von Janus,22.8.2007

Tja, wie fängt man an, nachdem man eigentlich aufhören wollte? Große Reden, salbungsvolle Sätze, schön geformte Sentenzen? Besser nicht, es wird auch so schon lang genug. Belassen wir es also dabei, dass auch ich nicht einfach so aus meiner Haut kann. Und dass sich derzeit alle – also auch ich – wieder einigermaßen beruhigt haben. Mal sehen, wie lange.

Vielleicht bin ich auch nur ein Erfolgsfan, der Verdacht könnte nach den ersten vier Spieltagen der Saison aufkommen. Zumal dieser Auftakt der besten Mannschaft der Welt – Fortuna Düsseldorf – wirklich dazu verleiten muss, wieder aktiv zu werden, denn so etwas wie in dieser Saison gab’s lange nicht mehr. Ich halte mich also nicht lange auf und sage einfach: „Bin wieder da.“ Das ist immerhin einfacher als für manch anderen, der sich auch gerne verändern möchte, so in Richtung Valencia oder ähnliches. Da hab ich es zum Glück leichter.

Sommerpause


Fortuna stand nach dieser Katastrophen-Rückrunde vor der Wahl: entweder neuer Trainer oder neue Mannschaft. Beides zusammen wäre ein bisschen zu teuer gewesen. Und erstmals in der Geschichte des Vereins (so glaube ich zumindest) entschied man sich für die mühevollere Variante: nicht einfach einen neuen Übungsleiter einstellen, sondern einen Großteil der Mannschaft runderneuern. Der neue Manager Wolf Werner, der schon zum Ende der letzten Rückrunde begonnen hatte, Spielern die Fortuna schön zu reden, lief zu Höchstform auf und verpflichtete alles, was bezahlbar und nicht bei „Drei!“ auf dem Baum war. Und für jeden Mannschaftsteil war etwas dabei: für’s Tor gab es nach den Abgängen von Deuß (Velbert) und Kronholm (FSV Frankfurt) die Herren Melka (Bor. Mönchengladbach) und Ratajczak (RW Erfurt). In der Abwehr sagten Adrian Spier (Eintracht Frankfurt A-Jugend) und Fabian Hergesell (Bayer Leverkusen II) Hallo. Auch dort einsortieren, weil häufig hinten links im Wechsel mit dem defensiven Mittelfeld, könnte man Oliver Hampel vom Hamburger SV II, eine Verpflichtung, die mich aus zwei Gründen erfreute. Zum einen natürlich, weil er vom HSV kam (meine Vorliebe für diese Truppe dürfte bekannt sein), zum anderen, weil Hampel beim legendären Kuno-Fischer-Karten-Festival gegen die kleinen Rothosen am drittletzten Spieltag noch für den Gegner aufgelaufen war. Man erinnere sich, es gab vier Platzverweise, einen 3:2-Sieg der Fortuna in der 90. Minute, der endgültig den Klassenerhalt sicherte, und beide Treffer für den HSV erzielte damals – Oliver Hampel. Erst versuchte er, uns mit aller Macht in die Oberliga zu ballern, zwei Monate später unterschrieb er einen Vertrag bei uns – das nenne ich tätige Reue! Sehr schön.

Auch Mittelfeld und Angriff wurden mit neuen Spielern gespickt, wobei man auch vor der Oberliga nicht Halt machte, wohl wissend, dass die Zweite Mannschaft als Neuling auch noch ein paar Spieler für das Abenteuer Oberliga Nordrhein gebrauchen könnte: mit Tomislav Zivic von Türkiyemspor Berlin, Ken Asaeda von Waldhof Mannheim und Marek Klimczok vom BV Cloppenburg langte man gleich dreimal in der vierten Liga zu. Marco Christ hingegen dürfte schon eher als Spieler zu bezeichnen sein, der Erfahrung in den oberen Ligen gesammelt hat, gehören zu seinen ehemaligen Vereinen doch immerhin der VfR Aalen, Dynamo Dresden und der 1.FC Nürnberg. Gespannt war ich auch auf Sebastian Heidinger vom Süd-Regionalligisten SC Pfullendorf, ein pfeilschneller Linksaußen und überragender Spieler der Truppe aus dem Linzgau in der letzten Saison.

Die weiteren Neuzugänge im Sturm konnten wohl mit Fug und Recht Hoffnung machen, nicht wieder solch ein Fiasko zu erleben wie in der letzten Rückrunde. Aus der Oberliga Westfalen von Schalke II kam Christian Erwig, der sich dort in der letzten Saison als sehr treffsicher erwiesen hatte. Beim nächsten Namen hätte man ebenso positiv gestimmt sein können, wenn er leider nicht einer der Sorte gewesen wäre, die wir nur allzu gut kennen: verletzt. Es kam der Albaner Bekim Kastrati, in hiesigen Breiten gut bekannt: einst als Stürmer-Kumpel des großen Josip Labas bei Borussia Freialdenhoven gegen uns in der Oberliga aktiv, dann als Alleinunterhalter bei Borussia Mönchengladbach II, die er vor zwei Jahren mit 29 Treffern in die Regionalliga schoss. Anschließend wechselte er zu Eintracht Braunschweig in die 2. Liga, machte ein paar Spielchen und fiel bis heute mit Kreuzbandriss und diversen Folge-Wehwehchen aus. Es lässt sich nicht bestreiten, dass der Mann gewaltiges Potenzial besitzt, ich hoffe nur, er kann es demnächst auch mal abrufen.

Da man dies bei Fortuna wohl ähnlich sah, machte man sich noch einmal auf und präsentierte einen echten Knaller. Zunächst sollte es Markus Kurth vom MSV Duisburg werden. Kurthi, ein gebürtiger Düsseldorfer, war auch bereit, und das, obwohl ihm Fortuna einen Drei-Jahres-Vertrag anbot, mit dem er dasselbe verdienen konnte wie – mit seinem Zwei-Jahres-Vertrag in Duisburg. Aber er dachte sich wohl, lieber ein Stammplatz auf dem Spielfeld in Düsseldorf als auf der Tribüne in Duisburg, wo er, auch dank der Verpflichtung von kleines, dickes Ailton, plötzlich zum Stürmer Nummer 5 mutierte, und eine solche Aufstellung selbst Trainer Rudi Bommer nicht zuzutrauen ist, obwohl der als ehemaliger Fortune ja auch gut weiß, was es heißt, mal völligen Käse zu spielen. Also war eigentlich alles klar – bis Duisburgs Boss Hellmich meinte, mal ein Exempel statuieren zu müssen. Vielleicht war es auch ein wenig teuer gewesen, Torwart Georg Koch aus seinem noch laufenden Vertrag zu entlassen, und er wollte jetzt irgendwie die Kohle wieder reinholen. Jedenfalls fordert er bis heute eine abstruse Ablösesumme für Kurth, die in Verbindung mit seinem Gehalt dann doch nicht mehr zu stemmen war. Schade!

Aber auf den „Knaller“ brauchte Fortuna trotzdem nicht zu verzichten. Durch etwas kuriose Umstände angelte man sich nämlich dennoch einen Top-Torjäger aus der 2. Liga: Axel Lawaree vom FC Augsburg, 15 Buden in der abgelaufenen Zweitliga-Saison.

Lawaree ist Belgier und wollte wohl gerne in die Heimat zurück, da seine kleine Tochter in diesem Sommer eingeschult wurde. Als er in Belgien aber augenscheinlich nicht unterkam (es gab wohl Verhandlungen mit Standard Lüttich), versuchte er, wenigstens so heimatnah wie möglich einen neuen Verein zu finden. Und wurde in Düsseldorf fündig. Bestimmt hätte er auch gerne in Mönchengladbach oder Aachen gespielt, was ja beides noch ein wenig näher an Belgien liegt als Düsseldorf, jedoch stand in seinem Vertrag wohl, dass er nicht zu einem direkten Konkurrenten des FC Augsburg wechseln dürfe. Und nun waren beide Klubs ja leider, leider in die 2. Liga abgestiegen, und Augsburg hatte souverän die Klasse gehalten. Da blieb dann nur noch Düsseldorf. Ein toller Coup. Mit derselben Vertragsklausel hatten wir vor zwei Jahren ja schon Oliver Barth abgefischt, der von den Stuttgarter Kickers zu Eintracht Trier wechseln wollte und sich mit den Moselstädtern bereits einig war – bis die am letzten Spieltag tatsächlich aufgrund eines einzigen Treffers Unterschied in der Tordifferenz zu Energie Cottbus aus der 2. Liga in die Regionalliga Süd abstiegen. Wo die StuKis spielten. Rums, war der Wechsel geplatzt, und Fortuna konnte zugreifen. Dass dies jetzt schon zum zweiten Mal klappte, lässt mich mittlerweile doch rätseln, welche Klauseln denn heutzutage noch in den Verträgen von Profi-Fußballern verankert werden. Aber ich will mich ja nicht beschweren...

Apropos Olli Barth: der ist weg, nach langem Hin und Her klappte es schlussendlich doch noch mit seinem Wechsel zum SC Freiburg, wobei sein bestes Empfehlungsschreiben der dortige neue Trainer Robin Dutt gewesen sein dürfte, das ist nämlich sein ehemaliger Coach aus Stuttgart. Neben den beiden Torleuten gabs auch Blumen für Jörg Albertz, der seine Karriere beendete. Pino Canale wechselte zum VfB Lübeck und verkündete gleich im ersten Interview, dreißig Prozent seiner Kraft während des Spiels gingen für’s Dirigieren drauf. Vielleicht hat man sich beim VfB Lübeck gedacht, nicht gleich zu Beginn der Saison mit einer pantomimischen Darstellung von Beethovens Neunter beglückt zu werden, Canale ist dort nämlich auch vorerst nur Ergänzungsspieler. Denis Wolf wechselte zu RW Erfurt, was ich eigentlich recht schade fand, aber Training soll wohl nicht so sein Ding gewesen sein. Immerhin machte er in Erfurt in den ersten vier Spielen mal gleich drei Tore, was mich Fürchterliches erahnen lässt, schließlich spielen wir ausgerechnet am letzten Spieltag gegen die. Marcel Podszus sucht seinen verloren gegangenen Torriecher in der Oberliga, beim 1.FC Kleve, man darf sich also auf ein Wiedersehen beim Spiel gegen Fortuna II freuen. Wohin Adewunmi und Kneißl wechselten, ist mir nicht bekannt, ich gebe aber auch zu, nicht übermäßig interessiert zu sein. Trauriger war ich da schon über den Abgang des Stehgeigers mit der eingebauten Torgarantie, Marcus Feinbier. Wolf Werner hätte wohl mit dem Mannschaftskapitän der letzten Saison verlängert, aber Trainer Weidemann wollte nicht. Was für meine Begriffe doch schon einiges aussagt über das, was so mannschaftsintern während der Rückrunde abgelaufen sein könnte. Da Feinbier sich auch mit 37 noch lange nicht zu fein für Fußball ist, wechselte er in die Regionalliga Süd zur SV Elversberg und netzte am 3. Spieltag auch gleich zweimal ein. So richtig verlernt scheint er es also nicht zu haben.

Puh, das waren die Personalien. Ich hoffe, ich habe keinen vergessen, weder bei den Zu- noch bei den Abgängen. Und vielleicht irrt auch noch ein Spieler verzweifelt am Mörsenbroicher Ei (Verkehrsknotenpunkt in Düsseldorf) umher und sucht die Fortuna-Geschäftsstelle zwecks Neueinstellung, oder es hämmert einer verzweifelt gegen die Tür der Abstellkammer in der Arena, wo er nach dem letzten Spiel versehentlich eingeschlossen wurde, und niemand hat es gemerkt. Bei dieser Personalfluktuation würde mich das nicht wundern.

Natürlich braucht eine solch neue Truppe Zeit, um sich einzuspielen. Soviel allerdings auch nicht, denn die Bekanntgabe des Spielplans bescherte uns dann doch lange Gesichter. Auswärtsspiel bei Union Berlin, dann Heimspiel gegen RW Essen, dann auswärts beim Wuppertaler SV, dann zuhause gegen Werder II. Erst drei Aufstiegsfavoriten, und dann die Unbesiegbaren. Da meinte es wohl jemand ganz besonders gut mit uns, insbesondere mit dem Trainer. Mit ein bisschen Pech sowie dem üblichen Fortuna-Start der letzten Jahre könnte der Verein Ende August dann doch auf die Idee kommen, den Coach vorzeitig zum Spazierengehen zu schicken, schließlich steht in dieser Saison unglaublich viel auf dem Spiel. Ein echter Hammer-Auftakt! In einer Reihe von Testspielen wurde somit versucht, das Zusammenspiel möglichst zügig zu perfektionieren. Hierbei gab es schon Erstaunliches zu sehen: im Rahmen eines fünftägigen Trainingslagers in der Eifel trug Fortuna auch zwei Testspiele aus. In der ersten Partie gegen Südwest-Oberligist TuS Mayen (4:1) netzte Torwart Melka ein. Aber nicht per Elfer, noch nicht einmal per direkt verwandeltem Abschlag. Vielmehr war es ein Befreiungsschlag aus dem Spiel heraus, ein mächtiger Bums, der 85 Meter über das Feld flog, vor dem gegnerischen Torwart aufsprang und dann vom Wind über diesen hinweg ins Tor geweht wurde. Ein starkes Stück! Melka durfte sich anschließend ärgern, dass keine Fernsehkamera in der Nähe war, denn wenn so eine Nummer nicht Tor des Monats wird, was dann? Die Fans waren begeistert, Platz 10 in der Regionalliga war eigentlich schon klar.

Im Spiel gegen den Kreisligisten SV Sötenich, zwei Tage später, gab es noch mehr zu staunen: Axel Lawaree, an jenem Freitagmorgen erst frisch als Neuzugang vorgestellt, fuhr nachmittags quasi direkt aus dem Urlaub mal in die Eifel, sagte den neuen Kollegen Hallo, und weil er schon mal da war, streifte er direkt ein Trikot über und netzte nach knapp fünf Minuten mit seinem ersten Ballkontakt zum 1:0 ein (Endstand 10:0). Die Fans rasten, der Aufstieg schien in greifbare Nähe zu rücken.

Eine knappe Woche später verlor man dann aber das einzige Testspiel der Vorbereitung, und das ausgerechnet gegen den Lokalrivalen TuRU Düsseldorf (1:3). Das ging nun gar nicht, die Fans tobten, Platz 10 schien plötzlich unerreichbar. Die neuen Spieler bekamen also schon mal einen Vorgeschmack dessen, was in der Saison hier abgehen kann, wenn es super oder gar nicht läuft. Derart eingenordet machte man in den letzten Testspielen wieder einen gute Figur, schlug Oberligist Bochum II und Regionalligist Hessen Kassel, und rundete das Ganze mit einer wirklich guten Mannschaftsleistung und einem 1:1 gegen Galatasaray Istanbul ab.

Das klang gut. Aber am 28.07.07 zählte all dies nicht mehr, selbst die Pleite gegen die TuRU war vergessen. Erster Spieltag der Saison, in der man mindestens Zehnter werden muss, um nicht abzusteigen. Und es ging direkt zu Union Berlin, dem Verein, der in der Sommerpause unter anderem den Fan-Beauftragten entlassen, den Pressesprecher auf Ehrenamt gestutzt und den Etat für den Nachwuchs empfindlich herunter gefahren hatte, nur um mehr Geld in Neuzugänge investieren zu können. Ein richtiger Brocken zum Auftakt. Und dazu die wohl einmalige Fortuna-Serie, die mich in den letzten Jahren bei der Schilderung des ersten Spieltags stets zu inhaltlich identischen Schlagzeilen greifen ließ.

Same Procedure as – STOP!

Ja, unser Serie. Wer kennt sie mittlerweile nicht? Seit 1994 konnte Fortuna kein Auftaktspiel gewinnen, egal, in welcher Liga. Und in der Zwischenzeit hatten wir so einiges an Ligen zu bieten, 1. Bundesliga, 2. Bundesliga, Regionalliga West/Südwest, Regionalliga Nord, Oberliga Nordrhein...nie, nie, nie wurde in den letzten 13 Jahren am ersten Spieltag gewonnen. Hinlänglich bekannt. Sogar in der Bundeshauptstadt hatten sie das erkannt und mit der ebenfalls bekannten „Berliner Schnauze mit ohne Herz“ entsprechend gewürdigt. Die B.Z., augenscheinlich ein Käseblättchen, gegen das selbst die Bild-Zeitung ansatzweise seriös wirken könnte, fasste es am Spieltag in die einzig richtigen Worte, wie man glaubte, und titulierte Fortuna in einem Vorbericht zum Spiel als „die Blinden“. Dafür herzlichen Dank. Ich weiß zwar nicht, ob Trainer Uwe Weidemann jenes Papier, in das sie wohl in England noch nicht mal ihren Fisch einwickeln würden, einfach an die Wand der Umkleidekabine pinnte und sich die Motivationsrede sparte. Auf jeden Fall dürfte es auch so nicht spurlos an den Spielern vorüber gegangen sein. Zumal einige auf dem Platz standen, die ihr allererstes Spiel für Fortuna machten, und die somit an dieser Negativserie gar nicht beteiligt gewesen sein konnten. Wer lässt sich dann schon gerne lächerlich machen?

In der ersten Halbzeit war es ein flottes Spiel von beiden Seiten, sicherlich auch begünstigt durch den Dauerregen, der ab ca. der 20. Minute einsetzte und das Geläuf noch schneller machte. Axel Lawaree setzte eine erste Duftmarke, als er einfach mal zum Seitfallzieher ansetzte, und die Kugel nur knapp am Tor vorbei flog. Auf der anderen Seite hatte der junge Stürmer Martins die Riesenchance zur Führung, als er nach einer Flanke im Strafraum völlig frei zum Abschluss kam, die Kugel dann aber zielsicher in Richtung Gästeblock beförderte. Die Fortuna-Abwehr wackelte einige Male bedenklich, aber sie fiel nicht, und die Mannschaft hielt gut dagegen. Man konnte zur Pause recht zufrieden sein.

Nach der Pause noch ein wenig mehr. Fortuna legte noch ein Schüppchen drauf und beherrschte Ball und Gegner relativ gut. Nach mehreren vergebenen Gelegenheiten tauchte plötzlich sogar Rechtsverteidiger Krecidlo völlig frei im Union-Strafraum auf, wartete aber mit dem Abschluss zu lang, sodass Keeper Glinker den Winkel verkürzen und den Schuss abwehren konnte. Es war wie verhext, ein typisches Auftaktspiel bei Fortuna. Bis zur 75. Minute...

Ecke für Fortuna von rechts. Da bereitet man sich eigentlich routinemäßig schon auf den Gegenangriff vor, dass bei Fortuna nach einer Ecke mal was passiert, das kann man pro Saison an einer Hand abzählen. Also hoffe ich mal, dass wir unser diesbezügliches Pulver nicht schon am ersten Spieltag verschossen haben. Denn den von Markus Anfang getretenen Ball wuchtete Abwehrspieler Hamza Cakir auf der Höhe des kurzen Pfostens mit einem Kopfball-Aufsetzer ins Netz. 1:0! Hochverdient zu diesem Zeitpunkt, Union fiel im zweiten Durchgang mal genau gar nichts ein, um unsere Abwehr in Verlegenheit zu bringen. Dies änderte sich natürlich nach dem Treffer, als die Gastgeber langsam, aber sicher in den fünften Gang hoch schalteten.

Und dann schlug das fortunistische Auftakt-Syndrom wieder zu: wenn der Gegner schon nicht trifft, dann helfen wir halt nach. Diesmal in Gestalt von Jens Langeneke, der in der 85. Minute bei einer weiteren Verwirrung im Strafraum per Reflex mit der Hand klärte. Ich wette, er konnte sich das selbst nicht erklären, so was passiert halt ab und zu. Bundesliga-Schiri Kinhöfer zeigte völlig zurecht auf den Elfmeterpunkt. Wieder alles für die Katz! Und während man sich das Hirn marterte und überlegte, wann zuletzt bei Fortuna ein Elfmeter gehalten wurde (Deuß hielt in Wuppertal 2005 einen, aber das war ein Pokalspiel – in der Meisterschaft? Ich überlege immer noch..), lief Mattuschka an und setzte die Kugel flach links unten ins Eck – wo sie gegen die rechte Hand von Torwart Melka prallte, der sich den Ball dann im Nachfassen greifen konnte. Gehalten! Unglaublich, der war gar nicht schlecht geschossen, vor allem genau in die äußerste Ecke platziert. Ha! Aber wir haben nicht umsonst einen Torwart geholt, der 1,95 m lang ist! Melka tauchte ins Eck und hielt den Ball und damit auch den Sieg fest. Denn nun ließ sich die Truppe nicht mehr aufhalten, nicht vom anschließenden Sturmlauf der Berliner, nicht von Gelb/Rot für Palikuca in der 88. Minute, nicht von den drei Minuten Nachspielzeit. Alles prallte an der Betonmauer ab, und gegen 15.50 Uhr griff sich Schiri Kinhöfer die Pfeife und beendete das Spiel – unseren ersten Auftaktsieg seit 1994. Ca. 1.000 Gästefans unter den 6.300 Zuschauern flippten völlig aus. Man munkelt, es seien Freudentränen geflossen, die denen in der Nacht, als die Berliner Mauer fiel, in nichts nachgestanden haben sollen. Außerdem sollen ältere Fans gesichtet worden, die die Jüngeren flüsternd darüber aufklärten, was dort soeben geschehen war, da diese in ihrem aufgrund biologischer Gegebenheiten zwangsläufig viel zu kurzen Leben mit Fortuna noch niemals einen Auftaktsieg erlebt hatten. Und auch ich konnte ergriffen sagen: „Dass ich das noch erleben darf...“

1994 war es, als wir zuletzt bei einem Auftaktspiel siegten, ein überraschendes 2:1 als Zweitliga-Neuling beim 1.FC Saarbrücken damals. Fußball-Deutschland hatte ein „Phantom-Tor“ von Thomas Helmer und eine WM in den USA hinter sich, bei dem die polierte Platte Yordan Letchkov (ausgerechnet einer vom HSV!) die Deutschen im Viertelfinale rausköpfte. Wort des Jahres war damals „Super-Wahljahr“, weil eigentlich durchgehend irgendjemand in Deutschland irgendwo seinen Wahlzettel in eine Urne stecken konnte, wäre das in Amiland passiert, die wären heute noch am Auszählen....ach ja, und für Fans von Leuten, die andauernd im Kreis rumfahren: Michael Schumacher war genau null Mal Formel I-Weltmeister, es dauerte noch ein paar Monate bis zum Titel Nr. 1...

Da übermannen einen schon mal die Gefühle, Bilder drängten sich auf, von all den Jahren der bitteren Starts, von den Tagen, an denen alles gut werden sollte, und an denen es doch so viel Frust gab...

Wie man 2005 die Osnabrücker mit der Sauna-Taktik schlagen wollte: Wolkenbruch angekündigt, Dach der Arena zu, gefühlt 40 Grad im Schatten in der großen Turnhalle...Endstand: 1:2

Wie man 2004 als frisch gebackener Aufsteiger Preußen Münster in deren eigenem Stadion schwindlig spielte, ein Dutzend hochkarätige Chancen vergab und nur ein einziges Mal hinten nicht aufpasste...Endstand: 0:1

Wie man 2002 Neuland betrat, zum ersten Mal viertklassig, zum Auftakt die kleinen Zebras aus Duisburg gut im Griff hatte und dann fahrlässig binnen 5 Minuten den Sieg verspielte...Endstand 2:2

Wie man nach dem Bundesliga-Abstieg 1997 ein begeisterndes Spiel bei Eintracht Frankfurt ablieferte, nur denkbar unglücklich verlor, und Matthias Jack seinen Einstand als „Der rote Mattes“ gab und gleich mal vom Platz flog...Endstand: 2:3

Und natürlich unvergessen, der Beginn der Serie, nach unserem Bundesliga-Aufstieg 1995, das 1:1 bei Werder Bremen, als Richard Cyron nach ein paar Sekunden den Führungstreffer für Fortuna und damit das erste Tor der damaligen Bundesliga-Saison erzielte... Endstand: 1:1

An all dies habe ich jedes Jahr aufs Neue denken müssen, wenn wir uns wieder dem 1. Spieltag näherten, voller doppelter Ungeduld, zum einen, dass es endlich wieder los gehen würden, zum anderen, die fast schon irreale Hoffnung, dass es diesmal anders werden würde, und natürlich wurde nix anders, nur die Gegner waren immer andere. All dies ist nun keine aktuelle Negativserie mehr, sondern nur noch nostalgischer Rückblick. Den wollte ich mir dann hier noch mal gönnen.

Mehr als drei Punkte gab es auch für diesen Sieg nicht. Und am nächsten Tag interessiert auch keine Sau mehr, ob das ein irgendwie historischer Sieg war oder nicht. Aber an diesem einen Tag sollten solche melancholischen Anwandlungen schon mal erlaubt sein. Mund abputzen, Augen abtupfen, drei Punkte einsacken, weitermachen.

Viel Lärm um nichts


Am Samstag darauf war erst mal abwarten angesagt. Die Partie gegen RW Essen wurde nämlich auf den Dienstag verschoben, weil die Essener an jenem Samstag in der 1. Runde des DFB-Pokals gegen Energie Cottbus antraten. Und uns den Gefallen taten, dies gleich mal 120 Minuten lang zu tun, plus Elfmeterschießen. Da kamen Erinnerungen auf, an die vorletzte Saison, als St. Pauli das Gleiche durchmachen musste, samstags erst 120 Minuten Pokal gegen Wacker Burghausen spielen, drei Tage später bei uns antreten und ziemlich müde 0:2 verlieren. Gegen eine entsprechende Wiederholung des Szenarios hätte ich nichts einzuwenden gehabt.

Somit also Spieltag am Dienstag, 07.08.07. Ich machte mich direkt von der Arbeit aus Bonn auf den Weg nach Grevenbroich, um von dort mit einem Bekannten weiter zu reisen. Bei dem, was nachmittags so auf den Autobahnen los ist, war es nicht angezeigt, auch nur eine Minute zu vergeuden. Und natürlich kam es so, wie es kommen musste, es ging gut bis Köln, dann fing es nicht nur heftig an zu regnen, sondern mit dem zügigen Fahren war auch erst mal Schluss, ein flauschiger 10-km-Stau auf der A 4. Wobei auf der A4 gar nicht viel los war, wohl aber auf der A 1, die auf dem Kölner Westring in die A 4 mündet. Denn auf der A1 hat man sich auch nicht lumpen lassen und ausgerechnet im Bereich der Kölner Ringe mal wieder eine ordentliche Baustelle hingestellt. Die plus Feierabendverkehr plus Regen ergaben die angesprochene Verkehrsstockung. Bezeichnend war, dass alles sofort vorbei war, nachdem man das ominöse Kreuz passiert hatte, die weitere Fahrt auf der A 4 zum Kerpener Kreuz ging sodann relativ flott von der Hand bzw. vom Fuß. Dort dann auf die A 61 und sorglos bis zur Anschlussstelle Bedburg/Grevenbroich – oder auch nicht. Denn auch dort wollte man etwas zum Gelingen des Tages beitragen und hatte nicht nur eine neue Baustelle aufgemacht, sondern auch mal gleich die komplette Ausfahrt gesperrt! Somit ging es weiter zum Kreuz Jackerath, an dem aber dummerweise nur die A 44 Richtung Aachen abgeht. Warum das dann ein „Kreuz“ sein soll, können sie im Planungsamt wahrscheinlich auch erst nach dem zehnten Bier erklären. Also weiter geradeaus, tatsächlich bis zum Kreuz Mönchengladbach-Wanlo, von wo die A 46 Richtung Düsseldorf abzweigt, die man dann auch in Grevenbroich verlassen kann. Von Bonn über Ostholland zum Zwischenstopp, statt der üblichen 85 km deren 110, statt der üblichen Stunde Fahrtzeit auch ein bisschen länger – da war ich schon bedient, bevor ich überhaupt im Stadion war. Aber egal, weiter!

Dabei hätte man sich gar nicht beeilen brauchen. Das Spiel fing nämlich eh später an. Aufgrund des doch gewaltigen Andrangs, für Fortuna-Verhältnisse, wurde die Partie mit 15 Minuten Verspätung angepfiffen. 27.300 Zuschauer waren in der Arena, eine Zahl, die uns bereits am zweiten Spieltag einen Zuschauerrekord bescherte, der eigentlich nur noch von uns selbst gebrochen werden kann, denn in die traditionellen Fan-Hochburgen der Liga, Dresden, Essen, Braunschweig, passen gar nicht so viele Leute rein. Und dass irgendwelche Fans von Bundesliga-Vereinen ihr Herz für ihre 2. Mannschaft entdecken und denen mal die Bude so richtig voll machen – wer glaubt das schon? Okay, in einem vorgezogenen Spiel des 2. Spieltags waren eine Woche zuvor 18.000 Zuschauer beim Spiel VfL Wolfsburg II – Braunschweig gewesen, aber das war wohl doch eher eine einmalige Angelegenheit. Zum anschließenden Auftakt der Erstliga-Mannschaft der „Wölfe“ gegen Bielefeld war das Stadion jedenfalls auch wieder nur zu zwei Dritteln gefüllt, was den Kommentator des Spiels zu der Schlussfolgerung veranlasste. „Das Stadion war nicht ausverkauft – VW hat Betriebsferien.“ Scharf beobachtet.

Also, es war alles angerichtet: eine prächtige Kulisse, ein starker Gegner, fast so etwas wie ein Derby, die Essener zudem noch reichlich müde vom Pokal – es konnte losgehen!

105 Minuten später fragte ich mich, ob wirklich schon an- und wieder abgepfiffen worden war. Denn passiert war zwischen diesen beiden Pfiffen so gut wie nichts. 0:0.

Das lag zum einen an Essen, das wirklich sehr müde war. Die wollten gar nicht gewinnen. In der ersten Halbzeit ging noch ein bisschen was, in der zweiten überhaupt nichts. Trainer Heiko Bonan brachte schon nach 60 Minuten den dritten defensiven Einwechselspieler und mauerte das Ding mit zwei Viererketten am eigenen Strafraum nach Hause. Eigentlich traurig, aber verständlich.

Eher unverständlich, dass auch Fortuna dazu nichts Besonderes einfiel. Viel zu harmlos wurden die Angriffe vorgetragen, der Gegner wurde kaum mal unter Druck gesetzt, allzu oft wurde hintenrum gespielt, und am Ende war man ebenfalls nur darauf bedacht, dass hinten die Null stehen sollte. Das war ziemlich wenig, auch wenn die Essener wirklich gut standen.

Okay, ein paar Aufreger gab es schon. Die lagen zumeist in der ersten Halbzeit. Die beste Chance des Spiels hatten noch die Essener, als Markus Anfang kurz vor der Pause im Anschluss an einen Eckball einen Kopfball von der Linie kratzen musste. Auf der Gegenseite war Ahmet Cebe mal wieder zu eigensinnig, nachdem er drei Mann schwindlig gespielt hatte und von rechts in den Strafrau eingedrungen war, versuchte er sich mit einem flachen Ball in die Mitte, halb Torschuss, halb Pass ins Nirwana, und übersah dabei Axel Lawarée, der am 11-m-Punkt völlig frei stand und anschließend fast in selbigen gebissen hätte. Das wäre die beste Chance des Spiels gewesen, aber es fehlte wohl ein wenig die Übersicht. Ansonsten gab es außer einigen gelungenen, aber im Abschluss erfolglosen Flankenläufen und ein, zwei Fernschüssen nichts Aufregendes vom Spiel zu berichten.

Also mussten anders Akzente gesetzt werden. Kurz vor der Pause prallten Cebe und der Essener Stürmer Güvenisik im Mittelfeld zusammen, Kopf an Kopf. Das Ergebnis war wenig schön: Güvenisik verlor einen Schneidezahn und beschädigte sich weiteres Kaumaterial. Er musste auf der Stelle ausgewechselt werden. Da, wo Güvenisiks Gebiss unfreiwillig Bekanntschaft mit Cebes Schädel gemacht hatte, wurde es leicht rötlich, und Cebe musste sich an der Seitenlinie tackern lassen. Anschließend einen flotten Turban auf den Kopf gesetzt, und weiter ging’s.

Etwas skurril war dies deswegen, weil in der zweiten Halbzeit auch Jens Langeneke mit seinem Gegenspieler zusammenprallte und eine Platzwunde davon trug. Auch er spielte die restliche Spielzeit mit einem Kopfverband durch, was dann doch stark danach aussah, als hätten wir uns unsere Spieler aus dem nächstgelegenen Feldlazarett geholt. Aber natürlich kann man es auch anders sehen und sagen: typisch Düsseldorf, in der Mode immer was Neues! Die Turbane hielten bis zum Schluss, und ich hoffe nur, dass der Verein seitdem nicht eine eigene Akte mit einem roten Reiter beim Verfassungsschutz hat, aufgrund öffentlicher Sympathien zu gewissen Herren in Nahost. Sah schon etwas merkwürdig aus.

Tja, und wenn dies dann schon diejenigen Ereignisse waren, die das Spiel mal kurz aufregend machten, kann derjenige, der das Spiel nicht gesehen hat, sich wohl ungefähr ausmalen, wie der Rest ablief. Man dachte, es käme ein Spitzenspiel, aber es war doch nur eine ängstliche Fortuna gegen platte Essener. Immerhin, Trainer Uwe Weidemann sagte nach dem Spiel völlig zu Recht: „In der letzten Saison hätten wir so ein Spiel wohl noch verloren.“ Sei’s drum, aber es tröstete nur wenig.

Auf der Rückfahrt probierte ich übrigens mal die Variante, in Dormagen auf die A 57 aufzufahren und dann über die A 1, A 4, A 555 und A 565 nach Hause zu hüpfen. Ich hatte richtig kalkuliert, es war um diese Uhrzeit nichts mehr los. Dieser Weg ist auch um einiges kürzer als die Variante mit der A 61, auch ohne dass man dort irgendwelche Ausfahrten sperren müsste. Aber nachmittags kann man so wirklich nicht fahren, zumindest nicht, wenn man einen wichtigen Termin hat. Auch wenn es damit so war, wie mit so vielen Terminen, die man vorher als wichtig erachtet: es war viel Lärm um nichts.

Nur vier Tage später kam direkt das nächste Spitzenspiel. Und die nächste Negativserie. Seit 1975 hatten wir kein Pflichtspiel mehr beim Wuppertaler SV gewonnen. Okay, das lag auch eher daran, dass in 25 dieser 32 Jahre gar kein Meisterschaftsspiel Wuppertal gegen Fortuna angestanden hatte, weil die Herrschaften ligatechnisch fast immer unter uns platziert waren (Ausnahmen gab es 1993/94 und 2003/04 - da standen wir unter denen). Aber trotzdem kann man damit ja hübsch Schlagzeilen machen. Aber bevor diese Serie nun auch vor dem Spiel gebetsmühlenartig wiederholt wurde, mischte ein anderer den Zeitungswald mal ordentlich auf und sorgte für beste Stimmung vor dem Derby. Wolfgang Jerat, Trainer des Wuppertaler SV, und auf meiner persönlichen Sympathieskala schon längst an Pelé Wollitz vorbei gezogen, hatte mal was zu sagen. Es klang lustig, aber er meinte es wohl Ernst. So kann man sich täuschen.

Wuppertal muss nicht langweilig sein: Top-Trainer, Top-Mannschaft, Top-Baustelle

Denn Wolfgang Jerat ist nun mal Kölner, kennt sogar Christoph Daum und hat sich in puncto Motivation wohl einiges bei ihm abgeguckt. Und so verkündete er zu Saisonbeginn gleich mal lautstark, dass seine Mannschaft der Top-Aufstiegsfavorit sei, er sehe nun wirklich weit und breit keine Truppe, die der eigenen auch nur im Ansatz gefährlich werden könne. Die verzückten Fans dankten es ihm, indem sie gleich am ersten Spieltag ein Transparent entrollten, auf dem „Regionalliga-Abschiedstour 07/08“ zu lesen stand. An wen erinnert mich das nur? Ich glaube, wir hatten letztes Jahr am ersten Spieltag in der Arena ein ähnliches Banner gehisst. Wobei die Wuppis ja noch sagen können – wenn sie mindestens Zehnter werden, sind sie nächste Saison in der eingleisigen Dritten Liga dabei, die heißt dann ja auch nicht mehr Regionalliga. Wäre immerhin eine Möglichkeit. Ich glaub’s zwar nicht, wollte es aber nicht unerwähnt lassen.

Kurz vor dem Spiel widmete sich der Top-Trainer des Top-Favoriten dann auch mal dem Gegner und äußerte die Überzeugung, er gedenke, Fortuna „wegzuhauen“. Anschließend beschäftigte er sich nur noch mit dem Gegner und ließ raus, das Ziel der Fortuna könne doch auch nur Aufstieg bedeuten, und wir sollten dies doch auch gefälligst zugeben. Da hat er ja richtig Ahnung, der Mann. Er wollte also mit seinem selbst ernannten „Top-Favoriten“ einen ebenso gefälligst selbst zu ernennenden „Favoriten“ eben mal „weghauen“.

Nun ist der Mann Kölner und arbeitet seit Monaten in einer Baustelle in Wuppertal. Von daher habe ich eigentlich zu keiner seiner Äußerungen irgendwelche Fragen. Aber ein bisschen dick aufgetragen war das schon, selbst für einen Kölner. Natürlich hat der WSV eine gute Mannschaft, sie hatten auch die ersten beiden Saisonspiele gegen Lübeck und in Oberhausen gewonnen sowie Zweitligist Aue im DFB-Pokal nach Verlängerung und Elfmeterschießen rausgekegelt, alles recht glückliche Siege, aber im Endeffekt verdient. Trotzdem wirkt diese Art der Motivation auf mich reichlich albern. Aber sei’s drum. Am 11.08.07 fuhren wir also zum „Weghauen“ in die Bruchbude Am Zoo. Übrigens zum elften Mal (!) seit August 2002. Fünf Liga- sowie drei Pokalpartien gegen den WSV, zwei Oberliga-Kicks gegen Borussia Wuppertal, bevor die sich den WSV fusionstechnisch einverleibten (oder war es umgekehrt?), eine gegen die SSVg Velbert – da kann der Jerat noch so rumschwafeln, interessant wird diese Hütte für mich nie mehr werden. Oder vielleicht doch?

Bei erstaunlich gutem Wetter wurde die Bude richtig voll. Wie voll genau, konnte leider niemand sagen, da momentan niemand zu wissen scheint, wie viele Leute ins Stadion reinpassen. Der Haufen Bauschutt hinter dem einen Tor, optisch schön abgestimmt mit dem Haufen Bauschutt hinter dem anderen Tor, lässt derzeit nämlich nur eine eingeschränkte Zuschauerkapazität zu. Da selbst diese eher selten erreicht wird, kann man somit nicht sagen, wie „voll“ voll eigentlich ist. 10.000, 15.000? Offiziell waren es 10.341 Zuschauer, aber das sah schon nach ein wenig mehr aus. Na ja, irgendwie muss man die Baukosten ja drücken, und Kleinvieh macht auch Mist. Also lassen wir diese offizielle Zahl, die auch von nicht wenigen WSV-Fans anschließend belächelt wurde, einfach mal stehen.

Das Spiel begann mit einem Paukenschlag: in der 8. Minute missglückte dem Wuppertaler Wiwerink im eigenen Strafraum der Befreiungsschlag, der Ball kam nur ca. einen Meter weit und prallte von Andy Lambertz genau vor die Füße von Christian Erwig. Ein Ausfallschritt, eine linke Klebe, flach aus ungefähr zwölf Metern, rechts unten ins Eck – 1:0 für Fortuna! Was für ein Auftakt! Und so ging es auch erst einmal weiter, Fortuna war die klar bessere Mannschaft und hätte auch nachlegen können, aber besonders der Torschütze gefiel sich darin, noch zwei, drei dicke Chancen zu vergeben. Dann wachte der „Top-Favorit“ auf und schlug zurück. Zunächst kam Bölstler im Strafraum frei zum Schuss, aber Ahmet Cebe, der anscheinend hartnäckig einen Trend setzen will und wieder mit Turban auflief (nein, im Ernst, die Narbe am Kopf hatte sich entzündet), konnte sich in letzter Sekunde in die Schussbahn werfen und die Kugel übers Tor abfälschen. Nach der anschließenden Ecke musste mal wieder Markus Anfang auf der Linie retten, und fünf Minuten vor der Pause wäre Rietpietsch fast der Ausgleich gelungen, als er nach einer reichlich unübersichtlichen Situation 16 Meter vor dem Tor zum Abschluss kam, und etwas losließ, das Karl-Heinz Rummenigge in seiner Zeit als Co-Gähner bei den Öffentlich-Rechtlichen einst als „verzinkten Schuss“ bezeichnete: aus dem Hinterhalt, für den Torwart schwer und vor allem erst spät zu sehen, und schön in die Ecke gezirkelt. Torwart Melka flog, aber da er, wie erwähnt, „nur“ 1,95 m groß ist, hätte er den Ball nie erreicht. Dafür hatten er diesmal Glück: der Pfosten rettete die Führung in die Halbzeitpause.

Nach der Pause drängte Wuppertal noch vehementer auf den Ausgleich, und so gab es in der 58. Minute gleich ein doppeltes Déjà-vu: nach einem Kuddelmuddel im Strafraum wurde der Ball von rechts über Melka, der am kurzen Pfosten stand, in die Mitte gehoben. Der Keeper war mit einer Hand noch dran, aber das Leder flog weiter und wurde vor der Linie von David Krecidlo mit eine Reflex per Hand weiter befördert. Da stöhnt man natürlich auf: wie zwei Wochen zuvor in Berlin, Handelfer gegen Fortuna, das kennen wir doch! Und den Krecidlo als verhinderten Volleyballer kennen wir auch, im April in Leverkusen war ihm schon dasselbe passiert. Der Mann hat irgendwie seine Hände nicht unter Kontrolle.

Aber eins war dennoch neu, und sorgte für große Aufregung: Krecidlo erhielt von Schiri Zwayer nicht Rot, sondern nur Gelb. Der Top-Trainer stand draußen an der Seitenlinie und schüttelte nur noch den Kopf. Wenn dabei doch nur das Regelbuch des DFB rausgefallen wäre! Da hätte er nämlich nachlesen können, dass einem Spieler nach absichtlichem Handspiel nur dann Rot zu zeigen ist, wenn er ein Tor oder eine klare Torchance verhindert. Und noch einmal: der Ball kam von der Seite, Krecidlo stand kurz vor der Linie und musste sogar die Hand nach vorne ausstrecken, um den Ball zu spielen. Wer die Szene im Fernsehen gesehen hat, muss zugeben, dass der Ball ohne das Handspiel niemals die Linie überquert hätte. Und die klare Torchance? Nun, in seiner Nähe stand kein Wuppertaler Spieler, der hätte abstauben können, wenn er den Ball durchgelassen hätte. Auch das machte das Handspiel ja so überflüssig. Also, wenn ich die Regel richtig verstehe, dann war das kein Fall von zwingendem Rot. Da kann man Rot geben, muss aber nicht. Und genauso handhabte es auch der Schiri. Eine vertretbare Entscheidung, wie ich finde.

Aber Elfmeter gab’s ja trotzdem. Mahir Saglik, Neuzugang vom Regionalliga-Absteiger 1.FC Saarbrücken, mit der Empfehlung von 15 Saisontreffern an die Wupper gewechselt, trat an, schoss – und Melka hielt. Nicht zu fassen! Der zweite Handelfer gegen uns, der zweite, den Melka parieren konnte. Ich glaube, damit hat er die fortunistische Torhüter-Statistik der letzten 20 Jahre gesprengt . Und Saglik musste einsehen, dass Fortuna irgendwie doch nicht sein Verein ist. In unserer Aufstiegssaison 2004/05 hatte er, damals noch in Diensten von Dortmund II stehend, beim Spiel am Flinger Broich (1:1) kurz vor Schluss das Kunststück fertig gebracht, den Ball aus drei Metern übers (!) Tor zu setzen. Diesmal aus elf Metern klappte es mit dem Zielen besser, aber im Gegensatz zu damals stand noch ein Torwart auf der Linie.

Tja, und da sich das Spiel zu einer Kopie der Partie bei Union Berlin entwickelte, gab es natürlich auch noch Gelb/Rot für Fortuna, diesmal für Cebe, den sein schicker Turban in der 84. Minute auch nicht retten konnte. Ein etwas genaueres Hinsehen des Schiris hingegen hätte dies tun können, denn Cebe spielte bei dem „Foul“, das ihm den Platzverweis einbrachte, eindeutig den Ball. Das roch geradezu nach Konzessionsentscheidung des Schiris, weil er vorher bei Krecidlo regelkonform ein Auge zugedrückt hatte. Aber auch diesmal ließen wir uns davon nicht mehr aufhalten. Christian Erwig verballerte in der Schlussminute bei einem der wenigen Konter sogar noch die Riesenchance zum 2:0, als er, völlig frei vor Maly auftauchend, die Kugel weit übers Tor setzte. Aber das wäre auch des Guten zuviel gewesen. Es reichte auch so.

Die nächste Negativserie pulverisiert! Man kann also auch in Wuppertal gewinnen, wenn auch natürlich glücklich, größtenteils aufgrund des Pfostenschusses in der ersten Halbzeit. Aber die Mannschaft hatte ein prima Spiel abgeliefert und nicht ganz unverdient gewonnen. Da nicht sein kann, was nicht sein darf, hatte der Top-Trainer anschließend noch Verschwörungsbedarf. Natürlich war der Schiri Schuld, nicht nur wegen der nicht gegebenen Roten Karte, Herr Jerat sah noch zwei weitere „eindeutige Elfmeter“, die seiner Mannschaft nicht zugesprochen wurden. Leider sagte er nicht, in welchen Spielen das gewesen sein soll, das soeben beendete Match kann er auch mit der größten Vereinsbrille nicht gemeint haben. Vielleicht haben ihm die vielen Strafstöße im Elfmeterschießen gegen Aue ein wenig die Sinne getrübt. Da gab’s ja quasi Elfmeter für gar nix, da hatte er wohl eine entsprechende Fortsetzung erwartet. Dieses Spiel, das eine Woche zuvor stattgefunden hatte, wurde dann auch von Wuppertaler Seite gerne als Entschuldigungsgrund herangezogen, waren die Spieler doch so richtig erschöpft nach der englischen Woche. Ui, Ermüdungserscheinungen schon am 3. Spieltag, und das beim Top-Favoriten? Ja darf das denn sein? Mein Herz blutete wirklich, zumal man auf dem Rasen davon eigentlich ziemlich wenig davon bemerkte. Die waren an jenem Tag nur zu blöd zum Tore schießen, das war alles. Aber das ging natürlich gar nicht.

Um das klarzustellen, auch ich halte den WSV für eine der stärksten Mannschaften in dieser Saison, die werden sicherlich oben mitmischen. Dies bewiesen sie eindrucksvoll nur eine Woche später, als sie in Ahlen 5:2 gewannen. Und natürlich hatten die binnen 7 Tagen drei Spiele und wir nur zwei, das kann schon mal eine Rolle spielen. Aber wer vor dem Spiel derart die Klappe aufreißt, den Gegner provoziert, und anschließend meint, es wären nur „äußere Umstände“ gewesen, die den Sieg des „Top-Favoriten“ verhindert hätten, der darf sich meines mitleidigen Lächelns gewiss sein. Weniger ist halt manchmal mehr. Obwohl: das lustige Transparent vom ersten Spieltag, das habe ich nicht gesehen. Das muss aber nix heißen, vielleicht war ich vom ganzen Bauschutt drumherum auch nur abgelenkt. Was soll’s. Ihr habt die Schwebebahn (die an jenem Tag noch nicht einmal fuhr ) – wir haben die drei Punkte! So geht’s also auch.

Fortuna verfügte nach diesem Spieltag über ein gigantisches Torverhältnis von 2:0. Kein Gegentor, allerdings eher aufgrund der guten Leistungen von Torhüter Melka als aufgrund solider Abwehrarbeit, die ist noch verbesserungswürdig. Und im Vergleich zu anderen Teams ist unser Sturm ja wohl erste Sahne! So stand zum Beispiel beim SSV Reutlingen in der Regionalliga Süd nach dem 3. Spieltag das ebenso gigantische Torverhältnis von 0:0 zu Buche. Was für ein Schluffi-Sturm! Und zudem noch so uneffektiv! Denn mit dreimal 0:0 hatten die Reutlinger natürlich nur drei Punkte, wir hingegen nutzten unsere zwei Treffer zu sieben Punkten und Platz 3! Auf Platz 2 übrigens der HSV II mit Torverhältnis 4:0...und Tabellenführer RW Erfurt, ebenfalls sieben Punkte, hatte ein Torverhältnis von 10:4. Diese Angeber! Sollen die doch ihr Pulver jetzt schon verschießen, wir halten uns erst mal vornehm zurück...

Nein, natürlich waren die Sturmleistungen durchaus ebenfalls verbesserungswürdig. Die nächste Gelegenheit dazu kam am 18.08.07. Gleichzeitig mit der nächsten Negativserie...

Zehn Spiele in der Regionalliga gegen Werder II hatten wir absolviert – kein einziger Sieg für uns. Vier Remis und sechs Niederlagen standen zu Buche. Da mag der Laie staunend fragen, woran das liegt. Der Fachmann, der alle zehn Spiele gesehen hat, weiß es natürlich: Eine solch konstante Serie in solch einem kurzen Zeitraum (seit dem Jahr 2000) liegt naturgemäß an irgendeiner Konstante während dieser Spiele. Und da gab es nur eine – die hieß Björn Schierenbeck. Ich schrieb bereits mehrfach über ihn. Das Bremer Urgestein stand wirklich und wahrhaftig bei allen zehn Versuchen, die „kleinen“ Werderaner zu putzen, auf dem Platz. Egal, ob über 90 Minuten und als Torschütze, oder ob nur für zwei Minuten und mit keinem anderen Auftrag, als Bälle auf und über die Tribüne zu pöhlen – der Schierenbeck war immer da. War. Angeblich soll er ja mittlerweile seine Karriere beendet haben und jetzt im Trainerstab mitarbeiten. Ich war da noch skeptisch. Es hätte mich nicht gewundert, wenn er vielmehr seit Bekanntwerden des Spielplans heimlich in die sportlichen Folterkammern des Weserstadions hinab gestiegen wäre und sich fit gemacht hätte, um gegen uns aufzulaufen. Nur so. Und zur Not auch noch im Anzug und mit Krawatte, denn auch er dürfte mittlerweile um seine hypnotische Wirkung auf den Spielausgang wissen, wenn es gegen Fortuna geht. Ich hoffte also, dass er den Übergang ins eher „sportgeschäftliche“ Leben in der Sommerpause reibungslos vollzogen hatte und leider zu „busy“ war, um die Stiefel zu schnüren und seinen Jungspunden den entscheidenden Kick zu geben.

Aber wahrscheinlich interessierte ihn das selbst gar nicht so sehr wie uns. Vielleicht ist genau das das Erfolgsrezept der Werderaner – sie nehmen sich selbst nicht so wichtig. Diesen Eindruck konnte man zumindest beim letzten Aufeinandertreffen im März auf dem Hinterhof des Henkers (korrekte Bezeichnung: Nebenplatz 11 des Weserstadions) gewinnen, als sich die tapfere Schar der Werder-Anhänger so ab der 75. Minute unauffällig Richtung Vereinsheim verdrückte. Dort begann nämlich die Pay-TV-Übertragung des (Bundesliga-)Spiels der Ersten Mannschaft von Werder. Alles ganz entspannt also. Vielleicht sollten wir das Spiel mal genauso angehen und einfach sagen: Da kommen so ein paar Jungs mit lustigen Vornamen, hauen wir die doch einfach weg und gehen dann Pay-TV gucken. Wie ich auf das Thema Vornamen komme? Nun, neulich fuhr ich auf der Autobahn hinter einem Wagen, auf dessen Heckscheibe einer dieser unvermeidlichen Aufkleber prangte: „Charnice an Bord!“ hieß es da. Da überlegst du erst mal: Ist das ein Hinweis auf einen Wagen mit Baby oder einen Gefahrguttransport? Aber es sollte wohl doch einer jener modischen Namen sein, die coole Eltern heutzutage wählen, um ihre Sprössling ganz individuell ins Leben zu schicken. Und wenn ich mir den Kader der Bremer anschaue, könnte ich auf die Idee kommen, dass diese Namensgebung in den 1980er Jahre einsetzte. Wir konnten nämlich beglückt werden mit dem Auflaufen solcher Jungs wie Finn, Sandro, Julian oder Kenny. Nicht zu vergessen Dominik und Dominic (kein Schreibfehler). Und ganz zu schweigen von den drei möglichen Kevins. Das zeigt, dass wir in der Moderne angekommen sind. Aber mal ernsthaft: Diese vermeintlichen „Jungs“ hatten uns bei ihren letztjährigen Gastspiel in der Arena eine Halbzeit lang vorgeführt und Offensiv-Fußball vom Feinsten zelebriert. Höchste Vorsicht war somit geboten, unabhängig vom Vornamen. Aber ich hatte nicht die geringste Lust, einmal mehr gegen die ganzen Kevins, Kennys und Julians zu verlieren. Dann fühle ich mich immer noch älter, als ich sowieso schon bin. Andererseits, würde Fortuna auch dieses Spiel gewinnen, würde es langsam wirklich unheimlich werden. Aber damit hätte ich irgendwie viel besser leben können.

Negativserienkiller 2007


Und genau so kam es tatsächlich: Fortuna besiegte Werder II mit 2:0 und knackte auch den dritten „Fluch“ binnen vier Wochen. Aber ich behielt auch Recht: Schierenbeck lief erstmals in einer Partie gegen uns nicht auf – voilà, schon klappte es. Man könnte fast meinen, es wäre wirklich etwas dran.

Nebenbei, Schierenbeck war nicht der Einzige, der bei Werder fehlte. Trainer Thomas Wolter durfte sich über das Fehlen eines halben Dutzend Stammspieler ärgern, was allerdings erfreulicherweise nicht, wie anderswo, durch Zulauf von schwer spielpraxisbedürftigen Spielern aus der Ersten Mannschaft kompensiert wurde. Das wäre auch schwierig gewesen, die ließen sich ja nahezu gleichzeitig von Bayern München verdreschen (die wiederum ein junges, aufstrebendes Talent namens Lukas Podolski gleichzeitig in der Regionalliga Süd gegen Unterhaching eine hundertprozentige Torchance versemmeln und anschließend auswechseln ließen). Dennoch waren die Werder-Bubis ein Ernst zu nehmender Gegner, dementsprechend vorsichtig begann Fortuna. Da von den Gästen zunächst auch nichts Überwältigendes kam, wurde man ein wenig offensiver und erarbeitete sich Chancen. Pech insbesondere für Christian Erwig, der mit einem Kopfball nur die Latte traf. Zur Pause war Fortuna klar tonangebend, hatte aber die Bude nicht gemacht.

Dies hätte sich natürlich fast sofort gerächt, als Werder nur zwei Minuten nach der Pause demonstrierte, dass sie auch einen Sturm mitgebracht hatten: nach schöner Kombination setzte sich Löning im Strafraum durch und tauchte plötzlich völlig frei vor Melka auf, aber dieser konnte parieren. Und dann kam die 55. Minute: Eckball von rechts, Markus Anfang bringt den Ball herein, in der Mitte springt Axel Lawaree am höchsten und drückt den Ball zum 1:0 ein. Eine aus mehreren Gründen nahezu unglaubliche Szene: schon wieder ein Stürmertor, erstes Tor von Axel Lawaree für Fortuna, und dann noch nach einer Ecke! Schon wieder, genau wie bei Union Berlin. Also da war ich bereits erstaunt, aber nun versuche ich verzweifelt, zu eruieren, wann wir zuletzt in einer Saison zwei Tore nach Ecken erzielt haben. Es scheint tatsächlich eine Spielzeit der historischen Ereignisse zu werden...

Apropos historische Ereignisse: so etwa um die 30. Minute herum wurde Uwe Weidemann gesichtet, wie sich am Spielfeldrand einen Spieler heranholte und ihm Anweisungen gab. Der Uwe!! Anweisungen!! Das kann man eigentlich kaum noch glauben, ist das überhaupt noch meine Mannschaft, oder sind das Außerirdische? Man kam vor lauter Neuerungen gar nicht mehr hinterher. Okay, beim Spiel gegen RW Essen war der Uwe kurz vor Schluss aus dem Innenraum verwiesen worden. Da hatte er etwas zum Schiri-Assi gesagt, was diesem nicht gefallen hatte. Das kann ja mal passieren. Aber dass der Uwe quasi aktiv ins Spielgeschehen eingreift – ist das noch Fußball? Ich muss in mich gehen und darüber nachdenken.

Da hatten wir nun unser übliches eines Tor geschossen, was in dieser Saison zum Sieg zu reichen scheint, dann wollen wir uns auch nicht mehr überanstrengen. Und als in der 77. Minute Andy Lambertz von links in den Strafraum passte, da war es dann auch kurzerhand der Bremer Abwehrspieler Erdem, der den Ball aus Versehen im eigenen Netz versenkte und somit die Entscheidung brachte. Danke schön! Im Nachhinein hätten sich die Bremer nicht beschweren können, wenn’s noch ein oder zwei Stück gegeben hätte, die Chancen dafür waren da, aber das wäre auch nicht verdient gewesen, so viel besser als Bremen waren unsere Mannen auch nicht. Immerhin konnten die 9.200 Zuschauer erstmals eine Tabellenführung der Fortuna in der Regionalliga feiern, wenn auch nur für 24 Stunden, dann zog Erfurt wieder vorbei, aber das interessiert zu diesem Zeitpunkt nicht wirklich. Eher schon, dass man nach nur vier Spieltagen schon ein Polster von mindestens 6 Punkten auf Platz 11 hat (eigentlich sieben, aber da steht Dresden, und die haben noch ein Spiel weniger). Was für ein Auftakt!

Tabellenplatz zwei nach vier Spieltagen, mit 10 Punkten und dem Riesen-Torverhältnis von 4:0! Kein Mensch weiß mehr, wann wir den letzten Gegentreffer kassiert haben! Aus dem Auftaktprogramm mit den drei legendären „Flüchen“, welches einzig und allein dazu gedacht schien, dem Trainer einen vorzeitigen Abgang zu verschaffen, ist ein voller Erfolg herausgesprungen, was bei unserer chronischen Auftaktschwäche nun wirklich niemand hätte vermuten dürfen. Saisonübergreifend ist die Fortuna jetzt schon seit über 400 Minuten ohne Gegentor. Und ein Statistik-Freak fand dann auch prompt heraus, dass seit der Saison 1947/48 keine Fortuna-Mannschaft mehr nach dem 3. Spieltag ohne Gegentor geblieben ist! Die historischen Ereignisse nahmen gar kein Ende mehr. Vielleicht könnten wir da auch noch einen Zeitzeugen auftreiben, der sich an jene Saison noch erinnern kann.

Bei so vielen geschichtsträchtigen Ereignissen nahm ich einen Tag später dann auch eins der 2. Liga mit: das erste Spiel von Borussia Mönchengladbach gegen die TSG 1899 Hoffenheim, gleichzeitig das erste Meisterschaftsspiel der Borussia, welches um 14.00 Uhr angepfiffen wurde. Und es war ein lustige Angelegenheit. Die Hoffenheimer reisten mit einem Mannschaftsbus an, auf dessen Frontpartie unübersehbar der Schriftzug „Rita’s Reisedienst“ prangte. Ist doch hübsch. Der Mannschaft folgten 235 Fans, inklusive Transparent „Hurra, das ganze Dorf ist da“; die wurden ob ihrer gewaltigen Anzahl vor dem Spiel sogar vom Stadionsprecher der Gladbacher begrüßt und von den anderen 39.000 Zuschauern im Stadion mit freundlichem Applaus bedacht. Das war natürlich vor dem Spiel. Nach der Partie klatschte kein Gladbacher mehr, da gab es nur ein gellendes Pfeifkonzert. 0:0 gegen den Aufsteiger, der zumindest in der 2. Halbzeit so spielte, als ob ihnen das mit dem Aufstieg noch niemand gesagt hätte. Aber die Gladbacher waren genauso schlecht und nutzten auch die wenigen klaren Torchancen nicht. Dabei hatten sie noch Glück, dass Hoffenheim in der ersten Viertelstunde des Spiels, der einzigen Zeit des Spiels, an der der Aufsteiger sich zu beteiligen gedachte, nicht mal sofort 2:0 führte, drei Riesenchancen wurden vergeben, es sprang nur ein Pfostenschuss dabei heraus.

Dass das Heimdebüt der „Fohlen“ ordentlich in die Hose ging, darf sich auch der Trainer ankreiden, Kay Luhu, oder wie der heißt. Solche Aufstellungen wie die vom letzten Sonntag garantieren eigentlich, dass der Name schnell in Vergessenheit gerät. Heimspiel gegen einen Aufsteiger – Gladbach mit genau einem Stürmer, der noch nicht mal einer war, Rösler spielt eigentlich im offensiven Mittelfeld. Vier gelernte Stürmer ließ der Trainer auf der Bank sitzen! Und als er zur Pause endlich mal einen einwechselte (Rob Friend), beorderte er Rösler sofort wieder ins Mittelfeld zurück, nicht, dass man zu stürmisch werden würde! Erst als der vom Publikum stürmisch (kicher) geforderte Oliver Neuville zusätzlich kam, konnte man von einem Gladbacher Sturm reden. Dass Luhukay anschließend noch Marvin Compper einwechselte, zwar durchaus als offensivfreudig bekannt, aber eigentlich Verteidiger, ließ mich dann doch daran zweifeln, ob ich das Spiel richtig verstanden habe. Es sei denn, er wollte einen Punkt sichern. Gegen Hoffenheim. Im Heimspiel. Dann gratuliere ich natürlich artig zum erreichten Ziel.

Und weil sich während der beiden Halbzeiten nicht allzu viel Aufregendes auf dem Rasen tat, ist mein Held des Spiels auch ein gänzlich anderer: Elmar Sassenrath. Wer das ist? Keine Ahnung, bis auf eins: Elmar Sassenrath gewann das Halbzeitspiel auf dem grünen Rasen. Wie? Weiß ich auch nicht, ich hab es nicht gesehen, aber der Stadionsprecher nannte den Namen so oft und so laut, dass er sich mir unauslöschlich einprägte. Er muss wohl recht treffsicher gewesen sein. Elmar Sassenrath ist Gott! möchte ich ausrufen, so häufig, wie der Name genannt wurde.

Hoffentlich hat niemand der Gladbacher Offiziellen gesehen, wie treffsicher Elmar Sassenrath war. Bloß nicht verpflichten lassen – als treffsicherer Stürmer kommst du in Gladbach erst mal auf die Bank. Nur ein gut gemeinter Rat, Elmar!

Tja, und nach diesem kleinen Abstecher war es das vorerst. Fortuna mit hervorragendem Start, so gut, dass man es kaum glauben möchte. Nächste Woche geht es zu Cottbus II. In alten Zeiten (bis vor ca. einem Jahr also, was die Saisonstarts betrifft) waren das immer die Spiele, die man von vorne herein schon gewonnen hatte (besonders, wenn man vorher die „Spitzenspiele“ gut bewältigt hatte), und bei denen man sich anschließend fürchterlich blamierte. Man darf gespannt sein, ob sie auch diese unschöne Verhaltensweise abgelegt haben. Obwohl: dann wird es mir wirklich, wirklich unheimlich...

Wieder mittendrin: janus