ihrer anschließenden „Schlussoffensive“ darin, dass Abwehr-Organisator Jens Langeneke per Kopf nach Flanke von rechts beinahe noch ein Eigentor unterlaufen wäre, aber der Ball ging über das Tor und kurz darauf war das Spiel aus.

Fortuna machte also binnen drei Minuten aus einem 0:2 in der Allianz-Arena noch ein 2:2 und holte verdient einen Punkt vor 22.400 Zuschauern. Kein großes Gekicke von beiden Mannschaften, möchte man sagen. Dafür war es dann am Rande ungleich interessanter. Denn es folgte wieder einmal ein großer Auftritt von Ewald Lienen, frei nach dem Motto „Warum ich auch bei meinen nächsten 36 Vereinen nach einem Jahr untragbar sein werde“. Stein des Anstoßes war der Freistoß, der zum 1:2 durch Jovanovic führte. Folgendes war geschehen: Lambertz führte den Ball an der Strafraumgrenze, Holebas grätschte mit gestrecktem Bein und Fußsohle nach oben. Er traf den Ball, Lambertz ging zu Boden, es gab den Freistoß mit den erwähnten Folgen. Es war also somit kein Foul an Lambertz, was der Ewald nicht nur „ohne Zeitlupe aus 60 Metern Entfernung“ gesehen hatte, sondern er nahm dies auch zum Anlass, zu behaupten, diese eine Situation habe „das komplette Spiel gekippt“, welches seine Löwen „hochüberlegen“ geführt und ansonsten „locker gewonnen hätten“. Das hatte außer ihm nun so gut wie keiner mehr gesehen, aber das wäre ja noch normal. Nun fragte der Bezahlsender sky direkt nach Spielschluss bei Andreas Lambertz nach, der zugab, dass es sich wohl eher nicht um ein Foul gehandelt habe. Obwohl man die Art und Weise des Einsteigens von Holebas natürlich als gefährliches Spiel werten kann, und dann ist es völlig unerheblich, ob ein Foul vorliegt oder nicht. Bei Ewald, der noch nie in besonderer Regelkunde aufgefallen ist, natürlich nicht. Der redete sich auf der Pressekonferenz mit jeder Minute mehr um Kopf und Kragen und bescheinigte abschließend auch ausgerechnet dem Journalisten vom Bayerischen Rundfunk, ihm „selten dämliche Fragen“ zu stellen, weil der es gewagt hatte, ihn zu fragen, ob seine Mannschaft nach dem Anschlusstreffer nicht kurzfristig die Ordnung verloren habe. Nein, nein, seine Mannschaft doch nicht! Anschließend attestierte er Fortuna-Kapitän Lambertz noch, ihn „zum Kotzen“ zu finden, weil dieser in dem Interview nach dem Spiel zugegeben hatte, dass es kein Freistoß gewesen sei. „Da soll der lieber nach Hause gehen und gar nichts sagen.“ Natürlich, wenn ein Reporter den Lambertz fragt, ob das ein Foul war, und der sagt „Kein Kommentar“, das hätte dem Ewald sicherlich besser gefallen, ist schon klar. Nein, er hätte es gerne gehabt, wenn der Spieler dies auf dem Spielfeld noch gesagt hätte, vor der Ausführung des Freistoßes. „Aber damit braucht man heutzutage wohl nicht mehr zu rechnen, von meinen eigenen Spielern wahrscheinlich auch nicht.“ Tja, warum sagt er dann überhaupt etwas? In einem Nachklapp versuchte er dann noch verzweifelt, den Schiri aus der Sache herauszunehmen, indem er ihm eine „hervorragende Leistung“ attestierte, nur in dieser einen Situation halt nicht, in der „der Schiri einen Freistoß erfindet.“ Auch nett. Und weil er grad so gut in Schwung war, bekamen aufgrund des Alters von Daniel Siebert, welches ihm sehr jugendlich erschien, auch gleich noch „die Knaller von der FIFA“ einen mit, die die Altersgrenzen immer weiter runterschrauben würden. Mittlerweile grinste die ganze Pressekonferenz, sehr gute Unterhaltung.

Auf diese Schiene gebracht wurde er allerdings auch durch die unglaublich einseitige Berichterstattung von sky, die ihm direkt nach Spielschluss die richtigen Stichworte lieferte. Das Interview wurde vor der Pressekonferenz eingeblendet, und man konnte sehr schön sehen, wie der Reporter sich bemühte, Lienen sofort auf diese Szene zu stoßen und ihm die Initialzündung zu liefern. Nun, es weiß ja jeder, in welcher Stadt dieser premiere-Nachfolger seinen Hauptsitz hat, aber so offensichtlich muss man es dann doch nicht machen. Denn es wurde noch einen Tacken besser: nach diesem Interview, in dem Lienen schon Gift und Galle spuckte, wurde die sky-Kurzzusammenfassung des Spiels gezeigt. Und, o Wunder, natürlich wurde die Aktion von Holebas und Lambertz vor dem Freistoß zum 1:2 in allen Einzelheiten gezeigt, was aber tatsächlich fehlte, war die Situation, die zum Freistoß für die Löwen vor dem 2:0 führte! Die fiel der Schere zum Opfer, der Umschnitt von einer Szene zuvor geht sofort mit der Ausführung des Freistoßes von Ludwig weiter! So ein Pech. Apropos Ludwig, dessen drei Blutgrätschen aus der ersten Halbzeit gibt es natürlich auch nicht in bewegten Bilder. So ein Pech II. Dazu hätte ich gerne mal eine Aussage vom Gottvater des Fairplay an jenem Nachmittag gehört. Aber mit so etwas wollte man den Erzürnten nicht auch noch belasten. In bester „Torsten-es-war-nur-Notwehr-Frings“-Tradition selektierte der Sender mal eben so, dass es in sein Weltbild passte und gute Unterhaltung garantieren würde. Oder um einmal mit einer schicken Alliteration zu protzen: ein Musterbeispiel an medialer Meinungsmache. Wobei ich persönlich es ja eigentlich noch unterhaltsamer finden würde, wenn der Ewald jetzt nachträglich seinem eigenen Spieler auch noch bescheinigen müsste, ihn ebenfalls „zum Kotzen“ zu finden, wollte er halbwegs seriös bleiben, was bei ihm aber nun wirklich niemand erwartet. Der ließ sich schön die Vorlage vom Haus-und-Hof-Sender liefern und verwertete sie gekonnt, um von den Schwächen der eigenen Mannschaft abzulenken. Ganz großer Auftritt des kleinen Mannes mit hohem Unterhaltungswert, eigentlich mehr als das Spiel.

Leider wird das Ganze natürlich noch ein unpassendes Nachspiel für uns haben, dank des investigativen Journalismus des Senders, dessen Männeken tatsächlich im Anzug und Krawatte am Spielfeldrand stehen und Interviews führen, wobei ich mich immer frage, was die mit meinem Sport zu tun haben, dank der knallharten Nachfragen dieser Medienprofis hat Lambertz ja zugegeben, dass es sich um eine Fehlentscheidung und eventuell auch um einen Täuschungsversuch seinerseits gehandelt hat. Und so werden die pflichtbewussten Herren des DFB jetzt schnell einschreiten und ihn wohl noch nachträglich wegen Unsportlichkeit sperren. Denn natürlich hat der Kontrollausschuss am Tag nach dem Spiel ein Ermittlungsverfahren gegen Lambertz eingeleitet, wegen krasser Sportwidrigkeit in Form unsportlichen Verhaltens, und Lambertz zu zeitnaher Stellungnahme aufgefordert. War halt eine blöde Aussage von ihm. Hätte er doch nur gelogen, das würde Ewald dann bestimmt auch nicht zum Kotzen finden! Für so etwas haben sie bei sky bestimmt eine Strichliste – wieder einen zur Strecke gebracht. Und der Zettel-Ewald darf weiter wüten, dass alle Anderen Schuld waren, nur er und seine Mannschaft nicht, die das Spiel nach einer Stunde innerlich abgehakt hatte.

Ach ja, und unser Trainer? Auf den wird man ja bei jeder Auswärtstour angesprochen, ob der immer noch so leicht ausflippen würde wie damals, als er Albert Streit ausknockte, was in der Phantasie einiger Leute, die natürlich niemals dabei waren (im Gegensatz zu mir) mittlerweile zu einer Art Gemetzel mutiert zu sein scheint. Umso erstaunlicher finden es dieselben Leute dann, dass der immer so ruhig bleibt. Zum Beispiel in Fürth, als wir dermaßen klar benachteiligt wurden, dass es der Schiri unmittelbar nach dem Schlusspfiff sofort zugab. Oder in St. Pauli, wo man uns zwei klare Elfer verwehrte. In beiden Fällen hat er den Grund der Niederlagen öffentlich nicht beim Schiri, sondern bei der Mannschaft gesucht. Da bleibt der Mann locker. Und während ein Wollitz davon redet, dass ihm das Fairplay am Herzen liege, während er im nächsten Halbsatz diese Uralt-Geschichte unseres Trainers wieder aufwärmt und in den Ring wirft, während ein Lienen es tatsächlich Ernst meint, dass das komplette Spiel nur aufgrund dieses einen Pfiffs gekippt sei und dies direkt ausnutzt, um gegnerischen Spielern, dem Schiri und der FIFA einen mitzugeben, währenddessen sitzt unser Trainer da, grinst sich eins und wird innerlich wahrscheinlich ständig den Kopf schütteln, wie man soviel Dünnpfiff verbreiten kann, und das auch noch permanent. Er meinte dann auch abschließend, er wolle sich nicht streiten, es gäbe genug Situationen in jedem Spiel, in denen solch umstrittene Entscheidungen zu besichtigen wären, und man könne sich doch eigentlich darauf einigen, dass der Freistoß sehr gut geschossen worden sei. Womit er den Zettelmeister natürlich wieder auf die Palme brachte. Aber so entlarvt man halt die Choleriker, die vor keiner Abstrusität halt machen, nur um nicht zugeben zu müssen, dass eine Niederlage oder ein Unentschieden verdient ist, weil es die eigene Mannschaft verpennt hat.

Bei einer Sache bin ich mir allerdings ziemlich sicher: dass wir jetzt bei Ewald auf dem Zettel stehen. Zumindest Lambertz ganz groß und mit einem Kringel drum. Aber da gönne ich mir ein einziges Mal diejenige Arroganz, die Lienen in seinem Interview nur mühsam zurückhalten konnte, was ihm auch nicht permanent gelang, und sage: was interessiert mich das Gejammer eines baldigen Ex-Trainers des aktuellen Tabellen-15. der Liga? Wenn die so weiter würgen, wird ihn auch sky bald nicht mehr halten können. Soviel können die gar nicht schneiden.

Nach dem 14. Spieltag finden wir die Fortuna weiterhin auf Rang 4, mit 24 Punkten. Das ist schon sensationell. Da ist zwar auch schon einige Luft nach oben, aber das sollte eher weniger interessieren. Da sollten sich lieber andere selbsternannte Aufstiegsfavoriten fragen, warum sie noch weiter als wir von Kaiserslautern, Bielefeld und St. Pauli entfernt stehen. Nun gilt es, die letzte drei Spiele der Hinrunde noch gut über die Bühne zu bekommen, um dann in der kurze Winterpause hoffentlich unser mittlerweile doch beträchtliches Lazarett lichten zu können. Gegen München saßen immerhin Schwertfeger und Lawaree zumindest wieder auf der Bank. Hergesell, Cakir, Bulykin, Kadah, Anderson, Melka und Christ dürfen gerne bald folgen. Ohne ihrerseits Nachfolger in der Krankenstation begrüßen zu müssen. Allmählich wird es nämlich wirklich eng, zumal man jetzt auch mit einer Sperre für Lambertz rechnen darf. Aber wenn, wie derzeit, sogar der „dritte Anzug“, hier in Gestalt unseres Japaners Yuki Kozo, gut passt, dann ist das schon ein wenig unheimlich. Unheimlich schön nämlich.

Abgeschlossen wird die Hinrunde zunächste mit zwei Heimspielen in Folge, am kommenden Freitag (04.12.09) gegen Arminia Bielefeld, eine dankbare Nummer, da erwartet nun wirklich niemand etwas, besonders, wenn sich im Lazarett noch etwas zum Negativen verändern sollte. Am Sonntag darauf kommt RW Oberhausen, und zum Kehraus 2009 geht es am 19.12.09 (Samstag) an die Ostseeküste zu Hansa Rostock Dann wird man eine Bilanz der Hinrunde ziehen können, die eigentlich jetzt schon positiv ausfallen muss, da man bereits weiter ist, als man sich in den kühnsten Träumen erhofft hätte. Aber gegen bis zu neun zusätzliche Punkte vor der Winterpause hätte ich natürlich nichts. Da bin ich jetzt ganz im Weihnachtsfieber – ich lass mir gerne was schenken!

Eine schöne Adventszeit wünscht: janus