von Janus,16.12.2007


Einstand nach Fortuna-Art...


Am 18.11.2007 stand die erste Bewährungsprobe der Fortuna ohne Uwe Weidemann an, das Spiel beim – mit Verlaub – Abstiegskandidaten SV Babelsberg 03. Eine lösbare Aufgabe für Interimstrainer Wolf Werner, der seit dem Rausschmiss von Uwe Weidemann auch schon in gefühlt 100 Interviews erklärt hat, dass er froh ist, wenn er die Aufgabe zur Winterpause wieder abgeben kann. Sicherlich verständlich, wenn man eigentlich Sportdirektor ist. Eher unverständlich, warum er es dann überhaupt macht, er hätte es ja auch Co-Trainer Uwe Klein überlassen können oder dem Trainer der Zweiten Mannschaft, Goran Vucic. Oder halt irgendjemand anderem, wenn er selbst schon keinen Bock drauf hat. Nur eins von mehreren Mosaiksteinchen, die darauf hindeuten, dass die Entscheidung vielleicht doch ein wenig überstürzt getroffen wurde.

Und immerhin verlor die Fortuna in Babelsberg nur mit 0:3. Unter Weidemann hätte das bestimmt noch viel schlimmer ausgesehen...

Überraschend war eigentlich nicht nur die höchste Niederlage der Saison, sondern auch die Art und Weise, wie sie zustande kam. In der ersten Halbzeit war Fortuna nämlich ganz klar die tonangebende Mannschaft, Babelsberg hielt sich zurück. Aber man konnte wieder einmal die durchaus vorhandenen Einschussmöglichkeiten nicht nutzen, Kastrati und Christ scheiterten mehrfach entweder am Torwart oder an sich selbst. Auch abseits des Spiels schien es für Fortuna zu laufen, der Stadionsprecher pflaumte schon in den ersten 45 Minuten die Haupttribüne an, doch mal gefälligst für mehr Stimmung zu sorgen: „Ihr wolltet doch Regionalliga spielen, dann macht jetzt auch gefälligst Stimmung wie in der Regionalliga!“ Selten so gelacht.

Nach der Pause verging uns allerdings das Lachen, und zwar gründlich. Die Babelsberger, mit neuem Coach Dietmar Demuth, merkten, dass hier sehr wohl etwas ging, wenn man nur einen Gang höher schalten würde. Das tat man dann auch, wurde von Minute zu Minute überlegener, und setzte die Überlegenheit bereits in der 57. Minute in Zählbares um: nachdem man wenige Minuten zuvor noch an der Fahne des Schiri-Assistenten gescheitert war, der einem Treffer aufgrund einer Abseitsstellung die Anerkennung versagte, war es nunmehr Stürmer Biran, der per Flugkopfball einnetzte. Zwar reagierte Wolf Werner noch mit der Einwechslung von Erwig und Heidinger und der Umstellung auf drei Spitzen, aber auch dies hatte nur noch eine einzige Torchance zur Folge: in der 72. Minute Distanzschuss von Erwig, SVB-Schlussmann Busch kann parieren, und anschließend setzt Heidinger einen Kopfball an die Latte. Wenn, ja, wenn der gesessen hätte, hätte das Spiel eventuell noch einmal kippen können. Aber erst hatten sie kein Glück, und dann verdienten sie es auch nicht mehr. Denn was die Fortuna in der zweiten Halbzeit so auf den Potsdamer Rasen zauberte, war wirklich nicht geeignet, auch nur einen Punkt mitzunehmen. Folgerichtig kassierte man noch das 2:0 durch Frahn, nachdem Ben-Hatira auf rechts zum wiederholten Mal Hergesell weggelaufen war und nach innen geflankt hatte. Das 3:0 durch einen Strafstoß von Moritz (Foul von Palikuca an Ahmetcik) hatte fast nur noch statistische Bedeutung, die Partie war zu diesem Zeitpunkt längst entschieden.

Sehr zum Erstaunen der Einheimischen übrigens, die daraufhin den Gesang „Außer Fortuna gewinnt hier jede Sau!“ anstimmten. Ein weiterer Beleg dafür, was hier möglich gewesen wäre, hätte man nur konzentriert weiter gespielt. Aber anscheinend ist es relativ unmöglich in dieser Saison, mal eine Fortuna zu erleben, die im gesamten Spiel konzentriert zu Werke geht. Diesmal hatte man die zweite Halbzeit einfach nur komplett verschlafen und das Spiel, so schien es, spätestens nach dem Lattentreffer von Heidinger abgehakt. Dann kann es halt schon mal eine solche Klatsche geben.

Herbstmeister – keiner weiß, warum


Am 25.11.2007 kam zum letzten Spieltag der Hinrunde direkt mal der Tabellenzweite in die LTU-Arena. RW Erfurt gab sich die Ehre, mit den Stürmern Kumbela und Bunjaku, die beide zusammen bereits mehr Treffer erzielt haben als die komplette Mannschaft der Fortuna. Stärkster Sturm gegen stärkste Abwehr, hieß das Motto, und so begann es auch gleich: nach nur drei Minuten ein weiterer Slapstick der Fortuna-Abwehr aus der Kategorie „Wir versuchen mal, auf Abseits zu spielen“, nicht das erste Mal in dieser Saison, dass diese Absprache den ein oder anderen nicht rechtzeitig erreichte, und Kumbela stürmte völlig allein auf Keeper Melka zu. Wer weiß, was passiert wäre, wenn wir zu diesem frühen Zeitpunkt schon in Rückstand geraten wären, vielleicht hätte eine weitere Demontage gedroht. Aber Melka parierte großartig mit dem Fuß, sodass auch die Fortuna mal langsam ins Spiel finden konnte. Es entwickelte sich ein relativ flottes Regionalliga-Spiel, in dem vor allem unsere Abwehr endlich mal wieder souverän aufspielte. Erfurt besaß außer einem Schuss von Bunjaku aus 16 Metern in der ersten Halbzeit keine nennenswerte Torchance mehr.

Nach einer Viertelstunde gab es Freistoß für die Fortuna, ca. 20 Meter vom Erfurter Gehäuse entfernt. Und in Ermangelung des wieder einmal verletzten Markus Anfang machte es dann Marco Christ. Schön über die Mauer gezirkelt, links ins Eck – 1:0. Ein schönes Tor, die Führung zu diesem Zeitpunkt vielleicht noch etwas glücklich, aber im Laufe des Spiels immer verdienter, weil Fortuna überlegen nach vorn spielte und hinten nichts anbrennen ließ.

In der 2. Halbzeit machte man dort weiter, wo man aufgehört hatte, und zog den Thüringern den Zahn recht schnell: in der 57. Minute wird Lambertz links am Strafraum angespielt, setzt sich gegen zwei Gegenspieler durch und passt von der Grundlinie zurück auf Fabian Hergesell. Der holt aus ca. acht Metern die linke Klebe raus und haut die Kugel rechts unten ins lange Eck. 2:0, das war die Entscheidung. Erfurt kam noch einige Male nach vorn, aber selten gefährlich, der so treffsichere Sturm sah kein Land, und selbst Ex-Fortune Denis Wolf, immerhin sechsfacher Torschütze in der laufenden Saison, konnte keine Akzente setzen und wurde in der zweiten Halbzeit ausgewechselt. Dazu war er noch nicht einmal der Schönste auf dem Platz, denn bei Fortuna durfte Claus Costa spielen. Warum, weiß eigentlich niemand so recht bis heute, er scheint es dem Interims-Trainer angetan zu haben, machte alle vier Spiele vor der Winterpause mit, und somit mehr als in seiner ganzen Zeit unter Weidemann. Wenn er wenigstens gut spielen würde, würde man ja nichts sagen, aber das tut er leider nicht. Für mich eine völlig unverständliche Personalie des Trainers.

Aber selbst der schöne Claus konnte den 2:0-Sieg der Fortuna gegen Erfurt nicht verhindern, zu souverän spielte die Mannschaft die Führung nach Hause. Endlich mal wieder ein überzeugender Heimsieg, seit Ende September gab es keine drei Punkte mehr in der LTU-Arena. Und als ob dies nicht schon verwundernswert genug gewesen wäre, setzte der Fußballgott noch eins drauf: Erfurt hatten wir in der Tabelle durch den Sieg überholt, das war klar. Dann kam die Kunde, dass auch der Wuppertaler SV mit 0:2 in Magdeburg verloren hatte. Und dann, unglaublich, aber wahr, verlor Spitzenreiter Kickers Emden zuhause 1:2 gegen den Tabellenletzten VfL Wolfsburg II. Somit waren wir punktgleich mit Emden und ein Tor besser. Und plötzlich waren wir Herbstmeister...Wobei ich an Eides Statt versichern möchte: das wollten wir nicht! Ich kenne nun wirklich niemanden, der in der Woche vor dem Spiel ernsthaft die Möglichkeit in Betracht gezogen hätte, die Arena als Herbstmeister zu verlassen. Das ist so über uns gekommen! Aber ich sag ja immer: wenn keiner will...Natürlich ist dieser „Titel“ ein Muster ohne Wert, der genau gar nichts bringt. In dieser Saison vielleicht sogar noch ein bisschen mehr. Warum? Dafür genügte ein Blick auf die Tabelle. Wo hätten wir gestanden, wenn wir das Spiel verloren hätten? Auf Platz 9, hinter Werder Bremen II. Ich hoffe, das reicht zur Abschreckung. Drei Punkte Abstand zwischen dem Tabellenführer und Platz 9...die Liga ist wieder einmal so abschreckend ausgeglichen wie im letzten Jahr. Somit wurde man Herbstmeister in Abstiegsgefahr, denn bis zu Platz 11 waren es nur fünf Punkte Vorsprung. Eine Farce also, mit der man eine Woche lang angeben konnte, mehr nicht.

Enttäuschend nur, dass die Pleite in Babelsberg wohl auch Spuren beim Publikum hinterlassen hatte. Obwohl es ein echtes Spitzenspiel war, kamen noch nicht einmal 10.000 Zuschauer in die Arena. Die gingen allerdings auch frohgemut wieder nach Hause. Und vor allem in der Hoffnung, dass diese drei Punkte nur eine Woche später ordentlich vergoldet werden könnten. Denn nur eine Woche später ging die Rückrunde wieder los, und das hieß ja: wieder Heimspiel, diesmal gegen Union Berlin. Da würde man ein bisschen Luft zwischen sich und die Konkurrenz legen können. Würde, hätte, könnte...

Der Witz des Jahres

Denn am 01.12.2007 gab es gegen Union eine der unnötigsten Niederlagen in der Reihe unnötiger Fortuna-Niederlagen, die ich in meinem bisherigen Leben begutachten durfte. Ein wenig erinnerte es mich an ein Spiel Anfang 2001 gegen den SC Verl, das man im alten Rheinstadion mit 0:4 verlor, im strömenden Regen, bei einem Chancenverhältnis von 16:4. Für mich die unfassbarste Niederlage aller Zeiten, in der der Gegner an die Wand gespielt wurde und aus vier Angriffen tatsächlich vier Tore machte. So etwas erlebt man eigentlich selten. Damals gab es übrigens nach Spielschluss Standing Ovations für eine hervorragende Mannschaftsleistung, bei der nur das Ergebnis irgendwie nicht stimmte. So etwas erlebt man heutzutage überhaupt nicht mehr.

Natürlich war die Partie gegen Union Berlin nicht ein solch krasses Missverhältnis zwischen Leistung und Ausbeute. Aber wie gesagt, ein bisschen fühlte ich mich doch daran erinnert, besonders in der zweiten Halbzeit. In der ersten bemühte sich Union noch, mitzuspielen, hatte auch zwei gute Chancen durch Benyamina, aber auch schon in dieser Hälfte war Fortuna überlegen. Aber Lawaree versiebte zweimal aus aussichtsreicher Position, und auch Bekim Kastrati scheiterte aus fünf Metern an Unions Keeper Glinker. Und kurz vor der Pause wurde es dann richtig dramatisch: erst nutzte Kastrati eine weitere Chance nicht, dann schied mit Marco Christ wieder einmal einer der „Kreativkräfte“ im Mittelfeld verletzt aus, und anschließend sah der Berliner Michael Bemben Rot für eine unfassbare Todesgrätsche gegen Hergesell. Wer so reingeht, an der Mittellinie, gegen Ende der ersten Halbzeit, beim Stande von 0:0, der muss sich wirklich fragen lassen, ob er noch alle Latten am Zaun hat. Vielleicht war es ja auch Frust darüber, dass ihm ein ähnlicher Auftritt wie vor zwei Jahren nicht vergönnt war, als er in der Arena mit Rot-Weiß Essen drei Tore bei deren 4:2-Erfolg machte. Auf jeden Fall ein Ding der Unmöglichkeit, und Berlin war nur noch zu zehnt.

Dass aber auch mit einem Mann weniger die Kreativität nicht leiden muss, zeigte Union nach der Pause. Da erfanden sie nämlich einfach eine bereits ausgestorbene Sportart neu: Feldhandball. Alle Mann um den eigenen Strafraum rum, während die Fortunen versuchten, wahlweise durch die Mitte oder noch weiter außenrum den Riegel am Berliner Kreis zu knacken. Union nach vorne fand nur noch sporadisch statt. Das Ganze mutierte zeitweise zum Scheibenschießen, drei, vier Fortunen versuchten sich mit Schüssen und Nachschüssen, die stets in der vielbeinigen Berliner Abwehr hängen blieben. Jedoch kommen bei solch drückender Überlegenheit auch dann automatisch Chancen, wenn man es noch so stümperhaft spielt. Die größte in der zweiten Halbzeit hatte wieder einmal Bekim Kastrati: von Axel Lawaree herrlich freigespielt, tauchte er wieder fünf Meter vor Glinker auf, aber diesmal – im Gegensatz zum ersten Durchgang – von seinem Gegenspieler völlig unbedrängt. Und wieder konnte der Berliner Torwart mit einem Reflex glänzend parieren, wobei er anschließend das Glück des Tüchtigen hatte: der Abpraller landete schließlich bei Oliver Hampel, der mit einem Hammer aus 16 Metern den Keeper am Fünfmeterraum überwand, aber auf der Linie stand mit Stuff eines der langen Elende der Union-Abwehr und köpfte den Ball weg. Und so ging es munter weiter. Spätestens nach der Szene, als Lawaree aus acht Metern erneut an Glinker scheiterte, und Heidinger den abgelenkten Ball, der neben das leere Tor hoppelte, trotz Riesen-Blutgrätsche nicht ins selbigem unterbringen konnte, weil ihm die berühmten zehn Zentimeter fehlten – spätestens da dämmerte einem Großteil der 10.500 Zuschauer, dass die Fortuna an diesem Tag noch drei Stunden würde weiterspielen können, ohne das Tor zu treffen. In solchen Fällen nimmt man am besten den Spatz in der Hand, sprich: auch ein 0:0 und ein Punkt können am Ende noch etwas Wert sein. Und der Punkt war ja eigentlich sicher, denn die Feldhandballer aus der Bundeshauptstadt machten in der letzten Viertelstunde überhaupt keinen Versuch mehr, nach vorne zu kommen.

In der 87. Minute dann ein Befreiungsschlag von Marco Gebhardt, der weit in die Düsseldorfer Hälfte hineinfliegt. Laufduell Nico Patschinski mit Hamza Cakir, gleichzeitig eilt Torwart Melka aus dem Kasten, um den Ball aufzunehmen. Dann erkennt er jedoch, dass der Ball nicht in den Strafraum gelangen wird, bevor Patschinski heran gekommen ist. Melka kommt aus dem Strafraum und versucht, beim Zusammenprall mit Patschinski den Ball noch wegzuschlagen. Es wird ein Querschläger, und Patschinski kann die Kugel am Sechzehnmeterraum erreichen und mittels Volleyschuss Richtung Fortuna-Tor bringen. Aber kein Problem, zum einen ist es eher ein Schüsschen, Patschinski sind in der zweiten Halbzeit wohl die Beine eingeschlafen bei den gefühlt drei Ballkontakten, die er als Stürmer bis dato hatte; zum anderen rauscht am Fünfmeterraum Hamza Cakir heran; zum dritten rauscht auf der Torlinie der ebenfalls mitgelaufene Claus Costa heran. Und dann kommt die Einlage des Tages: Cakir kommt mit dem langen Bein nicht mehr ganz an den Ball ran, die Kugel rutscht ihm über den Außenrist und wird nach hinten verlängert. Dadurch wird sie aber zu schnell für Costa, der kommt mit dem langen Bein nicht mehr ganz an den Ball ran, die Kugel rutscht auch ihm über den Außenrist und wird nach hinten verlängert. Da hinter ihm leider das Tor ist, steht es 1:0 für Union. Niemand weiß, warum, auch Patschinski guckt erst mal ein bisschen komisch, bevor er sich feiern lässt.

Ein Tor, passend zum Spiel – eine Slapstick-Nummer in einer schlechten Comedy-Veranstaltung. Und während man noch versucht, zu begreifen, was da geschehen ist, ist das Spiel zu Ende.

Fortuna verlor 0:1 in einem Spiel, das sie locker 3:0 nach Hause hätten schaukeln müssen. Aber Berlin hatte einen prima Keeper dabei und neun aufopferungsvoll kämpfende Feldhandballer – das reichte. Selbst das Tor haben wir ihnen in dreifacher Co-Produktion noch geschenkt. So freundlich werden Gäste bei uns nicht immer behandelt. Ich hoffe, bei Union behält man dies im Gedächtnis, man kann ja nie wissen, wann man selbst mal einen Gefallen braucht. Unfassbarer Ausklang einer klaren Angelegenheit. Das ist Fußball – auch wenn es manchmal weh tut.

Ein Feuerwerk zum Jahresabschluss


Und wenn’s mir weh tut, ist RW Essen meist nicht weit. Am 08.12.2007 musste Fortuna an der Hafenstraße zum letzten Spiel des Kalenderjahres 2007 antreten. Die Voraussetzungen dafür waren mal wieder schlecht: Essen zuletzt durchaus mit auf-, Fortuna mit absteigender Tendenz. Hinzu kam, dass wir uns zwar daran gewöhnt haben, in dieser Saison faktisch ohne Sturm anzutreten, diesmal ließen wir jedoch auch gleich das kreative Mittelfeld zuhause: der erst seit zwei Wochen wieder verletzungsfreie Andy Lambertz wurde von einem Magen-Darm-Virus niedergestreckt, die Verletzung von Marco Christ aus dem Union-Spiel erwies sich als zu folgenschwer. Beide tauchten noch nicht einmal im Kader auf. Blieb Markus Anfang, zum ersten Mal wieder am Start seit einer Verletzung aus dem Braunschweig-Spiel. Da würde man also auch nicht allzu viel erwarten können.

Dass es ein turbulentes Spiel werden würde, hätte ich mir bei der Anreise schon denken können. Ich kam erstaunlich gut über die A 3 und die A 52 in Essen-Rüttenscheid heraus. Hier galt es nun, einfach mal quer durch die Stadt zu fahren, und an einer bestimmten Stelle links abzubiegen. Dies entpuppte sich dann leider als nicht so einfach, denn der geplante Weg war nach knapp der Hälfte beendet, gestoppt durch einen Polizeiwagen, der eine Kreuzung sperrte. An jenem Samstag gab es wohl die ein oder andere Veranstaltung in der Innenstadt, die eine Sperrung zur Folge hatte. Man durfte an einem Kreisverkehr plötzlich nur noch links abbiegen und dann sein Glück versuchen. Eher von Nachteil ist es dann, wenn das Stadion von RW Essen in der Innenstadt nicht ausgeschildert ist. Keine Ahnung, wo ich überall rumgekurvt bin, schlussendlich erinnerte ich mich daran, dass der Weg zur Uni nicht ganz verkehrt sein konnte und folgte der diesbezüglichen Beschilderung. Nur die Uni suchte ich dann vergebens. Und die sollte ich wohl kennen, ich habe schließlich mal ein ganzes Semester dort studiert (okay, schon etwas länger her). Daher wusste ich um den markantesten Punkt der Uni, die vier hohen Ecktürme des Uni-Geländes, die verschiedene Fachschaften beherbergen, und die auch verschieden farblich markiert sind (was auch auf den Hinweisschilder kundgetan wird). Ich verrenkte mir den Hals im immer dichter werdenden Verkehr, aber ich konnte die farbenfrohen Türme nicht erkennen.

Der Zufall führte mich dann auf den rechten Weg: an einer Ampel bogen vor mir zwei Linienbusse ein, beide mit „S“ für Sonderfahrt gekennzeichnet und sichtbar mit Fußball-Fans besetzt. Meine Ampel sprang auf Grün, und ich hängte mich einfach dran. Kurz darauf tauchte rechter Hand die Uni auf, und ich erkannte, warum ich auch noch sechs Stunden im Kreis hätte fahren können, ohne die Türme zu erkennen: die waren nämlich eingerüstet und mit irgendwelchen Bau-Netzen überzogen, sodass die Farben gar nicht mehr zu erkennen waren. Sie sahen aus wie ’zig andere Türme in der Umgebung. Na danke schön! Ein perfider Anschlag auf meinen Orientierungssinn! Wie gut, dass die öffentlichen Verkehrsmittel mich nicht im Stich gelassen hatten.

Von hier aus war die Anfahrt doch eher ein Klacks, und so war ich zeitig genug zugegen, um im Stadion mitzubekommen, wie der Stadionsprecher uns wieder mal eins reinwürgen wollte, und erneut – wie beim letzten Spiel in Essen, Anfang Februar 2006 – „Viva Colonia“ anstimmte, was im Stadion auch wieder begeistert mitgebrüllt wurde. Um es mit einem Schreiber des Fortuna-Forums zu sagen: Habt ihr keine Ehre? Habt ihr keine eigenen Beleidigungen? Knapp zwei Jahre seit dem letzten Spiel vergangen, und alles, was ihnen einfällt, ist „Viva Colonia“. Echt peinlich.

Das war aber schon alles, was an Essen peinlich war. Die Essener Mannschaft nämlich ließ sich von den Langweilern um sie herum keineswegs anstecken, sondern legte los wie die sprichwörtliche Feuerwehr. Fortuna hielt vielleicht eine Viertelstunde dagegen und beschränkte sich anschließend darauf, sich irgendwie in die Halbzeitpause zu retten. Nachdem Guie-Mien nach 19 Minuten völlig frei zum Kopfball kam, aber den Ball aus der Rücklage nicht mehr drücken konnte, gab es nach 22 Minuten zwei Szenen, die mich spontan zu den Baldriantropfen hätte greifen lassen, hätte ich denn welche mit mir geführt: zunächst ein Essener Konter (!), als die Fortunen allesamt mal wieder zu einem Zeitpunkt aufgerückt waren, zu dem man es sich besser hätte verkneifen sollen. Langer Ball auf Stoppelkamp, der im Laufduell mit seinem Gegenspieler vor diesem und vor Melka am Spielgerät ist und selbiges aus ca. 10 Metern über den Torwart lupft. Der Ball prallt an den linken Pfosten, dann rauscht Lorenz heran und will aus fünf Metern mit dem Kopf einnetzen, aber Langeneke bekommt noch irgendein Körperteil dazwischen und lenkt den Ball an die Latte. Kaum hatte man sich von diesem Doppeltreffer erholt, folgte nach der anschließenden Ecke ein lustiges Tohuwabohu im Strafraum, bei dem schlussendlich ein Herr mit dem klangvollen Namen Czyszczon aus drei Metern (!) an Melka scheiterte. Der Stadionsprecher wird unserem Keeper dankbar gewesen sein, wer verknotet sich schon gern die Zunge? (Ich darf solch schlechte Witze machen, bei meinem Namen) Und weiter ging es im Minutentakt, auch wenn längst nicht alles das Fortuna-Tor erreichte. In der 34. Minute jedoch schepperte es erneut: wieder hat sich Ex-Fortune Stoppelkamp durchgesetzt, diesmal links im Strafraum, sein Flachschuss ins kurze Ecke knallte erneut gegen den Pfosten, anschließend konnte Melka gegen Lorenz aus kurzer Distanz retten. Zur Pause nahm ich mir vor, mal bei der Geschäftsführung anzufragen, seit wann der Papst Fortuna-Mitglied ist. Das 0:0 war ein schlechter Witz, wir hätten längst zurückliegen müssen.

Dies änderte sich grundlegend nach der Pause. Nicht, dass Fortuna plötzlich angefangen hätte zu spielen, um Gottes Willen. Aber nun hielt man dagegen, stand sicherer in der Abwehr, die Essener kamen nicht mehr so häufig durch. Und ab und zu pirschte man sich auch nach vorne. Spielerische Höhepunkte waren eh nicht mehr zu erwarten, denn natürlich war Markus Anfang in der 60. Minute verletzt ausgewechselt worden. Somit spielten wir das Ding also ohne komplettes etatmäßiges Mittelfeld zu Ende. Kurz zuvor hatte er noch die beste Chance für Fortuna, quasi aus Zufall: ein Freistoß von ihm aus knapp 20 Metern wurde von der Mauer abgefälscht, Torwart Masuch war schon in der falschen Ecke und hätte den Ball niemals bekommen, aber der holperte neben das Tor.

So ging es weiter, Fortuna fand langsam ins Spiel, Essen tat sich immer schwerer, die Einheimischen griffen zum allseits beliebten Muntermacher für die eigene Truppe, nämlich zum Pfeifkonzert nach jedem Fehlpass, die sich jetzt häuften – und dann kam die 75. Minute. Zeit, mal wieder für ein bisschen organisierten Spaß zu sorgen. Dass es in beiden Fan-Blöcken zuvor schon geraucht hatte, war ja fast zu erwarten gewesen, es gibt halt Leute, deren größtes Vergnügen im Leben scheint es zu sein, nach dem Wochenende in der Schule und bei den Kumpels prahlen zu können, wie richtig toll man doch wieder im Block gezündelt hat. Mindestens einer wollte sich aber wohl noch zum König der Spaßmacher aufschwingen und warf eine brennende Bengale aus dem Fortuna-Block auf den Rasen. Vielleicht war es auch eine Leuchtkugel, ich gebe gerne zu, mich nicht damit auszukennen, was vorpubertäre Gestalten (wenn nicht vom Alter, dann doch vom Geisteszustand her) so alles auf den Rasen werfen, weil es sie glücklich macht. Brannte auf jeden Fall rot, qualmte, und sah Scheiße aus. Der Schiedsrichter, Herr Lupp aus Zossen (den Lesern meines Artikels „Arena-Wochenende“ noch von seinem unvergessenen Auftritt Ende September beim Spiel TSV 1860 München – TuS Koblenz in Erinnerung), unterbrach die Partie und ließ über Stadionlautsprecher verkünden, beim nächsten Zwischenfall würde er abbrechen. Und was dann folgte, ist ja wohl jedem klar: zwar mögen Fußball-Fans keine Verbrecher sein, aber wer schon solche Aktionen nötig hat, um sich toll zu fühlen, wird es sich selbstverständlich nicht nehmen lassen, einen Spielabbruch in seine Liste großer Erfolge aufzunehmen. Kaum war die Warnung verklungen, flog eine zweite brennende Bengale auf das Spielfeld (oder was auch immer), und der Schiri brach das Spiel ab. Die Folge war ein einziges Gejohle auf beiden Seiten. Ein Teil des Fortuna-Blocks feierte wohl mit dem Kunstschützen, der für die gute Stimmung gesorgt hatte, die Essener im Fan-Block und um mich herum freuten sich und skandierten „Sieg!“ und „Ihr könnt nach Hause fahrn!“ Denen war wohl auch aufgefallen, dass ihre Truppe in der zweiten Halbzeit das Tor auch nicht mehr treffen würde, und wenn es dann drei Punkte für Nichts gibt – so what? Umso enttäuschter waren die Essener, als Schiri Lupp – der nicht nur in dieser Situation sehr umsichtig agierte und das Spiel jederzeit voll im Griff hatte – die Partie nach 10 Minuten Unterbrechung ein letztes Mal wieder anpfiff. Da wurde in meinem Umfeld auf der Tribüne in bester Kindergartenmanier gejammert: „Wenn er sagt, dass er abbricht, dann darf er doch nicht wieder anpfeifen!“ Fehlte nur noch, dass sie angefangen hätten zu heulen.

Fast hätte es sogar noch ein Tor gegeben in diesem Spiel, obwohl der Spielfluss nach dieser langen Unterbrechung komplett raus war. Aber Melka parierte einen Distanzschuss von Guie-Mien großartig, und auch bei der letzten Essener Chance war man auf dem Posten: einen Freistoß von Guie-Mien köpfte der zurückgeeilte Heidinger von der Torlinie, aber Melka hätte ihn wohl auch so gehabt. Auf der anderen Seite konnte sich Heidinger ein einziges Mal auf rechts durchsetzen und eine wirklich gute Flanke in die Mitte bringen, knapp über der Grasnarbe, an den Abwehrspielern vorbei auf den 5-m-Raum gezogen, aber in der Mitte war niemand mitgelaufen, um abzustauben. Das wäre dann auch eine perfekte Kopie des Spiels der Vorwoche gewesen, sogar die Minute 87 hätte gepasst. Aber ich möchte nicht wissen, wann dann im Stadion los gewesen wäre...

Somit endeten beide Spiele der Fortuna gegen RW Essen in dieser Saison torlos. In beiden Spielen hätte die Heimmannschaft siegen müssen, weil die Gäste nur hinten drin standen. Im Hinspiel hatten die Fortunen zuviel Angst vor der eigenen Courage, im Rückspiel hatten die Essener erst kein Glück, dann fiel ihnen nichts mehr ein. Mit dem Unentschieden kann man leben.

Es folgte nur noch das Nachspiel. Selbstverständlich ist der mutige Werfer von der Tribüne bis heute nicht ermittelt, selbstverständlich verkriecht er sich im Schutz seiner „Gemeinschaft“ von Möchtegern-Revoluzzern, die ihre Definition der Erlebniswelt Fußball umsetzen ohne auch nur einmal zu den Konsequenzen stehen zu müssen, denn dafür hat man ja „seinen“ Verein, der anschließend die Zeche zahlen muss. Man kennt es ja, die armen Jungs sind ja ständig auf der Flucht vor der ungerechtfertigten Repression. Selbstverständlich wurde die Schuld in den schlampigen Kontrollen der Essener Ordnungskräfte gesucht, von denselben Leuten, die am lautesten schreien und sich wie Verbrecher behandelt fühlen, wenn bei Auswärtsspielen mal „richtig“ kontrolliert wird. Spaß muss halt sein, wer Kollateralschäden befürchtet, sollte zuhause bleiben. Auch selten schlau die Aussage des Trainers, der sich in mysteriösen Anspielungen erging, dies könne gar nicht das Werk „unserer“ Fans gewesen sein. Vielleicht könnte ihn mal einer der wahren Fans in der langen Tradition erfolgreicher Düsseldorfer Bengalenwürfe unterrichten, dann würde er so etwas nicht von sich geben, schließlich ist er ja relativ neu bei uns. Der „Exzess“ wiederum stellte sofort die Frage, ob es nicht Dresdner gewesen sein könnten, die sich in den Fan-Block gemischt hätten, man habe so etwas munkeln hören, außerdem hatten die an jenem Wochenende ja auch spielfrei. Ich wette, in gewissen Düsseldorfer Fan-Kreisen hält man sich immer noch den Bauch vor Lachen während man zwischendurch ein “Klar waren das Dresdner!“ durch die Backen prustet. Aber selbst wenn es, entgegen aller Ausreden und Vorurteile, vielleicht eventuell doch Düsseldorfer gewesen sein könnten, dann macht das ja auch nix: immer, wenn man glaubt, dümmer geht’s nicht mehr, kommt die Aussage, der Verein solle sich gefälligst nicht so anstellen wegen der paar Euro, schließlich müsse man bedenken, was diverse Vorstände in den letzten Jahrzehnten an Kohle verpulvert hätten, da würde so etwas doch gar nicht ins Gewicht fallen. Und da diese Vorkommnisse eine neue Qualität besaßen, schließlich wurde mit voller Absicht versucht, nach der entsprechenden Durchsage einen Spielabbruch und eine Wertung des Spiels gegen die eigene Mannschaft herbeizuführen, darf man sich auf weitere „gelungene“ Aktionen in der Rückrunde „freuen“, besonders wenn den Herrschaften mal wieder irgendwas an Spielweise oder Ergebnis „ihres“ Vereins nicht passt. Weil es einfach mehr Spaß macht.

Ach ja, das nächste Spiel. Das findet am 16.02.2008 statt, und es erscheint ausgerechnet – der Wuppertaler SV in der LTU-Arena. Da werden sich schon die richtigen Leute treffen, denke ich mal.

Natürlich gab es ordentliche Strafen. Fortuna bekommt ein „Mini-Geisterspiel“ aufgedrückt, zum Spiel gegen Wuppertal dürfen nur maximal 15.000 Karten verkauft werden, davon 4.800 an den Gastverein. Glück gehabt, sag ich mal, bei den Leistungen, die die Truppe zuletzt bot und beim bekannt kritischen Düsseldorfer Publikum (selbst „echten“ Fans reicht ja schon ein Unentschieden, um einfach mal das Spiel abbrechen zu wollen) hätte ich eh nicht mit mehr Zuschauern gerechnet.

RW Essen erhielt 40.000 Euro Geldstrafe aufgebrummt, hat aber zum Zeitpunkt dieses Artikels Einspruch gegen die Strafe eingelegt, Ergebnis offen. Ich glaube ja, dass die Essener selbst Schuld an der Strafe sind. Wer eine große Klappe hat, sollte sich sicher sein, dass er sie auch ungefährdet aufreißen kann. RWE-Präsident Heppelmann war so einer, der sich völlig sicher war, und so posaunte er fünf Minuten nach Spielschluss schon in die Notizblöcke der Reporter, dass sein Sicherheitsdienst hervorragende Arbeit geleistet habe, das habe ihm auch der DFB bestätigt. Tja, dumm gelaufen. Denn vielleicht ist auch dem DFB aufgefallen, dass die Essener darauf beharrten, bei dem Spiel seien 13.000 Zuschauer anwesend gewesen. So blöd muss man erst mal lügen. Im gesamten Stadion war lediglich im Essener-Fan-Block noch eine kleine Ecke frei, der Rest war voll. Auch die Berichterstatter der Medien gaben unisono um die 20.000 Zuschauer an. Und wenn man das mit der Aussage Heppelmanns kombiniert, kommt unweigerlich dabei heraus, dass sein Sicherheitsdienst hervorragende Arbeit bei 13.000 Zuschauern geleistet hat. Leider fehlen dann mindestens 7.000 im Arbeitsnachweis. Bestätigt wurde dies noch durch Dutzende Fortuna-Fans, die sich in den Tagen nach dem Spiel auf der Geschäftsstelle meldeten und unversehrte Eintrittskarten für den Gästeblock vorweisen konnten. Nach übereinstimmenden Erklärungen war ein Grossteil der Gäste nämlich gar nicht kontrolliert worden, noch nicht mal die Karte wurde ihnen abgerissen. Und auch wenn dies keine Entschuldigung dafür sein darf, dass irgendwelche Pappnasen brennende Sprengmittel auf den Rasen werfen, so sollte man sich doch vielleicht vorher erkundigen, bevor man den Schwarzen Peter so gänzlich in die andere Richtung schiebt. Hinzu kamen noch ebenfalls bezeugte Berichte, wonach z.B. einer der Busfahrer vom Hauptbahnhof zum Stadion seine Busladung Fortunen mit den Worten „Viel Spaß!“ direkt vor der Tankstelle am Stadion abgesetzt hatte, die traditionell der Treffpunkt des Essener Mobs ist. Und noch so ein paar Kleinigkeiten mehr. Ja, es ist halt immer etwas los, wenn diese beiden Mannschaften gegeneinander spielen, und dann sollen ja auch beide Vereine etwas davon haben.

Somit endete das Kalenderjahr 2007 am 08.12.2007 mit einem echten Paukenschlag – obwohl unten auf dem Rasen kaum etwas passierte.

Ausklang

Fortuna beendet das Kalenderjahr auf Platz 6 der Tabelle, mit 33 Punkten und dem Mörder-Torverhältnis von 17:12 (nach 20 Spielen). Das ist natürlich die beste Abwehr der Liga, aber der viertschlechteste Sturm, nur Cottbus II, Wolfsburg II und Verl trafen weniger. Natürlich ist noch nichts verloren, denn da die Liga wieder so ausgeglichen ist wie in der letzten Saison, sind es nur zwei Punkte auf den Aufstiegsplatz 2, den RW Erfurt einnimmt. Allerdings sind es auch weiterhin nur 5 Punkte auf den Abstiegsplatz 11, den RW Ahlen belegt. Es ist also noch alles möglich, nach oben wie nach unten. Spannung ist somit garantiert.

„Wintermeister“ wurde natürlich der Wuppertaler SV, wie bereits vor der Saison feststand. Die Mannschaft hat zwar auch noch einige Durchhänger, fängt sich aber derzeit schneller wieder als die Konkurrenz und führt die Tabelle mit 37 Punkten an. Dabei lässt man sich auch von den Kapriolen des natürlich besten Trainers der Liga, formerly known as Wolfgang Jerat, nicht beirren, der mal wieder frei drehte. Beim Spiel gegen Verl (1:0) ging er in den Clinch mit Gäste-Trainer Ermisch, der sich über ein nicht gegebenes Abseitstor seiner Mannschaft aufregte (es war auch kein Abseits). Und wer daheim für soviel Abwechslung an der Seitenlinie gut ist, der ist auch auswärts gerne gesehen: in der Woche danach beim Spiel in Magdeburg (0:2) beendete Jerat einen Disput mit dem Haupttribünen-Publikum vor laufenden Fernsehkameras durch Zeigen des Mittelfingers, um anschließend die Pressekonferenz nach dem Spiel mit den Worten zu beginnen: „Ein solches Stadion und ein solches Publikum wünsche ich mir auch...“, was nun wieder die eigenen Anhänger „ein wenig“ verstimmte. Wer weiß, wo die schon stehen könnten, wenn diese Type nicht ständig Unruhe reinbringen würde. Aber bislang ist seine Rechnung aufgegangen, der WSV ist Tabellenführer und macht jetzt mal den großen Geldkoffer auf: die Millionen aus dem Pokalspiel gegen Bayern vor Augen (welches nunmehr endgültig auf Schalke ausgetragen, aber wohl nicht live übertragen wird), geht man auf die Suche nach Verstärkungen, dass es einem von den Namen schon schwindlig werden kann: Ex-Fortune Victor Hugo Lorenzón, bei Carl Zeiss Jena ausgemustert, ist ebenso im Gespräch, wie Erfurts Stürmer Dominik Kumbela. Den wollen die Thüringer wohl loswerden, weil er in einer Disco seine Freundin geschlagen haben soll, ein echter Sonnenschein, der gut zu Jerat passen würde. Außerdem beteiligt man sich, wie Fortuna, derzeit am zumindest diskutierten Leichenfleddern beim VfB Lübeck und hat ein Auge auf Ex-Fortune Daniel Cartus sowie die beiden Ex-Uerdinger Baltes und Heun geworfen. Noch mehr Sonnenscheine. Wie gesagt, Fortuna soll da auch mitmischen, wird aber finanziell gegen den WSV nicht anstinken können, wenn es hart auf hart geht.

Ja, das mit dem VfB Lübeck ist schon fast eine kleine Tragödie. Die Mannschaft mochte ich in den letzten Jahren eigentlich nie, das waren fast immer furchtbare Klopperspiele zwischen denen und uns, besonders Baltes und Heun taten sich da oft hervor, zuletzt im Hinspiel, als Andy Lambertz nach Baltes’ „Einsatz“ wochenlang verletzt ausfiel. Aber den Verein mochte ich eigentlich ganz gerne, ich bin auch immer gerne hingefahren, ich mag Norddeutschland. Nun hat sich in der letzten Saison schon Holstein Kiel total verzockt und ist mit einer Zweitliga-Truppe in die Oberliga abgestiegen, jetzt nimmt man mir, so wie es aussieht, auch noch meinen zweiten Ostsee-Ausflug: Lübeck hat nach der Verpflichtung von Trainer Uwe Fuchs genau jedes Spiel verloren, ist mit 17 Punkten Tabellenvorletzter und weist bereits 13 Punkte Rückstand auf den rettenden Platz 10 auf (RW Essen/30). Hinzu kam vor einigen Wochen die alarmierende Meldung, dass der VfB eigentlich pleite sei. Mittlerweile stellte man dort offiziell die Weichen auf die neue Vierte Liga, nicht mehr die Dritte, und löst derzeit die Verträge mit den teuren Spielern auf. Deshalb ist derzeit der halbe Lübecker Kader auf dem Markt. Auch mit dieser Maßnahme wissen die Lübecker Verantwortlichen momentan noch nicht, ob es nächste Saison überhaupt für die Vierte Liga reichen wird, oder ob es gleich noch tiefer geht. Verspekuliert, verzockt, verspielt – und ein hämisches Grinsen verbietet sich, angesichts der Kenntnisse um die Finanzen der Fortuna. Es kam schon vor der Saison des Öfteren die Vermutung auf, dass sich gerade in der Regionalliga Nord einige Vereine übernommen hätten, um den Sprung in die neue Dritte Liga zu schaffen. Der VfB Lübeck scheint der erste Club zu sein, bei dem dies offensichtlich wird. Hoffen wir, dass keine weiteren folgen, denn Entscheidungen über Auf- und Abstieg am Grünen Tisch will, so glaube ich, kaum jemand sehen. Außer vielleicht den Insolvenzverwaltern anderer Clubs, die drei Euro mehr aus der Konkursmasse herauskratzen und plötzlich drin bleiben.

Was passiert in der fortunistischen Winterpause? Nun, zunächst wäre es mal ganz nett, einen neuen Trainer zu bekommen, da ist nämlich immer noch keiner in Sicht. Und keiner weiß so genau, wann es soweit sein wird, vielleicht morgen, vielleicht erst zum Trainingsauftakt im Januar. Als letzter heißer Kandidat wurde Wolfgang Wolf genannt, der in Essen auch im Stadion war, außerdem ist auch Ex-Fortune Petr Rada wieder im Rennen, der sich erneut selbst angeboten hat und zufällig demnächst sowieso zum Weihnachtsbummel auf der Kö vorbeischauen wird, wie zu vernehmen war. Was ich davon halten soll, weiß ich noch nicht, ich habe so meine Skepsis bei Hääätzblut-Trainern, die sich selbst anbieten. Andererseits, wenn er zu Anfang alle mitreißt – es muss ja erst mal nur ein halbes Jahr gut gehen, keine ganze Saison. Dann wird man sehen, was man sich in der nächsten Spielzeit leisten kann.

Ein Stürmer muss auch noch dringend her, man ist fieberhaft auf der Suche. Und da man im Gegensatz zum WSV (gegen Bayern) und RW Essen (gegen den HSV) keine lukrativen Pokalspiele im Januar anstehen hat, versucht man jetzt anderweitig, ein wenig Geld in die Kassen zu spülen: am 19.01.2008 (ab 14.00 Uhr) findet in der Arena wieder der sogenannte „Winter-Cup“ statt, ein Blitzturnier mit Fortuna, Borussia Dortmund, Bayer Leverkusen und – in Änderung des letzten Cups, als Mönchengladbach auflief – dem SV Werder Bremen mit Fortuna-Urgestein Klaus Allofs am Spielfeldrand oder auf der Tribüne. Und nur drei Tage später, am 22.01.2008 (19.30 Uhr) kommt der FC Bayern München zum Testspiel vorbei und hat versprochen, alle Stars mitzubringen. Ob die dann auch alle spielen, steht auf einem anderem Blatt, aber das ist natürlich eine gute Chance für alle großen und kleinen Autogrammjäger. Für dieses Spiel sind jetzt schon, fünf Wochen vor dem Termin, über 10.000 Karten verkauft worden, das lässt sich also ganz ordentlich an. Zum Abschluss der Winterpause soll eventuell Ende Januar noch gegen Borussia Mönchengladbach gespielt werden, dann wohl eher im kleinen Flinger Broich, aber dies steht zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht fest.

Sportlich machen diese Spiele soviel Sinn wie jedes andere Testspiel, aber ich hoffe, dass tatsächlich ein wenig Geld in die Kassen kommt, damit man mit neuem Trainer, neuem Stürmer und wer weiß, was noch alles neu sein wird, im Februar noch einmal angreifen kann. Mir wäre es leichter ums Herz, wenn wir erst einmal den Abstand auf Platz 11 vergrößern könnten, denn ein erneuter Abstieg in die Vierte Liga (nunmehr Regionalliga West/Südwest) hätte wohl fatale Folgen für den Verein. Wer Herbstmeister mit nur fünf Punkten Vorsprung auf einen Abstiegsplatz geworden ist, sollte den Ernst der Stunde eigentlich erkannt haben. Und wenn dann noch was geht, greife ich auch gerne oben an.

In diesem Sinne wünsche ich noch eine schöne restliche Vorweihnachtszeit, schöne Feiertage und einen guten Rutsch ins neue Jahr. Man sieht sich am 16.02.2008 zum Mini-Geisterspiel gegen den Wuppertaler SV. Oder man liest sich im März wieder. Oder beides.

Setzt sich jetzt die Weihnachtsmütze auf: janus