von Janus, 27.4.2008

 

Spieltag 29 bis 32

Der geneigte Leser sei vorgewarnt: hier geht es diesmal eher weniger um Fußball. Zumindest, was Fortuna angeht. Die „Leistungen“ dieser Truppe verschlugen mir im April dermaßen die Sprache, dass ich ihr Auftreten diesmal recht kurz abgehandelt habe. Also für meine Verhältnisse. Wenn ich dazu alles geschrieben hätte, was ich hätte schreiben können – mein Gott, dafür hätte ich Urlaub nehmen müssen, um das in der Zeit fertig stellen zu können. Und anschließend wäre es wohl nicht jugendfrei gewesen. Also beschränke ich mich auf kurze Abhandlungen leidvollen Gejammers. Dass es trotzdem etwas länger geworden, liegt an einer kleinen Exkursion meinerseits nach Hamburg in der Mitte des Aprils. Da ging’s zwar auch eher weniger um Fußball, aber ich hatte wenigstens Spaß. Wer’s trotzdem lesen mag – here we go.

Insolvenz Part I – Der Dolchstoß


Am 05.04.2008 hätte Fortuna beim bereits feststehenden Absteiger VfB Lübeck antreten sollen. Leider hatten zwei Parteien etwas dagegen, die Wetterfraktion und die Platzkommission. Ebenso leider fiel ihnen dies reichlich spät ein. Erst in der Nacht vor dem Spiel begann es richtig, wie aus Eimern zu schütten. Da war es wohl auch der Platzkommission zu ungemütlich. Man einigte sich auf den letzten möglichen Termin zur Begehung des Platzes, drei Stunden vor Spielbeginn. Das Schiedsrichtergespann, aus dem unfassbar weit entfernten Hamburg quasi per Weltreise ankommend, verirrte sich dann anscheinend noch in die Lübecker Innenstadt und blieb in der Niederegger Marzipan-Filiale hängen. Als Konsequenz kamen sie dann auch noch eine Stunde zu spät. Also wurde erst um 12 Uhr der Platz begutachtet und das Spiel, das um 14 Uhr hätte angepfiffen werden sollen, abgesagt. Da merkt man, dass man 3. Liga spielt...
Keine Frage, wenn man sich die Bilder des Spielortes betrachtet, dann war die Absage gerechtfertigt, der Platz glich eher einer holsteinischen Seenplatte als einem Fußballfeld. Aber der Zeitpunkt der Absage, zwei Stunden vor dem Spiel, war, diplomatisch formuliert, etwas unglücklich. Besonders wenn der Gegner aus 500 km Entfernung anreist. Etliche Fans waren schon vor Ort in Lübeck, als die Absage kam, den Rest erwischte es auf der Autobahn oder in den Zügen, viele glaubten erst mal an einen schlechten Scherz und fuhren weiter. Ich persönlich war spät dran und daher erst zwischen Hamburg und Bremen, da ging’s noch. Mir wurde nahegelegt, doch einen Abstecher nach Bremen zu machen, da könnte ich mir noch Werder II gegen Babelsberg anschauen. Ich verzichtete dankend und hatte Recht: ein Spiel auf dem verfluchten Nebenplatz 11 zwischen diesen beiden Weltmannschaften, bei diesem Sauwetter, das dann auch folgerichtig 0:0 endete – das hätte mir den Rest gegeben. Gibt auch so schon kaum etwas Deprimierendes als stundenlang auf der Autobahn für nichts herumzufahren. Okay, kommt bei Fortuna-Spielen auch häufig vor, aber dann gibt’s wenigstens noch Fußball zwischendurch. Wenigstens vom Gegner.

Den rafften wir in diesem Fall natürlich trotzdem dahin, wenn auch eher ungewollt. Über die prekäre Lübecker Finanzsituation hatte ich hier schon einige Worte verloren. Gebessert hatte sich in der Zwischenzeit nichts. Es wurde so schlimm, dass die Truppe zum Auswärtsspiel in Oberhausen (eine Woche vor dem Termin gegen Fortuna) erst am Spieltag anreisen konnte, in einigen Kleinbussen, die ein mitleidiger Sponsor zur Verfügung gestellt hatte. Anschließend hielt man in Oberhausen eine Halbzeit mit und brach nach dem ersten Gegentor auseinander, was den Kommentator der ARD-Sportschau zu der Aussage veranlasste: „Die Lübecker sahen staunend zu, vielleicht hatte sie ja auch die unerwartete Zahlung der Februar-Gehälter vor einigen Tagen vor Glück erstarren lassen.“ Tja, und für die März-Gehälter – dafür waren die Zuschauereinnahmen aus dem Spiel gegen Fortuna bestimmt. Nachdem dieses abgesagt worden war, ging man einige Tage nach dem Termin den bitteren Gang und meldete Insolvenz an. Und hierbei soll nicht unerwähnt bleiben, dass einige Fortuna-Fans, die bei der Absage bereits vor Ort waren, von der Geschäftsstelle des VfB mit kleinen Lunchpaketen (!) für die bevorstehende Rückfahrt versorgt wurden. Sie gaben quasi ihr letztes Hemd, anschließend sperrten sie die Hütte ab und gingen pleite nach Hause. Und das nur wegen ein bisschen Regen. Aber machen wir uns nichts vor, ansonsten wäre der Antrag halt zwei Wochen später erfolgt. Und egal wie ärgerlich so etwas für alle Beteiligten ist, wie einige Blitzbirnen im Forum der Fortuna noch ernsthaft fordern konnten, dass der VfB Lübeck (der mit der Spielabsage nicht das Geringste zu tun hatte) den vergeblich angereisten Fans auch noch Schadenersatz leisten solle, zeigte sehr gut wie es in puncto Unwissenheit und/oder Arroganz bei einigen bestellt ist. Lustigerweise bei denen, die mit ihrem Hintern zuhause im Warmen saßen, denn diese Einträge erschienen quasi sofort nach der Absage, da konnten die Lübeck-Fahrer noch gar nicht zuhause sein. Und solche Heimschläfer wissen ja eh immer alles besser, von Trainingsmethoden über Mannschaftsaufstellungen bis hin zu Schadenersatzforderungen, wenn man freiwillig, uneingeladen und ungefragt mal eben 500 km anreist, und die Veranstaltung dann aufgrund höherer Gewalt ins Wasser fällt. Klar hätte die Platzkommission früher zusammen treten müssen, aber die schöpfte nun mal nur den Rahmen aus, den die DFB-Spielordnung ihr bietet. Und in diesem Fall vielleicht noch nicht einmal ganz ungerechtfertigt, denn wie gesagt, der richtig heftige Regen begann ja erst in der Nacht zuvor. Und was los gewesen wäre, wenn sie um 8 Uhr morgens das Spiel abgesagt hätten, und ab 9 Uhr hätte strahlender Sonnenschein geherrscht, kann man sich auch unschwer vorstellen. Fußball ist nun mal ein Freiluftsport, da muss man ab und zu mit so etwas rechnen. Aber okay, wer sich dieser Freiluft sowieso nicht aussetzen will oder kann, der meckert dann auch leichter. Klingt komisch, ist aber so.

Der neue Termin wurde relativ zügig für den 22.04.08 angesetzt. Im Nachhinein ist man natürlich immer schlauer. Hätten wir doch lieber an jenem Tag eine Runde Wasserball gegen Lübeck gespielt! Gegen eine Trümmertruppe also, die aus dem letzten Loch pfeift, und nur noch die Saison mit Anstand zu Ende spielt, mit einer Handvoll Profis und Spielern aus der Zweiten Mannschaft und aus der A-Jugend. Und wozu die dann in der Lage sind, wenn es wieder um Fußball geht und so eine arrogante Truppe vorbei schaut, wahrscheinlich noch mit Schadenersatzforderungen im Gepäck, das werden wir noch erleben. Wenn auch nur kurz.

Sprachlos I

Wir kommen nun zum angekündigten Novum in der kurzen Geschichte dieser Website. Ich werde mich mal in der mir eher ungewohnten Kurzberichterstattung versuchen, was Fortuna angeht. Denn bis zum heutigen Tag fehlen mir so ein wenig die Worte für das, was sich in den weiteren April-Wochen ereignete. Mit Ausnahme des darauf folgenden Wochenendes. Aber da war stand Fortuna ja nicht alleine im Mittelpunkt. Ich bitte jetzt schon, die ausführliche Abschweifung zu vermeiden, aber jenes Wochenende vom 11.04.08 bis zum 13.04.08 ist sportlich das Einzige, über das ich mich im April freuen konnte. Der Rest war dermaßen unterirdisch, dass selbst Labertaschen wie ich merken: manchmal kann man nix mehr schreiben. Oder wenigstens nicht mehr viel.

08.04.08, Finale des FVN-Pokals. Gegner: RW Essen, seines Zeichens gerade auf dem direkten Durchmarsch von der 2. in die 4. Liga. Außerdem mit genau einem Tag Pause, das Finale war an einem Dienstag, und die Essener hatten am Sonntag zuvor noch 0:3 gegen Union Berlin verloren. Finalort: MSV-Arena in Duisburg, wirklich würdig für ein Endspiel zweier Amateur-Mannschaften. Zuschauer: 8.000, davon vielleicht 1.000 Essener, wenn’s hoch kommt, der Rest Fortuna-Fans. Der Lohn: der Sieger spielt in der 1. DFB-Pokal-Hauptrunde zu Beginn der nächsten Saison. Mit diesem einen Spiel also auch eine schöne garantierte Nettosumme für die Vereinskasse. Mehr geht eigentlich nicht.

Fortuna verlor 0:1 nach völlig indiskutabler Leistung. Die kamen auf den Platz und hatten schon gewonnen. Selbst mit dieser Einstellung war man durchaus gleichwertig gegen grottenschlechte Essener, die völlig verunsichert und mit der Union-Klatsche im Kopf genauso spielten, wie es ihr damaliger (und jetziger) Tabellenplatz aussagte. Was das dann für ein Spiel war, kann sich jeder lebhaft vorstellen. Zweimal, nur zweimal hatte man das Gefühl, in diesem Spiel könnte die Fortuna etwas reißen: in der ersten Halbzeit wurde einmal schön schnell gespielt, Flanke von links hinter den langen Pfosten, Cebe legte direkt aus der Luft in die Mitte ab, und Andy Lambertz haute die Kugel aus fünf Metern Entfernung aus dem Stadion heraus. Unfassbar. In der zweiten Halbzeit dann noch ein schöner Freistoßtrick, und Lawaree semmelte die Kugel aus zwanzig Metern an den linken Pfosten. Okay, Pech, kann passieren. Was nicht passieren kann, ist, dass danach nichts mehr kam. Nichts! Anscheinend hatte man sich gedacht, wir schieben die Kugel mal lässig hin und her, spätestens in der Verlängerung werden die Essener zusammenbrechen. Das hätte vielleicht sogar gestimmt, aber was dann kam, setzte dem Ganzen doch die Krone auf: in der 77. Minute Freistoß von links für Essen, auf den langen Pfosten gezogen, an Freund und Feind vorbei, besonders an Freund, und dann drei frei stehende Essener, die noch ausdiskutieren konnten, wer die Bude macht. Schließlich war es Verteidiger Joseph-Augustin, der die Kugel aus Nahdistanz über die Linie drückte. Und das setzte dem Ganzen deswegen die Krone auf, weil es nahezu eine exakte Kopie des 0:1 gegen Magdeburg anderthalb Wochen zuvor war. Da kommt man sich dann richtig verarscht vor. Von den restlichen Spielminuten übrigens auch.

RW Essen darf nun im DFB-Pokal spielen, und Fortuna-Fans dürfen sich bei der Mannschaft bedanken, dass nicht nur die letzten fünf, sondern auch die letzten sechs Teilnahmen am FVN-Pokal weiterhin mit einem einzigen griffigen Satz zu erläutern sind: dreimal in Wuppertal ausgeschieden, dreimal im Finale verloren. Vielen Dank dafür.

Ein etwas anderes Wochenende


Nun kommt die kleine Ausnahme, es darf wieder etwas ausführlicher werden. Wer sich nur für Fortuna interessiert, dem sei ein Vorscrollen ans Ende dieses Abschnitts empfohlen. Hier geht’s erst mal um andere, die mir im April tatsächlich ein bisschen Freude gemacht haben.

Ich bin ja bekennender Videotext-Fan. Irgendwann im Januar schaute ich mit einem guten Bekannten mal die Ergebnisse des Wochenendes in den Amateurligen durch, die bei den Regionalsendern angeboten werden. Bei dem Kollegen handelt es sich um einen Redakteur des altehrwürdigen Online-Magazins www.seitenwahl.de, welches sich schon seit über zehn Jahren mit Wohl und Wehen eines kleinen Clubs in der Nähe von Ostholland befasst, gemeinhin als Borussia Mönchengladbach bekannt. Eine wohltuend unaufgeregte Website, die sich besonders durch informative Vorberichte und Nachbereitungen der Gladbach-Spiele auszeichnet. Und damit die Jungs dort auch mal lernen, was „bestimmte Länge“ eines Beitrags sein kann, habe ich dort schon mehrfach im Rahmen des Vorberichtes mitschreiben dürfen – natürlich, um den jeweiligen Gegner der Borussia vorzustellen, nicht, dass ich hier noch in falschen Verdacht gerate! Beim HSV in der letzten Saison fiel mir das noch leicht, aus solchen Weltvereinen wie Wehen, Greuther Fürth, Paderborn oder Koblenz etwas Informatives rauszuholen, ist schon schwieriger, macht aber großen Spaß. Okay, im Falle Paderborn musste ich sogar mal drei Zeilen über Holgi Fach schreiben, es ist also nicht immer ein Vergnügen. It’s a dirty job, but someone’s got to do it!

Zusammenfassend kann man somit sagen, der Kollege ist genauso fußballbekloppt wie ich und für eine gepflegte Durchforstung der Videotexte immer zu haben. Wir stöberten ein wenig beim WDR und NDR und delektierten uns an Namen, die in der Vergangenheit schon mal etwas größer waren, wie z.B. Preußen Münster (Oberliga Westfalen), SG Wattenscheid 09 (Verbandsliga Westfalen II) oder SV Meppen (Oberliga Nord). Natürlich wurden auch eher skurrile Vereinsnamen schmunzelnd zur Kenntnis genommen, wie z.B. Davaria Davensberg (Verbandsliga Westfalen I), TuS Eving Lindenhorst (Landesliga 3 West), VSK Osterholz-Scharmbeck (Oberliga Nord) oder der dem Fortuna-Fan sattsam bekannte SV Hönnepel-Niedermörmter (Verbandsliga Niederrhein), in der letzten Saison noch Gegner von Fortuna II.

Tja, und dann kamen wir zur Verbandsliga Hamburg, kurz „Hamburg-Liga“ genannt. Und dort mussten wir beim Betrachten der Tabelle doch zweimal hinschauen. In dieser Liga tummeln sich nämlich unter anderem zwei Teams mit den klangvollen Namen FC Voran Ohe und USC Paloma. Die setzten dem Ganzen dann doch die Krone auf. Zwei solche Teams, die in der Rückrunde aufeinander treffen würden, und wir wären nicht dabei – ja, durfte das denn sein? Natürlich nicht! Kurz wurden mal die Daten bei www.fussball.de gecheckt. Dort stand die Rückrundenpartie dieser beiden Giganten mit den herrlichen Namen auf Freitag, den 11.04.08. Spontan wurde der Termin als Reisetag vereinbart. Besonders, nachdem wir die Website des Gastgebers mal einer genaueren Prüfung unterzogen hatten. Da gab es kein Halten mehr.

Voran Ohe ist offiziell der Fußball-Club „Voran“ e.V. von 1949 Ohe, ein Breitensportverein, der neben Fußball auch Leichtathletik, Schwimmen und Triathlon, Tischtennis, Tanzen, Tennis, Turnen und Gymnastik sowie Volleyball anbietet – und das alles als eingetragener Fußball-Club! Ohe ist ein Stadtteil von Reinbek, der aber als ältester Sportverein der ehemaligen Gemeinde Schönningstedt sehr auf sich hält – auch in den Werbeanzeigen der jeweiligen Kleinsponsoren erscheinen deren Geschäftsadressen stets in der Form „Reinbek/Ohe“. Hervorgehoben wurde insbesondere die idyllische Lage am Sachsenwald – davon hatte ich leider noch nie gehört, aber es klang recht nett.

Was das Eis dann endgültig zum Schmelzen brachte, war ein Klick auf die Fußball-Abteilung. Die 1. Mannschaft des FC Voran firmiert nämlich tatsächlich unter dem Synonym „Das weiße Ballett“! Jetzt weiß ich also, woher die BLÖD vor einigen Jahren diese Lobhudel-Bezeichnung für ihre Firmentruppe, den FC Bayern München, geklaut hat! Und welches weiße Ballett mir lieber ist, darüber braucht wohl nicht weiter philosophiert zu werden. Als wir dann noch lasen, dass das Team stolzer Gewinner des „Heini-Jöns-Cups 2006“ war (ohne zu wissen, worum es da überhaupt ging), dass die Altherrenmannschaft für den 28.03.08 zum diesjährigen Preisskat und Knobeln „Bei Hänschen“ einlud, und dass der Verein seine Heimspiele in einem Hexenkessel namens „Hans-Heinrich-Hackmack-Stadion“ austrägt, da war die Sache klar – dieses Spiel durfte eigentlich nicht ohne uns über die Bühne gehen! Zumal der Gegner vom Namen her ja auch etwas zu bieten hatte – der Uhlenhorster SC Paloma, tatsächlich mit der berühmten weißen Taube auf blauem Hintergrund im Vereinswappen. Das weiße Ballett gegen die weißen Tauben, das klang nach großer weiter Welt – oder nach der ostfriesischen Nationalflagge, die einst Otto Waalkes einführte: weißer Adler auf weißem Grund. Auf jeden Fall ein Pflichttermin – wenn man denn Zeit hat...

Denn natürlich hatten wir auch so unsere Termine. Mönchengladbach spielte an jenem Wochenende das Rückspiel gegen Aufstiegskonkurrent Greuther Fürth, Fortuna empfing Spitzenreiter RW Oberhausen – ein etwas ungünstiger Zeitpunkt für einen Abstecher zum weißen Ballett. Aber einmal in dieser Saison hielt der Fußballgott seinen Daumen dazwischen und sorgte für ein geschäftiges Wochenende unsererseits: Das weiße Ballett würde wie gesagt am 11.04. zum Tanz bitten. Am Samstag, den 12.04., spielte mein heimlicher Zweitverein, der Hamburger SV, sein Heimspiel gegen den MSV Duisburg. Und die Spiele, auf die es in diesem Fall wirklich ankam – die wurden auf Sonntag terminiert. Gladbach kam also erfolgreich um ein weiteres dieser öden Montagsspiele herum, bei Fortuna erfolgte die Verlegung aufgrund der Terminierung des Pokalendspiels gegen RW Essen am Dienstag zuvor. Somit stand einem abwechslungsreichen Fußballwochenende nichts mehr im Wege!

Schnell wurde sich die Hilfe eines weiteren Kollegen gesichert, der nicht nur eine Unterkunft organisierte, sondern als waschechter Hamburger und HSV-Fan nicht nur bei der Beschaffung der Tickets für die Bundesligapartie mit Rat und Tat zur Seite stand, sondern als exzellenter Ortskenner auch für den Transport zum Ground in Ohe verantwortlich zeichnen würde. Zur Planung hatte er dann auch etwas zu sagen. Als wir ihm diese im Januar per SMS mitteilten, kam lediglich die lakonische Antwort: „Ja, Voran Ohe. Kann man schon mal machen, denke ich!“, gefolgt von der natürlich rein rhetorischen Frage: „Wie bekloppt seid ihr eigentlich?“ Tja, und das sind dann so Fragen, die ich lieber nicht beantworte, ich könnte zu sehr ins Grübeln geraten. Stattdessen fährt man lieber los. So wie wir am 11.04.08!

Nach einer erstaunlich ereignislosen Anfahrt zum HSV-Kollegen ging es von dort weiter nach Ohe. Da der gute Mann in unmittelbarer Nähe der Adolf-Jäger-Kampfbahn von Altona 93 residiert, weiß der Hamburg-Kenner natürlich sofort, dass die Tour nach Ohe sich etwas mühseliger gestalten würde, wir mussten nämlich quer durch die Hamburger Innenstadt, und das am späten Freitag Nachmittag. Es dauerte dann auch etwas länger, aber wir trafen pünktlich kurz vor Spielbeginn ein. Nachdem wir zuletzt noch eine schicke Wohnsiedlung durchqueren mussten, standen wir schlussendlich vor dem legendären Ground. Man betritt ihn am Clubheim und wandert sodann quer über einen Kinderspielplatz zum eigentlichen Eingang des Stadions. Naja, Stadion...ein Sportplatz halt. Keine Tribüne, dafür aber natürlich Rasenplatz. Der Ground geizt nicht mit einigen skurrilen Reizen. Wenn man am Kassenhäuschen seinen Obolus entrichtet hat, schreitet man eine leicht abschüssige Rampe hinunter zum Spielfeld. Hinter dem rechten Tor ist ein Carport aufgebaut, in dem allerdings nicht der Wagen des Hausmeisters, sondern Imbiss- und Getränkestand Platz finden. Auf der linken Geraden findet sich das Kabinchen des „Stadionsprechers“, der auf den Spitznamen „Rüstü“ hört, folglich hängt an dieser kleinen Besenkammer auch ein Schild, welches diese als „Rüstü’s Ritze“ ausweist. Doch, sehr nett. Auf der Gegengeraden stehen nur die Trainerbänke, dahinter ein paar Büsche, dahinter wiederum Wohnhäuser. Ab dem zweiten Stockwerk guckt man auf den dortigen Balkons kostenlos, würde ich sagen. Beeindruckend auch noch die Tartanbahn – auf der Seite der „Hauptgeraden“. Sie führt nicht um den ganzen Platz, somit kann man hierauf auch nur maximal 100-m-Sprints absolvieren. Aber das reicht ja auch.

Wir erwarben Eintrittskarten für fünf Euro das Stück – bisschen happig für eine fünfte Liga, finde ich, aber soviel kostet es in hiesigen Gefilden ja mittlerweile auch. Dafür gibt’s allerdings nicht nur freie Platzwahl, sondern auch die Stadionzeitung des FC Voran Ohe kostenlos obendrauf. Und die ist ein solcher Burner, daraus kann man bedenkenlos alles zitieren. Okay, zur Hälfte besteht sie natürlich aus Kleinanzeigen der Förderer, aber bei solch kleinen Vereinen ist das natürlich in Ordnung. Der Rest ist absolut lesenswert, eine Perle der Fußball-Berichterstattung. Zunächst eine Rückschau auf das Spiel des FC Voran bei einem nicht minder legendären Verein der Hamburg-Liga, Barmbek Uhlenhorst. Hierbei wurde auch nostalgisch daran erinnert, dass „BU“, unter diesem Kürzel ist der Verein hamburgweit ein Begriff, dereinst im Jahre 1972 im Pokal gegen den FC Bayern München antreten durfte. Und erfrischend direkt schloss der Schreiber diese Rückschau mit den Worten: „Schade nur, dass mir keiner das damalige Ergebnis sagen konnte, aber ein Großteil der BU-Fans war 1972 noch nicht einmal geboren.“ Da hätte ich als Verfasser natürlich auch nicht nachgeschaut! Ein schöner Einstieg!

Dann geht es weiter mit „Klatsch & Tratsch aus Ohe“. So etwas möchte ich auch mal bei uns lesen! Da werden bereits feststehende Neuzugänge für die kommende Saison kurzerhand unter der Überschrift „Neue Ballerinas!“ vorgestellt, klar, es ist ja auch für das weiße Ballett. Das Hauptaugenmerk liegt hierbei auf der Tatsache, dass es demnächst ein neues Brüderpaar beim FC Voran geben wird – das vierte nach „den bekloppten Hilles, den hübschen Knullis und den ballwegschießenden Schmidts“. Denn Neben Heiko „The Wall“ Tetzlaff wird demnächst auch sein Bruder Ronny Tetzlaff in Ohe aufspielen. Der kickt aktuell bei einem Verein mit dem hübschen Namen SV Todesfelde – bei diesem Vereinsnamen fand ich die Charakterisierung des Spielers, nämlich dass er die „gegnerischen Abwehrreihen das Fürchten lehren“ wird, metaphorisch vielleicht doch etwas fragwürdig, aber durchaus Respekt einflößend.

Und damit der Ronny auch weiß, was ihn in Ohe erwartet, kommt als nächste Meldung gleich mal die griffige Zusammenfassung – des letzten Mannschaftsabends. Da lies man es in gewohnter Manier wohl so richtig krachen, der Artikel verhehlt nicht, Sorgen umwölkt, dass zur Zeit der Drucklegung nicht bekannt war, ob Linde, Kuddel und Deutschbein mittlerweile wieder zuhause seien. Überhaupt spielt die eher flüssig vorgetragene Dritte Halbzeit eine große Rolle in Ohe, beim Fragebogen an einen Spieler, diesmal wahrgenommen von Oliver „Linde“ Lindemann (er muss wohl doch irgendwann wieder nach Hause gekommen sein) antwortet dieser auf die Frage „Deine Stärken sind?“ unter anderem mit „...natürlich die 3. Halbzeit“, was er im Abschnitt „Dein Lieblingsgetränk“ dann auch direkt explizit ausführt: „Beck’s Lemon, Pina Colada, Wodka Red Bull.“ Ich schätze mal, hätte er hier „Apfelschorle“ angegeben, wäre das Interview ersatzlos gestrichen worden. Auch fein der Spielbericht der 2. Mannschaft, die den SV Hamwarde II mit 5:3 abbügelte. Der Bericht ist sympathischerweise direkt von einem Spieler verfasst, da gibt’s auch keine zwei Meinungen zu Leistung und Taktik. Schön vor allem, wie der Spieler seinen eigenen Treffer zum 1:0 per Freistoß durch den Zusatz „ – schien haltbar zu sein“ ergänzt. Das wird er wohl auch am besten wissen. Und das Wichtigste wird auch nicht vergessen: „Ich möchte hier noch mal ein großes DANKE an Deutschbein loslassen, der sofort nach Spielende einen Kasten als ‚Einstand’ in die Kabine schmiss – größer Sport, Sören!“ Bei „Deutschbein“ handelt es sich um den Spieler Sören Deutsch, der an jenem Tag augenscheinlich einen Hattrick schaffte – erst im Spiel zwei Tore geschossen, anschließend den Kasten in die Kabine gewuchtet. Da kann man sich nur anschließen – großer Sport!

Übertroffen wird er allerdings von „Rüstü“, der mal was zum Thema Sachbeschädigung im Stadion zu sagen hat, und seinen Artikel emotionsgeladen mit dem schönen Satz „Seit einigen Wochen und Monaten langweilen sich in unserem Dorf offensichtlich irgendwelche Vollpfosten und randalieren aus diesem Grunde in unserem Stadion!?!?“ beginnt. Nach diesem frischen Opener folgt eine Aufzählung der Schandtaten, von denen auch sein Sprecherhäuschen nicht verschont geblieben ist. Für diesen Täter hat Rüstü immerhin noch einen separaten Tipp am Start: „Schwachmat, wenn du das nächste Mal dort reinschauen möchtest, sprich mich doch einfach an und du bekommst einen Schlüssel von mir, oder bist du dann bei deiner Freundin nicht ‚der große Held’??“ So soll’s sein.

Anschließend setzt er noch 50 Euro Belohnung aus, für Hinweise, die es ihm ermöglichen, „mich mit diesen Gestörten mal kurz zu unterhalten“ und schließt kurz, bündig und vollkommen korrekt mit einem schönen Zitat: „Es genügt nicht, dumm zu sein, man muss es auch zeigen.“ Weltklasse!

Kurzum, dieses kleine Heft verkürzte die Wartezeit bis zum Spielbeginn erheblich. Ich war so sehr gefesselt von den diversen Äußerungen, dass mir erst zum Anpfiff klar wurde, dass ich vielleicht noch mal die Örtlichkeit aufsuchen sollte. Dies war leichter gesagt als getan, denn auf dem Sportplatz selbst gab es keine. Nach Rückfrage bei der Kassendame war die Sache klar: einmal über den Spielplatz zurück ins Clubheim. Das war zwar verschlossen, aber eine Tür zu den Toiletten glücklicherweise nicht. Danach wieder runter zum Sportplatz, aber es hatte immer noch nicht angefangen. Nunmehr stand eine Gedenkminute an. Denn leider war eine Woche zuvor ausgerechnet der Mitbegründer des Vereins und Namensgeber des Stadions, Hans-Heinrich Hackmack, verstorben. Somit kann ich natürlich sämtliche lustigen Wortschöpfungen zu diesem Stadionnamen, die ich mir überlegt hatte, wieder einpacken, das macht man nicht. Der Mann war übrigens von 1949 bis 1999, somit unfassbare 50 Jahre, 1. Vorsitzender des Vereins. Würde mich ja schon interessieren, wie unser Verein heute aussehen würde, wenn wir dasselbe Personal wie vor 50 Jahren am Start hätten...

Der Schiri verlängerte die Gedenkminute spontan auf gefühlte zweieinhalb, da stimmte wohl mit seiner Uhr etwas nicht, dann ging es endlich los. Von der Spielpaarung her war nicht viel zu erwarten, Voran Ohe stand als Aufsteiger auf einem hervorragenden 6. Platz, allerdings genauso jenseits von Gut und Böse wie der USC Paloma, der als Tabellen-Zehnter schon zehn Punkte Vorsprung auf einen Abstiegsplatz hatte. Und so wurde das Spiel dann auch. Ich habe mich ehrlich bemüht, aber in der ersten Halbzeit konnte ich keine einzige Torchance erkennen. Dies kann allerdings auch an den äußeren Umständen gelegen haben: es goss fortwährend in Strömen, schon früh musste das Flutlicht eingeschaltet werden. Und ich muss sagen – derartige Funzeln habe ich noch nicht gesehen. Vielleicht lag es auch am Regen oder an meiner Sehkraft, auf jeden Fall hatte ich im laufenden Spiel immer mehr Schwierigkeiten, Spieler beider Teams in dem doch mehr als trüben Licht auseinander zu halten. Eventuell ging es ihnen ja ähnlich, es würde die zahllosen Fehlpässe erklären. Oder aber die Tauben kamen nicht mit dem Geläuf zurecht, denn der USC Paloma trägt seine Heimspiele wohl auf Asche aus, in der Oher Stadionzeitung stets nur vollmundig mit „roter Rasen“ umschrieben. Vielleicht spielten sie deswegen ihren größten Trumpf aus, die Beton-Abwehr, mit der die Heimmannschaft nicht klar kam.

Am Support kann es nicht gelegen haben, denn für Ohe waren ca. 10 Jugendliche am Start, die außer Rucksäcken voller Bierflaschen auch eine Trommel und kräftige Stimmen dabei hatten, von denen sie reichlich Gebrauch machten. Erstaunlich.

Zur Pause also 0:0, ein Grottenkick, Hamburger Dauerregen, Wind, kalt, ein Flutlicht, dessen Leuchtkraft ich durch Mitnahme und Benutzung meiner Taschenlampe glatt um 50 % hätte steigern können, und das nach 400 km Anfahrt – stört uns das? Nicht im Geringsten. Wenn das weiße Ballett gegen die weißen Tauben spielt, hat die Logik halt Pause. Außerdem gab es ja noch Rüstü, der uns über das Mikro mit so manch flottem Spruch erheiterte. Sein Meisterstück lieferte er unmittelbar nach Wiederbeginn, als er einen Wechsel bei den Gastgebern ansagte. Dabei wurde ihm wohl gesteckt, dass er einen verletzungsbedingten Wechsel bei den Gästen übersehen hatte – und zwar schon in der 16. Minute. Was meine Meinung über die „Leistung“ des Flutlichts vielleicht doch ein wenig untermauern könnte. Für Rüstü kein Grund, Trübsal zu blasen. So verkündete er den Wechsel einfach nachträglich, wobei die Redewendung: „...für ihn läuft jetzt schon seit einer halben Stunde Spieler xy auf dem Rasen rum!“ vorkam. Das sind Durchsagen, wie sie sein sollen.

Und da man auch noch etwas in Sachen Sport bieten wollte, gab es auch Tore zu bestaunen: das erste erzielte der FC Voran, wenn man ehrlich ist, mit dem ersten Schuss, der auch aufs Tor kam. Dafür war es auch ein richtig schöner, aus knapp 16 Metern links unten ins Eck. Torschütze war ein gewisser Matthias Heidrich, nicht irgendjemand, sondern der Top-Torjäger der Voranisten, der bereits zum 13. Mal einnetzte. Außerdem ein Jubiläumstor, nämlich Treffer Nr. 50 in der laufenden Saison für den Aufsteiger. Entsprechend groß war die Freude. Kurze Zeit später gelang den Tauben jedoch der Ausgleich durch einen Elfmeter, zu dessen Zustandekommen ich mal sage: den wollte der Spieler haben, den bekam er auch. Dusko Pezerovic verwandelte, wobei sich das doch etwas ältere Mütterchen neben uns am Geländer als Paloma-Fanin entpuppte, anschließend kehrten beide Teams zur Spielweise der ersten Halbzeit zurück und somit trennte man sich schiedlich-friedlich 1:1. Interessant wurde es zum Schluss lediglich, als sich ein Anhänger von Paloma, angetan mit einem schönen blauen Pullover, auf dem „USC Paloma Fan-Club“ stand, über die Tartanbahn den tapferen Ohe-Supportern näherte. Aber er wollte nur ein Bier schnorren, man kennt sich halt.

Kurz darauf endete ein großer Fußballabend mit einem großen Unentschieden. Der Paloma-Fan schmetterte im Abgang noch lauthals etwas von dem USC, der niemals untergehen würde, aber auch dies blieb ihm unbenommen. Er wankte gen Heimat, die Ohe-Fans sammelte ihre leeren Bierpullen ein, die sie auf der Tartanbahn vor sich abgelegt hatten, und Rüstü wünschte allen einen guten Heimweg – nicht ohne auf das nächste Auswärtsspiel des FC Voran hinzuweisen, bei GSK Bergedorf. Auf rotem Rasen natürlich. Ein schöner Abend in einem netten Umfeld. Nur das Wetter hätte wirklich etwas besser sein können. Aber man kann ja nicht alles haben. Alles Gute an das weiße Ballett und die weißen Tauben!

Tja, und knapp 24 Stunden später hätte ich mich fast wieder auf diesem Ground gewähnt, denn was der HSV am Samstag gegen den MSV Duisburg bot, besonders in der ersten Halbzeit, hatte doch gewisse Ähnlichkeit mit dem Kick vom Abend zuvor. Nur mit dem Unterschied, dass sich in Ohe ca. 50 Zuschauer gar nicht groß aufregten, weil sie wussten, dass es, wenn überhaupt, nur ein bisschen besser geht, beim HSV sich aber 54.000 Zuschauer relativ entgeistert fragten, warum sie den Samstag Nachmittag nicht sinnvoller verbracht hatten – zum Beispiel beim Hallenhalma oder beim Synchronschwimmen. Der MSV Duisburg gewann 1:0, was auch nicht selbstverständlich war, denn sie hatten nur zwei Torschüsse im gesamten Spiel. Was sie allerdings an spielerischer Klasse nicht hatten, machten sie, besonders nach der Führung, durch Schauspielkunst und Zeitschinderei wieder wett. Meinetwegen waren sie Tabellenletzter, da versucht man gar nicht erst, bei einem Champions League-Aspiranten spielerisch mitzuhalten, auch wenn der an jenem Tag noch so schlecht war. Aber so was von Zeitschinderei habe ich wirklich noch nicht gesehen. Wenn ich Schiri gewesen wäre, bei mir hätten mindestens drei Duisburger mit Gelb/Rot das Zeitliche gesegnet. Dem ein oder anderen hätten man auch ruhig die Adresse der Schauspielschule Bochum zustecken können. Unerträglich, wie sich da grundlos auf dem Rasen gewälzt wurde. Nun gut, das Ziel wurde erreicht, und wenn der Gegner zu schlecht ist, um ihnen ein Fußballspiel aufzuzwingen, dann ist der Sieg halt verdient. Aber schön sah es nicht aus.

Am Sonntag Morgen verließen wir sodann zeitig die Hansestadt und schafften es ohne Zwischenfälle zu unseren jeweiligen Spielen. Fortuna gegen RW Oberhausen, den aktuellen Tabellenführer. Wenn man weiß, wie Fortuna in den letzten Jahren gegen aktuelle Tabellenführer gespielt hat, besonders zuhause, konnte man sich eigentlich unbesorgt zurücklehnen – die hauen wir eigentlich immer weg. Kleine Nachfrage beim Wuppertaler SV, Union Berlin, VfB Lübeck, Eintracht Braunschweig oder VfL Osnabrück genügt. Wenn man sich allerdings die Leistung des Pokalspiels in Erinnerung rief und die Schiri-Ansetzung betrachtete, konnte einem schon mulmig werden. Es pfiff nämlich die Bibi. Und von den sechs Spielen unter der Leitung von Bibiane Steinhaus hatte Fortuna bislang kein einziges gewonnen. Eine weitere Negativserie, die es zu knacken galt. Und auch dies gelang. Denn zumindest eins scheint auch in dieser Saison Bestand zu haben: wenn der aktuelle Tabellenführer in die LTU-Arena kommt, dann hat er nichts zu lachen. Auch RW Oberhausen wurde abserviert und war mit dem 3:0 noch gut bedient. Erstaunliche 17.000 Zuschauer sahen zunächst zwei Traumtore, erst pfefferte Marco Christ einen Freistoß aus halblinker Position mal eben rechts oben in den Winkel, unter gütiger Mithilfe von RWO-Keeper Semmler, der mit einer Flanke gerechnet hatte und daher zu weit vor seinem Tor stand. In der zweiten Halbzeit zimmerte „Lumpi“ Lambertz die Kugel aus zwanzig Meter ebenfalls rechts oben in den Giebel, als er grad nicht wusste, wen er anspielen sollte, auch herrlich anzusehen. Und nach diesem Tor lief es auch, vorher war bei weitem nicht alles Gold, was glänzte, aber RWO war einfach zu harmlos, hatte nur eine einzige Chance durch Torjäger Terranova, die Melka glänzend parieren konnte. Was aber unmittelbar nach dem 2:0 passierte, hätte uns schon wieder stutzig machen sollen. Nachdem man den etwas lustlosen Oberhausenern die Kugel geklaut hatte, setzte sich Cebe auf rechts durch und servierte Lawaree den Ball am Torwart vorbei, und der hatte die Stirn, nunmehr nicht mal das leere Tor zu treffen. Ich habe im letzten Bericht gefragt, welche Art von Torchance er denn noch braucht, um mal wieder zu treffen, nachdem er in Verl zweimal allein vor dem Torwart versagt hatte; leider antwortete er prompt mit dieser unfassbaren Aktion. Anschließend wurde er von Trainer Meier auch zügig ausgewechselt. Ich mag ihn ja auch, aber so etwas geht gar nicht, zumindest nicht, wenn man sich als Stürmer bezeichnet. Wo wir schon hätten stehen können, wenn nur Axel Lawaree (nur er!) alle seine Großchancen genutzt hätte – unvorstellbar. Und irgendwann kann auch ich nicht mehr sagen, dass es alles nur Pech ist.

Zum Schluss nahm Fortuna den Tabellenführer also noch ordentlich auseinander, und die konnten sich bedanken, dass nur noch das 3:0 von Cebe heraus sprang, mit dem Schlusspfiff nach herausragender Vorarbeit von Lambertz erzielt. Der schöne Abschluss eines schönen Wochenendes. Gut, dass ich es so genossen habe – es wird wohl auf längere Zeit das letzte rundum schöne Sportwochenende gewesen sein.

Insolvenz Part II – ...ist der Ruf erst ruiniert (a.k.a. Sprachlos II)


Am Wochenende um den 19.04.08 hatte Fortuna spielfrei. Und es geschah Unglaubliches: alle, bis auf Ahlen, spielten für Fortuna. Mehr Traumergebnisse gingen gar nicht. Fortuna blieb auf Platz 4, zum Teil mit zwei Spielen weniger als die Konkurrenz. Mit einem Sieg im Nachholspiel in Lübeck würde man Platz 2 hinter Ahlen einnehmen und anschließend zum absoluten Top-Spiel ins Münsterland reisen. Und immer noch ein Spiel weniger haben als Ahlen, die auch noch einmal aussetzen müssen.
Das machte viele nachdenklich. Eine solche Chance, dann noch ein solcher Gegner wie der VfB Lübeck im Nachholspiel – was kann da schon schief gehen? Eigentlich alles, solche Geschenke hat Fortuna stets routiniert abgelehnt. Aber es können doch nicht auch alle neuen Spieler von diesem jahr(zehnt)elangen Virus angesteckt worden sein? Doch, das geht. Man warnte und warnte, und als das Spiel dann ausfiel, warnte man noch zwei Wochen länger – alles vergebens. Okay, auch bei den Fans gab es diejenigen, die die Spiele wohl vorab an ihrer Playstation spielen, um sodann Schützenfeste zu fordern, weil es immer so schön leicht ist, wenn auf dem Papier alles klar ist. Wahrscheinlich haben die Spieler auch die ein oder andere Playstation zuhause. Oder sie gucken zuviel Fernsehen, die Spitzenmannschaften der Bundesliga sehen ja auch nicht immer gut aus gegen Underdogs, aber meistens ziehen sie ja noch den Kopf aus der Schlinge und ermurmeln ein 1:0 oder wenigstens einen Punkt. Und wir sind ja auch einen Spitzenmannschaft! Dass das gar nicht so weit hergeholt sein könnte, werden wir gleich an einer Äußerung sehen.

Der Auftritt an der Lohmühle geriet zur völligen Blamage. Natürlich tritt Lübeck nicht mit einer kompletten Kreisliga-Rumpeltruppe an. Da sind mit Dietmar Hirsch, Tobias Rott oder Claudius Weber durchaus noch Spieler dabei, die schon höherklassig gezeigt haben, dass sie es können. Mit Pino Canale sogar ein Ex-Pirouettendreher von Fortuna. Und mit Uwe Fuchs natürlich auch ein Ex-Fortune als Trainer. Aber der Rest der Mannschaft fällt doch eher in die Kategorie „No Name“. Eine Kategorie, die an jenem Abend jedoch deutlich höher einzustufen ist als die, in die ich die Rumpelfüße von Fortuna einsortierten würde. Der Gegner, mit 12 Niederlagen aus den letzten 13 Spielen am Start, offiziell im Insolvenzverfahren, vielleicht morgen schon für pleite und aufgelöst erklärt, der spielte eine Viertelstunde rum und merkte dann, dass ihr Trümmertruppen-Ruf wohl in Düsseldorf zur Lex Lübeck erklärt worden war und sie von der Fortuna augenscheinlich nicht Ernst genommen wurden. Da wussten sie, an diesem Abend geht was. Zunächst legte Oppermann eins vor, wieder mal nach einer Standardsituation, als Torwart Melka keine Lust hatte, einen Eckball richtig zu berechnen. Hierzu sei noch angemerkt, dass Lübeck in den letzten fünf Spielen vor dieser Partie noch nicht mal ein Tor erzielen konnte. Bis Fortuna kam. Anschließend konnte Lambertz, der Einzige im Team, dem man Kampfgeist und Einsatzwillen nicht absprechen konnte, sogar in der ersten Halbzeit noch ausgleichen, als er einen Pfostentreffer von Sahin im Nachschuss versenken konnte. Die Playstation-Brigade seufzte erleichtert auf, es ging ja doch alles wie vorher schon ausgerechnet. Aber leider nur noch bis zur Pause, da hielt man nämlich das 1:1. Anschließend dachte man sich wohl, wie im Pokalfinale gegen Essen, wir schläfern den Gegner mal schön ein, und natürlich wurde auch das wieder bestraft, erneut Oppermann und in der Nachspielzeit Thomas schossen den auf dem Papier bereits feststehenden Tabellenplatz 2 aus den Köpfen heraus, wo er sich dummerweise schon weit vor dem Spiel festgesetzt hatte, ohne auch in die Füße geleitet zu werden. Da war Stürmer Kenan Sahin schon nicht mehr dabei, er hatte eine andere Art von Aggressivität gezeigt und in der 85. Minute seinen Gegenspieler mit dem Ellenbogen weggecheckt. War von meinem Platz aus nicht zu sehen, aber ich bin geneigt, dem Schiri-Assi zu glauben, auch wenn dieser die Tätlichkeit mit reichlich Verspätung anzeigte. Sahin erhielt Rot und vier Spiele Sperre. Eine ganz besondere Blamage, weil wochenlang vor ihr gewarnt wurde, was die Spieler anscheinend nicht im Mindesten interessiert hatte. Denn Torwart Michael Melka setzte noch eins drauf und gab nach dem Spiel ein Interview. Dass da nichts anderes als Phrasen herauskam, ist verzeihlich, schließlich muss ja irgendein Spieler nach dem Spiel etwas sagen, ansonsten jammern die Medien ja direkt etwas von „Boykott“. Solche Interviews sind in der Regel genau so sinnvoll wie eine Sendung Musikantenstadl, die interessiert mich auch mal genau gar nicht. Was aber in diesem Interview überhaupt nicht vorkommen durfte war ein Satz wie: „Wir haben den Gegner wohl etwas auf die leichte Schulter genommen.“ Genau diesen Satz aber sagte Melka, und da hört der Spaß auf. Das ist nicht einfach nur noch hohle Phraseologie auf Lukas-Podolski-Niveau, nach dem Motto: Hauptsache, irgendwas sagen. Im Zusammenhang mit dem wochenlangen Vorlauf zu diesem Spiel war das eine Unverschämtheit, die sehr tief blicken lässt. Und das sind Blicke, die ich eigentlich bei meinem Verein nicht mehr tätigen wollte. Aber ich hätte wissen müssen, dass sich bei uns doch nie etwas ändert. Irgendwann sollte selbst ich auch mal erwachsen werden. Auch wenn’s schwer fällt.

Sprachlos III

Am 26.04.08 trat Fortuna beim Spitzenreiter RW Ahlen an und verlor mit 1:5. Ende der Durchsage.

Ich habe für vieles Verständnis. Auch dass man beim Tabellenführer verliert, der derzeit einen Lauf hat und wirklich alles weghaut. Kann passieren. Aber dass eine Mannschaft derart schnell nach einem Führungstor zusammen bzw. auseinander bricht, das ist das Unfassbare daran. Man kann ja schon nur noch Mitleid haben. Besonders aufgrund der Tatsache, dass das Spiel nahezu eine exakte Kopie des letzten Gastspiels in Ahlen vor knapp 16 Monaten war. 16 Monate sind über den Daumen gepeilt 480 Tage, runden wir großzügig auf 500 auf. Fünfhundert Tage – und nichts gelernt... Damals legten die Ahlener zwei frühe Tore vor und konterten Fortuna zweimal klasse aus, ehe Markus Anfang den 1:4-Ehrentreffer erzielte. Diesmal legte Ahlen wieder zwei Tore vor (das 2:0 damals wie heute aus einer Standardsituation, sei hier nur mal kurz angemerkt, neu ist das ja wirklich nicht mehr) und konterte Fortuna zweimal klasse aus. Dass es ein Tor mehr wurde als in der letzte Saison, lag am Schiri, der das zwischenzeitliche 4:1 von Daniel Thioune anerkannte, obwohl es eindeutig mit der Hand erzielt wurde. Ansonsten hätten wir wirklich eine exakte Kopie der Vorsaison gehabt, sogar das Ergebnis hätte gestimmt. Aber das war dann auch egal, denn jeder konnte sehen: hätte der Thioune den nicht mit der Hand reingemacht, dann halt zwei Minuten später mit dem Fuß. Oder mit dem Kopf. Oder mit dem Arsch, ganz nach Belieben. Sie machten, was sie wollten, und es war nur ihrer Gnädigkeit zu verdanken, dass sie nach 70 Minuten, als das Endergebnis bereits feststand, mal ein bis drei Gänge zurück schalteten. Eine Hinrichtung, auch in dieser Höhe verdient. Ein Debakel. Und wer jetzt auf meine jahrzehntelange Erfahrung mit diesem Verein hinweist und in Anlehnung an eine alte, aber von mir sehr geschätzte Werbung eines Telefonanbieters süffisant sagt: „Aber, janus, hör mal, Debakel...stehst du doch drauf!“ dem entgegne ich: Debakel, ja, kann man irgendwann mal verschmerzen. Aber wenn etwas herauskommt, das mein Vater selig einst gerne landsmannschaftlich-rätselhaft mit „Blamage erster Kajüte“ zu bezeichnen pflegte, dann ist auch bei mir keine Luft mehr für irgendwelche ausschweifenden Interpretationen zum Spiel. Also kleide ich meine Hilflosigkeit einfach in die deprimierende Frage, die mir kein Spieler wird beantworten können: Warum?

Lobend möchte ich abschließend noch die Fans erwähnen, die nach der frühzeitigen Entscheidung entweder zur Selbsthilfe griffen und das Stadion bereits in der Pause verließen (es war auch Kirmes in Ahlen, das war sicher lustiger) oder aber sich endlich mal wieder in Sarkasmus übten, anstatt zu randalieren, und „Oh wie ist das schön!“ sangen, begeistert applaudierten, wenn Melka mal einen Ball unfallfrei fing oder ein Pass wirklich beim Mitspieler landete, und schließlich noch eine La Ola inszenierten, in die das Ahlener Publikum begeistert einstimmte. Zum Spielgeschehen fiel einem wirklich nur noch „Außer Lumpi könnt ihr alle geh’n!“ ein, denn Andreas Lambertz muss man auch hier wieder hervorheben als Einzigen, der zumindest versuchte, sich gegen die Blamage zu stemmen. Nicht von ungefähr erzielte auch er wieder das Tor für Fortuna zum zwischenzeitlichen 1:3, mit einem hübschen Lupfer von der Strafraumgrenze. Der hat sich die letzten Wochen wirklich nicht vorzuwerfen. Alle anderen könnten es, wenn sie Lust dazu hätten. Wenn...

Fortuna hat in knapp drei Wochen alles verspielt, Pokalteilnahme, Aufstieg, beste Abwehr, Ansehen, Respekt – alles weg in nur drei Wochen. Als Blitz-Diät wirklich ein Kassenschlager und ein durchschlagender Erfolg – selten haben Fans so schnell abgenommen bzw. Abschied genommen. Leider nicht von einigen Kilos, sondern von einigen Träumen, die dieselbe Mannschaft zuvor monatelang geweckt hatte. Zwar ist ein Aufstieg immer noch drin, aber wenn diese Truppe aufsteigt, schreib ich persönlich die Manager sämtlicher anderen Vereine in der Spitzengruppe an und frage sie, wie man so blöd sein kann, oder ob das Absicht war, damit wir uns nächste Saison mal so richtig blamieren. Etwas anderes steht jetzt auf dem Plan, etwas, mit dem sich die Mannschaft als so ziemlich einziges Team der Liga bislang noch gar nicht befassen musste, weil der Vorsprung eigentlich stets recht komfortabel war: mit 48 Punkten und Platz 10 sind es nur noch vier Zähler Vorsprung auf Platz 11 – und die 4. Liga...Wieder mal Abstiegskampf also. Genau wie im letzten Jahr. Ich hatte so darauf gehofft, dass es kein Déjà vu geben würde, ich hoffte vergebens. Im letzten Jahr verspielte man im März alles, dieses Jahr nahm man sich den April dafür. Ich kann nur hoffen, dass sie sich noch mal halbwegs aufraffen können wie im letzten Jahr, und die Punkte holen, die die Qualifikation für die Dritte Liga bedeuten. Weiter denke ich schon gar nicht mehr. Und wer die Spiele in Ahlen und in Lübeck gesehen hat, der weiß, dass selbst dies momentan ein hehres Ziel ist. Es wird verdammt eng werden. Andererseits: es ist ja nicht das erste Mal, dass ich mich frage, womit ich das verdient habe. Es ist ja auch eigene Blödheit. Also muss ich da jetzt durch. Und im Irgendwie-Durchwursteln, da haben wir doch Erfahrung. Was anderes ist mit diesem Verein wohl eh nicht mehr drin. Da stehen wir doch drauf.

Und mehr ist aktuell nicht zu sagen. Ich hab auch noch andere Baustellen in meinem Leben, die mir aktuell wichtiger sind. Bis nächsten Freitag. Da spielt Fortuna gegen Dortmund II. Und ich steh wieder bei der Stadt mit der komischen Bahnhofskapelle im Stau und hoffe, dass ich pünktlich zum Anpfiff im Stadion bin. Wie es ein Forumsteilnehmer genial formulierte: „Zu einer weiteren Aufführung der Düsseldorfer Püppchen-Kiste.“

Ich Blödmann, ich.

Harmlos, hilflos, hoffnungslos: janus

PS. Aber nie vergessen: Fortuna Düsseldorf – alles andere ist eh (nur) Fußball. Derzeit mehr denn je.