von Janus, 23.5.2009

 

Zeit für uns zu gehn!35. bis 38. Spieltag

So, die erste Saison im Premiumprodukt ist Geschichte. Wenn`s nach mir geht, dürfte es auch gleich die letzte für Fortuna gewesen sein. Und da die Mannschaft mich anscheinend irgendwann mal erhört hat, haben sie zumindest die Voraussetzungen geschaffen, um diese Hoffnung meinerseits in die Tat umzusetzen. Aber genug der Vorrede, wird eh etwas länger. Also gleich in die Vollen.

Am Sonntag, 10.05.09, musste Fortuna bei Eintracht Braunschweig antreten. Fragte sich nur, wer es denn noch konnte. Der Ausfall der langzeitverletzten Caillas und Sieger stand natürlich schon fest. In der Woche vor dem Spiel ereignete sich dann allerdings eine Kette von Zwischenfällen im Training, bei denen man sich nur noch fragen konnte, ob da eventuell eine American Football-Truppe ohne entsprechende Ausrüstung trainiert, die vor dem Training noch rohes Fleisch verkostet. Anders war das eigentlich nicht mehr zu erklären. Zunächst prallte Stürmer Simon Terodde mit Ersatzkeeper Michael Ratajczak zusammen. Diese Worte verharmlosen allerdings, es muss wohl eher so gewesen sein, dass ein Panzer über ein Fahrrad gerollt war. Denn anschließend verfügte Terodde über drei gebrochene Rippen und einen Pneumothorax, musste ins Krankenhaus gebracht werden. Saisonende für ihn.

Dann prallten Cebe und Lambertz bei einem Kopfballduell zusammen. Muss wohl auch eins der intensiveren Art gewesen sein, Cebe anschließend mit Beule und Schädelbrummen, Kapitän Lambertz musste eine Platzwunde am Hinterkopf genäht werden. Einsatz in Braunschweig ungewiss. Das wiederum muss Ersatz-Kapitän und Abwehrturm in der Schlacht Jens Langeneke mächtig motiviert haben. Denn kurz darauf drosch der wütend über irgendetwas den Ball in die Büsche – und zog sich dabei eine Innenbanddehnung zu. Nein, wir sind hier nicht im Komödienstadl, all dies ereignete sich binnen drei Tagen vor dem Braunschweig-Spiel! Und auch bei der Alternative zu den übrig gebliebenen Alternativen galt es, Abstriche zu machen. Marcel Gaus, Stürmer aus der Zweiten Mannschaft, war am Sonntag zuvor beim Spitzenspiel der Zwoten in Bonn mit Rot vom Platz geflogen und für vier Spiele gesperrt worden. Diese Sperre galt natürlich auch für die Erste Mannschaft, den konnten wir ebenfalls abschreiben. Es war somit ein letztes Häuflein Aufrechter, das sich gen Braunschweig aufmachte.

Ein ganz dicker Brocken, obwohl die im Mittelfeld der Tabelle standen, jenseits von Gut und Böse. Die hatten in dieser Saison nur noch ein Highlight, und das war das Spiel gegen uns. Nicht umsonst annoncierte man schon zwei Wochen vor dem Spiel auf der vereinseigenen Website: „Jetzt alle gegen Düsseldorf!“ Man wollte die Fans noch einmal mobilisieren, zu diesem Spiel zweier Traditionsmannschaften zu strömen. Taten sie auch. Fortuna war die Mannschaft unter Zugzwang, als Tabellenvierter musste das Spiel möglichst gewonnen werden. Zumal am Tag zuvor die Verfolgten gepatzt hatten: Paderborn kam nur zu einem 3:3 beim VfR Aalen und hatte dabei noch Riesenglück, denn der Ausgleich gelang erst kurz vor Schluss. Unterhaching machte es noch besser und verlor mit 0:1 in Dresden, wobei auch der Dresdner Siegtreffer praktisch erst mit dem Schlusspfiff fiel. Zum wiederholten Mal eine Vorlage für Fortuna, weiter oben ranzukommen. Ganz oben freilich nicht mehr, denn Union Berlin besiegte Jahn Regensburg mit 2:0 und stand damit als erster Aufsteiger und Meister fest. Blieb also noch Platz 2 als direkter Aufstiegsplatz und Platz 3 als Relegations-Trostpreis. Nach den Ergebnissen des Vortags konnte Fortuna mit einem Sieg Unterhaching überholen und mit Paderborn nach Punkten gleichziehen. Dass Braunschweig dies verhindern und seinen Fans noch einmal ein großes Spiel würde bieten wollen, war klar. Es war also alles gerichtet für ein gutes, spannendes Spiel zweier Mannschaften mit großen Vereinsnamen. Es wurde eins. Es wurde sogar mehr, möchte ich ohne Übertreibung sagen: es wurde Legende. In allen Belangen.

10.05.2009 – Prolog

An jenem Sonntag brechen wir gegen 8.30 Uhr von Bonn aus auf. Eine knappe Viertelstunde später passiert schon etwas, das ahnen lässt, dass der Tag nicht ganz normal verlaufen wird: meine furchtlose Fahrerin überfährt auf der A 59 eine Ratte. Nicht dass sie mit 180 Sachen quer über die Standspur geschliddert wäre, nur um das Vieh auch bestimmt zu erwischen. Nein, der kleine Nager hat bei seinem Sprint von der Leitplanke quer über die Fahrbahn einfach nur schlechtes Timing. Oder perfektes, ganz wie man es nimmt, denn er schafft es auf den Punkt genau unter den rechten Vorderreifen. Bremsen kommt natürlich nicht in Betracht, und so haben wir den ersten Ausfall des Spiels. Wie die Fortuna-Spieler in der Woche zuvor sich selbst, so haben wir nun die Rattenpopulation des Rhein-Sieg-Kreises dezimiert. Eigentlich schade, ich mag kleine Nager. Aber wer in einer solchen Situation auf der Autobahn bremst, ist selbst Schuld, und deshalb war es völlig zu Recht auch unterblieben.

Die Fahrt geht weiter zügig nach Nordosten. Wir kommen gut voran, haben im Zeitplan ordentlich Luft nach vorne. Auf der A 2 begegnen wir immer mehr Autos mit weithin sichtbaren Fortuna-Utensilien in der Heckscheibe oder aus dem Seitenfenster hängend. Das verspricht wieder, ein schöner Auswärtsmob zu werden.

Kurz vor Bielefeld überholen wir auf der Mittelspur ein Sportcoupé, dessen Fahrer auf der rechten Spur anscheinend das traumhaft schöne Wetter genießen will. Oder etwa doch nicht? Denn kaum sind wir an ihm vorbei, höre ich einen Motor mächtig aufröhren und rechne damit, dass der gute Mann uns jetzt mal zeigen will, was er unter der Haube hat und uns rechts überholen wird. Dem will ich mit einem „Was für ein Proll!“ Ausdruck verleihen. Aber bevor ich es über die Lippen bringe, flucht meine Fahrerin beeindruckend kräftig, sieht mich an und sagt: „Das sind wir…“ Tja, da hat sich wohl spontan ein Teil des Auspuffs verabschiedet. Jedes Mal, wenn sie aufs Gas drückt, denke ich, wir wären beim Start der DTM. Jetzt kann man nur noch hoffen, dass nicht das ganze Teil über die Autobahn verstreut liegt.

Die nächste Ausfahrt ist Bielefeld. Ja gut, kennt man ja auch schon. Egal, runter von der Bahn, über eine Bundesstraße, und dann in ein Gewerbegebiet. Auf einem großen Parkplatz halten wir an und begutachten den Unterboden. Zum Glück sind nur Teile des Endschalldämpfers irgendwie nicht mehr da, der Auspuff an sich hängt, wie er hängen soll. Es ist 10.30 Uhr, und wir rufen den ADAC, hoffend, dass es sich tatsächlich um den Gelben Engel handeln wird.

Es dauert eine Dreiviertelstunde, bis das Pannenauto am Ort des Geschehens eintrifft, und das, obwohl wir in der einzigen Ansammlung von Häusern gelandet sind, die man in der näheren Umgebung als „Großstadt“ bezeichnen könnte. Aber auch in Bielefeld ist es nun mal Sonntag Mittag. Da müssen sie wohl erst jemandem vom Schweinebraten weg in Marsch setzen.

In der Zwischenzeit stellen wir fest, dass wir bei der Nr. 1 gelandet sind. Dies nämlich verkündet ein riesiges Werbebanner eines großes Möbelhauses, welches sich am Nachbarparkplatz breit macht: „Herzlich willkommen bei der Nr. 1 in OWL!“ Ja doch, super. Wenn ich mal die Nr. 1 von Ostwestfalen-Lippe sein sollte, würde ich mir auch so ein Banner vor die Tür hängen. Ist wahrscheinlich nur, um Möbel Finke aus Paderborn zu ärgern…

Endlich erscheint die helfende Hand vom Pannenhilfsverband. Der bockt die Karre einseitig hoch und krabbelt drunter. Ich hoffe für ihn, dass er jetzt nix Falsches sagt wie z.B. „Damit können Sie aber nicht weiterfahren!“, denn dann besteht die akute Gefahr, dass wir aus lauter Enttäuschung den Wagen mal schnell wieder abbocken. Wenn er Glück hat, kommt er bis dahin sogar drunter hervor…

Zunächst muss er allerdings gar nichts sagen. Mit einem Schraubenzieher stochert er am Auspuff herum und man hört tatsächlich, wie die Rostflocken nur so zu Boden rieseln. Wenn er gleich „Au!“ schreit, ist ihm der Rest des Auspuffs entgegen gekommen, so meine Befürchtung. Aber das bleibt zum Glück aus. Er robbt unter dem Wagen hervor, bedenkt uns mit dem kummervollen Blick eines Pfarrers nach dem Trauergottesdienst, macht sich aber tatsächlich an seiner Pannenausrüstung zu schaffen. Ein Hoffnungsschimmer. Und was für eine Ausrüstung der dabei hat! Meiner Fahrerin, von Beruf Technikerin, geht das Herz auf, als sie sieht, wie der Mann nunmehr anfängt, ein Spreizrohr mit Feile und Mini-Flex zu bearbeiten. Man sieht, sie würde das ganze Zeugs am liebsten anschließend konfiszieren. Die handwerklichen Fähigkeiten des Mannes haben aber auch noch einen anderen Besucher angelockt, einen älteren Herrn, der eindeutig nicht von dieser Welt ist. Der rollt mit einem dicken BMW nebst Gattin auf dem Beifahrersitz auf den Parkplatz. Dann steigt er aus, die Gattin verbleibt im Wagen, der Motor läuft noch. Interessiert beschaut er sich die Tätigkeiten, die er geboten bekommt. Anschließend – die fürsorgliche Gattin hat in der Zwischenzeit nach fünf Minuten den Zündschlüssel gezogen, hoffentlich gibt das zuhause keinen Ärger – geht er auf die Straße zurück und hüpft mehrere Minuten ordentlich rum, um vorbei fahrende Autos auf sich aufmerksam zu machen, was ihm nicht gelingt. Dann kehrt er zurück, schaut wieder ganz interessiert, steigt schließlich in den Wagen und fährt davon. Das alles, ohne ein Wort zu sagen! Man weiß also nicht, was mit ihm los ist. Aber ich weiß nun: Du kannst hierzulande anscheinend nicht mal eine kleine Reparatur von einer Fachkraft auf einem Parkplatz durchführen lassen, ohne dass sich nicht doch mindestens einer findet, der dabei zusehen muss.

Unser Fachmann ist inzwischen mit seiner Arbeit fertig. Zunächst versichert er, dass der Auspuff selbst bombenfest ist, kein Grund zur Besorgnis. Für den Endschalldämpfer hat er jetzt ein Provisorium gebastelt. Daraufhin entwickelt sich folgender Dialog zwischen ihm und der Fahrerin: Er: „Wo müssen Sie denn noch hin?“ – Sie: „Nach Braunschweig...“ – Er (winkt lässig ab): „Bis dahin hält das auf jeden Fall!“ – Sie: „…und anschließend zurück nach Bonn und Aachen!“ – Er: „Heute noch???“ – Sie: „Ja!“ – Er: „Tja, ob das bis dahin hält, dass kann ich nicht versprechen. Viel Glück!“ Och, wir sind da positiv gestimmt, erstmal weiter, weiter! Die ganze Angelegenheit hat uns über eine Stunde gekostet. Zum Schluss demonstriert er noch, dass wir eindeutig in Deutschland sind, indem er versucht, uns noch eine Verbesserung des bestehenden Versicherungsschutzes anzutragen. Ja doch, wo müssen wir unterschreiben? Ich bestell auch ne Waschmaschine, wenn es endlich weiter geht! Und das geht es dann auch. Bis nach Braunschweig und wieder nach Hause wird das Provisorium halten. Und das, obwohl wir den guten Mann vom Mittagessen weg geholt haben. Manchmal findet man auch in der Servicewüste ein dienstbares Körnchen!

Also wieder rauf auf die Bahn und weiter. Jetzt rentiert sich unser Zeitplan, diese eine Stunde haben wir eigentlich immer im Gepäck. Und da die Pause ja nu wirklich lang genug war, brauchen wir jetzt auch nicht mehr anhalten. Gegen viertel nach eins erreichen wir das Stadion. Die Parkplatzsuche in den Wohngebieten in der Nähe des Stadions ist schnell abgeschlossen, es gibt schon keine mehr. Aus allen Ecken strömen die Leute zusammen. Wir müssen schließlich zurück zu einem Schützenplatz, der als gebührenpflichtiger Parkplatz bereitgestellt wird. Ist zwar jede Menge Platz, aber auch noch jede Menge zu laufen. Aber wir schaffen es. Trotz Autopanne eine Viertelstunde vor Spielbeginn im Stadion. Perfektes Timing, wenn ich uns mal selbst loben darf. Schnell auf die Tribüne, eine Mannschaftsaufstellung besorgt, Langeneke spielt tatsächlich nicht, dafür aber Lambertz, immerhin. Es kann losgehen.

Es geht los.

10.05.2009 – Legende

1:0 Morabit (1.)
1:1 Christ (11., Foulelfmeter)
1:2 Jovanovic (12.)
Melka hält Foulelfmeter von Dogan (20.)
Melka hält Foulelfmeter von Boland (40.)
2:2 Lenze (49., Foulelfmeter)
2:3 Lambertz (51.)
3:3 Lenze (52.)
3:4 Costa (54.)
4:4 Boland (62.)
4:5 Christ (85.)
5:5 Wamser (90.)

Was soll man über ein solches Spiel schreiben? Eigentlich wäre ein Roman angebracht. Denn mal Hand aufs Herz – wie oft im Leben bekommt man so etwas geboten? Wie viele Kilometer reißt man für seinen Verein ab, bevor man einmal bei einem solchen Spiel im Stadion sitzt? Ein Spiel, welches im Minutentakt zu völlig unterschiedlichen Gefühlsausbrüchen hinreißt, um einen hinterher nur fassungslos verstummen zu lassen, weil wirklich jede Steigerung, die man sich während des Spiels vorstellen kann, dann auch tatsächlich eintritt? Ja gut, wenn ich mir genug in- und ausländische Ligen im Bezahlfernsehen zusammenkaufe, dann sehe ich im Laufe einer Saison vielleicht einige Spiele der Kategorie „unglaublich“, ist ja rein statistische Wahrscheinlichkeitsrechnung. Man mag sich dann auch immer glänzend unterhalten fühlen und der Meinung sein, das entsprechende Abo habe sich doch voll gelohnt. Meinetwegen. Aber eins, das kann man dann nicht: am Ende eines Spiels fassungslos nach oben aufs Tribünendach starren, weil der letzte Höhepunkt des Spiels dann doch einer des Gegners war – und trotzdem gleichzeitig denken: „Schön, dass ich dabei war..“.

Ich habe relativ ausschweifend beschrieben, wie lang die Anfahrt diesmal dauerte, von welchen Hindernissen sie geprägt war. Nach all diesen Irrungen und Wirrungen kommt man tatsächlich pünktlich ins Stadion, nimmt seinen Platz ein, der Schiri pfeift das Spiel an, man ist froh, es rechtzeitig geschafft zu haben – und darf dann Folgendes ansehen: erster Angriff Braunschweig über links, flache Hereingabe in den Sechzehner, in Höhe des kurzen Pfostens kommt Onuegbu an den Ball und steht plötzlich frei vor Melka. Halloooo? Der kann den Schuss aus Nahdistanz zwar noch herausragend abwehren, aber den Abpraller stochert Onuegbu noch mal nach vorne und Morabit dann aus drei Metern über die Linie – 1:0 für Braunschweig nach 45 Sekunden. Unglaublich.

Und es geht dermaßen weiter, dass man meint, der Mann vom ADAC hätte sich doch dafür wirklich nicht so beeilen müssen. Bereits in der 4. Minute sieht Heidinger nach einer Blutgrätsche im Mittelkreis Gelb, ich bin sicher, passiert so was in der 75. Minute, ist das glatt Rot. Heidi hat Glück und spielt fortan auf Bewährung. Nur zwei Minuten später scheint das Debakel seinen Lauf zu nehmen, als ein Braunschweiger aus ca. 15 Metern wieder völlig frei zum Abschluss kommt. Er schlenzt den Ball rechts um Melka herum, und das Ding passt genau in den Winkel – da packt unser Torwart einen Riesen-Reflex aus und kratzt den Ball mit der linken Hand noch aus dem oberen Toreck. Ich denke, ein 2:0 wäre bereits die Entscheidung gewesen. Die Abwehr ist ohne Koordinator Langeneke vogelwild, drischt die Bälle nur unkontrolliert nach vorne, Braunschweig powert, was das Zeug hält. Sicherlich nicht nur mir, sondern auch einigen anderen der 2.500 mitgereisten Fortuna-Fans unter den 14.000 Zuschauern wird in den ersten zehn Minuten angst und bange.

Aber dann werden wir Zeuge, wie schnell sich der Wind drehen kann. In der 11. Minute der erste ernsthafte Angriff der Fortuna. Langer Ball rechts in den Strafraum auf Heidinger, der will zur Grundlinie ziehen, und sein Gegenspieler tritt ihm versehentlich in die Hacken. Klare Sache, der Assistent, genau auf Ballhöhe, reißt sofort die Fahne hoch, der Schiri pfeift, und kein Braunschweiger protestiert. Christ verwandelt den Elfmeter sicher, und es heißt 1:1, ohne dass Fortuna bis dahin eine Torchance gehabt hätte. Durchatmen.

Aber nicht zu lang, denn ansonsten ist Schnappatmung angesagt: Braunschweig vertändelt nach dem Anstoß den Ball, Fortuna geht vor, Jovanovic erhält die Kugel. Er ist relativ unbedrängt von irgendwelchen Gegenspielern, so ca. 20 Meter vor dem gegnerischen Tor. Er schaut er sich kurz um, und da er keine Anspielstation findet, schießt er den Ball einfach ins Tor. Aufsetzer aus 18 Metern unten rechts ins Eck – 1:2. Spiel gedreht binnen sechzig Sekunden und meines Wissens der erste Treffer von Jovanovic überhaupt für Fortuna, den er von außerhalb des Sechzehners erzielt.

Und während man sich noch die Augen reibt, ob man auch alles richtig gesehen hat, geht es auf der anderen Seite direkt weiter. Denn schließlich spielt auch noch ein Schiri mit. Der heißt Daniel Siebert und kommt – Zufall, Zufall – aus Berlin. Nach diesem schwungvollen Beginn gedenkt er wohl, auch mal ein wenig einzugreifen und verhält sich dabei wie ein Aushilfskellner aus dem Café King. Seine erste Aufgabe lautet anscheinend „Konzessionsentscheidung“. Vielleicht war er auch von der Entscheidung seines Assis beim Elfmeter nicht völlig überzeugt, wollte diesen aber nicht überstimmen, weil er die Szene nicht genau gesehen hatte. Auf jeden Fall findet er wohl, dass nun auch Braunschweig so ein Elfmetertor zusteht. Und schon einige Minuten später ergibt sich die Gelegenheit: wieder ein toller Pass in den Strafraum auf Onuegbu, der Typ ist wirklich eine Dampframme, hoch mal breit. Er setzt sich durch, Melka kommt heraus, Onuegbu legt den Ball an Melka vorbei und dreht schon einen halben Meter vor dem Keeper den rechten Fuß in dessen Schulter. Wie von einem Magneten angezogen, saugt er sich ins Schulterpolster von Melka und dreht natürlich anschließend die pflichtgemäße Pirouette. Ein Pfiff ertönt, ich rechne mit Freistoß Fortuna und vielleicht Gelb für Onuegbu – stattdessen gibt es Elfmeter für Braunschweig. Na klar.

Dogan legt sich den Ball zurecht, läuft an, schießt nach links – und scheitert an Melka. Es bleibt beim 1:2. Auf der Tribüne wird erstmals Baldrian gefordert.

Die nächsten 20 Minuten geht es munter hin und her, Chancen und gefährliche Situationen hüben wie drüben im Minutentakt. Man kommt aus dem Staunen gar nicht mehr raus. In der 40. Minute erinnert sich der Schiri daran, dass die Konzessionsentscheidung leider nicht zum gewünschten Ergebnis geführt hat. Rechts dringt Danneberg in den Strafraum ein, stolpert anschließend und fällt – Grund genug, mal wieder Elfmeter zu pfeifen. So etwas ist für mich noch nicht mal „grenzwertig“, es sei denn, es gäbe wegen solcher Szenen so circa drei Elfmeter pro Spiel. In jedem Spiel, versteht sich.

Dogan mag nicht mehr, es kommt Boland. Der läuft an, schießt nach rechts – und wieder kann Melka parieren! Unglaublich, der hält in der ganzen Saison keinen Elfer, kassiert beim Pokal-Aus in Essen gleich neun Stück vom Punkt, ohne eine Chance zu haben, hier hält er binnen 20 Minuten zwei Strafstöße! Auf der Tribüne wird laut über Klosterfrau Melissengeist nachgedacht.

Dann hat der Schiri ein Einsehen und pfeift ab. Pause. 2:1 für Fortuna, sicherlich glücklich, Braunschweig hätte den Ausgleich verdient, liefert ein Riesenspiel ab, besonders läuferisch, oft aber zu ungestüm. Trotzdem waren natürlich genug Chancen da.

In der Pause wird diskutiert, Tenor: so was haben wir noch nicht erlebt. Rückstand nach noch nicht mal einer Minute, dann binnen einer Minute das Spiel gedreht, zwei Elfer abgewehrt. Wahnsinn ist das Wort, das vielen über die Lippen kommt. Aber mit Wahnsinn hat das gar nichts zu tun. Der Wahnsinn beginnt erst jetzt.

Zu Beginn der zweiten Halbzeit bringt Trainer Meier in der Abwehr Clement Halet für den völlig indisponierten Robert Palikuca, der einen rabenschwarzen Tag erwischt hat. Ich schicke innerlich ein Stoßgebet zum Himmel, dass Halet hoffentlich nicht auch mit dem linken Fuß aufgestanden ist wie sein Vorgänger, da passiert Folgendes: Flanke von rechts, weit hinter die Abwehr, ein Braunschweiger dreht links von der Seite in den Strafraum ein, Halet eilt ihm entgegen, stolpert dabei über seine eigenen Füße und legt sich lang. Der Braunschweiger, anstatt lässig um den Tollpatsch herum Richtung Tor einzudrehen, stoppt ab und absolviert seine pflichtbewusste Hechtrolle. Schiri Siebert stellt erfreut fest, dass schon wieder jemand am Boden liegt und pfeift mal wieder Elfmeter. Den vierten im Spiel, den dritten für Braunschweig, und wieder mal einer, den man nur mit ganz viel Augenzudrücken geben kann.

Da bei den Braunschweigern verständlicherweise jeder mal darf, kommt jetzt Christian Lenze, und der trifft endlich, endlich links unten zum 2:2. Wahrscheinlich hätte der Schiri sonst noch drei Elfer gegeben, bis die einen rein machen. So hat er seine Mission erfüllt, für den Rest der Spielzeit gibt es keine Strafstöße mehr. Es wird die Stunde der Freistöße schlagen.

Ausgleich in der 49. Minute. Der Auftakt zu den unglaublichsten fünf Minuten, an die ich mich erinnern kann, und mein Gedächtnis ist noch ziemlich gut. Einen Tag nach der Partie gab der Stadionsprecher einer Zeitung (Name vergessen) ein Interview zum „Spiel meines Lebens“. Befragt, wie er sich zwischen der 49. und 54. Minute fühlte, antwortete er: „Das waren keine Durchsagen mehr, das war schon eine Diskussion.“ In der Tat, denn kaum hatte er mal zwischendurch Luft geholt, musste er die Schnatterbox schon wieder einschalten. Im Schnelldurchlauf liest sich das dann so: 49. Minute, Elfmeter Lenze – 2:2. Anstoß, Ball nach vorne, Freistoß Christ von halblinks in den Strafraum, Abpraller, und im Nachschuss macht Lambertz das 2:3 (51.). Anstoß, Ball nach vorne, Freistoß Braunschweig von rechts, Abpraller, und im Nachschuss macht Lenze den Ball rein – 3:3 (52.). Anstoß, Ball nach vorne, Freistoß Christ von halbrechts, als Flanke in den Strafraum, Claus Costa köpft aus ca. 10 Metern und die Kugel senkt sich am kurzen Pfosten ins Eck – 3:4. Wahnsinn – das einzige Wort, das einem dazu noch einfällt. Jetzt stimmt es. Und ist noch längst nicht das Ende.

Fünf Minuten danach muss Axel Lawaree alles klar machen. Heidinger hat sich links im Strafraum durchgesetzt und versucht einen Schlenzer in die rechte Ecke. Wieder einmal pariert Braunschweig-Keeper Lauenstein großartig (eigentlich nur der Ersatzmann, Stammtorwart Fejzic ist gesperrt), aber der Abpraller fällt genau Lawaree vor die Füße, sechs Meter vor dem Tor, Selbiges ist leer. Und unser Stürmer kriegt seine Beine nicht sortiert und bringt nur einen Kullerball zustande, an den der am Boden liegende Lauenstein noch eine Hand dran bringt und der anschließend von einem Abwehrspieler in aller Seelenruhe noch vor der Linie geklärt werden kann. Wer weiß, was in diesem Spiel noch so alles passiert, aber ein Zwei-Tore-Rückstand könnte dem Gastgeber den Zahn vielleicht ziehen. Stattdessen geht es wieder in die andere Richtung. In der 64. Minute Freistoß für Braunschweig rechts an der Seitenlinie, auf Strafraumhöhe. Selbst eingefleischte Braunschweiger neben mir auf der Tribüne können das Kichern nicht lassen, denn die Entscheidung ist wieder mal ein Witz. Nicht allerdings das, was die Gastgeber daraus machen: die Pille wird hart in den Strafraum gebracht, unsere Chaos-Abwehr ist anscheinend richtig stolz, schon seit zehn Minuten kein Gegentor mehr kassiert zu haben und stellt mal wieder den Betrieb ein, der Ball fliegt bis auf die Höhe langer Pfosten, dort rauscht Boland heran und versenkt die Kugel per Flugkopfball – 4:4. Irgendwie schon nicht mehr überraschend.

Danach wird es etwas ruhiger, auch wenn das Tempo immer noch hoch ist, man gönnt sich keine Verschnaufpause, nur klare Torchancen springen dabei nicht mehr heraus. Eine Viertelstunde vor Schluss tritt Marco Christ mal wieder zum Freistoß an, halblinke Position, Entfernung ca. 20 Meter. Wieder rechnet alles mit einer Flanke, doch diesmal haut Christ direkt drauf, ein echter Flatterball Richtung rechtes oberes Eck. Dann klatscht es mal kurz, und die Kugel ist gegen die Unterkante der Latte geflogen. Der Abpraller springt kurz wie eine Flipperkugel durch den Fünf-Meter-Raum, dann kriegt ihn Jovanovic aus kurzer Distanz nicht ins Tor. Okay, in diesem Fall ist nicht nur er überrascht, als der Ball aufgrund seines Effets praktisch wie ein Stein von der Latte wieder runter fällt, aber Torriecher ist irgendwie was Anderes.

85. Minute: so langsam könnte man meinen, beide Teams haben sich mit dem Unentschieden abgefunden, auch hat das Spiel bei diesen Temperaturen natürlich viel Kraft gekostet. Da spielt Christ noch einmal einen Super-Pass in den Lauf des eingewechselten Cebe. Dessen Gegenspieler Rodrigues hat gepennt, spurtet hinter Cebe her, und reißt ihn kurz vor dem Sechzehner um. Freistoß, klare Sache. Und ebenso klar Rot für Rodrigues, denn Cebe ging allein aufs Tor zu. Nicht aber für Schiri Siebert. Der stellt anscheinend im Geiste blitzartig eine Rechnung an, bei der selbst Einstein vor Neid erblasst wäre und scheint zu der Lösung zu gelangen, dass ein mehrere Meter entfernter Abwehrspieler eventuell noch hätte eingreifen können, wenn man die nächste Mondfinsternis und die Krümmung des Raums dazu rechnet. Er zeigt Rodrigues nur Gelb. Über diesen Witz kann man noch nicht einmal mehr den Kopf schütteln. Schön, wenn dann die Strafe auf dem Fuß folgt: Zur Abwechslung folgt ja nun ein Freistoß. Und den haut Christ mit einem Schritt Anlauf rechts über die Mauer in den Winkel – 4:5. Das muss es doch sein! Überschwänglicher Jubel auf dem Platz und an der Seitenlinie.

Leider vergessen wir dabei eins: an einem solchen Tag, an dem offensiv alles klappt und beide Defensiven mit Ausnahme der Torhüter Erholungsurlaub nehmen, an solch einem Tag, an dem beide Teams unermüdlich nach vorne spielen – warum sollte es da nur Fortuna möglich sein, ein vergleichsweise simples Tor mit einem Schritt Anlauf zu erzielen? Und so kommt was kommen muss, Braunschweig gleicht in der 90. Minute aus und benötigt dafür nur drei Schritte mehr als zuvor Christ: Mit vier Schritten Anlauf schleudern sie einen Einwurf weit in den Strafraum, und der erst kurz zuvor eingewechselte Wamser bekommt den Kopf an die Kugel, drückt sie Richtung langes Eck. Melka ist noch dran, aber der Ball ist zu lang und sitzt – 5:5. Unfassbar, unerreicht.

So richtig überrascht hat mich das nicht. Denn wie schon gesagt, irgendwie hatte ich den Eindruck, gelingt den Braunschweigern der Treffer nicht, dann gibt der Schiri halt noch ein paar Elfer mehr. Wäre ja auch nicht groß aufgefallen.

Eine Minute später ist die Partie zu Ende. Fünf Auswechslungen in der zweiten Halbzeit, sieben Tore, ein Elfmeter, ungezählte Freistöße, Verletzungsunterberechungen – und Herr Siebert lässt genau eine Minute nachspielen, pfeift auch noch schön mitten in einem Fortuna-Konter ab. Ich hoffe, ich habe ihn zum letzten Mal gesehen.

Ein denkwürdiges Spiel ist beendet. Es hätte auch ganz locker 8:8 ausgehen können. Fortuna erscheint als Verlierer, man hat viermal eine Führung aus der Hand gegeben und in der Schlussminute den entscheidenden Ausgleich kassiert. Keine Frage, das Unentschieden ist verdient für Braunschweig, die haben eine fantastische Leistung geboten, man fragt sich, was die auf Platz 12 in der Tabelle zu suchen haben. Und dennoch: Es herrscht allgemeine Fassungslosigkeit. Und dann doch die Erkenntnis, bei einem Spiel dabei gewesen zu sein, wie man vielleicht nie wieder eines sehen wird. Legendär eben – schon direkt nach dem Abpfiff.

10.05.2009 – Epilog


Reichlich sprachlos machen wir uns auf den Heimweg. Der verläuft zunächst reibungslos, sowohl Auspuff als auch Verkehr machen keinerlei Zicken. Bis zum Kamener Kreuz. Der Verkehrsknotenpunkt, an dem man von der A 2 auf die A 1 wechselt, ist derzeit eine kilometerlange Baustelle. Und jetzt, am späten Nachmittag, gibt es auch einen kilometerlangen Stau. Wir zücken den Atlas, fahren in Hamm ab und wollen uns über Unna und die A 44 direkt auf die A 1 vorkämpfen. Aber in Unna gibt es das Autobahnkreuz Unna-Ost, da ist ebenfalls eine Baustelle und ebenfalls Stau. Also beschließen wir, über Holzwickede auf die B 1 in Dortmund vorzustoßen. Und stranden eigentlich recht grandios, denn in Holzwickede gibt es eins leider nicht im Überfluss – Hinweisschilder. Es stehen einfach keine da. Die Krönung ist eine Kreuzung, an der ein Schild „Richtung B 1“ ausweist, wir fahren in die angezeigte Richtung und stehen einige hundert Meter weiter vor einem Kreisverkehr – ohne die geringste Ausschilderung. Ja prima! Aus der Lotterie „eine aus drei möglichen Richtungen“ wählen wir mit „geradeaus“ anscheinend den Zonk, denn nach einer Viertelstunde Umherkurvens auf üblen Landstraßen sind wir plötzlich wieder in Holzwickede, nur von der anderen Seite. Wir durchqueren das Nest gefühlt aus allen Himmelsrichtungen, bis wir eher zufällig in Dortmund-Sölde stehen, und zwar am Ground des VfR Sölde, einem großen alten Namen aus noch älteren Oberliga-West-Zeiten. Von dort geht es dann endlich irgendwie auf die B 1 und dann wieder auf die A 2 zurück. Und wenn man bedenkt, dass es am Kamener Kreuz nach späterer Durchsage ca. 10 km Stau waren, und auf der A 1 ebenfalls einige Kilometer, dann haben wir auch durch diese kleine Westfalen.Irrfahrt sogar noch Zeit gut gemacht. Und viel gesehen. Als Fazit bleibt: Holzwickede – da will ich nie wieder hin.

Der Rest der Heimfahrt verläuft störungsfrei. Und nun mag sich der geneigte Leser fragen: musste das denn so ausführlich sein? Nach kurzem Nachdenken sage ich: ja. So ein Spiel kommentiere ich nur einmal im Leben, glaube ich, das muss man ausnutzen. Aber es hat noch einen anderen Grund: von dem Spiel gab es genau 32 Sekunden in der ARD-Sportschau zu sehen. Das reichte gerade mal für die letzten vier Tore. Keine Elfer-Entscheidungen, keine Zeitlupen, nichts. Der NDR, der die Aufnahmen gemacht haben muss, zeigte gar nur den 5:5-Ausgleich in seiner Sportsendung am Abend. Der DFB erklärte auf Anfrage, natürlich läge den Sendern die Programmgestaltung frei und man habe keinen Einfluss darauf. Dies stimmt sicherlich, aber wenn ein Spiel in einem „Premiumprodukt“ 5:5 ausgeht, und man macht als „Inhaber“ dieses „Produkts“ noch nicht mal Werbung dafür, doch vielleicht ausnahmsweise 5 Minuten davon zu zeigen anstatt einige Sekunden…nun damit zeigt man sehr schön, was man von dem eigenen Produkt hält. Dass sich die Fernsehanstalten dafür einen Dreck interessieren, weiß ja jeder schon lange. Die ARD erklärte auf Anfrage, man habe für das Spiel 32 Sekunden im Nachrichtenblock vorgesehen und könne natürlich nicht flexibel mal eben den Sendeplan umstellen. Also egal, ob 0:0 oder 5:5 – es kommen 32 Sekunden, und sonst nichts. Der NDR erklärte auf Anfrage, er ziehe das Spiel nicht auf VHS oder DVD und verkaufe es dem Anfragenden für bis zu 200 Euro – man habe Angst davor, dass es weiter kopiert und anschließend bei eBay eingestellt wird. Zeigen wollen sie es aber augenscheinlich auch nicht. Fragt sich nur, warum sie überhaupt Kameras im Stadion hatten. Wahrscheinlich ist der NDR ein gemeinnütziger Verein und wollte verdienten Kameraleuten mal einen Tag im Stadion gönnen, gerade bei dem schönen Wetter. Eine andere Erklärung habe ich nicht. Schon gar keine logische.

Und so bleibt es für die einen – 14.000 an der Zahl – so etwas wie ein Jahrhundertspiel, für die anderen – Millionen Fernsehzuschauer –, die dem DFB doch soooo wichtig sind, eine 32sekündige Zusammenfassung mit ein paar Toren, die man zwei Minuten später wieder vergessen hat. Es hätte eine so tolle Werbung sein können. Aber an Werbung mit ihren Drittklässlern ist anscheinend selbst der DFB nicht interessiert.

Die Null gegen Nulle


Schon am Mittwoch, den 13.05.2009, ging es in der Liga für Fortuna weiter. Englische Woche war angesagt, Gegner der höchst abstiegsgefährdete Zweitliga-Absteiger Carl Zeiss Jena. Und natürlich will ich nicht über irgendwelche Belastungen jammern, schließlich gab es diese englische Woche für alle Mannschaften in den obersten drei Ligen. Für alle bis auf eine. Die hieß dummerweise (für uns) Carl Zeiss Jena. Da das Jenaer Stadion nämlich am Wochenende unseres Spiels in Braunschweig durch die U 17-Europameisterschaft belegt war, hatte Jena sein Spiel gegen die Stuttgarter Kickers vorgezogen auf den 05.05.2009. Dies bedeutete für unser Team nach dem Braunschweig-Hammer zwei volle Tage Pause (Montag, Dienstag), für Jena deren sieben nach ihrem letzten Spiel. Wie gesagt, soll keine Ausrede sein, nur ein weiteres Beispiel, wie unglaublich gut der DFB die entscheidende Phase seines Premiumprodukts organisiert. Und angesichts unserer Verletztenliste durchaus beklagenswert.

Da diese Wochenspieltage immer zweigeteilt sind, konnte man schon am Dienstag sehen, was Paderborn so zuhause gegen Werder Bremen II machen würde. Ca. 20 Minuten nach Spielbeginn schaltete ich versuchsweise mal den WDR-Videotext ein – es stand 2:0 für Werder II. Das konnte ich nicht glauben und zappte einige Live-Ticker und Videotexte durch, aber es stimmte – Werder führte 2:0 in Paderborn. Danach rührte ich den Videotext anderthalb Stunden lang nicht an, und siehe da – dies war auch das Endergebnis. Wieder eine Steilvorlage für Fortuna. In Paderborn war man so begeistert, dass man nach dem Spiel Trainer Pavel Dotchev entließ und die Suspendierung von Stürmer Güvenisik blitzartig wieder aufhob. Anzeichen nackter Panik.

Und diesmal nutzten wir die Chance. Ziemlich platte Fortunen zitterten sich zu einem 1:0-Sieg gegen Carl Zeiss. Vor 14.000 Zuschauern merkte man den Spielern doch phasenweise an, wie viel Kraft das Spiel in Braunschweig gekostet hatte. Man war in der 1. Halbzeit zwar überlegen und hatte mehrere Chancen, Costa hatte Pech mit einem Kopfballheber auf die Latte, und Christ scheiterte mit Flachschuss am Ex-Grotifantenschlächter Nulle im Jenenser Tor, aber die dickste Chance in der 1. Halbzeit hatte Jena, als Schembri sich gegen drei Mann durchsetzte und auf Amirante passte, der plötzlich völlig frei vor Melka auftauchte, aber dieser konnte parieren.

Nach der Pause sorgte Marco Christ in der 52. Minute für das Goldene Tor, mit einem Hammer aus 17 m, der rechts unten im Eck einschlug. Zehn Minuten später musste er mit Wadenkrämpfen ausgewechselt werden. Als Jena dann aufmachte, ergaben sich mehrere sehr gute Möglichkeiten für die Gastgeber, die diese aber mal wieder routinemäßig ungenutzt ließen. Insbesondere Heidinger, der freistehend aus 10 Metern am wirklich gut aufgelegten Nulle scheiterte sowie ein weiterer Costa-Kopfball aus dem Gewühl heraus an die Latte wären da zu nennen, ebenso ein unglaublicher Reflex von Nulle, der bei einem Kopfball von Schwertfeger aus spitzem Winkel, allerdings höchstens 2 m Torentfernung, handballmäßig noch einen Fuß an den Ball bringen und klären konnte. Heidinger, für mich bester Spieler auf dem Platz, ließ auch noch einen 35-m-Böller, getarnt als Freistoß, los, mit dem Nulle erhebliche Probleme hatte, den er aber auch meistern konnte. Allerdings hatte auch Jena noch zwei, drei dicke Tormöglichkeiten, die aber allesamt durch den sehr guten Melka vereitelt wurden. So zitterte man sich mal wieder bis zum Schluss, und diesmal blieb die Abwehr sauber. In seiner Verzweiflung warf Trainer Meier drei Minuten vor Schluss sogar Stephan Sieger nach vier Wochen Verletzungspause wieder ins Gefecht, eigentlich ein wenig früh. Und es klappte, die Null stand hinten, wo sie hin gehört. Alles in allem ein verdienter Sieg gegen einen unbequemen Gegner, der durch die Niederlage auf einen Abstiegsplatz rutschte und am kommenden Wochenende gegen Unterhaching Vollgas geben musste. Fortuna hingegen hatte außer der fünften Gelben Karte für Cebe diesmal keine Verluste zu beklagen und überholte erstmals in der Saison Paderborn. Leider hatte auch Unterhaching gewonnen, 2:0 gegen ebenso platte Braunschweiger, und damit den zweiten Tabellenplatz erobert. Fortuna schob sich auf Relegationsplatz 3, einen Punkt hinter Unterhaching, einen vor Paderborn. Und stellte quasi nebenbei einen kleinen Teilerfolg sicher: man konnte nicht mehr vom 4. Platz verdrängt werden, und dies bedeutet die Teilnahme am DFB-Pokal in der nächsten Saison. Europa kann sich schon mal warm anziehen!

Zwei Tage später standen die Stuttgarter Kickers als erster Absteiger aus der 3. Liga fest. Sie hatten eh nur noch ziemlich theoretische Chancen auf den Klassenerhalt, aber den Sack machten sie dann selbst zu, nicht auf dem Spielfeld, sondern am Grünen Tisch: die Vereinsführung entschied, den während der Saison in Anspruch genommenen Kautionsfonds des DFB in Höhe von 200.000 Euro vorerst nicht zurückzuzahlen. Ob man es nicht konnte oder ob man es vielleicht gekonnt hätte, das Geld aber für den Fall des ja schon so gut wie feststehenden sportlichen Abstiegs für den Neuaufbau in der Hinterhand behalten wollte, ist nicht bekannt. Bekannt war den Offiziellen allerdings, dass sie dadurch den Abstieg besiegelten. Und in den DFB-Statuten konnten sie dafür sogar noch das genaue Datum nachlesen:

„…5. Folgen der Inanspruchnahme des DFB-Kautionsfonds

Bei einer Inanspruchnahme des DFB-Kautionsfonds durch einen Zulassungsnehmer durch ein- oder mehrmalige Auszahlungen von bis zu einem in der Plan-Gewinn- und Verlustrechnung für die Zulassung der entsprechenden Spielzeit geplanten Monatsgehalt seines Personalaufwands Spielbetrieb spricht der DFB-Spielausschuss in der laufenden Spielzeit mit sofortiger Wirkung den Abzug von einem Gewinnpunkt aus, sofern der

Zulassungsnehmer den in Anspruch genommenen Betrag (inkl. 5% Zinsen p. a.) nicht innerhalb von acht Wochen (spätestens zum 15.5. der laufenden Spielzeit) an den DFB zurückzahlt. Bei einer Inanspruchnahme von insgesamt mehr als einem und bis zum zweifachen monatlichen Personalaufwand Spielbetrieb (GuV-Position 6.1) beträgt der Abzug durch den DFB-Spielausschuss mit sofortiger Wirkung insgesamt drei bzw. zwei weitere Gewinnpunkte, sofern der Zulassungsnehmer den in Anspruch genommenen Betrag (inkl. 5% Zinsen p. a.) nicht innerhalb von acht Wochen (spätestens zum 15.5. der laufenden Spielzeit) an den DFB zurückzahlt.

Die Entscheidung ist endgültig.“

Genau dies geschah, und mit drei Punkten weniger waren die Stuttgarter Kickers am 15.05.2009 zum ersten Mal in ihrer Vereinsgeschichte viertklassig.

Tabellenplatz-wechsel-Dich auf der Ostalb

Wieder nur drei Tage nach dem Kraftakt gegen Jena ging es weiter zum VfR Aalen. Die waren vor der Saison als Aufstiegsfavorit gehandelt worden und böse abgestürzt. Sie kamen einfach nicht auf die Beine, auch wenn ihr mächtiger Sponsor, Präsident und Namensgeber der Scholz-Arena sämtliche Register zog, vom Nachkauf eines halben Dutzends Spielern bis zum stetigen Wechsel der Trainer mit durchaus prominenten Namen. Es begann Edgar Schmitt, es folgte Jürgen Kohler, danach Petrik Sander, mit Kohler als Sportdirektor. Anderthalb Wochen vor dem Spiel gegen uns war für die beiden auch Feierabend, es folgte mit Rainer Scharinger ein weiterer Ex-Profi (SSV Ulm). Und der hatte wohl die richtigen Maßnahmen im Gepäck, denn zunächst trotzte man Paderborn das bereits erwähnte 3:3 ab, anschließend gewann man bei den Stuttgarter Kickers mit 4:1. Vor dem Spiel gegen uns stand man somit schon mal auf Platz 16, mit zwei Punkten Luft auf die punktgleichen Bremen, Jena und Burghausen dahinter. Mit einem Sieg gegen uns konnten sie schon fast alles klar machen. Dabei fiel dann auf, dass Aalen in der gesamten Saison erst drei Heimspiele verloren hat. Da wartete also ein hartes Stück Arbeit.

Die sollte die Mannschaft allerdings nicht ganz allein verrichten. Der Fortuna-Tross entdeckte seine Vorliebe für die Ostalb und kaufte Eintrittskarten, was das Zeug hielt. Die Aalener erwiderten diese Zuneigung, indem sie noch ein zusätzliches Kartenkontingent freigaben. Am Ende waren es über 4.000 Fortunen, die die Mannschaft in Aalen unterstützten. Die kamen aus allen Winkeln der Republik, aber zum Großteil natürlich aus Düsseldorf. Da eine Bahnreise nur bedingt zu empfehlen war, weil die Deutsche Bahn ausgerechnet das Teilstück zwischen Schwäbisch Gmünd und Aalen derzeit saniert und mit einigen Umwegen zu rechnen war, wurde versucht, kurzfristig noch aus allen Ecken und Enden Düsseldorfs Busse zum Fan-Transport zu organisieren. Zum Schluss waren es etwa zwanzig. Und das mit den „Enden Düsseldorfs“ ist durchaus wörtlich zu nehmen: als diesbezügliches absolutes Highlight überholten wir nämlich auf der Hinfahrt einen Bus, der außen deutlich mit „Teambus Kölner Haie“ beschriftet war und auch das entsprechende Vereinswappen mit dem Hering zeigte. An den Fenstern hingegen hingen nur Fortuna-Fahnen. Nach Offenbach mit einem DEG-Bus, nach Aalen mit einem Kölner Bus – wir machen vor gar nichts halt, wenn es darum geht, der Mannschaft hinterher zu fahren!

Und dann ist man auch nicht vor Nervosität gefeit. Am Samstag Morgen gegen 8 Uhr, ich wartete auf meine furchtlose Fahrerin, die uns mit neuem Auspuff sicher nach Aalen bringen würde, fiel mir ein Eintrag im Fortuna-Forum auf, von einem Nickname, den ich eigentlich schon längst in einem der Fan-Busse unterwegs wähnte. Er war es dann auch, seine daheim geblieben Frau hatte sich in seinen Account gehackt, und zwar völlig zu Recht, denn die Botschaft war von höchster Dringlichkeit:

„Last Minute - 3 Karten zu verkaufen

Es war heute Morgen zu früh für meinen Mann; er hat seine 3 Eintrittskarten für das Spiel zuhause (Düsseldorf-Bilk) vergessen. Wer also noch Zeit und Lust hat auf einen Kurztrip...(Telefonnummer)“

Ja, so kann es auch erfahrenen Fans gehen, wenn man plötzlich doch noch die Chance zum Aufstieg erhält. Und das war doch eine schöne Sache, denn der aufgeregte Gatte und seine beiden Mitstreiter konnten noch auf ein Kartenkontingent im Fan-Bus zurück greifen, und zusätzlich konnten noch drei Leute versorgt werden, die vielleicht nicht fahren wollten, weil sie glaubten, so kurzfristig keine Karte mehr zu bekommen.

Etwas über vierhundert Kilometer sind es von Bonn bis nach Aalen. Wir schafften die Hinfahrt problemlos und trafen um ca. 12 Uhr an der „Scholz-Arena“ ein. Die frühe Ankunft war auch durchaus von Nöten, wurde das Spiel doch bereits um 13.30 Uhr angepfiffen, wie alle Partien des vorletzten und letzten Spieltages. Hierzu liefere ich natürlich gerne die Erklärung des DFB nach:

„Ausschlaggebend für die Änderungen waren Wünsche der dritten Fernsehprogramme, die die entscheidenden Begegnungen in Live-Konferenzen übertragen wollen. „Diesem Wunsch unserer Fernsehpartner sind wir gern nachgekommen“, sagte DFB-Sprecher Stephan Brause heute.“

Das macht natürlich nur Sinn, wenn die Spiele beendet sind, bevor die der Ersten Liga beginnen, damit der Fernseh-Fan nicht in der Schlussphase der Partien zu premiere abwandert. Daher die Vorverlegung der Anstoßzeiten. Es macht natürlich gar keinen Sinn, wenn keiner der Fernsehsender auch nur im Traum daran denkt, eine Live-Konferenz des vorletzten Spieltages anzubieten. Und genau so kam es auch, kein drittes Fernsehprogramm zeigte auch nur eine Sekunde live. Sie hatten wohl kein Interesse. Beim WDR wundert das nun nicht, die haben bekanntermaßen an überhaupt nichts Interesse, solange Köln nicht mitspielt. Wobei man sich das vorstellen mag: vorletzter Spieltag, in der gesamten Liga spielen gerade mal drei Vereine aus Nordrhein-Westfalen, und zwei davon können noch aufsteigen, quasi eine Erfolgsquote für das Bundesland in Höhe von 66,67 % - aber den Sender für Nordrhein-Westfalen interessiert das in puncto Live-Übertragung nicht für drei Cent. Naja, wie gesagt, ist bei denen nichts Neues. Doch von MDR oder RBB hätte man schon etwas erwartet. Aber da der Osten keine Karten im Aufstiegskampf hatte (Union Berlin stand ja bereits als Aufsteiger fest), war dort auch kein gesteigertes Interesse vorhanden. Und so bleibt die Frage, warum die Sendeanstalten dafür sorgten, dass der vorletzte Spieltag früher beginnen müsse, und warum der DFB natürlich sofort wieder kuschte, ohne auch wenigstens einmal nachzufragen, ob überhaupt eine Live-Übertragung geplant sei. Diese kleine Anekdote nur noch mal, um zu verdeutlichen, wer hier im modernen Fußball das Sagen hat, und wer daraufhin sofort springt. Das alles natürlich auf dem Rücken von Spielern und Fans. Aber die Spieler werden ja dafür bezahlt, und die Fans, die sind doch eh selbst Schuld, wenn sie noch so blöd durch die Gegend fahren.

Also alles eine halbe Stunde früher. Das Stadion fasst übrigens 14.000 Zuschauer, ist idyllisch in die Waldlandschaft der Ostalb eingebettet und alles macht einen echt knuffigen Eindruck. Auch die angebotenen Imbisse waren sehr zufrieden stellend, nur das Procedere, erst Wertmarken für Essen und Trinken erstehen zu müssen, verwirrte einwenig, ich kenn das eigentlich nur aus Sandhausen und hatte es damals für einen Einzelfall gehalten. Aber die Bedienungen waren, so weit man den Dialekt verstehen konnte, alle sehr nett und hilfsbereit. Überhaupt ein freundliches Publikum dort, von einigen doch eher rechts orientierten Gestalten mal abgesehen.

Nachdem ich mich verpflegt hatte, blieb noch ausreichend Zeit für die Lektüre der Stadionzeitung. Und die war in jedem Fall großes Kino, zumindest der „Leitartikel“ auf Seite 1. Namentlich gekennzeichnet mit „sk“, ein Blick ins Impressum der Zeitung verrät mir, dass ich Sascha Kurz dieses Kleinod deutscher Literatur zu verdanken habe. Lieber Sascha, wir kennen uns nicht, aber ich schreibe trotzdem: alle Daumen hoch! Selten hat mich eine Einleitung zu einem Spiel mehr zum Lachen gebracht. Und ich weiß, dass auch ich beileibe nicht stilblütenfrei bin. Aber was zuviel ist, ist zuviel, und dann ist es halt für mich großes Kino und wert, hier in voller Länge zitiert zu werden (wobei die Hervorhebungen von mir stammen – das waren die Stellen, an denen ich am ungläubigsten geguckt haben dürfte):

„Der Showdown in der ersten Saison der eingleisigen Dritten Liga naht: In den letzten zwei Spielen müssen die Akteure beweisen, dass sie die Weichen richtig stellen können. Oder um gegen den Aufstiegsaspiranten Fortuna Düsseldorf im Sprachjargon des Wilden Westens zu bleiben: VfR-Spieler, zückt blitzschnell Eure Colts und ballert die Lederkugel in den Fortuna-Kasten! Die Kulisse für ein faires Duell – Auge in Auge stehend – ist bereitet: ähnlich wie am Nikolaus-Tag in der Düsseldorfer LTU-Arena wird es heute in der Scholz-Arena laut werden, wenn rund 8000 Zuschauer zum „High Noon“-Duell erwartet werden. Wenn sich der Rauch der Geschosse nach 90 Minuten verzogen hat, werden die Massen das Ergebnis zu Gesicht bekommen! Auf geht`s, Ihr Glorreichen Elf aus Aalen, macht euch bereit! Kämpft um den Verbleib in der Dritten Liga, kämpft für Eure Fans und den Verein, macht die Ungerechtigkeiten und die Fehler vergessen, und ihr werdet von Euren Fans bewundert – ebenso wie die Western-Helden!“

Hammer, oder? Das Ganze stand unter der Überschrift „High Noon in der Dritten Liga: Glorreiche Elf, schießt Euch aus dem Keller!“, was den blumigen Sprachgebrauch im Text vielleicht erklärt, allerdings nicht entschuldigt.

Natürlich empfehle ich dem Autor sofort mal ein Praktikum in Paderborn, in puncto martialische Worte oder Vereinslieder sind die schon ein Stück voraus. Und ein „High Noon“ oder ein „Showdown“ beinhaltet eigentlich immer eine endgültige Entscheidung. Dies nur mal als Tipp. Oder kennt jemand einen Western, in dem der Getroffene in einem Duell sich wieder aufrappelt, hinter die nächste Ecke robbt und zurück schießt? Also ich nicht, aber ich bin auch kein Genre-Kenner. Und an jenem Samstag in Aalen wurde in Sachen Auf- oder Abstieg überhaupt nichts entschieden. Aber um die endgültige Entscheidung aus möglichst angenehmer Position angehen zu können – dafür war das Spiel ungeheuer wichtig und spannend. Und das wurde es dann auch.

Das Spiel war noch keine fünf Minuten alt, da war Fortuna in der Blitztabelle plötzlich Zweiter. Nicht, dass man etwas dazu hätte tun müssen. Jena war 1:0 gegen Unterhaching in Führung gegangen, somit waren wir punktgleich und hatten das bessere Torverhältnis. Das fing ja gut an, zumal Jena schon nach acht Minuten das 2:0 nachlegte. Aber die Freude währte nicht lange, denn schon in der 9. Minute erzielte Paderborn das 1:0 gegen Burghausen – damit hatten die uns überholt, und wir standen wieder auf Platz 3. Höchste Zeit, auch mal in die Blitztabelle einzugreifen, und dies auch völlig zu recht: denn Fortuna legte los wie die sprichwörtliche Feuerwehr, spielte die verunsicherten Aalener vor insgesamt 7.300 Zuschauern schwindlig und hatte in der ersten Viertelstunde gute Chancen. Folgerichtig fiel in der 14. Minute das 1:0: einen verunglückten Abstoß von Aalen-Keeper Linse fischt Christ ca. 30 Meter vor dem Gehäuse und spielt den Ball in den Lauf von Lawaree. Der kommt gegen den heraus stürmenden Linse einen Schritt zu spät, der Keeper klärt rutschend mit dem Knie. Den Abpraller allerdings kann Lambertz aus 16 m halbhoch am Torwart vorbei in die leere Tormitte schlenzen. Schwupps, waren wir wieder Zweiter in der Blitztabelle. Zwei Minuten später musste das Spiel eigentlich durch sein, als Jovanovic nach einem weiteren Traumpass links im Strafraum alleine auf Linse zulief, dann aber erst zu spät in die Mitte passte und darüber hinaus dem mitgelaufenen Lambertz einen „Steilpass“ servierte, den der beim besten Willen nicht ins leere Tor grätschen konnte. Nachdem sich Jovanovic kurz darauf aus Nahdistanz die Beine verknotete, anstatt nach überragendem Lambertz-Solo und Rückpass von Grundlinie ins Tor einzuschieben, kam es so, wie wir es in dieser Saison kennen: der Gegner machte aus der ersten gefährlichen Situation den Ausgleich, nach Flanke von links nach einer kurze Ecken köpfte Bohl im Duell mit Cakir, der den Ball noch berührt, auf Höhe des kurzen Pfostens direkt neben Selbigen zum Ausgleich ein. Anschließend gab Fortuna das Spiel komplett aus der Hand, und nachdem man durch den Ausgleich schon nur noch Dritter war (da Paderborn Tor um Tor schoss und schon zur Pause 4:0 vorne lag), hatte man zehn Minuten später den Arschkartenplatz 4 wieder fest im Griff: Unterhaching hatte in Jena zum 2:2 ausgeglichen. Anschließend konnte man froh sein, als der Pausenpfiff ertönte - 8:2 Ecken für Aalen zu diesem Zeitpunkt sagen einiges über die Spielverteilung. Und kurz vor der Pause rutschte man wieder auf den Relegationsplatz: Jena hatte gegen Unterhaching erneut den Führungstreffer erzielt und das Ergebnis in die Pause gerettet. Völlig bekloppt.

Nachdem Mitte der 1. Halbzeit bereits Clement Halet mit Meniskusschaden gegen Robert Palikuca ausgetauscht werden musste, brach Kapitän Andy Lambertz, überragender Spieler in der ersten Halbzeit, nach 5minütigem Versuch Anfang der 2. Halbzeit ebenfalls den Versuch ab, weiter mitzuspielen, er hatte sich kurz vor dem Seitenwechsel bei einem Zusammenprall den Knöchel geprellt und sich eine Zerrung der Außenbänder zugezogen. Ja doch, immer drauf, an Verletzten können wir wirklich nicht genug haben. Für ihn schickte Trainer Meier mit Deniz Kadah einen weiteren Angreifer aufs Feld, sehr zur Überraschung vieler. Aber auch der Trainer, ansonsten gern die Vorsicht in Person, hatte erkannt, dass hier nur noch ein Sieg helfen würde. Die Tendenzen auf den beiden anderen Plätzen änderten sich in der zweiten Halbzeit nicht mehr, Paderborn schoss Burghausen mit 6:0 so gut wie sicher in die Regionalliga, Unterhaching kassierte tatsächlich in Jena noch das 2:4, konnte selbst nur noch das 3:4 nachlegen und verlor das Spiel. Mit dem Unentschieden in Aalen hätte Fortuna also Unterhaching bei Punktgleichheit wegen des besseren Torverhältnisses überholt und wäre wiederum von Paderborn überholt worden, die durch ihren Sieg einen Punkt mehr auf dem Konto gehabt hätten. Ein Sieg musste her, egal wie. Das Spiel ging hin und her, gewiss nicht hochklassig, aber sehr spannend. Dann die 72. Minute: Christ treibt den Ball nach vorne, auf der linken Seite. Aus gut und gerne dreißig Metern schlägt er von dort eine Flanke in den Strafraum, Stellungsfehler in der Aalener Abwehr, und aus dem Lauf köpft eben jener Kadah, als Joker eingewechselt, den Ball per Aufsetzer rechts unten zum 1:2 ins Eck und Fortuna damit auf Platz 2. Die restliche Spielzeit ließ sich Fortuna zeitweise wieder mal lustig einschnüren und kam nicht aus der eigenen Hälfte heraus. Da die Aalener aber gerade in ihrer Powerplay-Phase kaum echte Torchancen heraus spielten, war der Sieg im Endeffekt nicht ganz unverdient. Fortuna somit auf einem direkten Aufstiegsplatz, Aalen auf einem direkten Abstiegsplatz. Aber leider nix mit Showdown. Keine der beiden Mannschaften war irgendwie „durch“. Nur kurz davor.

Fortuna konnte durch einen Sieg am letzten Spieltag den direkten Aufstieg in die 2. Liga packen. Verfolger Paderborn musste bei Absteiger Stuttgarter Kickers antreten und hatte einen Punkt Rückstand. Verfolger Unterhaching spielte gegen Aalen und hatte zwei Punkte Rückstand.

Zum „Showdown“ kam nun ausgerechnet der „Alptraumgegner“ Werder Bremen II in die LTU-Arena, der zudem selbst noch fürchten musste, bei einer Niederlage abzusteigen.

Wie man solch einen Aufstieg würde bewältigen können, zeigte Fortuna II nur einen Tag nach dem Aalen-Spiel. Gegen die Mannschaft der Stunde in der NRW-Liga, SW Essen (zuvor 13 Spiele in Folge ungeschlagen, sogar den Bonner SC hatte man geputzt), ließ man sich die Chance nicht entgehen, vorzeitig alles klar zu machen, und schoss die Essener mit einem 3:0 aus dem Flinger Broich, wobei man es noch gnädig machte, drei Latten- und Pfostentreffer waren auch dabei. Drei Spieltage vor Schluss stieg man somit in die Regionalliga West/Südwest auf, drei Tage später gewann der Bonner SC auch sein letztes Nachholspiel in Wattenscheid und zog nach. In den nächsten zwei Wochen können die beiden punktgleichen Teams jetzt noch den NRW-Meister unter sich ausspielen. In der nächsten Saison warten auf Fortuna Zwote dann Spiele gegen Preußen Münster, RW Essen, Eintracht Trier oder den 1.FC Saarbrücken. Deren Erste natürlich. Wer mich kennt, weiß, dass ich absolut kein Freund von Zweitvertretungen in höheren Spielklassen bin. Aber zum Einen interessiert den DFB meine Meinung ja nicht, und zum Anderen sage ich in diesem Fall mal: wir mussten in den letzten zehn Jahren so viele Zweitvertretungen anderer Vereine ertragen, da gönne ich mir mal das eine Jahr, in dem unsere Zwote gegen RW Essen I antreten darf. Zumal unsere Zwote, soviel kann man jetzt schon sagen, einer der absoluten Außenseiter in dieser Liga sein wird. Um da mithalten zu können, kam der Aufstieg eigentlich zu früh, aber es wollte ja kein anderer. Und eine großartige Leistung war es natürlich auch!

Vor dem letzten Spieltag in der 3. Liga hatten auch unsere U 19 und U 17 ihre Aufstiege in die entsprechende Altersklassen-Bundesliga geschafft. Aufstiege, soweit das Auge reichte! Jetzt fehlte als i-Tüpfelchen nur noch die Erste.

Dritte Liga war schön…


In der Woche vor dem 23.05.2009 gab es etwas Erstaunliches festzustellen: die Stadt Düsseldorf entdeckte Fortuna neu. Nun, das mag nicht wirklich erstaunlich sein, bei Erfolg sind sie ja schon immer alle dabei gewesen, man erinnere sich an Hoffenheim in der Hinrunde (wie viele aktive Fan-Clubs haben die jetzt eigentlich noch?). Erstaunlich war nur das Tempo, in dem jahrelanges Leugnen, an der führenden Fußballmannschaft der Stadt interessiert zu sein, in schiere Begeisterung umschlug: das Spiel war binnen drei Tagen ausverkauft, am Mittwoch Morgen konnte von Vereinsseite gemeldet werden: nichts geht mehr. 50.095 Tickets verkauft. Man hätte auch noch einiges mehr an Tickets verkaufen können, so ca. das Doppelte. Hier schlug nun die Stunde der eBay-Abzocker, da gingen Karten für über hundert Euro das Stück weg – immer wohlgemerkt, für ein Drittliga-Spiel! Anschließend räumten die Fans dem Verein auch noch die letzten Lager Fan-Artikel leer. Auch von diesem Standpunkt also ein echtes Finale.

Die Vorzeichen waren nicht gerade berauschend. Ein Finale, das man unbedingt gewinnen musste, ein Unentschieden würde nicht reichen, da niemand damit rechnen durfte, dass die Stuttgarter Kickers gegen Paderborn etwas holen würden. Und dann ausgerechnet gegen Werder Bremen II, gegen keine andere Mannschaft der Liga hatten wir eine solche Horror-Bilanz aufzuweisen: 13 Spiele, ein Sieg, vier Unentschieden, acht Niederlagen. Zudem mussten die selbst noch Gas geben, um ihre Aufholjagd aus der Rückrunde zu krönen und nicht doch am letzten Spieltag noch abzusteigen. Und dann pfiff auch noch Bibiana Steinhaus. Wer meine Artikel schon einige Zeit verfolgt, der weiß, ich hab nix gegen die Dame, im Gegenteil, ich war mit ihren Leistungen bei uns eigentlich zumeist recht einverstanden. Aber sie passte natürlich prima zum Gegner, denn unter ihrer Leitung hatten wir auch erst ein einziges Spiel gewonnen, letzte Saison gegen Oberhausen. Das konnte ja heiter werden. Immerhin gelang es, Kapitän Lambertz und seine Fußverletzung einigermaßen wieder hinzubiegen, sodass er zumindest von Beginn an auflaufen konnte, wenn auch nicht für das gesamte Spiel. Auch Jens Langeneke genas von seiner Verletzung (bei der ich weiterhin nicht fassen kann, auf welche Art man sich als Fußball-Profi solch eine Verletzung zuziehen und für drei Spiele ausfallen kann). Am 23.05.2009, 13.30 Uhr, vor 50.000 Zuschauern versuchten somit folgende elf Spieler, wahrlich Geschichte zu schreiben, nämlich nach zehn Jahren Abstinenz wieder in die 2. Liga zurück zu kehren:

Michael Melka – Jens Langeneke, Hamza Cakir, Kai Schwerrtfeger, Fabian Hergesell – Claus Costa, Andreas Lambertz, Marco Christ, Sebastian Heidinger – Ranisav Jovanovic, Axel Lawaree.

Bis auf unser serbisch-belgisches Sturmduo übrigens ausschließlich deutsche Spieler. Nicht dass mich persönlich so etwas interessieren würde, aber eine solche Anzahl ist im modernen Profi-Fußball sicherlich eher selten, daher wollte ich es mal erwähnt haben.

Irgendwer schrieb vor dem Spiel, dass die Werder-Bubis schon beim Betreten des Rasens die Hosen voll haben müssten, so sehr müsste Rabatz gemacht werden. Dem war augenscheinlich auch so. Die Stimmung war überwältigend, und Sebastian Heidinger hätte sie sofort zum Überkochen bringen können: Anstoß Fortuna, flacher Pass nach links ins Halbfeld, Heidinger läuft seinem Gegenspieler davon, legt den Ball am nächsten vorbei, überläuft ihn – und steht plötzlich im Strafraum frei vor Werder-Keeper Mielitz, während der Rest der Weser-Elf wohl noch die vielen Leute in der Arena bestaunt. Nach exakt 8 Sekunden hat Heidinger die Möglichkeit, in die Vereinsgeschichte einzugehen, denn ich wüsste nicht, dass wir mal ein schnelleres Tor erzielt hätten. Und dabei bleibt es dann leider auch, denn Heidinger selbst erschreckt sich anscheinend so sehr, plötzlich da ganz alleine zu stehen, dass er den Ball nicht voll trifft, und Mielitz relativ problemlos zur Ecke parieren kann. Das wäre ein Auftakt gewesen, vor allem eine schöne Ansage an Paderborn und Unterhaching!

Aber auch so ging es gut weiter, in den ersten Minuten bekam Werder kein Bein auf die Erde. Schon die Ecke auf Heidingers Chance haute Lambertz im Nachschuss von der Strafraumgrenze knapp drüber. Dann scheiterte Jovanovic mit Flachschuss an Mielitz, Lawaree in der Mitte stand einen Schritt zu weit vorn, um an den Abpraller zu kommen. Dann wiederum kam ein Bremer gerade noch dazwischen, als erneut Lawaree in der Mitte frei angespielt worden wäre. Werder wusste gar nicht, wie ihnen geschah.

In der 12. Minute treibt Marco Christ die Kugel auf der rechten Seite nach vorne. Im Strafraum winkt mal wieder Lawaree, der zu gerne in der Rückrunde auch mal ein Tor erzielen würde. Christ zieht eine Flanke in den Strafraum, die ihm völlig über den Schlappen rutscht. Das Ding wird lang und länger und schlägt hinter Mielitz im linken Toreck ein. 1:0! Dass das Absicht war, würde ich noch nicht einmal glauben, wenn der Trainer nach dem Spiel sagen würde, exakt diesen „Spielzug“ habe man die ganze Woche über trainiert. Also ein Glückstor, aber hochverdient. Wenn man die ganzen Hochkaräter auslässt, dann muss es eben auch schon mal ein solcher Flatterball tun.

Gegenzug Werder: zum ersten Mal kommen die überhaupt in die Nähe des Strafraums. Der Ball fliegt durch die Luft, am rechten Strafraumeck nimmt Feldhahn die Kugel volley, und dann scheppert es mächtig – Lattenkreuz! Durchatmen.

Hier kommt übrigens wieder mein langjähriger Freund, der Wahrscheinlichkeitsstatistiker zur Geltung: Natürlich ließ ich es mir in der Hinrunde nicht nehmen, das übliche 0:2 der Fortuna auf dem Nebenplatz 11 von Werder mitzunehmen. Dort konnte in der 6. Minute ein Spieler gesichtet werden, der vom linken Strafraumeck einen Ball volley nahm und flach zur 1:0-Führung ins Tor donnerte. Sein Name: Nicolas Feldhahn. Im Rückspiel fabriziert derselbe Spieler dieselbe Aktion von der gleichen Position, nur halt von der anderen Seite, und trifft um Haaresbreite wieder. Wäre ein Kuriosum gewesen, aber keines, über das wir hätten schmunzeln können.

Nun will ich es nicht unnötig spannend machen: der Schuss von Feldhahn war zugleich die letzte nennenswerte Torchance der Gäste. Und da wir ja eine Minute zuvor eins vorgelegt hatten, heißt dies natürlich, dass wir das Spiel gewannen. Es war spielerisch auch nach diesen beiden Krachern keine Offenbarung mehr. In der zweiten Halbzeit kam Bremen zunächst auf, denn es gab beunruhigende Zwischenstände: Jena hatte binnen vier Minuten in Sandhausen aus dem 0:2 ein 2:2 gemacht und Werder damit in der Tabelle überholt. Aalen hatte in Unterhaching ausgeglichen. Noch ein einziges weiteres Tor von Aalen, und Werder wäre abgestiegen. Dementsprechend spielten sie nach vorne, wobei man dann auch beobachten konnte, dass den Unsrigen so langsam die Knie weich wurden. Man wackelte, aber man fiel nicht und brachte das Spiel mit viel Kampf über die Zeit. Werder drückte zwar zeitweise ganz ordentlich, spielte aber keine einzige echte Torchance mehr heraus. Zum Schluss schien man den Werderanern gesteckt zu haben, dass Unterhaching 2:1 gegen Aalen führte und die kleinen Fischköppe damit gerettet waren. Auch Bibiana Steinhaus, an deren Leistung es mal wieder nichts auszusetzen gab, fand dann auch, dass es genug sei, und pfiff nach knapp 92 Minuten ab, worum sie zuvor von Jovanovic intensiv angebettelt worden war. Sie tat ihm und uns den Gefallen und sorgte damit für die offizielle Rückkehr der Fortuna in die 2. Liga nach zehn Jahren. Anschließend wurde dem Rasen der Rest gegeben, indem zuerst Tausende glückseliger Fans darauf herum trampelten und ihn dann großflächig als Aufstiegs-Souvenir mit nach Hause nahmen. Auftakt zu einer rot-weißen Party bis in die frühen Morgenstunden, gefolgt von einer rot-weißen Party, nachdem sich die Mannschaft am Sonntag Mittag am Rathaus in der Düsseldorfer Altstadt präsentiert hatte. Liga Zwei, Fortuna ist dabei!

In der Abschlusstabelle reichten unsere 69 Punkte für Platz 2. Erster Meister der 3. Liga wurde Union Berlin mit 78 Punkten. Paderborn gewann 3:0 bei den Stuttgarter Kickers und sicherte sich Relegationsplatz 3, wird über Pfingsten versuchen, dem VfL Osnabrück in Hin- und Rückspiel in die 3. Liga zu schießen. Und das freut mich doch klammheimlich ein wenig, sowohl für die Paderborner, die in der Sommerpause ja schon der Meinung waren, der Aufstieg wäre eine einfache Sache, als auch für meinen guten Freund Claus-Dieter Wollitz an der Seitenlinie beim VfL. Möge der Bessere gewinnen, mir ist es relativ egal. Die SpVgg Unterhaching wurde Vierter und bekommt als Trostpreis die Teilnahme am DFB-Pokal geschenkt. Immerhin mehr als wir im letzten Jahr mit unserem Arschkartenplatz 3.

Als Ersatz für Union Berlin und Fortuna kommen die Zweitliga-Absteiger SV Wehen Wiesbaden und FC Ingolstadt ins Premiumprodukt, ich kann innerlich schon sehen, wie sehr man sich beim DFB darüber freut. Zumindest wage ich jetzt schon vorherzusagen, dass die Zuschauerzahlen in der nächsten Saison sinken werden.

Absteigen aus der 3. Liga müssen drei Südvereine, die Stuttgarter Kickers, Wacker Burghausen und der VfR Aalen. Letztere sicherlich überraschend, waren sie doch einer der Aufstiegsfavoriten vor der Saison und machten sie, wie zuvor geschildert, ja auch vor großen Namen auf der Trainerbank nicht halt. Hat alles nix genützt. Die Aussetzer, die man sich letzte Saison in der Regionalliga Süd gegen Ende der Saison nahm, und die damals den Aufstiegsplatz kosteten, auf dem man zuvor drei Viertel der Saison gestanden hatte, diese Aussetzer nahmen sie diesmal von Anfang an und kamen nicht mehr auf die Beine.

Was von unten dafür hoch kommen wird, ist auf dem Papier nicht weltbewegend, die Saison läuft in den Regionalligen noch. Im Westen fehlen Dortmund II noch zwei Punkte bei zwei Spielen, im Süden dem 1.FC Heidenheim noch drei bei drei noch auszutragenden Partien. Sollte also für beide machbar sein. Einzig im Norden bahnt sich ein Herzschlagfinale an, Holstein Kiel und der Hallesche FC marschieren punktgleich auf die Zielgerade. Sind allerdings jetzt auch nicht so die Zuschauermagneten. Die diesbezüglichen Bestmarken eines aktuellen Premiumprodukt-Mitglieds werden nunmehr übrigens beide von Werder Bremen II gehalten. Im letzten Spiel bei uns 50.095 Zuschauer, das dürfte für die 3. Liga auf lange Zeit ein Rekord bleiben. Beim schlechtesten Besuch hingegen ist sicherlich noch Luft nach unten. Bei den Heimspielen gegen Wacker Burghausen und Jahn Regensburg verirrten sich auf den Nebenplatz 11 des Weserstadions gerade mal 200 Zuschauer. Mal sehen, wie viele Bock drauf haben, wenn nächste Saison Dortmund II oder der FC Heidenheim kommen. Man darf gespannt sein, wohin die Reise des Premiumprodukts in der nächsten Saison führen wird.

Fortuna hat ihre Anhänger in dieser Saison mal wieder leiden lassen, des Öfteren wurden Vorlagen der Konkurrenz einfach liegen gelassen oder selbst völlig unnötig Punkte abgegeben, ich denke da nur an die ganzen Heim-Unentschieden, die alle so was von überflüssig waren. Es gab auch wieder den Durchhänger im April, und nach der Niederlage im Spitzenspiel gegen Union Berlin hatten wohl selbst die größten Optimisten allerhöchstens noch mit Platz 3 gerechnet. Aber diesmal wurde unser Schlussspurt im Mai belohnt. Letztes Jahr nutzten 5 Siege und ein Unentschieden in Braunschweig nichts, weil RW Oberhausen exakt dieselbe Serie hinlegte (mit Unentschieden gegen Erfurt) und ihre zwei Punkte Vorsprung ins Ziel rettete. In diesem Jahr brachten vier Siege und ein Unentschieden in Braunschweig im Mai den ersehnten zweiten Tabellenplatz, weil diesmal die Konkurrenz zum Schluss patzte. Den entscheidenden Platz 2 eroberte man in der Rückrunde erst am vorletzten Spieltag, zuvor hielt man sich vornehm im Hintergrund. Drei 1:0- und ein 2:1-Sieg zum Abschluss mögen zwar recht glücklich wirken, aber was die Mannschaft, die aufgrund des kleinen Kaders und der permanenten Verletzungen von Leistungsträgern während der gesamten Saison zum Schluss noch kämpferisch ablieferte, war aller Ehren wert. Und insgesamt 69 Punkte in 38 Spielen bekommt man auch nicht durch Handauflegen. Nach 20 Spieltagen war Winterpause, zu diesem Zeitpunkt lag man acht Punkte hinter Paderborn zurück, sechs hinter Union und vier hinter Kickers Emden. Da hatten schon fast alle den Aufstieg abgeschrieben. Union mussten wir ziehen lassen, aber auf Paderborn machten wir noch neun Punkte gut, Emden knüpfte man gar 14 Zähler ab! Und das, obwohl man von den Duellen gegen die anderen Spitzenmannschaften – Union, Paderborn, Emden, Unterhaching – kein einziges gewinnen konnte, nur Unentschieden oder Niederlagen! Aber man war zur Stelle, wenn die anderen patzten. Das mag wenig spektakulär sein, aber eben effektiv. Und dann ist es auch nicht unverdient. Glückwunsch daher auch an Trainer Norbert Meier, von dem viele immer noch nicht überzeugt sind, ich kann mich davon auch nicht frei sprechen, mir spielt er meistens zu defensiv und wechselt merkwürdig aus. Man sollte aber zum Einen auch sehen, dass er praktisch über die gesamte Saison so gut wie nie so etwas wie eine Stammformation auf dem Platz hatte, und zum Anderen einfach sagen: der Mann ist aufgestiegen, also hat er Recht gehabt. Und wer Zauberfußball sehen will, der muss zum FC Bayern gehen. Also wenn sie in der nächsten Champions League-Saison wieder auf den FC Barcelona treffen, meine ich.

Man darf gespannt sein, wie es im Sommer weiter geht. Beide Mannschaften, Fortuna I wie II, werden in ihren neuen Ligen nicht gerade zu den Aufstiegsfavoriten zählen, mal diplomatisch formuliert. Beide Teams müssen ziemlich verstärkt werden, will man nicht als Kanonenfutter enden. Bei der Ersten Mannschaft gilt dies besonders für den Sturm. Dass Marco Christ als Mittelfeldspieler mit 11 Treffern der beste Torschütze des Teams war, sagt wohl alles. Für die Vereinsführung bedeutet das viel Arbeit, nachdem die Aufstiegsfeiern abgeklungen sind. Außerdem stehen da noch Gespräche mit einem Herrn Jammer an, einem Investor, der darüber nachdenkt, ein wenig Kohle in Fortuna zu investieren, und bei dem ich anfange, darüber nachzudenken, ob ich das gut finde, sobald er seine Karten auf den Tisch legt und sagt, was er dafür alles haben will. Des Weiteren muss ja noch eine außerordentliche Mitgliederversammlung folgen, nachdem es ja im April zu reichlich überraschenden Ergebnissen kam. Für Zündstoff ist in der Sommerpause also reichlich gesorgt.

Ach ja, unser Aufstiegsspiel gegen Werder II war auch das Abschiedsspiel für die LTU-Arena. Die heißt nämlich ab 01.07. Esprit-Arena, die Stadt Düsseldorf hat die Namensrechte neu vergeben. Hat Fortuna eh nix von. Ist mir eigentlich auch ziemlich latte, wie albern der Name ist, Hauptsache, das Teil hat einen Rasen und zwei Tore rechts und links.

Die Bundesliga-Saison ist auch gelaufen, qualitativ wohl mit das Schlechteste, was einem in den letzten Jahren geboten worden ist. Hoffenheim war punktemäßig der schlechteste Herbstmeister aller Zeiten, in der Rückrunde überschlug sich jeder Verein, der an der Spitze stand, darin, die Führung möglichst schnell wieder abzugeben, nicht dass einem selbst das Ungemach droht, in der CL nächste Saison mal richtig vorgeführt zu werden. Bis der VfL Wolfsburg zum Schluss mal richtig anzog und die Sache in die Hand nahm. Klar, deren Trainer Felix Magath brauchte es ja auch nicht zu kümmern, ob sich die Truppe nächste Saison international blamieren wird, er ist dann schon längst weg. Zum Abschluss gab es mit Mönchengladbach noch den schlechtesten Klassenerhalt aller Zeit, 31 Punkte aus 34 Spielen reichten dazu; dies kann natürlich noch getoppt werden, wenn Cottbus die tolle, neue Relegation gegen Nürnberg schafft, dann hat man mit unfassbaren 30 Punkten die Klasse gehalten. Darüber regt sich jede Kreisliga B-Mannschaft mit Recht auf, aber das interessiert bei den beteiligten Vereinen natürlich niemanden. Wenn im Sommer das Konto wieder stimmt, schaut es sich auch leichter in den Spiegel. Es ist halt nicht mehr wie früher. Manchmal echt bedauerlich.

Aus der 2. Liga steigen Freiburg und Mainz auf, entgehen uns also als Gegner in der nächsten Saison, vielleicht auch noch Nürnberg. Stattdessen gibt’s Bielefeld und Karlsruhe, eventuell noch Cottbus. Und da ich in Bielefeld nicht nur das Stadion, sondern seit dem 10.05.2009 auch den Parkplatz des Möbelhauses porta recht gut kenne, wird das wohl eine lauschige Fahrt dorthin werden. Wenn es denn für mich eine geben wird, Stichwort: Anstoßzeiten.

Als wir 2004 aus der Oberliga aufstiegen, habe ich mich schriftlich von jedem beteiligten Verein der Liga hier verabschiedet. Das lasse ich jetzt mal, es könnte nach fünf Jahren Drittklassigkeit am Stück ziemlich ausschweifend werden. Es gab übrigens nur zwei Vereine, gegen die wir in den fünf Jahren auch zehnmal angetreten, und die ich beide mit großer Freude eins tiefer zurücklasse: Werder Bremen II mit dem Nebenplatz 11, bei dem ja jeder Fortune weiß, dass der auf einem alten Indianerfriedhof erbaut worden ist, da werden wir nie etwas holen. Und der Wuppertaler SV, dessen Gastspiele bei uns wie auch unsere Partien dort für mich stets zu den größten Ärgernissen gehörten. Auch wenn ich in der Jugend selbst mal vier Jahre dort gespielt habe. Aber ich war jung und brauchte den Trainingsanzug. Schwere Zeiten für die Wuppis mit ihrem Zuschauerschnitt von 3.000 Männeken, die in den letzten Jahren in der Meisterschaft eigentlich immer nur Zahltag hatten, wenn wir mal kamen. Trotzdem werde ich nie verstehen, wie jemand (außer dem bekannt kompetenten WDR) das für ein Derby halten kann.

Was bleibt aus dieser Saison, außer dem unbeschreiblichen Gefühl, einen Aufstieg gepackt zu haben sowie einigen netten Ausflügen in neue Gefilde nach Süddeutschland? Sicherlich ein Gegentor des Jahres in Regensburg und ein Jahrhundertspiel in Braunschweig. Und ich hatte letzte Saison schon mal geschrieben, wenn erst der schöne Claus und Heidi auch mal ins Tor treffen würden, würde so einiges gehen. Beide taten dies in dieser Saison und schwupps, schon steigen wir auf. Fußball kann so einfach sein, manchmal.

Aber was bleibt aus zehn Jahren Abstinenz aus der 2. Liga? Da wäre natürlich so einiges zu nennen. Wir haben viel mitgemacht und viel erlebt. Von Idar-Oberstein, Salmrohr, Lüneburg und TeBe Berlin über Freialdenhoven, Düren, Bergisch Gladbach und Yurdumspor Köln bis Sandhausen, Aalen, Verl, Emden und selbst vor etwas so Skurrilem wie Energie Cottbus II haben wir nicht halt gemacht. Und über allem thronte natürlich in sieben der zehn Jahre der Nebenplatz 11. Wir haben uns alles gegeben, meistens sogar umsonst, aber das hat uns nicht abgehalten, es beim nächsten Mal erneut zu versuchen. Wir haben es verdient, auch mal wieder Kaiserslautern, Aachen, Duisburg zu bekommen. Und nach München in die Allianz-Arena zu fahren, und nicht an die Grünwalder Straße. Es liegt an uns, das Abenteuer 2. Liga nicht zu einem lediglich einjährigen Gastspiel werden zu lassen. Ich bin mir sicher, zumindest die Fans werden auch alles geben. Zur Not halt wieder im Kölner Haie-Bus. Hauptsache, wir sind rechtzeitig zum Anpfiff da.

Was mich zum Schluss bringt. Seit Jahren schreib ich mir die Finger wund, um den Namen Fortuna Düsseldorf auch ein bisschen in den Regionen hochzuhalten, in denen man sich kaum noch daran erinnern konnte, wie er denn unfallfrei geschrieben wird. Nun haben wir es also geschafft, auch wieder einer breiteren Öffentlichkeit vor Augen geführt zu werden, allein schon durch DSF und premiere. Damit ist das Ziel, mit dem meine „Berichterstattung“ vor 7 Jahren begann, eigentlich erreicht. Außerdem bekommen wir jetzt diesen tollen neuen DFL-Anstoßzeiten. Freitags um 18 Uhr, am besten noch in München oder Rostock. Samstags und sonntags um 13.30 Uhr, wenns nicht so traurig wäre, müsste man darüber lachen. Vielleicht sogar montags um 20.15 Uhr, dann aber bitte in Berlin oder Cottbus/Nürnberg, damit es sich auch lohnt. Für den Arbeitgeber meine ich, weil man für solche Spiele gleich zwei Tage Urlaub verplempern muss. Kurz, ich habe keine Ahnung, ob es in der kommenden Saison mit den Spielbesuchen so klappen wird wie bisher. Und nur Spielberichte aufgrund des unfallfreien Schauens von DSF oder premiere sind weiterhin nicht mein Ding, das wäre albern. Abgesehen davon habe ich gar kein premiere und werde mir auch sicherlich keins zulegen, nur weil Fortuna jetzt in der 2. Liga spielt. Demnach kann ich also auch nach dieser Saison nicht sagen wie es hier weiter geht. Kann sein, dass alles so bleibt wie bisher, kann aber auch sein, dass man hier nur noch sporadisch etwas Neues liest (wer hat da gerufen: „Noch sporadischer?“??). Daher danke ich auch in diesem Jahr wieder für treue Leserschaft. Und wer schon die letzten Jahre durchgehalten hat, der kann nun wirklich sagen, dass er hier einiges mitgemacht hat. Vielleicht Zeit, sich auch mal ein wenig bewegte Bilder vom besten Club der Welt zu gönnen. Aber nicht, dass es heißt, ich hätte hier zum Konsum von DSF (ausgerechnet) oder zum Kauf von premiere-Decodern aufgerufen! Vielleicht sind wir ja demnächst auch mal in Deiner Nähe, treuer Leser. Dann würds mich freuen, wenn Du es Dir mal anschauen würdest. Aber möglichst im Stadion. Denn das ist es doch, was Fußball ausmacht. Spätestens seit dem Spiel in Braunschweig ist das wohl jedem klar, der an jenem Nachmittag im Stadion war. Also: macht`s gut, aber bis wann? Keine Ahnung. Wie üblich bei Fortuna.

„Memory selects the truth
Poison pieces are removed“

“3. Liga war schön
Zeit für uns, zu geh`n!“

Und nie vergessen: Fortuna Düsseldorf – Alles Andere ist (nur) Fußball!