von Janus, 4.10.2007
Arena-Wochenende!

Wenn Fortuna spielfrei hat, kann man ja mal gucken, was die Anderen so machen. Und ab und zu darf es dann auch etwas Neues sein. Das letzte Wochenende im September bot solch eine Möglichkeit, sich die Konkurrenz anzuschauen. Allerdings nicht die in der eigenen Liga, die sieht man ja ohnehin oft genug. Nein, wie wäre es mal mit zwei Ligen, die nächste Saison für Fortuna interessant werden könnten? Zum einen die Regionalliga Süd, die ab dem Sommer 2008 mit unserer Regionalliga Nord zur eingleisigen 3. Liga zusammengefasst wird; zum anderen die 2. Bundesliga, denn gegen einen Aufstieg hätte man ja auch nichts. Somit konnten quasi vier potentielle Gegner der nächsten Saison beobachtet werden. Okay, war mal etwas weiter zu fahren, was die Erholungsmöglichkeit eines normalen Wochenendes doch ein wenig begrenzte, aber die Chance war einfach zu gut. Die konnte man nicht ungestraft verstreichen lassen. Also: Arena-Wochenende!

Aber wie? Nun, da ich seit ca. einem Jahr stolzer Autobesitzer bin, ist das ja eigentlich eine rhetorische Frage. Besonders, wenn man zuvor über Jahrzehnte die „Leistungen“ der Deutschen Bahn ausgekostet hat. Aber nach reiflicher Überlegung siegte doch die Vernunft. Ca. 1.300 km in ca. 36 Stunden alleine mit dem Wagen, dazu in Gegenden, in denen ich zuvor noch nie oder nur selten (und schon gar nicht mit dem Auto) gewesen war – da fahr ich dann doch lieber mit der Bahn. Zugleich eine gute Gelegenheit, mal den Servicestand dieses Unternehmens einer erneuten Prüfung zu unterziehen und interessante Menschen kennen zu lernen!

Samstag, 29.09.2007: SC Pfullendorf – KSV Hessen Kassel 5:2

Wie man auf so etwas kommt? Ganz einfach: beruflich besteht seit einigen Jahren ein reger Kontakt zu einem Angestellten, der seinen Dienst in einer Einrichtung ca. 300 m entfernt vom Pfullendorfer Stadion verrichtet. Hierbei kam es auch immer zum Austausch von Spielberichten in gewissen Foren des Intranets unseres gemeinsamen Arbeitgebers. Das war aber auch schon alles, persönlich kennen gelernt hatten wir uns nie. Höchste Zeit, hier Abhilfe zu schaffen. Und da ausgerechnet an Fortunas spielfreiem Wochenende noch ein Gegner kam, der mir auch nicht unbekannt war, und der vielleicht auch noch ein bisschen was an Gästefans mitbringen würde, beschlossen wir, die Chance zu nutzen.

Um eine optimale Chancenauswertung zu erzielen, muss das Ding natürlich gut vorbereitet werden. In meinem Fall hieß das: Pfullendorf, ein 10.000-Seelen-Städtchen, liegt zwar in der Ferienregion Nördlicher Bodensee, 20 km nördlich von Überlingen im Linzgau, zwischen Bodensee und Donau, verfügt aber nicht über einen eigenen Bahnhof. Da ist guter Rat teuer, aber wofür hat man denn den Kenner vor Ort? Er empfahl mir, den Bahnhof Aulendorf anzusteuern, nochmals 20 km von Pfullendorf entfernt, dort könne er mich einsammeln. Somit ergab sich als erste Zugstrecke folgende Kombination:

Bonn Hbf ab 07.14 Uhr
Mannheim Hbf an 09:21 Uhr ab 09:33
Ulm Hbf an 11:06 Uhr ab 11:12 Uhr (jawohl, volle sechs Minuten zum Umsteigen!)
Aulendorf an 11:53 Uhr

Spielbeginn 14.00 Uhr, das sollte also kein Problem sein.
Innerlich gefasst betrete ich somit am Samstag Morgen um kurz nach 7 den Bonner Hauptbahnhof. Begrüßt wird man, wie in Bonn eigentlich üblich, mit einem imaginären „Are you ready to ruuuumble?“, welches die Bahn einem dergestalt entgegen schleudert, dass mal sofort ein Zug mit 15 Minuten Verspätung gemeldet wird, aber es ist tatsächlich nicht meiner. Der kommt pünktlich, und die Fahrt kann losgehen. Es ist nicht viel los, was allerdings nicht bedeutet, dass man unterwegs mitten auf freier Strecke nicht einfach mal stehen bleiben kann, ohne dass einem der Grund hierfür mitgeteilt wird. Aber die Bahn schafft es, die Verspätung im Drei-Minuten-Bereich zu halten, sodass ich in Mannheim planmäßig meinen Umstieg erreiche. Es bleibt sogar noch genug Zeit, um festzustellen, dass am Mannheimer Hauptbahnhof die Durchsagen anscheinend gesungen werden. Ist wahrscheinlich die einzige Möglichkeit der ausführenden Dame, einigermaßen Hochdeutsch zu sprechen, denn das Idiom verändert sich hier schon ins Schauderhafte. Ich habe in Mannheim studiert und weiß daher, wie Kurpfälzisch klingt. Also nix wie weg!

Im ICE von Mannheim nach Ulm wird es dann interessant. Ich habe reserviert und erhalte ein Platz im Großraumabteil an einem Tisch, was ich normalerweise nicht mag. Ich darf Platz nehmen und der Unterhaltung der beiden Gestalten lauschen, die mit am Tisch sitzen. Es handelt sich um zwei Personen jüngeren Datums, ein Männlein, ein Weiblein, die einigermaßen zu verstehen sind. Bei ihm trifft mich dann aber nach zwei Minuten doch der Schlag: da die beiden sich merklich erst hier an diesem Tisch kennen gelernt haben, werde ich jetzt natürlich mit einem Abriss ihrer Lebensgeschichten beglückt, was bei ihm bedeutet, dass er in ziemlich breitem Schwäbisch erklärt, Germanistik zu studieren. Ja verdammt noch mal, dann wende es doch auch an! denke ich. So ein Studium kann ja durchaus auch einen praktischen Nutzen im Leben haben! Aber dann höre ich, dass er im Oktober eingeplant ist für ein Praktikum beim DSF, weshalb er jetzt auch nach München fährt. Das erklärt natürlich einiges. Da muss man ja eh nur die „Super-Bayern“ hochleben lassen, und mit einem kleinen Dialekt klingt das natürlich authentischer. Und sollte er irgendetwas mit den anderen Sportarten zu tun haben, die das DSF so ausstrahlt – ja nu, die guckt eh kaum jemand, da ist es auch egal, in welchem Kauderwelsch man seinen Senf dazu gibt. Insoweit ist die Sprechweise gerechtfertigt.

Sie ist so ein Blondchen der Marke Schnuckelchen, auch nett eingepackt in ein Jäckchen mit Pelzkrägchen, und natürlich nur komplett mit diesem Handtäschchen, das man sich so schick unter die Achsel klemmen kann. Da krieg ich schon beim Hinsehen Karies, so süß ist die. Sie studiert auch irgendwas, ich verstehe nicht genau, was, aber natürlich endet es auf
„–management“, was wohl bedeutet, dass sie nach ihren Studium überhaupt nichts mehr zu tun gedenkt. Außerdem jobbt sie gerade – natürlich – als Bedienung in irgendeiner Bar. Blondie räsoniert über das erweiterte Rauchverbot, welches wohl zum 01.09. auch in ihrer Kneipe eingeführt wurde. Findet sie natürlich supertoll, obwohl sie gleich zugibt, dass der Umsatz ja ein wenig in die Knie gegangen ist. Aber was juckt sie schon, dass sie als Aushilfe wohl die Erste sein wird, die dann dran glauben muss! An der Uni arbeitet sie gerade an einem „Projekt“ und hat daher alles „im Scope“, natürlich. Sie erwähnt noch, dass die Klamotten endlich nicht mehr nach Rauch stinken, wenn sie von der Arbeit nach Hause kommt, sodass man sie gleich in die Wäsche schmeißen muss. Minuten später erwähnt sie dann, dass sie eigentlich täglich die Klamotten wechselt, egal, ob sie nun in der Kneipe ist oder nicht. Unterhaltung der feingeistigeren Art halt.
Am nächsten Bahnhof steigen dann die Zwillings- und die Drillingsschwester von Miss Zuckersüß zu und erhalten die beiden Plätze direkt hinter dem Tisch. Die sehen wirklich alle gleich aus. Das Geschwätz der beiden ist eigentlich noch besser, aber sie toppen es dann noch, indem beide gleichzeitig ungelogen damit beginnen, sich die Fingernägel zu lackieren. Großartig! Ulm Hauptbahnhof, 11.06 Uhr – die Frisur sitzt, der Nagellack glänzt, oder was? Es fängt auch sofort an, ziemlich fies nach Chemikalien zu stinken. Aber Hauptsache, es ist kein Rauch!
Auf der anderen Gangseite hat sich nun eine Mutter mit ihren zwei Kindern am Tisch niedergelassen. Vernünftigerweise hat die direkt ein komplettes Picknick mitgebracht, anstatt der Bahn auch noch Geld in den Rachen zu werfen, um die hungrige Brut während der Fahrt zu versorgen. Unvernünftigerweise ist eins meiner Hassgerichte dabei – Kartoffelsalat! Jetzt wird’s langsam kritisch, von vorne atme ich die Dämpfe der beiden Avon-Beraterinnen ein, von der Seite umwabert mich der Muff von in Mayonnaise ertränkten kalten Kartoffeln, die unter irgendwelchen Gewürzen bestattet wurden, bei denen ich mir nicht sicher bin, ob sie nicht doch unter das Betäubungsmittelgesetz fallen. Kann man nicht auch Gesetze gegen so etwas erwirken? Wahrscheinlich nicht, dafür sind geklonte Blondinen und besorgte Muttis in diesem Land wohl in der Überzahl. Da muss schon mal gelitten werden!
Aber ich schaffe es. Als der Zug in Ulm einläuft, wünsche ich Blondchen noch sporadisch viel Erfolg beim Wechseln ihrer Klamotten und stelle nicht ohne Schadenfreude fest, dass sie in einen bereitstehenden Zug wechselt, der nach Italien fährt (sie will nach Südtirol), denn ich habe schon die Durchsage gehört, wonach in Italien mal wieder gestreikt wird, und die Züge daher nur bis Innsbruck fahren. Und wenn’s dann ein wenig länger dauert, braucht sie ja nur mal an ihren Klamotten riechen, dann ist sie entweder high oder satt, je nachdem, welche Duftrichtung sie erwischt. Man muss sich alles nur zu Nutze machen!

Ich habe Zeit, diese Überlegungen anzustellen, denn ich habe meinen Anschlusszug nach Aulendorf bekommen. Allerdings nicht, weil der Zug keine sechs Minuten Verspätung hat, sondern weil der Anschlusszug deren zehn aufzuweisen hat. Schön, wenn ein Rädchen ins andere greift! Etwas stutzig macht mich zwar, dass bei dem Regionalexpress noch an der Lok geschraubt wird, aber dem Mutigen gehört die Welt, also wird eingestiegen, und tatsächlich, einige Minuten später ruckelt der Zug hinaus.

Mit Verlassen des Ulmer Bahnhofs haben wir anscheinend auch gleich die Welt gewechselt. Von dem, was meine Mitreisenden so erzählen, verstehe ich kein Wort, und schon der erste Bahnhof, Laupheim West, demonstriert, dass hier Schluss mit lustig ist, hier steigen die Passagiere noch zünftig aus und gelangen über andere Geleise in die Sicherheit des kleinen Bahnhofsgebäudes, denn es gibt anscheinend nicht für jedes Gleis einen eigenen Bahnsteig. Sehr schön allerdings, dass die vier Piepels, die dort den Zug verlassen, allesamt einem Kleintransporter zustreben, der anscheinend das hiesige öffentliche Verkehrsmittel darstellt. Das hat was!
Es folgen noch Biberach an der Riss, Bad Schussenried und ein Bahnhof, den ich verdrängt habe, dann bin ich in Aulendorf. Der Kollege begrüßt mich herzlich und schenkt mir ein Lilliput-Wörterbuch Deutsch – Schwäbisch zur Begrüßung. Ich habe mich nicht lumpen lassen und überreiche ein handsigniertes Poster von Sebastian Heidinger, den wir vor der Saison aus Pfullendorf geholt haben, worüber er (also der Kollege) sich sehr geärgert hat. Und schon geht’s ab nach Pfullendorf. Zwischendurch sehe ich Schilder, die auf so bedeutsame Ortschaften wie Hahnennest und Ochsenbach hinweisen. Und so sieht jetzt auch die Gegend aus. Es ist sehr viel Gegend, immer mal unterbrochen durch Dörfer mit einigen hundert Einwohnern, sonst nichts. Sehr idyllisch, aber auch sehr tot. Besonders im Winter, schätze ich.
Dann passieren wir Ostrach, und die haben anscheinend endlich etwas Besonderes zu bieten, nämlich ein ziemlich bekanntes Jugend-Turnier, das einmal im Jahr stattfindet. Hier ist schon Lukas Podolski zum besten Jugendspieler des Turniers gewählt worden, ohne dafür ein Interview geben zu müssen, und auch – Gott bewahre – Thomas Berthold war vor vielen, vielen Monden der Auserwählte, anscheinend ohne gleich einen Job beim Fernsehen für seine damalige Freundin zu fordern! Dort treten also wirklich hochkarätige Jugend-Mannschaften an.

Nun geht es weiter nach Pfullendorf, direkt zum Stadion. Das heißt auch nicht mehr Stadion, sondern „Alno-Arena“. Küchenhersteller Alno ist der größte Arbeitgeber am Ort und gleichzeitig Hauptsponsor des Vereins. „Alno“ ist ein Kürzel des Firmengründers, wie bei Haribo (Hans Riegel, Bonn), der gute Mann heißt bürgerlich Alfons Nothdurft. Da finde ich es doch schade, dass die Abkürzung auch für den Stadionnamen übernommen wurde. Wer hätte nicht gerne eine Eintrittskarte, auf der „Alfons-Nothdurft-Arena“ aufgedruckt wäre? Also ich schon!

Wenn man nicht gerade auf den letzten Drücker vorfährt, kann man problemlos direkt vor dem Stadioneingang parken und kriegt vom Ordner, der einen am Auto empfängt, erst einmal einen Flyer in die Hand gedrückt, auf dem auf den Tag der Offenen Tür der Freiwilligen Feuerwehr hingewiesen wird, anscheinend ein epochales Ereignis in Pfullendorf.

Diese „Arena“ besteht aus einer überdachten Haupttribüne, rechts und links daneben ein paar gemütliche Holzbänke, alles zusammen ca. 500 Sitzplätze, hinter diesen jeweils leichte Anhöhen, sodass der Stehplatzbesucher von einem „Feldherrenhügel“ den optimalen Überblick hat. Rund um das Spielfeld läuft eine Tartanbahn. Insgesamt hätten 10.000 Zuschauer Platz, aber so viele dürfen nicht rein: auf der Gegengeraden können ein paar Steinstufen gesichtet werden, eine Hintertorkurve bleibt den Gästen vorbehalten, aber die andere Kurve ist das skurrile Ergebnis der neuen DFB-Auflagen für Regionalliga-Vereine: in dieser Kurve darf nicht gestanden werden, weil sie gegen das Spielfeld hin nicht abgezäunt ist. Da steht während des Spiels genau ein Männlein, nämlich ein Ordner, der die Zuschauer, die von oder zur Gegengeraden lustwandeln, davon abhalten muss, hinter dem Tor plötzlich und unerwartet stehen zu bleiben: „Bitte weitergehen, es gibt hier nichts zu sehen!“ Kein Witz, sondern Auflage des DFB. Ebenso wie die Einzäunung eines kleinen Bereichs vor dem Stadioneingang. Als ich den Kollegen frage, wozu das denn gut sein soll, verdreht er nur die Augen. In diesem kleinen Käfig muss der Reisebus der Gäste während des Aufenthalts stehen. Ansonsten winkt wieder der DFB und sagt: zahlen und strahlen! Was für ein Unfug, hier darauf zu pochen.

Es gibt so einige Skurrilitäten rund um das Stadion, die den Einheimischen aber wohl völlig normal vorkommen werden. So steht auf der Gegengeraden ein kleines Klohäuschen. Das ist durchaus etwas Weltbewegendes, denn an dieser Stelle stand ursprünglich mal – nichts. Das Klohäuschen ist eine Spende des zweiten großen Arbeitgebers am Ort, der Firma Geberit. Wenn ihr wissen wollt, was die so herstellen, geht doch einfach mal ins Badezimmer und lasst den Blick schweifen, die Chancen stehen gut, dass ihr entweder ein Klo oder ein Waschbecken oder zumindest einen Wasserhahn dieser Firma täglich benutzt, die stellen nämlich diese ganzen sanitären Anlagen her. Auch sie unterstützen den SCP und haben vor einiger Zeit das Klohäuschen gespendet. „Spende“ bedeutet aber auch, dass es nach der Fertigstellung mit allem Pomp eingeweiht wurde. Eine Einweihungsparty für ein Klohäuschen ist zumindest mir noch nie über den Weg gelaufen.

Ebenso wenig wie das, was mir der Kollege dann erzählt: vor ca. eineinhalb bis zwei Jahren gab es nach einem Spiel nämlich mal mächtig Rabatz: da war ein Zuschauer mit der Leistung des Schiedsrichters nicht zufrieden. Kurzerhand erkletterte der Erzürnte das Dach (!) der Haupttribüne um von dort, mit einem besseren Überblick ausgestattet, fortzufahren, den Schiri zu beschimpfen. Das Erklettern der Tribüne ist relativ problemlos möglich, da sie in den sanften Hang eingelassen ist, der das Spielfeld umgibt. Das ist eigentlich schon großes Tennis. Aber es ging noch größer: der Herr war ein gewisser Herr Schmid – seines Zeichens Ex-Bürgermeister von Pfullendorf und zum damaligen Zeitpunkt gerade frisch ernannter Landrat in Ravensbrück! Und wenn das schon groß ist, dann konnte der Mann sich nur selbst überbieten, und er schaffte es: an jenem Tag hätte er wohl zu einer seiner ersten Landratssitzungen antreten müssen. Da er aber das Spiel sehen wollte, hatte er sich für die Sitzung krank gemeldet. Dumm nur, dass seine Turnnummer am nächsten Tag der Aufmacher in allen Dorfblättern rund um Pfullendorf war, sodass alle seine Kollegen sehen konnten, dass er vielleicht krank, aber durchaus noch gelenkig genug war, um vom Dach aus mal richtig Zunder zu machen. Ich denke, dass dies eines Tages in die Dorfchronik eingehen wird.

Ja, Pfullendorf erfüllt praktisch jedes Klischee, das unsereins über die „Bauernliga“ Regionalliga Süd schnell zur Hand hat. Aber Vorsicht! Man darf vielleicht schmunzeln, man darf vielleicht lächeln – nur unterschätzen sollte man diese kleinen Vereine wie Pfullendorf, Aalen oder Elversberg nicht. Gerade erst hat man die angeblich großen Traditionsclubs Saarbrücken und Darmstadt in die Oberliga entsorgt. Darmstadt bereits zum zweiten Mal und Saarbrücken mal gleich im direkten Durchmarsch aus der 2. Liga. Auch Offenbach musste schon dran glauben, und die Stuttgarter Kickers haben sich schon einige Male erst am Ende der Saison vor dem Abstieg retten können. Man ist hier klein, aber fein, und das Niveau ist nicht das Schlechteste. Zum Beispiel Pfullendorf: von den letzten 31 Jahren hat der Verein derer 27 in der dritthöchsten Spielklasse verbracht, egal, wie das Kind gerade hieß, ob Bayern-, Ober- oder Regionalliga. Und die vier Jahre, die da fehlen, waren tatsächlich vier Abstiege, das heißt, es gelang immer der direkte Wiederaufstieg. Wie würden wir sagen: „Das ist aber auch ein zähes Pack!“ Und dies gelingt stets mit einem Etat, der noch nie eine Million überstiegen hat, weder D-Mark, noch Euro. Eine starke Leistung!

Und in dieser Saison will man es wissen. Das Saisonziel heißt eindeutig Platz 10 und damit: Qualifikation für die 3. Liga. In dem dünnen DIN-A4-Blättchen, welches als Stadionheft dient und kostenlos an der Kasse erhältlich ist, steht ganz klar das Motto: „Liga 3 – wir sind dabei!“ Sie wollen das große Abenteuer wagen.

Im Stadionheft stehen auch ein paar Begleitworte des Trainers Michael Feichtenbeiner zum heutigen Spiel. Er geht auf das Pokalspiel ein, dass die Pfullis am Dienstag zuvor im Pokalwettbewerb des Südbadischen Fußballverbandes (SBFV) ausgetragen und mühsam mit 1:0 beim Oberligisten SC Freiburg II gewonnen haben. Der Pokal ist hier sehr wichtig, und das liegt an einem weiteren Kuriosum, welches mir der Kollege vermittelt: die Regeln des SBFV besagen nämlich, dass bei einem Unentschieden nach Verlängerung im Pokal ein Elfmeterschießen nur erfolgt, wenn es sich um zwei gleichklassige Mannschaften handelt. Ansonsten ist der unterklassige Verein durch dieses Remis nach 120 Minuten eine Runde weiter! Und da Pfullendorf die einzige drittklassige Mannschaft in diesem Wettbewerb ist, gilt für sie diese Regel bei jedem Pokalspiel (Finale natürlich ausgenommen). Das muss mir mal jemand hier zeigen, von so etwas hab ich noch nie gehört. Man möchte dem SBFV glatt vorschlagen, dies doch mal bei der FIFA einzureichen, da sitzen sicherlich einige Herrschaften, die das auch für eine tolle Idee halten. Deshalb war auch die Freude groß, als der SCP in der vorletzten Saison den Pokal erstmals nach 14 Jahren wieder gewinnen konnte. Als Sieger somit für den DFB-Pokal qualifiziert, schossen sie in der ersten Runde der letzten Saison dann auch prompt den Bundesligisten Arminia Bielefeld mit 2:1 aus dem Wettbewerb, bevor sie an Kickers Offenbach scheiterten.

Ich zahle für meine Eintrittskarte übrigens 7,50 Euro, Haupttribüne kostet 9 Euro, wenn ich das richtig gesehen habe. Für die 7,50 Euro habe ich allerdings auch freie Platzwahl, entweder auf den Holzbänken neben der Tribüne, oder auf den Feldherrenhügeln dahinter oder auf der gesamten Gegengeraden. Nur die beiden Hintertorkurven sind tabu, wie bereits oben erwähnt.
Wir entscheiden uns für die schönen altmodischen Holzbänke, denn das Wetter ist warm und trocken. Zuvor organisieren wir aber etwas zu essen.
Das ist ziemlich einfach, denn es wird nur eine Speise offeriert: eine Bratwurst, die aufgrund ihrer Färbung hier auch die „Rote“ genannt wird. Kostenpunkt: 2,20 Euro. Schmeckt 1a, ich hole mir gleich noch eine, was eigentlich eher selten vorkommt. Die Dame am Grill fragt bei der Bestellung weltmännisch (und mühsam hochdeutsch) „Was darf’s denn sein?“, sodass man meinen könnte, sie hätte eine mehrseitige Speisekarte zur Auswahl. Wie mein Kollege mir sagt, hat ein Kumpel von ihm bei dieser Frage vor einigen Wochen einfach mal gesagt: „Ein Steak, bitte!“, was allerdings zu einer leichten Verstimmung ihrerseits führte.
Übrigens verfügt das Stadion noch über ein kleines Restaurant, welches in die Rückseite der Tribüne integriert ist, ich schätze mal, da wird die Auswahl etwas größer sein, aber mir reicht die Wurst vollkommen.

Der heutige Gegner Hessen Kassel kommt mit weniger Fans, als ich erwartet habe, es sind keine hundert. Dafür können die aber Transparente aufhängen wie die Großen, der gesamte Block wird vorne, hinten und an der Seite eingekleidet. Kassel hat einige bekannte Namen zu bieten, zuvorderst Trainer Matthias Hamann, aber auch Mittelfeld-Stratege Mirko Dickhaut sollte dem ein oder anderen noch etwas sagen, ebenso Stürmer Sebastian Wojcik, der letzte Saison noch für Wilhelmshaven gegen uns traf. Dennoch ist es eine junge Mannschaft, die die Qualifikation zur 3. Liga anscheinend mit einem Rekord schaffen will: gleich acht Spieler aus dem 22er-Kader der Hessen sind gebürtige Kasselaner. Und die kommen auch gleich mit dem Skalp des Tabellenführers, in der Woche zuvor hat man Jahn Regensburg 4:0 weggehauen.

Apropos 3. Liga: da muss der SCP wohl langsam mal etwas Fahrt aufnehmen, denn während Kassel nach dem 9. Spieltag mit Platz 7 und 15 Punkten voll im Soll liegt, hinken die Linzgauer doch schon ein Stück hinterher und finden sich mit nur 7 Punkten auf dem vorletzten Tabellenplatz wieder. In den letzten fünf Spielen hat man nur ein einziges Tor erzielt, und das auch noch bei einer Niederlage (1:2 bei Bayern II). Man war also, mal vorsichtig ausgedrückt, nur mäßig erfolgreich. Deshalb fleht das Maskottchen Scipo in einem weiteren Vorwort im Heft (keine Ahnung, welches Tier sich hinter dem Wollknäuel verbergen soll, das dort abgebildet ist): „Wollen wir hoffen, dass sich Fortuna auch mal wieder auf unsere Seite schlägt.“ Und damit ist das Spiel natürlich im Voraus entschieden, denn Fortuna ist ja da, in Gestalt meiner Wenigkeit. Es kann also losgehen, liebe Pfullis, ihr gewinnt sowieso.

Und weil sie das anscheinend wissen, lassen sie es langsam angehen, die ersten zwanzig Minuten passiert mal gar nichts, die 750 Zuschauer dösen derart vor sich hin, dass ich vermute, der ein oder andere bekommt gar nicht mit, als die Heimmannschaft mit der ersten richtigen Torchance direkt das 1:0 macht und vor der Pause noch das 2:0 folgen lässt. Bei diesem Treffer sieht der Torwart der Gäste nicht gut aus, auch ein alter Bekannter, Oliver Adler, Typ sympathischer Ruhrpottproll und gefühlt 100 Jahre in Diensten von RW Oberhausen, mittlerweile 40 Jahre alt und kein bisschen leise, seine Ansprachen an die Mitspieler sind bis zu uns oben deutlich zu verstehen. Beim zweiten Gegentreffer will er gegen SCP-Stürmer Calamita keinen Elfer riskieren und zieht zurück, als dieser den Ball ziemlich weit an ihm vorbei legt; Calamita bringt dann allerdings das Kunststück fertig, den Ball fast von der Torauslinie doch noch im Netz unterzubringen, eine reife Leistung, und da hat dem Torwart all sein „Auge“ nichts genutzt.

In der zweiten Halbzeit geht es dann Schlag auf Schlag, nach einer knappen Stunde führen die Pfullis mit 4:0, ohne sonderlich überlegen zu sein, es ist halt jeder Schuss ein Treffer. Und während das 3:0 noch hervorragend mit einer Stafette „One-Touch-Football“ herausgespielt ist, gibt sich beim vierten Treffer wieder Oliver Adler die Ehre, als er und ein Abwehrspieler nach dem traditionellen Spruch: „Nimm du ihn, ich hab ihn sicher“ beide vor dem Ball zurückweichen, was der erst 18jährige Johannes Flum nutzt, um ihnen die Kugel zu klauen und ins leere Tor einzunetzen. Die Handvoll SCP-Fans, die auf der Gegengerade ein wenig Stimmung macht (immerhin zwei Trommeln am Start, wenn man das auf die anwesenden Supporter umrechnet, müssten in einem durchschnittlichen Fortuna-Heimspiel mehrere Dutzend Schlagwerke auf der Südtribüne gesichtet und gehört werden), singt begeistert „Einer geht noch, einer geht noch rein!“, was meinen Kollegen zu der eher entgeisterten Aussage „Das haben die noch nie gesungen!“ veranlasst. Vor uns auf den Holzbänken sitzt ein älteres ausländisches Ehepaar, Türken oder Albaner, vielleicht sogar Spielereltern. Im Laufe des Spiels geht Vattern immer mehr aus sich heraus, so wird er mitgerissen, beim 4:0 springt er gar auf, schüttelt die Faust und jubelt ungehemmt. Dies trägt ihm aber einen vorwurfsvollen Knuff von Muttern ein, die ihm empört bedeutet, sich wieder zu setzen und allen Ernstes: „Pscht!“ macht. Die war wohl zu lange in der Öffentlichen Bücherei in Pfullendorf, anders ist das nicht zu erklären. Folgsam nimmt er wieder Platz. Der Mann ist das beste Anzeichen dafür, dass der Linzgau so etwas lange nicht erlebt habt. Klar, Fortuna ist ja auch da.

Es gibt sogar noch Zugaben. Zunächst das 1:4 der Hessen, eine tolle Einzelleistung, abgeschlossen, durch satten Vollspann aus 16 Metern ins rechte Eck, dann gar das 2:4 durch Torjäger Torsten Bauer, der einen Elfmeter verwandelt, welcher ein absolutes Geschenk des Schiris ist, der sich an diesem schönen Sonnentag auch nicht lumpen lassen will. Und ganz kurz vor Schluss gibt es noch mal einen Freistoß für Kassel hart an der Strafraumgrenze, der SCP-Torwart Hermanutz zu seiner besten Glanzparade zwingt, ansonsten wäre es wohl wirklich eng geworden, denn der Schiri lässt zwei Minuten nachspielen. Aber der Kampfeswillen der Gäste ist gebrochen, und der beste Mann auf dem Platz, Regisseur Leandro, erzielt noch das 5:2, woraufhin der Schiri gar nicht mehr anpfeifen lässt. Ein schönes Spiel, mein Kollege ist ein wenig aus dem Häuschen und erwägt, mir flugs eine Dauerkarte zu kaufen, denn so viele Tore hat er von seinem Team live im Stadion noch nie gesehen. Zwar gab es auch letzte Saison ein 5:2, damals gegen Darmstadt, aber an jenem Tag war er nicht im Stadion, und es ist wohl ziemlich lange her, dass man überhaupt viermal einnetzen konnte. Mit diesem überzeugenden Sieg haben die Pfullis den Kontakt zu Platz 10 wieder hergestellt, es sind nur noch drei Punkte Abstand. Na ja, wenn Fortuna schon da ist, soll ja auch wenigstens etwas herausspringen...

Ein schöner Tag bei sympathischen Gastgebern, die ich zwar fast alle nicht verstehe, die es aber verblüffend ruhig angehen lassen. Die Uhren scheinen hier wirklich etwas langsamer zu ticken. Ich drücke ihnen die Daumen, dass sie die Qualifikation für die 3. Liga schaffen. Und dann werden sie die anderen wieder piesacken und werden so schnell nicht klein zu kriegen sein, denn mit dem Erhalt der Drittklassigkeit kennen sie sich ja aus, egal, wie die Liga heißt. Und egal, wie wenig Zuschauer auf den Rängen grad sanft vor sich hin dämmern, das scheint sie auch nicht im mindesten zu interessieren.

Nach dem Spiel werden erst einmal Getränke eingeholt, an einer kleinen Tankstelle mit noch kleinerem Autohaus nebenan. An der ersten Zapfsäule parkt unübersehbar ein Traktor, was das Manövrieren etwas schwierig macht, aber für einen Einheimischen wie meinen Fahrer sind das Kleinigkeiten. An dieser Tankstelle gibt es übrigens auch einen Vorverkauf für den SC Pfullendorf. Hier kann man sich nicht nur den Tank füllen, sondern auch gleich Karten für’s nächste Heimspiel mitnehmen. Praktische Sache, obwohl ich ja heute gesehen habe, dass man, außer vielleicht, wenn mal wieder ein DFB-Pokal-Spiel ansteht, nun wirklich keine Probleme hat, auch am Stadion noch eine Karte zu bekommen.

Und nun folgt das touristische Highlight des Wochenendes: die Fahrt geht nämlich ins 20 km entfernte Überlingen am Bodensee. Der Weg dorthin bleibt gleich, Feld, Wald und Wiesen, ab und zu mal ein Dorf, keine größere Stadt in der Nähe, auch nicht ausgeschildert. In Überlingen wird der Wagen in einem Parkhaus abgestellt und zur ca. 10 Minuten entfernten Uferpromenade geschritten. Hier ist noch ziemlich Betrieb, kein Wunder, bei dem schönen Wetter, und endlich sehe ich ein paar Leute, die hier wohl genauso wenig verstehen wie ich: japanische Touristen, die die zahlreichen Segelboote fotografieren, die sich heute auf dem See tummeln. Wir spazieren noch ein wenig herum und nehmen etwas Sonne mit, hier ist es eh immer drei bis vier Grad wärmer als in Pfullendorf, weil der See der tiefste Punkt der Umgebung ist. Den letzten Ausflugsdampfer haben wir leider grad verpasst, sonst hätte ich meinen bislang gefahrenen Seemeilen noch ein paar auf dem Bodensee hinzu gefügt. Und als wir nach einer knappen Stunde wieder ins Parkhaus zurückkehren, stellen wir überrascht fest, dass wir bei der Ausfahrt nichts bezahlen müssen. Unter einer Stunde parkt man in Überlingen kostenlos. Und das in einer Touristen-Hochburg. Sehr erstaunlich.

Es geht nunmehr zum Kollegen nach Hause, er wohnt in Riedhausen, ca. 600 Einwohner. „Ried“ ist das süddeutsche Wort für „Torf“, der hier tatsächlich mal abgebaut wurde. Kurios ist, dass sich auch die Landschaft anpasst, plötzlich sieht es nämlich wirklich aus, wie in den Torfgebieten Norddeutschlands, schwarzer Boden, Gestrüpp und einige einsame Birken säumen den Straßenrand. Die Straße selbst ist von etwas zweifelhafter Qualität, aber das ist normal, es gibt halt nur Landstraßen hier. Und irgendwann zwischen Pfullendorf und Riedhausen überschreiten wir auch eine imaginäre Grenze, denn während Pfullendorf dem Linzgau zugehörig und somit badisch ist, befindet sich Riedhausen in Oberschwaben. Was für mich persönlich keinen Unterschied macht, da das Genuschel gleich unverständlich bleibt, aber ich wette, wenn man in der Dorfkneipe die falschen Leute fragt, ob man hier badensisch oder schwäbisch veranlagt ist, sollte man ein Paar Schuhe anhaben, in denen man schnell laufen kann.
Kurz vor Riedhausen kommen wir durch das Örtchen Heiligenberg. Hierbei handelt es sich um einen Kurort, was die Einwohner auch Fremden wie mir unmissverständlich bereits am Ortseingang klar machen: hier haben sie nämlich ein Schild aufgestellt, auf dem sie nicht nur auf diese Auszeichnung hinweisen, sondern zugleich mahnen: „Bitte ruhig und langsam fahren!“ Und wer das nicht tut, wird wahrscheinlich kurzerhand im nächsten Moor versenkt.

Nachdem wir in der Sportschau gesehen haben, dass Werder Bremen an diesem Tag sogar noch mehr Tore schießen kann als die Pfullis, fahren wir noch einmal los, um uns bei McD etwas einzuwerfen, für ein richtiges Restaurant ist mein Hunger nicht mehr groß genug. Der nächste Mac befindet sich in Bad Saulgau, wieder einige Kilometer entfernt. Das „Bad“ in Bad Saulgau ist übrigens erst einige Jahre alt, als man sich einige Thermalquellen erschloss. Es ist kurz vor acht Uhr abends an einem Samstag. Der Weg führt über die bewährten Landstraßen, allesamt unbeleuchtet, und es ist bereits stockdunkel. Sowohl auf der Hin- als auch auf der Rückfahrt begegnen wir in den Dörfern, die wir durchqueren, keiner Menschenseele. Es ist einfach niemand auf den Straßen, die Bürgersteige sind hochgeklappt. Auch beim Fast-Food-Anbieter hält sich das Interesse in Grenzen, für die Dorfjugend, die später in irgendeine Disco fährt, ist es noch zu früh. Immerhin, das, was da rumläuft, hat wohl auch alles einen Fernseher zuhause, deshalb sind tatsächlich ein paar Möchtegern-Gangstas zu sehen, was in dieser Umgebung doch eher erheiternd wirkt. Besonders, wenn sie den Mund aufmachen...

Am nächsten Morgen muss ich um 9.02 Uhr von Aulendorf wieder mit der Bahn los, zunächst zurück nach Ulm, und dort in den Zug nach München. Der Kollege fährt mich mit dem Wagen zum Bahnhof, und was am Abend zuvor auf der Straße nicht mehr gelungen ist, ist jetzt kein Problem: nach knapp zwei Minuten sehe ich den ersten Menschen. Der ist auch relativ schlecht zu übersehen, er kommt uns auf der Fahrbahn außerhalb eines Dorfes entgegen und schiebt in aller Gemütsruhe eine Schubkarre. Ein Schubkarren-Geisterfahrer sozusagen. Der hat auch gar keine Chance, etwas anderes zu tun, denn sämtliche Landstraßen, auf denen ich dort unten gefahren bin, verfügen nicht über einen Fußgänger- oder gar Radweg. Und der Anblick dieses Mannes ist anscheinend auch so was von normal, dass der Kollege nicht ein Wort darüber verliert, sondern in einer lässigen Ausweichbewegung an ihm vorbei zieht, die langjährige Erfahrung vermuten lässt. Zum Dank werden wir höflich gegrüßt.

Mein Zug kommt pünktlich, und damit ist dieses Provinz-Abenteuer für mich beendet. Wie gesagt, es war sehr idyllisch, teilweise Postkarten-Kitsch-verdächtig, aber auch sehr nett. Im Sommer ist das bestimmt eine schöne Gegend, aber fest dort wohnen möchte ich nun wirklich nicht. Hat ein bisschen was von der Eifel, und da will ja auch keiner hin. Wenn es dort unten Winter wird, also ab Oktober, und dann noch Schnee fällt...nein, danke. Und wenn dir dann das Auto kaputt geht, bist du erst einmal von der Außenwelt abgeschnitten. Denn so bedächtig wie dort alles vonstatten zu gehen scheint, wäre meine Befürchtung, dass es Tage dauert, bis dich einer abschleppt.

Abschließend noch ein großes Dankeschön an den Kollegen, der mich klaglos umher kutschierte, sich den Mund fusselig redete, um mir alles zu erklären, und dies auch mit der gebotenen Langsamkeit tat, damit ich ihn überhaupt verstehen konnte. Jetzt ist der Fremde wieder weg – jetzt darf wieder schwäbisch g’schwätzt werde. Aber ich komm gerne noch einmal wieder, allein schon, um mal eine Runde auf dem Bodensee zu drehen. Und wer weiß, vielleicht sieht man den SC Pfullendorf ja schneller als erwartet wieder...Auf bald!

Nach diesem Abstecher in die ruhige Welt des Bodensee-Anrainer-Volkes darf es jetzt ein Kontrapunkt sein. Und es ist ja nicht so, dass man mit ein bisschen Zugfahrt nicht relativ zügig wieder unter Menschen kommen kann. Sehr viele Menschen.

Sonntag, 30.09.2007: TSV 1860 München – TuS Koblenz 2:2

Arena-Wochenende! Nach der Alno-Arena darf es jetzt also die Allianz-Arena in München sein. Dort war ich nämlich auch noch nicht, zu den Zeiten, als ich zuletzt in München war, wurde noch im Olympiastadion gespielt. Dann wollen wir doch mal schauen, ob es große Unterschiede zwischen den Arenen in Pfullendorf und in München gibt...

Das Umsteigen in Ulm klappt wieder ohne Probleme, allerdings ist der Zug nach München jetzt rappelvoll. Na klar, es ist ja auch noch Oktoberfest. Das interessiert mich nicht die Bohne, ich hatte es bei der Planung der Reise auch überhaupt nicht bedacht. Wer soll auch ahnen, dass die ihr Oktoberfest bereits im September feiern? Bin ich hier in Russland, wo die Oktoberrevolution auch im November stattfand, oder was? Ich sollte auf dem Münchner Hauptbahnhof mal schauen, ob ich in der Buchhandlung einen einheimischen Kalender in die Hand bekomme. Vielleicht haben die ja noch die Julianische Zeitrechnung...
Einerlei, dieses Volksfest beschert mir jetzt einen brechend vollen Zug. Erschwerend kommt hinzu, dass in Stuttgart auch die Cannstatter Wasen begonnen haben, die nächste Volksbelustigung, die wirklich nur im Vollrausch zu ertragen ist. Und da der Zug zuvor auch in Stuttgart gehalten hat, habe ich beim Anblick einiger Gestalten doch stark den Eindruck, die haben den Samstag in Stuttgart verbracht und fahren jetzt weiter aufs nächste Volksfest. Bloß nicht nüchtern werden, scheint die Devise zu lauten. Das Ganze ist auch wieder eine olfaktorische Herausforderung, denn wer bis morgens um 5 feiert und um 8 schon wieder im nächsten Zug sitzt, nimmt sich eher selten Zeit zur Körperreinigung. Wenn man das dann mit ca. 30 multipliziert, in etwa so viele Leute sind es nämlich, die in meinem Großraumabteil von Bierkrug zu Bierkrug reisen, dann mag man sich in etwa vorstellen, was einem geruchstechnisch geboten wird. Und meine Klamotten stinken noch nicht einmal nach Rauch, wie ärgerlich.

Aber ich überstehe auch dies heil und unbeschadet, steige in München aus und stelle fest, dass ich anscheinend nicht nur die Stadt, sondern auch gleich den Planeten gewechselt habe. Wenn man gerade aus der dörflichen Einöde kommt, mag man den gut besetzten und lauten Waggon ja noch mit einem dörflichen Schützenfest assoziieren, da lassen ja auch Landbewohner schon mal kräftig die Kuh fliegen. Was allerdings am Münchner Hauptbahnhof geboten wird, sprengt dann doch die Dimensionen, wenn man grad aus Pfullendorf kommt: es ist mittags halb 12, und der Bahnhof ist dermaßen voll, es könnte glatt Fußball-WM sein. Unfassbar viele Menschen scheinen auf den Beinen sein. Na ja, mehr oder weniger. Als erstes torkeln mir fünf Typen über den Weg, herrlich skurril in ihren Oktoberfest-T-Shirts mit dem Aufdruck „Oktoberfest 2007 – survived!“ Skurril deshalb, weil die Jungs nicht im entferntesten danach aussehen, irgendetwas überlebt zu haben. Eher das Gegenteil. Ich habe neulich „28 Weeks later“ gesehen und kenne diese blutunterlaufenen Augen! Ich kann wirklich nur hoffen, dass es vom Suff kommt, aber auch die Zombie-Variante scheint nicht ganz unwahrscheinlich zu sein. Der Eindruck verstärkt sich, als ich mich weiter umsehe. Nach fünf Minuten habe ich eine Sehstörung, nicht vom trinkfesten Volk, sondern eine schwere Dirndl-und-Trachtenjanker-Allergie. So viele gleichartige Kostüme hab ich noch nie auf einen Haufen gesehen. Jetzt wird man(n) ja sagen: „Och, so ein Dirndl mit entsprechendem Inhalt, das hat doch was!“ Ja, hat es, Jungs, aber da seid ihr wie ich, ihr guckt zuviel Fernsehen. Natürlich ist auch hier der ein oder andere schöne Anblick zu erhaschen, aber München zur Oktoberfestzeit zeichnet sich anscheinend dadurch aus, dass sich wirklich jede zweite Einwohnerin in so ein Trachtenkleid zwängt. Auch die, die es lieber lassen sollten. Für die Herren gilt dasselbe, Lederhosen, die zur Hälfte von einer ordentlichen Plautze verdeckt werden, sind ästhetisch auch nicht gerade ein Hingucker, aber Weggucken kann man bei denen auch nur schwer, denn die sind ebenfalls überall. Mein Gott! Unter all diesen Kaspern könnten Mork vom Ork, E.T. und das Alien itself herumlaufen, die würden überhaupt nicht auffallen!

Aber genug gestaunt, hier wartet harte Arbeit! Es gilt zunächst, den Rucksack loszuwerden, da ich nicht vorhabe, ihn an der Arena vor einem wissbegierigen Ordner komplett auszuräumen. Für diesen Plan hält der Münchner Hauptbahnhof natürlich Hunderte von Schließfächern bereit, die aber ebenso natürlich alle belegt sind. Ein verzweifeltes Umherirren zwischen den einzelnen Schließfachgängen beginnt, immer auf der Suche nach dem Grünen Punkt, also der kleinen Leuchtdiode, die durch grünes Licht anzeigt, dass das Schließfach frei ist. Keine Chance, und schließlich geistere ich hier nicht alleine herum, es sind noch so einige Leutchen mehr, die auch gern mal ein wenig Gepäck loswerden würden, wenn es denn nur ginge.

Schließlich rettet mich ein Zufall, der mir anzeigt, dass alles gut werden wird: als ich um die nächste Ecke biege, stolpere ich fast über einen Herren, der am Boden kniet. Allerdings nicht, um sich schwungvoll zu übergeben, wie ich in dieser Umgebung als erstes vermuten würde, nein, der fummelt da an einem Schließfach herum. Der wird doch nicht -? Jawohl, er macht es leer und versteht auch meine diesbezügliche Frage, noch nicht mal ein Einheimischer! Ich antworte spontan „Dann mach ich es wieder voll!“ und bringe den Rucksack in Ausgangsposition, obwohl er noch seine Klamotten darin hat. Nicht auszudenken, wenn jetzt einer der anderen verzweifelten Sucher das mitbekommt! Das ist wie beim Einparken – wer zuerst blinkt, bekommt den Parkplatz, basta!
Und es klappt! Ich erhalte Schließfach Nr. 2501. Was daran so Besonderes ist? Eigentlich gar nix, aber hier und heute, an einem Sonntag mit Oktoberfest, bei diesem Betrieb, um 11.45 Uhr, dürfte es meines Wissens das einzige freie Schließfach im gesamten Hauptbahnhof sein. Da darf man schon mal ein bisschen stolz sein!

Kaum habe ich ein wenig Verpflegung zu mir genommen, naht schon das nächste Highlight: per Durchsage wird die Einfahrt eines Fußball-Sonderzuges aus Koblenz auf Gleis 20 angekündigt. Sofort zieht eine ganze Postenkette Polizei auf dem Bahnsteig auf. Das hätten sie sich auch sparen können, die Koblenzer sind allesamt friedlich und verdammt lautstark. Sie haben auch mehrere Trommeln am Start, was im Bahnhofsgebäude ganz besonders gut scheppert, aber dafür ist diese unsägliche Oktoberfest-Mucke nicht mehr zu hören, die von draußen über irgendwelche Lautsprecher dröhnt. Man kann sich also eigentlich nicht beschweren.

Nun will ich mich aber auf den Weg machen, denn die Arena befindet sich ja jott-we-de, janz weit draußen, in Fröttmaning. Da kann man noch nicht einmal vom Bahnhof in einem Rutsch hinfahren. Zunächst nimmt man vom Münchner Hauptbahnhof eine S-Bahn, es ist ziemlich egal, welche, Hauptsache von Gleis 1, und fährt zwei Stationen bis zum Marienplatz. Dort kämpft man sich durch Tausende von Leuten, die entweder aufs Oktoberfest oder ins Stadion wollen, in die U-Bahn-Linie 6, die als Ziel entweder direkt Fröttmaning oder Garching hat, und fährt noch eine Viertelstunde. An der dortigen Haltestelle sieht man die Arena schon. Und zwar von weitem. Noch einmal mindestens eine Viertelstunde Fußmarsch, dann steht man vor dem Eingang. Ich leiste mir einen Abstecher auf das Klo, das neben den Tageskassen liegt. Dies hätte ich unterlassen sollen, man darf zur Pinkelrinne praktisch waten. Entweder haben hier einige bedauernswerte Leute so einige Male einiges verfehlt, oder der Starkregen, der am Wochenende in der Eifel für einige vollgelaufene Keller gesorgt hat, hat sich noch bis hierhin gerettet. Leider vermute ich eher Ersteres, bestärkt in meiner Ansicht durch meinen Nebenmann, der sich freihändig Erleichterung verschafft, nicht, weil er ein neues Kunststückchen demonstrieren will, sondern weil er beide Hände benötigt, um sich an der Wand abzustützen. Na Mahlzeit! Nix wie weg hier.
Fünfzig Meter weiter befinden sich die Drehkreuze, die elektronisch Einlass gewähren, und nach einer kurzen Leibesvisitation stehe ich direkt vor den Eingängen von Deutschlands modernster Arena. Wirklich ein gigantisches Teil von außen. Durch die Wölbung der Außenhaut der Anlage sieht sie wirklich auf den ersten Blick wie ein überdimensionales Schlauchboot aus. Bei Abendspielen sicherlich noch eindrucksvoller, denn dann erstrahlt die Außenhaut in der Farbe des jeweiligen Gastgebers, also rot für den FC Bayern und blau für den TSV 1860. Wenn ich mich direkt in einem der Eingänge stelle und nach oben schaue, scheint mich das ganze Gebilde niederzudrücken, so mächtig wirkt es. Irgendwie einschüchternd. Draußen rauscht der Verkehr auf den zahlreichen Autobahnen und Zubringerstraßen vorbei, in der Nähe steht ein ähnlich futuristisch anmutendes Gebäude mit vier Pylonen, oder wie man diese Form nennt. Dazu noch die langen Anmarschrampen von der U-Bahn weg und zum Stadion hin, an den Wegrändern ist alles kahl und mit Erde oder Kies aufgestreut – ich kann mir nicht helfen, ich komm mir vor wie auf dem Mond. Sehr beeindruckend. Weniger beeindruckend, dass auf dem Vorplatz, der rund um die Arena läuft, jetzt auch wieder alles gesichtet werden kann, was vorher schon unterwegs war: Dirndl, Trachtenjanker – und binnen fünf Minuten mindestens ebenso viele Ausgaben meiner blonden Drillinge von der Zugfahrt am Tag zuvor, nur zu unterscheiden an den Sonnenbrillen. Irgendwo muss es diese Blondchen mit ihren Handtäschchen doch im Sonderangebot geben, anders ist das wirklich nicht mehr zu erklären. Aber genug gelacht: hinein!

Hier ist es zunächst deutlich kühler als draußen. Und auch hier wurde nicht gekleckert, sondern geklotzt. Ess- und Trinkbuden alle 20 Meter, dazwischen reichlich Toilettenanlagen. Wer Hunger hat: Würste, Leberkäse, Pommes, Chicken Wings, Brezeln, und noch einiges mehr. Aber natürlich kein Emder Fischbrötchen, man kann nicht alles haben. Hier nimmt man es allerdings doch noch von den Lebenden. Ich glaube, die Brezel ist das Einzige, das unter 3 € kostet. Allerdings wird man mit Geld hier nicht sofort glücklich, denn alles wird auf einer elektronischen Arena-Karte abgebucht, die man sich vorher erst besorgen muss. Normalerweise weigere ich mich, bei so etwas mitzumachen, hier werde ich mir aber eine holen, schon als Souvenir. Man kann die Karten bei den Leuten erwerben, die ebenfalls in den Gängen stehen, man muss sich dafür nicht an einem Schalter anstellen. Es gibt Karten zu 10, 20 oder 50 Euro. Die 10 Euro-Karte ist ein passendes Souvenir, denn es passen genau eine Wurst und zwei Cola drauf, dann ist sie leer. Aufladen kann man die Karten übrigens entweder an bestimmten Schaltern oder an Automaten, die neben den Imbissständen angebracht sind und die wie kleine Fahrkartenautomaten aussehen. Praktische Sache. An den Automaten ist zusätzlich noch ein Hinweis angebracht, dass man sich bei Problemen mit der Karte an den „Troublecounter“ wenden solle. Den hab ich zwar nicht gefunden, aber ich könnte wetten, dass dort ein „Manager“ seinen Dienst versieht. Trouble Manager ist bestimmt auch eine wichtige Arbeitsbezeichnung...

Dann rauf auf die Tribüne und rein ins Stadion, natürlich ein Riesenteil, besonders, wenn man gerade aus Pfullendorf kommt, 69.000 Zuschauer passen rein. Zwei schöne große Anzeigetafeln, Werbung, Live-Interviews, Gewinnspiele. Eine besondere Erwähnung verdient die Musik, die ist nämlich richtig schlecht, es ist halt Oktoberfest. Als Krönung hat irgendein gemischtes Duo dieses unsägliche „Ein Stern, der deinen Namen trägt“ ein wenig umgedichtet und versucht nun, es den Fans als „Ein Stern, der deine Farben trägt“ als neue Vereins-Hymne unterzujubeln. Gesülze pur. Aber wer’s mag...Die Sitzplätze (Osttribüne, Mittelrang, in Höhe der Mittellinie, flauschige 31,50 € pro Karte, gut, dass ich das Teil geschenkt bekommen habe...) sind in Farbe und Form der Außenhaut nachempfunden, glänzen silbrig in der Sonne, ergonomisch geformt. Und doch ist auch hier nicht alles perfekt: ich habe Sitz Nummer 17, daneben befinden sich natürlich die Nummern 18, 19, 20...doch halt, die Nummer 19 entpuppt sich bei näherem Hinsehen als 12! Da hatte wohl jemand innerlich schon Feierabend. Die „2“ wurde einfach mittels Edding in eine „9“ verändert. Falls ihr also mal in die Allianz-Arena kommen solltet, Block 230, Reihe 4, dann achtet mal darauf. Ist wirklich nicht zu übersehen. Ein Hauch von menschlicher Schwäche in diesem Gesamtkunstwerk, so mutet es an.

Die Gästefans sind in einem Eckblock in der Südwestkurve untergebracht, direkt neben den Stehplätzen im Süden. Ob das eine clevere Idee war? Nun, zumindest bei Heimspielen der „Löwen“ scheint dies kein Problem zu sein, die Stehplätze sind eh nur zur Hälfte gefüllt, die andere Hälfte zum Gästeblock hin wird einfach mit Trassierband abgesperrt und von einigen Ordnern besetzt. Das Gros der „Löwen“-Fans scheint sich eh hinter dem anderen Tor aufzuhalten, dort ist es rappelvoll und dort wird auch Stimmung gemacht und choreographiert.

Beeindruckend die Werbung eines privaten Radiosenders kurz vor dem Spiel, Folgnedes tönt aus den Lautsprechern: „Hallo Koblenz-Fans, nicht sauer sein, wenn wir an euch unseren Mainz-Frust loswerden, dafür könnt ihr euch auch schön auf unseren Wies’n vergnügen!“ Ein dezenter Hinweis auf die Pleite unter der Woche beim Erstliga-Absteiger, aber auch etwas sehr vollmundig. Schaunmermal.

Kurz vor Spielbeginn nehmen neben mir zwei Ehepaare Platz. Zwei ältere Ehepaare. Viel älter. Das mögen noch 20 echte Zähne sein, die da insgesamt sitzen. Aber zumindest der Herr neben mir ist gut dabei und unterstützt die Mannschaft lautstark. Leider verstehe ich mal wieder kein Wort. Klar, die „Löwen“ haben ja im Gegensatz zum FC Bayern viele einheimische Fans, und ich scheine durchaus in einer solchen „Ur-Bayern“-Reihe gelandet zu sein.
Beim Verlesen der Mannschaftsaufstellung scheint der Sprecher jedoch meinen Eindruck, hier sei überwiegend älteres Personal am Start, in bezug auf die Mannschaft korrigieren zu wollen. Da menschelt es mal so richtig. Torwart Michael Hoffmann ist „der Michi“, Fabian Johnson ist „der Fabi“, und die Stürmer Antonio di Salvo und Berkant Göktan sind natürlich „der Toni“ und, kaum zu glauben, aber wahr, „der Berki“. Ich erwarte jetzt, dass der Sprecher nach Verkündung der Aufstellung vielleicht noch ein Kuscheltier in die tobende Menge wirft, aber ich werde enttäuscht. Der ist bestimmt Sozialpädagoge von Beruf...

Das Spiel beginnt, und „der Fabi“ verpasst mal sofort einen neuen Rekord. Vom Anstoßkreis wird der Ball hoch nach rechts ins Halbfeld gespielt, Johnson kommt auch ca. 25 Meter vor dem Tor ziemlich unbedrängt an die Kugel. Dies sieht aber der Koblenzer Torwart Eilhoff anscheinend nicht, der muss denken, ein eigener Spieler hat den Ball, denn als ich zu dem rüberschaue, steht der irgendwo in Höhe des Elfermeterpunktes im Strafraum, und zwar gut drei, vier Meter neben seinem Tor! Wenn der Johnson das sieht, kann er per Lupfer einfach mal nach 5 Sekunden das 1:0 erzielen, ein Rekord für die Ewigkeit! Aber er sieht es nicht, und aus der Großchance wird erst gar keine, da er den Ball vertändelt. Des wär a Gaudi g’wes’n!

Es ist eigentlich ein flottes Spiel für Neutrale wie mich, immer hin und her, allerdings mit wenig Torchancen. Bevor es eventuell langweilig werden könnte, greift Schiri Lupp aus Zossen mal ein und sorgt dafür, dass die Partie unvergessen bleibt: in der 19. Minute Zweikampf zwischen dem Koblenzer Abwehrspieler Bajic und Löwen-Stürmer Göktan. Der Berki geht zu Boden, Bajic hat geklammert. Aber der ist letzter Mann, die Szene spielt ca. 25 Meter vor dem Koblenzer Tor. Notbremse? Rote Karte? Das sind die Fragen, die der Schiri jetzt klären muss. Der denkt aber gar nicht daran, er hat die Szene nämlich nicht richtig gesehen. Also wird der Assistent Nummer 1 befragt. Der erzählt ihm auch was zur Lage, bestätigt das Foulspiel, ist allerdings auch unschlüssig. Herr Lupp denkt weiterhin gar nicht daran, jetzt klein beizugeben und sprintet einfach quer über den Platz zum Assistenten Nummer 2. Der war am weitesten von der Szene entfernt, hat aber auch noch etwas zur Lage zu sagen. Wahrscheinlich lässt der Schiri demokratisch abstimmen, wie nun zu verfahren sei. Nach vollen 5 Minuten Unterbrechung hat man sich anscheinend 2:1 für die Notbremse entschieden, entschloss lupft Herr Lupp den roten Karton aus der Gesäßtasche und zeigt ihn – Mavric! Der geht auf die Knie und guckt, als ob er gerade eine Erscheinung hätte. Und zwar völlig zu Recht, denn er stand bei dieser Szene mindestens 20 Meter vom Ball entfernt. Herr Lupp hat den falschen Spieler des Feldes verwiesen! Besonders rätselhaft bleibt mir dies, weil ich bis auf die Tribüne erkannt habe, wer gefoult hatte. Zumindest einer der Assistenten muss doch die Rückennummer gesehen haben! Aber sie wissen es alle drei nicht, und so fällt Herr Lupp eine salomonische Entscheidung – einer muss gehen, ich weiß nicht, wer, aber woran erinnere ich mich denn? Ach ja, der Name auf dem Trikot hörte mit –ic auf. Vielleicht mag Herr Lupp so gedacht haben und verweist deshalb den ersten Ex-Jugoslawen, der ihm über den Weg läuft, des Feldes. Denn wie er sonst auf den blondgefärbten Mavric mit Rückennummer 24 anstelle des dunkelhaarigen Bajic mit Rückennummer 5 kommen will, dürfte sein Geheimnis bleiben. Ganz großes Kino!
Ach ja, der anschließende Freistoß, der über fünf Minuten zuvor gepfiffen wurde, der geht natürlich in die Mauer. Soviel Wind um nichts.

Und dies bestätigt sich auch während des restlichen Spiels, man hat nämlich irgendwie nie den Eindruck, dass Koblenz in Unterzahl spielt. Zweimal schießt Torjäger Antonio di Salvo („der Toni“) die Hausherren in Führung und an die Tabellenspitze, zweimal gleicht Koblenz aus und beschert ihnen Rang 4, jeweils durch Kopfbälle, begünstigt auch durch individuelle Fehler in der „Löwen“-Abwehr. Und wer trotz 70minütiger Unterzahl zwei Tore schießt, der nimmt auch hochverdient ein 2:2 mit nach Hause. 27.000 Zuschauer, leere Oberränge, Fan-Blöcke gut besetzt, die Haupttribüne füllt sich nach der Halbzeitpause erst allmählich wieder, dafür sind aber die Logen ordentlich besucht, dürfen dann noch erleben, wie der Schiri nicht einmal seine eigene Show ab der 20. Minute als Spielverzögerung eingesteht, denn er lässt in erster und zweiter Halbzeit insgesamt keine zwei Minuten nachspielen, und das fällt bei mir schon unter „Frechheit“, denn für diese minutenlange Posse war nur er allein verantwortlich, das kann er den Spielern doch nicht einfach von der Spielzeit abziehen! Aber ich schätze mal, der ist froh, so schnell wie möglich in die Kabine zu kommen. Ich nicht, denn in welcher Liga der demnächst pfeift, um sich nach einer solchen Leistung wieder zu rehabilitieren, kann ich mir lebhaft vorstellen. Willkommen in der LTU-Arena, Herr Lupp! sage ich deshalb schon mal prophylaktisch.

Noch ein Wort zu Koblenz: der Punkt ist verdient, aber wer mir mal wieder sehr negativ aufgefallen ist, ist Fatmir Vata. Wenn der angespielt wird, und ein Gegenspieler naht, dann macht der schon mal die Knie weich, um hinterher besser auf dem Rasen abrollen zu können. Er fällt, meckert und schimpft in einer Tour, teilt aber selbst auch kräftig aus. Ein Schmutzbuckel. Natürlich kassiert er auch Gelb wegen Meckerns, und natürlich in einer Situation, in der für Koblenz entschieden wird: der Schiri gibt völlig zurecht keinen Elfer, nachdem Göktan im Koblenzer Strafraum zu Fall kommt, sondern Abstoß, und Herr Vata motzt so lange, bis er den Gelben Karton sieht. Da hatte er wohl gelb wegen Schwalbe gefordert. Einer der unfairsten Spieler, die ich kenne, aber auch traurig, dass aus dem so etwas anscheinend nicht rauszubekommen ist. Dass er ein guter Techniker ist und ein feines Füßchen hat, kann man nämlich mehrfach im Spiel beobachten, der hätte so etwas eigentlich nicht nötig. Wie nennt man so jemanden? Verzogener Bengel? Einfach schade.

Nach dem Spiel mit Tausenden anderen wieder in die U-Bahn, für die genau zwei Gleise zum Abtransport bereitgestellt werden. Übrigens keine Sonderbahnen, sondern Halt an jeder Milchkanne. Aber es sind sehr lange U-Bahnen, zwölf und mehr Waggons, da passen ordentlich Leute rein, deshalb geht der Transfer zwar total überfüllt auf die Reise, braucht aber auch nicht länger als auf der Hinfahrt.

Am Bahnhof ist natürlich wieder die Hölle los, aber ich habe Glück, da München Hbf ja ein Sackbahnhof ist, fährt mein Zug von dort erst los, man muss nicht auf ihn warten, nein, er wartet schon auf einen am Gleis, und man kann vorzeitig einsteigen. Im Abteil ist man wenigstens vor der unsäglichen Musik in Sicherheit.
Los geht die Reise Richtung Mannheim, am Gang gegenüber sitzt eine japanische Familie am Tisch, Mann, Frau, je ein Junge und ein Mädchen in der Pubertät. Alle vier haben sich am Bahnhof direkt mal ein Reisgericht einpacken lassen, jetzt ziehen sie die Alu-Schalen raus, es darf diniert werden. Wieder ein netter Geruch, ich glaube, da wurden einige unschuldige Algen ermordet und in die Beilagen gemischt. Anschließend packt der Sohnemann einen Laptop auf den Tisch und checkt die Urlaubsfotos, die die Familie gemacht hat. Und checkt und checkt...Neben mir wird der Fensterplatz ab Augsburg auch von jemandem mit Laptop belegt, ich frage höflich, ob es einen Film zu sehen gibt, aber nein, der Herr muss arbeiten. Ich habe einfach kein Glück! Drei Stunden später sind wir in Mannheim. Ich steige um, während der Sohnemann aus dem Land der aufgehenden Sonne immer noch Urlaubsfotos checkt, verdammt, wie viel MB haben die wohl verbraten? Hunderte von Fotos, und das nur für ein Urlaubsziel, denn es ist erkennbar immer nur ein bestimmter See auf den Fotos, entweder im Vorder- oder im Hintergrund. Mich schaudert bei dem Gedanken, wie viele Festplatten solche Leute voll machen, wenn es mal auf Weltreise gehen sollte...

Auch der Umstieg in Mannheim gelingt. Und da muss ich der Bahn mal ein Kompliment machen, die Züge waren alle ziemlich voll, der ein oder andere Waggon mehr hätte nicht geschadet, aber die Verbindungen haben alle hingehauen, Respekt. Hätte ich nicht unbedingt erwartet. Und damit ich nicht zu euphorisch werde, lässt die Bahn ihren Zug zwischen Koblenz und Bonn dann doch noch 10 Minuten einfach mal stehen. Da fährst du unfallfrei und fast pünktlich durch halb Deutschland, und unmittelbar vor dem Ziel zeigen sie dir dann, dass sie immer noch anders können. Denn: zum Glück jucken mich die 10 Minuten nicht sonderlich, da ich meinen Wagen in der Nähe des Bonner Hauptbahnhofs geparkt habe. Wenn ich allerdings mit dem Bus zu meiner Wohnung hätte weiterreisen müssen, dann hätten diese 10 Minuten dafür gesorgt, dass ich mindestens 45 Minuten auf den nächsten Bus hätte warten müssen. Todmüde, am Sonntag Abend um kurz vor 23 Uhr. Dann hätten sie mir wirklich in allerletzter Minute noch das Wochenende vermiest.

So aber sage ich: eine beeindruckende kleine Tour zu den großen und kleinen Arenen des Landes! Mir haben beide gut gefallen, wobei das Reizvollste natürlich der unmittelbare Kontrast war. Eine schöne Tour, die man gerne mal wiederholen darf. Allerdings wirklich nur bei schönem Wetter, ich schätze, im Winter würde ich es schaffen, auch in nur zwei Tagen im Linzgau Depressionen zu bekommen.

Fortuna Düsseldorf spielt in der Regionalliga Nord, der SC Pfullendorf in der Regionalliga Süd, der TSV 1860 München in der 2. Bundesliga. Wenn man die Umstände dieses Wochenendes nun einmal ganz objektiv vergleicht – wo würdet ihr Fortuna spontan einsortieren? Nur mal so als Anreiz. Ist schon ärgerlich, dass beim Fußball immer noch „entscheidend aufm Platz is“, stimmt’s? Oder vielleicht doch nicht?

Immerhin, die 750 Leute in Pfullendorf dürften mehr Spaß am Kick ihrer Mannschaft gehabt haben als die 27.000 in München. Wobei dies auch nur eine gewagte Vermutung meinerseits ist. Verstanden hab ich sie an diesem Wochenende nämlich alle nicht.

Kann alles außer bayrisch und schwäbisch: janus