von Janus, 27.4.2008

 

Spieltag 33 bis 36

Harmlos, hilflos, hoffnungslos, so umschrieb ich meinen Gemütszustand am Ende des letzten Berichts. Durch unterirdische Leistungen im April hatte Fortuna nicht nur die direkte Teilnahem am DFB-Pokal verspielt, sondern sich auch noch aus der Spitzengruppe der Regionalliga Nord direkt in den Abstiegskampf begeben. Dies lies für den Mai einiges befürchten. Aber es kam mal wieder alles anders in den letzten knapp drei Wochen, sodass endlich wieder eine doch recht positive Zusammenfassung herausspringen kann, wenn auch noch ohne Happy End. Aber doch wesentlich freundlicher als das, was ich mir zu beginnd es Wonnemonats ausgemalt hatte. Da hatte ich nämlich noch richtig schwarz gesehen, angesichts der Leistungen unserer Lieblinge in den Wochen zuvor.

Nicht gerade zielfördernd erschien es in diesem Zusammenhang, dass eine englische Woche anstand, Fortuna desolata also im aktuellen Zustand gleich mal drei Spiele binnen acht Tagen zu absolvieren hatte. Das konnte ja heiter werden! Wurde es dann auch, aber anders als befürchtet.

Wiedergutmachung I

Alles Neue macht der Mai! Am Freitag, den 02.05.08 kam Borussia Dortmund II in die LTU-Arena. Monatelang war das lediglich eine Truppe hinter uns, die sich mit der Qualifikation für die 3. Liga herumschlug, immer hart am Rande des ominösen Tabellenplatz 11. Eine Mannschaft also, die man einfach schlagen musste, wenn man oben dran bleiben wollte. An jenem Freitag war es anders. Dank der jüngsten Meisterleistungen unserer Truppe standen die Dortmunder plötzlich vor uns, da wir ja mit Platz 10 den letzten Nichtabstiegsplatz belegten. Eine Mannschaft also, die man einfach schlagen musste, wenn man nicht noch weiter unten rein rutschen wollte.

Das sind so die Duelle, die einem bei Fortuna die Schweißperlen auf die Stirn treiben. Sogenannte „Endspiele“, die das Team in den letzten Jahren zumeist in beeindruckender Manier vergeigt hat, egal, wie harmlos der Gegner im Vorfeld rüberkam. Die Angst vor dem Abstiegskampf, überall unverkennbar vorhanden. Auch aufgrund der letzten Darbietungen des Teams stimmte der Fan-Block unmittelbar nach dem Anpfiff erst einmal ein „Wir woll’n euch kämpfen seh’n!“ an, durchaus gerechtfertigt, wie ich fand, um der Mannschaft zu verdeutlichen, was man an jenem Abend sehen wollte. Und auch ich war ein wenig zittrig, als ich nach dem Anpfiff zum Handy griff und die entsprechende SMS zum Spielbeginn versendete. Ich schrieb meinen Text, drückte auf „Senden“, blickte aufs Spielfeld – in diesem Moment war der Ball drin. Und zwar im Dortmunder Tor! Von rechts hatte Lawaree eingeworfen, Kastrati per Kopf verlängert, der Ball kam mittig in Höhe des Sechzehners zu Andreas Lambertz, der zog sofort ab und traf halbhoch ins linke Eck. Führung für Fortuna nach 57 Sekunden! Man hatte mit vielem gerechnet, damit allerdings nicht.

Und so wurde die erste Halbzeit zu einem Selbstläufer, auch wenn sie bei weitem nicht gut war. Denn spielerisch war nicht unbedingt eine Verbesserung zu erkennen. Zum Glück war der Gegner zunächst ziemlich geschockt, im weiteren Verlauf dann auch richtig harmlos. So konnte man auch über die kleinen Schrecksekunden hinweg sehen, die uns unser Torwart kredenzte. Und zwar unser Ersatztorwart Michael Ratajczak. Der stand für Michael Melka zwischen den Pfosten, der sich einen Muskelfaserriss zugezogen hatte. Wie überhaupt die Abwehr, das einstige Prunkstück des Teams, so langsam in seine Einzelteile zerfiel: Olivier de Cock seit dem Verl-Spiel mit Meniskuseinriss außer Gefecht, Hamza Cakir seit dem Lübeck-Spiel Rentner für diese Saison mit Außenbandeinriss, Henri Heeren sowieso wieder verletzt – von der Beton-Abwehr der Hinrunde, die so manch klägliche Stürmerleistung kaschiert hatte, war nur noch Jens Langeneke übrig, unterstützt vom grobmotorischen Kämpferherz Robert Palikuca, dem schönen Claus, formerly known as Claus Costa und Oliver Hampel, der mal wieder in der Verteidigung aushelfen musste. Und nun auch noch der Stammtorwart weg...Michael Ratajczak zeigte in der ersten Halbzeit relativ eindeutig, wo seine Schwächen liegen, nämlich bei hohen Bällen. Flanken und Freistöße, die den Fortuna-Strafraum erreichten, sorgten für Höchstwerte im fortunistischen Adrenalinspiegel auf der Tribüne, und bei der einzigen Chance der Dortmunder vor der Pause hätte Ratajczak auch fast für den Ausgleich gesorgt, als er einen Schuss von der Strafraumgrenze mit den Händen über dem Kopf abfangen wollte, ihm der Ball aber durchrutschte, und er ihn erst im Nachfassen auf der Torlinie greifen konnte.

Aber die Dortmunder waren an jenem Abend zum Glück nette Gäste. Spätestens nach dieser Szene sagten sie sich wohl, dass sie nicht für diverse Angstattacken auf diversen Tribünen in der Arena verantwortlich sein wollten, und schenkten uns zwei Tore zur Vorentscheidung. Besonders spektakulär taten sie dies in der 29. Minute: kurz vor der Mittellinie will Hünemeier einen weiten Pass nach vorne spielen, schießt aber den vor ihm postierten Kastrati an. Als glückliche Fügung ist Hünemeier auch noch letzter Mann, die gesamte Abwehr des BVB ist aus mir unerklärlichen Gründen viel zu weit aufgerückt. Kastrati und Hünemeier setzen dem Abpraller nach, der Albaner ist schneller, stolpert in seiner bekannt schlaksigen Art mit dem Ball in den Strafraum und kommt aus ca. 8 Metern von halbrechter Position sogar noch zum Abschluss. Er biggelt die Kugel an Torwart Beer vorbei Richtung linke Ecke, das Leder trudelt und eiert in Zeitlupe auf den Pfosten zu, und nicht wenige – ich eingeschlossen – sind bereit, zu wetten, dass auch dieser Ball neben das Tor gehen wird, wie so vieles, was Kastrati in dieser Saison versucht hat. Aber in diesem Fall passt es, die Kugel rollt mit letzter Kraft ins Eck und bleibt auch tatsächlich dort liegen. Einmal kurz die Augen gewischt, wieder hingeschaut – nein, nicht geträumt. Ball ist drin, 2:0. Der erste Treffer für Kastrati seit seinen beiden Buden in Oberhausen – letztes Jahr im September...Man konnte es ihm nach seiner unendlichen Leidensgeschichte in dieser Saison nur gönnen.

Apropos „gönnen“: da wollten andere Dortmunder auch nicht zurück stehen und somit zelebrierten sie dann im Kollektiv das, was Hünemeier alleine so schön vorgemacht hatte: partielle Desorientierung bei totaler Ignoranz des Gegenspielers. In der 43. Minute Freistoß von halbrechts durch Marco Christ, kurz hinter der Mittellinie, der Ball fliegt gefühlte drei Minuten bis in den Fünfmeterraum hinein. Und von hinten kommt Robert Palikuca heran geeilt, die komplette Dortmunder Abwehr ignoriert den Hünen, er springt in den Ball und nickt ihn gegen die Laufrichtung des bedauernswerten Torwarts Beer zum 3:0 ein. Wie man diesen Brocken von 1,96 m übersehen bzw. nur staunend zusehen kann, wie der an einem vorbei läuft, ist mir unerklärlich. Aber ich muss ja auch nicht alles wissen. Das erste Saisontor für Palikuca, gleichzeitig die Vorentscheidung.

In der zweiten Halbzeit versuchten die Dortmunder immerhin, nach vorne zu spielen und die Partie zu drehen, das sollte man ihnen anrechnen. Und da bei Fortuna bei weitem nicht alles Gold war, was glänzte, kamen sie auch zu Chancen, zum Beispiel nach einem katastrophalen Rückpassversuch von Hampel auf Ratajczak, den sich ein Dortmunder erlaufen konnte. Aber in diesen Szenen zeigte sich dann, dass Ratajczak zumindest am Boden bärenstark war. Mehrfach konnte er den Anschlusstreffer der BVB-Bubis verhindern und wurde auch in der Luft immer sicherer. Ganz wichtig, dass er in seinem ersten Regionalligaspiel für Fortuna die Null halten konnte. Nur seine Abschläge erinnerten wirklich an diesbezügliche „Glanzzeiten“ unter Ex-Keeper Patrick Deuß, die beiden scheinen Abschlags-Zwillinge im Geiste zu sein. Auch in dieser Kategorie ist also durchaus noch Steigerungspotential bei Ratajczak vorhanden.

Und bevor die Dortmunder zu aufmüpfig wurden und vielleicht noch einmal Morgenluft witterten, machte wiederum Kapitän Lambertz in der 62. Minute den Sack zu: mit einem schönen Konter wird Caillas links frei gespielt, der passt in die Mitte zum mitgelaufenen Kastrati, dieser kann sich am Fünfmeterraum nicht gegen seinen Gegenspieler durchsetzen, aber Lambertz zimmert den Abpraller aus acht Metern halbhoch ins Tor, fertig war die Laube. Der Rest des Spiels plätscherte so dahin, nur der eingewechselte Cebe verpasste an seinem Geburtstag noch das 5:0, als er frei vor Beer an selbigem scheiterte. Es wäre auch ein bisschen zu hoch gewesen. Immerhin, mit fünf Toren Abstand hat die Mannschaft zuletzt im Jahr 2001 gewonnen, wäre also auch mal wieder eine Bestleistung gewesen. Aber auch so war es der höchste Saisonsieg, außerdem holte man sich nach nur einem Spieltag das Prädikat „beste Abwehr der Liga“ wieder zurück, welches man nach der Klatsche in Ahlen ausgerechnet an die Dortmunder verloren hatte. Und auch sonst reichte es zu einer beeindrucken Höchstleistung, die man nicht oft sieht: da diese Partie das einzige Freitagsspiel war, sprang Fortuna in der Tabelle für einige Stunden von Platz 10 – auf Platz 2. Und das in der Schlussphase der Saison, nicht zu Beginn, wo so etwas normal ist. Einen besseren Beleg, wie eng es in der Liga zugeht, gibt es wohl nicht. Mit nur einem Spiel mehr vom Fast-Absteiger auf einen Aufstiegsplatz – man kann noch nicht einmal mehr den Kopf schütteln.

Letzteres gelang mir zumindest zehn Minuten später bei der Pressekonferenz. Diese eröffnete Gästetrainer Theo Schneider nämlich mit natürlich bitterer Miene, aber mit der sehr unnatürlichen Erklärung, die Niederlage sei ja unter anderem auch darauf zurückzuführen, dass er mit Torwart Höttecke und Abwehrspieler Brzenska im Laufe des Tages zwei wichtige Spieler an die Erste Mannschaft des BVB habe abgeben müssen, die ebenfalls an jenem Freitag Abend spielte (gegen Nürnberg). So habe das ja nichts werden können. Diese Erklärung lässt mich deshalb den Kopf schütteln, weil sie klar zeigt, dass die Theo Schneiders dieser Welt es eben nie begreifen werden: genau für solche Fälle halten sich die Profitruppen doch ihre Zweiten Mannschaften, laut eigener Aussage. Spielpraxis für die jungen Talente, um sie an die Erste Mannschaft heranzuführen. Anstatt also stolz wie Oskar auf seine Arbeit zu sein, macht er so etwas dann für die Niederlage verantwortlich. Schon viel weniger unbegreiflich hatte er es in der letzten Rückrunde gefunden, als Profi-Trainer Thomas Doll ihm zum Spiel gegen die Fortuna Ricken, Brzenska und Amedick ausgeliehen hatte (die Bundesliga war länderspielfrei), und der BVB auch prompt mit 1:0 gewonnen hatte (Tor durch das unentdeckte Jungtalent Lars Ricken). Aber wie gesagt, es nützt nichts, sich darüber aufzuregen – Leute wie der Theo werden es eh nie lernen.

Am Tag darauf schaute erst mal alles nach Magdeburg, wo das Hammer-Spiel jenes Wochenendes stattfand: 1.FC Magdeburg gegen Eintracht Braunschweig, das direkte Duell des Tabellen-11. gegen den Tabellen-12., beide mit der Chance, bei einem Sieg bis auf einen Punkt an Platz 10 und damit wiederum an die Dortmunder heranzukommen, die zudem noch einmal spielfrei haben würden (vielleicht war der Theo auch deshalb so vergrätzt). 24.000 Zuschauer machten das Stadion voll, und wie es der Zufall wollte, trennte man sich mit dem für uns bestmöglichen Ergebnis – 1:1. Somit verblieben der Fortuna nach diesem Spieltag wieder sechs Punkte Vorsprung auf Tabellenplatz 11, und man konnte erst mal befreit durchatmen. Und sodann den Blick nach oben riskieren und siehe da: man war trotz sieben weiterer Partien am Samstag nur auf Rang 5 abgerutscht. Somit stand man jetzt zwischen den Stühlen. Bei einem Sieg am darauf folgenden Mittwoch könnte man noch nach oben schielen, bei einer Niederlage musste der Blick allerdings endgültig nach unten gerichtet werden. Genau wie beim Gegner, der nur einen Punkt schlechter stand. Leider war das nicht irgendjemand, sondern ein echtes Schwergewicht.

Die ostfriesische Seenplatte oder Wiedergutmachung II


Denn am Mittwoch, den 07.05.08 musste Fortuna beim BSV Kickers Emden antreten. Und falls der geneigte Erst- oder Zweitliga-Leser gerade keine Lust hat, mal die entsprechenden Statistiken zu überprüfen – bei den Kickers handelte es sich zu jenem Zeitpunkt um die heimstärkste Mannschaft der Liga. Das hatte gerade noch gefehlt. Die hatten zwar in der Woche zuvor eine ebenso schöne Blamage hingelegt wie wir und zuhause 0:2 gegen den VfB Lübeck verloren (nachdem wir die vier Tage zuvor im Nachholspiel richtig stark gemacht hatten), mussten aber bei ihrer Heimstärke aber dennoch als Favorit gelten, zumal bei Fortuna die Verletztenmisere so langsam überdeutlich wurde. Man verfügte mit Langeneke und Hergesell noch über genau zwei etatmäßige Abwehrspieler (beide natürlich auch noch mit je vier Gelben Karten vorbelastet), erstmals nahm Trainer Meier mit Kai Schwertfeger auch einen Spieler aus der Zweiten Mannschaft mit, um überhaupt noch Optionen auf der Bank zu haben. Hinzu kam, dass Kickers Emden mit Kapitän Rudi Zedi sowie Thorsten Nehrbauer, dem in der Winterpause aus Lübeck gekommenen Daniel Cartus und natürlich Trainer Stefan Emmerling über reichlich Ex-Fortuna-Personal verfügt, bei Spielen gegen uns bekanntlich immer ein gutes Omen. Eine ganz schwere Kiste also.

Die die Gastgeber mit einer schier unglaublichen Aktion noch etwas erschwerten. Sie sind ja unter anderem auch deshalb zuhause in den letzten Jahren stets so stark gewesen, weil der Platz in Emden etwas besonderes ist. Der Untergrund besteht zum Grossteil aus fettem Kleieboden, der das Wasser nur schwer abfließen lässt und der daher auch an trockenen Tagen sehr tief ist. Ich glaube, in den Emder Fußball-Kneipen darf noch herzlich gelacht werden, wenn das Wort „Drainage“ fällt, so was ist dort ein unbekanntes Fremdwort. An guten Tagen ist der Rasen ein Rübenacker, auf dem sich alle anderen Mannschaften schwer tun, der den Emdern selbst aber natürlich bestens bekannt ist und außerdem ihrer kämpferischen Spielweise entgegen kommt. Ein Stolperstein für jeden Gegner, wie auch in der Vergangenheit schon der ein oder andere Aufstiegsaspirant feststellen musste.

Jetzt brach aber in den Tagen vor dem Spiel gegen Fortuna blöderweise der Sommer aus. Zum Spieltag waren es knapp 28 Grad, strahlender Sonnenschein, weder Wölkchen noch Lüftchen am Himmel zu sehen bzw. zu spüren. Das werden sie in Emden wohl als irreguläre Bedingungen empfunden haben. Somit kam man auf die Idee, in der Nacht vor dem Spiel mal noch eben den Platz zu wässern, um ihn für das eigene Team besser, weil bekannter bespielbar zu machen. Und „zufällig“ platzte angeblich an zwei Stellen der Schlauch, was ebenso „zufällig“ nicht bemerkt wurde. Das Ergebnis war durchaus beeindruckend: auf den ersten Blick sah der Acker aus wie immer. Etwas stutzig konnte man schon werden, als beim Aufwärmen der Mannschaften flach gespielte Bälle nach ca. drei Metern verreckten. Auch konnte man immer lustige kleine Fontänen sehen, wenn hohe Bälle auf dem Boden sprangen. Das ganze Ausmaß dieser Bewässerung zeigte sich dann jedoch, als erstmals zur Grätsche angesetzt wurde, woraufhin die ausführenden Spieler jeweils in ihren eigenen Springbrunnen zu verschwinden schienen. Sonne, 28 Grad im Schatten – und in Emden wurde Wasserballett gespielt. Rein aus „Zufall“ natürlich. Das hätte ich nicht unbedingt von ihnen erwartet. Naja, wer schon auf solche „Hilfe“ angewiesen war, der musste angeschlagen sein. Dies galt es nunmehr zu nutzen. Irgendwie.

Dies gestaltete sich allerdings zunächst schwierig, denn auf diesem Geläuf konnte gar kein richtiges Spiel zustande kommen. Somit tat sich in der ersten Halbzeit lange nichts, Chancen waren Zufallsprodukte. Als man sich schon auf ein wieder mal unübertroffenes Emder Krabbenbrötchen zur Pause freute, gab es in der 43. Minute noch eine Ecke für die Gastgeber. Moosmayer trat sie von rechts auf die Höhe des kurzen Pfostens, und dort stand – genau, Ex-Fortune Rudi Zedi und nickte die Kugel hoch oben ins kurze Eck. 1:0 im ersten Durchgang für Emden durch Zedi – war da nicht mal was? Jawohl, es war der identische Verlauf unseres Gastspiels in Emden in der Saison zuvor. Damals war es auch gleichzeitig das Goldene Tor der Partie gewesen. Wieder kein gutes Omen. Zumal Fortuna in dieser Saison bekanntermaßen nach Rückstand noch nicht ein einziges Spiel hatte drehen können. Da schmeckten die Krabben in der Pause erst mal nicht mehr so gut...

Aber es geschehen noch Zeichen und Wunder. Genau so wie die Mannschaft in dieser Saison schon Spiele abgeschenkt zu haben schien, weil man bereits als Sieger auf den Platz gekommen war, genau so nahmen sie jetzt endlich mal den Kampf an. Was anderes hätte auf dieser Seenplatte auch gar keinen Sinn gemacht, da hätte man in der Pause auch gleich in der Kabine bleiben können. Spielerisch ging weiterhin nicht viel, aber man kämpfte sich ins Spiel zurück Zusätzlich brachte Trainer Meier nach einer Stunde noch Axel Lawaree ins Spiel, der erstmals in dieser Saison zu Spielbeginn auf der Bank Platz nehmen musste. Fortuna verstärkte also die Offensive und wurde belohnt: in der 71. Minute gab es im Emder Strafraum die ostfriesische Variante des Wattfußballs zu bewundern (was meines Wissens zumindest in Holland einmal im Jahr gespielt wird): jeder gegen jeden im Schlamm, alle gegen den Ball. Zunächst ein Schussversuch, abgeblockt, dann andersrum, zweimal versuchten die Emder, den Ball wegzupöhlen, zweimal warfen sich schlammverkrustete Fortunen in den Weg und hielten den Ball im Strafraum, zuletzt warf sich Kastrati in die Flugbahn und lenkte die Kugel nach rechts im Strafraum ab – zum völlig frei stehenden Cebe, der die Kugel direkt volley nahm und halbhoch zum Ausgleich ins Netz zimmerte. Ein Glückstor, mit vollem Einsatz erzielt, das die Gastgeber aber auch ihrem „präparierten“ Boden zuschreiben dürfen. Schön, wenn so was mal nach hinten los geht.

Nach diesem Treffer wirkten die Emder verunsichert, man trat mehr um sich als man versuchte, Fußball zu spielen, und Fortuna witterte Morgenluft. In der 83. Minute trat Caillas einen Freistoß von rechts weit in den Strafraum herein, und wie gegen Dortmund tauchte dort Abwehrrecke Palikuca auf. Diesmal sogar mit Gegenspieler, was ihn aber auch nicht daran hindern konnte, die Kugel per Kopf rechts oben zu versenken. 2:1, Spiel gedreht. Man konnte es kaum glauben. Zumal die Mannschaft in den letzten Minuten hinten alle Bälle Richtung Nordsee beförderte und den Sieg tatsächlich über die Zeit brachte. Erstmals in dieser Saison wurde ein Spiel nach Rückstand gedreht, und das ausgerechnet bei der bis dato heimstärksten Mannschaft der Liga, und ausgerechnet mit diesem personellen Aderlass! Wir sind halt eine Wundertüte...

Wiedergutmachung III


Aber zum Glück nicht am darauf folgenden Samstag, 10.05.08. Da erschien der Tabellenletzte VfL Wolfsburg II in der LTU-Arena, mit der Empfehlung ganzer vier gewonnener Punkte im Jahr 2008. Und diesmal machten wir die Wundertüte nicht auf und präsentierten uns so desolat wie zum Beispiel gegen Lübeck, weil wir vorher schon gewonnen hatten. Die kleinen Radkappen wurden humorlos schon in der ersten Halbzeit 3:0 abgeschossen und konnten sich danach noch ein wenig auf dem Rasen sonnen, denn in der zweiten Hälfte tat sich nicht mehr viel. Was einerseits recht bedauerlich war, denn an jenem Tag hätte man ordentlich was für’s Torverhältnis tun können, aber andererseits, wenn die Punkte so früh so sicher sind, und der nächste Auswärtsgegner Eintracht Braunschweig heißt, denke ich, dass man es in der Tat etwas ruhiger angehen lassen konnte.

Schön jedoch, dass die Mannschaft vom ersten Moment an Gas gab und sofort ihren eigenen Rekord vom Heimspiel zuvor verbesserte: nach dem Anstoß kam der Ball auf rechts zu Lawaree, der flankte in den Strafraum, Direktabnahme von Marco Christ aus 12 m, links unten ins Eck – 1:0 nach 47 Sekunden, zehn Sekunden schneller als zwei Wochen zuvor Lambertz gegen Dortmund. Das mutete fast schon unheimlich an. In der 20. Minute bediente Cebe, an jenem Tag als rechter Außenverteidiger am Start, weil sich Hergesell in Emden erwartungsgemäß die fünfte Gelbe abgeholt hatte, Axel Lawaree, und der Torjäger wurde seinem Namen endlich mal wieder gerecht und netzte zu 2:0 ein. Und weil er gerade so gut drauf war, legte er kurz vor der Pause noch eins nach, und was für eins: eine Flanke von Christ nahm er am Sechzehner aus der Luft an, lupfte sich die Kugel vom rechten auf den linken Schlappen und knallte sie dann volley rechts unten ins Eck, alles ein fließender Bewegungsablauf. Solche Tore macht der – aber gegen Oberhausen die leere Hütte nicht treffen...Mit diesem seinem 12. Saisontor war die Partie dann auch entschieden.

Zwischendurch hatte Fortuna eine einzige knifflige Szene zu überstehen, als Wemmer für die Wolfsburger in der 27. Minute nur den Pfosten traf und ein weiterer Wolfsburger den Abpraller vor dem leeren Tor nur um Zentimeter verfehlte. Das war’s dann aber auch, Wolfsburg zeigte im Verlauf des Spiels recht deutlich, warum sie eigentlich schon seit Monaten als Absteiger feststehen. Fortuna hingegen verpasste noch einige Chancen, das er Ergebnis höher zu schrauben, zweimal Lambertz und der eingewechselte Heidinger per Freistoß hätten durchaus noch treffen können. Aber mit einem 3:0 konnte man auch nicht wirklich unzufrieden sein.

Zumal dies der Abschluss einer beeindruckenden Serie war. In der Vergangenheit hat Fortuna ja stets so seine Schwierigkeiten mit den Zweitvertretungen von Bundesligisten gehabt. In dieser Saison waren derer fünf in der Liga vertreten, logischerweise gab es zehn Spiele gegen „II“-Mannschaften. Neun dieser zehn Partien wurden gewonnen – und alle neun ohne Gegentor. Eigentlich auch eine unglaubliche Serie. Nur das übliche 0:2 bei Werder II tanzte aus der Reihe, aber das ist ja schließlich auch der verfluchte Nebenplatz 11. Ansonsten kann man sagen, dass es diesmal nicht an den Zweitvertretungen gelegen hat, wenn nach oben nichts mehr geht. Im Gegensatz zur letzten Saison, als man im März mit den blamablen Niederlagen in Dortmund, in Bremen und gegen Hertha den Absturz einleitete. Auch hier also wieder eine erfreuliche Entwicklung, auch wenn sie nur zu statistischen Zwecken gut sein sollte.

Noch wichtiger war allerdings, dass man mit diesem Sieg endgültig die Qualifikation für die neue eingleisige Dritte Liga schaffte. Selbst bei drei Niederlagen aus den letzten drei Spielen konnte man nicht mehr Elfter werden. Somit wurde das vor der Spielzeit ausgegebene Ziel drei Spieltage vor dem Ende erreicht. Glückwunsch hierzu. Keine Frage, die Qualifikation ist verdient, Fortuna ist eine der ganz wenigen Mannschaften (wenn nicht überhaupt die einzige), die im Laufe der gesamten Saison nicht ein einziges Mal auf einem Abstiegsplatz gestanden hat. Und nach den drei Siegen in nur acht Tagen konnte man auch mal schauen, ob nach oben noch was ging, als Tabellen-4. mit 57 Punkten. Man war zwar auf die gütige Mithilfe der anderen Klubs angewiesen, aber in dieser Liga hat es schon so viele Überraschungen gegeben, warum sollte das nicht so weitergehen und vielleicht uns nutzen. Bei unserem Restprogramm konnten wir jede Unterstützung gebrauchen.

Denn während der souveräne Tabellenführer RW Ahlen am 36. Spieltag beim Tabellenletzten Wolfsburg antreten musste, der Zweitplatzierte RW Oberhausen beim ebenfalls feststehenden Absteiger SV Babelsberg, bekamen die Nummer 3, Union Berlin, und wir ein paar echte Brocken vorgesetzt: Union mit Heimspiel gegen Magdeburg, wir zu Gast in Braunschweig, die beiden Teams, die zusammen mit RW Essen immer noch knapp unter dem Strich standen und um die Qualifikation zur 3. Liga kämpften. Bei Braunschweig war unter der Woche sogar noch Trainer Benno Möhlmann zurückgetreten, um, wie er es formulierte, nochmals einen Reizpunkt für die Mannschaft zu setzen, um den Klassenerhalt noch möglich zu machen. Der erst 34jährige Ex-Profi und bisherige A-Jugend-Trainer Thorsten Lieberknecht soll an der Seitenlinie nun noch einmal für frischen Wind sorgen. Ein richtiges „Endspiel“ halt.
Unentschieden???
Am 17.05.08 spielte Fortuna bei Eintracht Braunschweig. Die Mannschaft spielte sehr gut und holte ein 1:1. Wohl zu wenig.
16.000 Zuschauer sahen ein packendes Kampfspiel bei widrigen Bedingungen, mit immer wieder einsetzendem Regen und – im Gegensatz zur Vorwoche – reichlich kühlen Temperaturen. Beide Teams schenkten sich nichts, es ging auf tiefem Boden bis an die Schmerzgrenze. Fortuna personell wieder ein wenig entlastet, Sahin und Hergesell hatten ihre Sperren abgesessen, und de Cock saß zumindest mal wieder auf der Bank. Auch Stammtorwart Melka war wieder fit, da Ratajczak allerdings zuletzt fehlerfrei gehalten hatte, ließ Trainer Meier ihn im Tor, eine vieldiskutierte Personalie. Um die Diskussion klein zu halten, spielte Fortuna erst mal nach vorne und setzte auch gleich ein Ausrufezeichen: in der 8. Minute zirkelte Marco Christ einen Freistoß über die Mauer, Braunschweigs Keeper Adrian Horn machte den Flieger und wäre trotzdem nicht an den Ball gekommen, aber das Leder knallte gegen die Latte. Das wäre mal wieder ein schöner Auftakt gewesen. Es kam dann genau andersrum und heizte die Diskussionen wieder an: in der 12. Minute Freistoß für Braunschweig, fast von der Mittellinie, hoch in den Strafraum hinein. Torwart Ratajczak eilt aus seinem Gehäuse, bleibt dann aber verunsichert am Fünfmeterraum stehen und wird von einem Kopfball von Danneberg direkt vor ihm, der den Ball gar nicht richtig trifft, zum 1:0 für die Gastgeber überwunden. Dass der Danneberg da so mutterseelenallein rumstand, ist auch nicht gerade ein Ruhmesblatt für den Rest der Abwehr, aber wäre Ratajczak nicht heraus gekommen, hätte er auf den Ball eine Kappe werfen können, so schwach trudelte der über die Linie. Einen Torwartfehler kann man somit leider nicht ganz verneinen.

In der Folgezeit machten die Gastgeber Druck, um den zweiten Treffer nachzulegen, Fortuna hielt dagegen. Und in der 32. Minute gab es dann auch den Beweis, wie schnell dieses Spiel war, wie gut, und wie spannend: Angriff Braunschweig über rechts, Gundelach bekommt den Ball noch auf der Torauslinie und bringt ihn als Bogenlampe in den Strafraum. In der Fortuna-Abwehr reklamieren sie Aus und übersehen dabei völlig Stürmer Schembri (Torschütze beim 1:1 im Hinspiel). Der pflückt die Kugel in aller Seelenruhe herunter und zieht aus ca. 8 Metern volley ab, wobei er sogar seinen Gegenspieler noch tunnelt. Und dann geschieht Folgendes: Riesenreflex von Ratajczak, mit dem linken Fuß lenkt er die Kugel an den Innenpfosten, der Abpraller wird auf die linke Düsseldorfer Seite heraus geschlagen, kommt zu Kastrati. Dessen Gegenspieler rutscht kurz hinter der Mittellinie weg, und Kastrati hat plötzlich dreißig Meter freies Geläuf vor sich. Die spult er ab, spielt in Höhe des Sechzehners in die Mitte zu Lambertz, der leitet auf der Strafraumgrenze weiter nach rechts zu Lawaree, der nimmt den Ball direkt und zwirbelt ihn links unten ins Eck zum Ausgleich. Unglaublich. Zwischen Pfostenschuss für Braunschweig und möglicher Vorentscheidung sowie dem Kunststoß von Lawaree zum Ausgleich lagen vielleicht zehn Sekunden. Mehr Dramatik geht wirklich nicht.

Und so ging es auch weiter, das Spiel war an Dramatik wirklich kaum zu überbieten, auch wenn sich Bundesliga-Schiri Günter Perl redlich bemühte, es ordentlich zu zerpfeifen, möchte mal gerne wissen, welche Hinweise der aus der DFB-Zentrale vor dem Spiel bekommen hatte, wie solch ein „Endspiel“ am besten zu leiten sei. Es waren auf jeden Fall die falschen, ganz grausame Leistung für einen angeblichen Erstligisten. Aber auch mit ihm blieb es hochspannend. Wahnsinns-Rettungstat von Ratajczak gegen einen Freistoß von Fuchs kurz vor der Pause, auf der anderen Seite Horn gegen Lawaree nach der Pause. Dann taucht Kruppke relativ frei vor Ratajczak auf, wird aber noch ein wenig zur Seite abgedrängt, schafft allerdings einen guten Flachschuss, aber auch den kann Ratajczak sicher parieren. Ja, wenn diese dumme Aktion vor dem 0:1 nur nicht gewesen wäre...Kenan Sahin wird nach einer Stunde eingewechselt und macht drei Minuten nach seiner Einwechslung per Kopf das 2:1, aber das Schiri-Gespann hat etwas dagegen, angeblich Abseits. Da der WDR die Szene in seiner Berichterstattung mal wieder routiniert aus dem Programm schneidet, kann man dazu gar nichts sagen, allerdings gab es auch keine Proteste der Spieler. Und kurz vor dem Ende erreicht die Dramatik ihren Höhepunkt: zunächst taucht der eingewechselte Braunschweiger Hauk völlig frei vor dem Fortuna-Gehäuse auf, ist davon allerdings selbst wohl so überrascht, dass er den Kopfball über das Tor setzt. Und während sich 13.000 Braunschweiger inklusive des Unglücksraben noch an den Kopf fassen, läuft der Gegenangriff, langer Ball von Christ auf Sahin, der legt per Kopf in den Lauf zu Erwig, der für den völlig ausgepumpten Lawaree eingewechselt worden war. Erwig gewinnt das Laufduell gegen zwei Braunschweiger und schließt aus sechzehn Meter sofort mit dem Außenrist ab, vorbei am heraus stürmenden Horn – und ganz knapp am Tor vorbei, der Ball prallt gegen die Stange, die das Tornetz hält. Schluss und aus, 1:1 – es wird für einen Moment totenstill im Stadion. Rein objektiv muss man sagen, es war für beide Mannschaften zu wenig. Anschließend brandet jedoch Applaus auf, besonders aus der Ecke der ca. 3.000 mitgereisten Fortuna-Fans, für eine hervorragende Leistung, der nur das i-Tüpfelchen fehlte – das zweite Tor.

Während dessen kommt noch die Kunde, dass Union Berlin tatsächlich zuhause 1:2 gegen Magdeburg verloren hat, was hüben wie drüben für noch längere Gesichter sorgt. RW Ahlen ermurmelt sich ein 1:0 in Wolfsburg, hat somit sechs Punkte Vorsprung vor Fortuna als neuem Tabellen-3. plus das wesentlich bessere Torverhältnis, und das bei noch zwei ausstehenden Spielen – das ist der Aufstieg für die Münsterländer. Beim DSF werden sie wieder mal graue Haare bekommen, ich gratuliere und sage: wer im gesamten Jahr 2008 bislang noch kein einziges Spiel verloren hat, der steigt auch zurecht auf.

Fortuna nunmehr mit 58 Punkten auf Platz 3. RW Oberhausen mit 62 Punkten Tabellenzweiter, die spielten am Sonntag in Babelsberg, ließen nichts anbrennen und siegten 4:1. Das klärt die Fronten: Ahlen ist durch, Oberhausen kann nächste Woche im Heimspiel gegen Erfurt den Aufstieg perfekt machen. Sollte dies nicht gelingen, droht ein echtes Herzschlagfinale, denn am letzten Spieltag muss RWO zu Union Berlin. Die sind die Einzigen neben Fortuna, die noch eine winzige Aufstiegschance haben, bei derzeit fünf Punkten Rückstand auf Platz 2. Alle anderen sind raus, Erfurt, Dresden, ebenso der vor der Saison bereits feststehende Aufsteiger Wuppertaler SV, sie alle gucken auch in der nächsten Saison die 2. Liga nur im DSF. Wie wir wahrscheinlich. Aber man soll ja nicht aufhören zu hoffen. Nun heißt es, die beiden letzten Spiele gegen Babelsberg und in Erfurt zu gewinnen. Und dann mal sehen, was dabei rauskommt.

Die Hoffnung stirbt zuletzt: janus