von Janus: 18. bis 21. Spieltag

 

Auch von mir ein völlig verspätetes schönes neues Jahr 2011! Und weil ich dermaßen im Verzug bin, gibt es natürlich eine Menge aufzuarbeiten. Zumal sich merkwürdige Dinge zutragen im deutschen Fußball, seitdem wir unsere neuen Jahreskalender aufgehängt haben. Zum Beispiel gewinnt der FC Bayern noch nicht einmal das einzige Spiel, das ich ihnen in der Rückrunde gegönnt hätte, trotz 2:0-Führung. Oder nehmt das Fernsehen: da tauchen in schöner Regelmäßigkeit drei verdiente Nationalspieler auf, die allen Ernstes dahingehend für ihren Beruf (und ihre Brieftasche) werben, dass sie harmlose Fußball-Fans fast mit Gewalt dazu bringen wollen, gefälligst nicht ins Stadion zu kommen, sondern zuhause auf dem Sofa zu gucken. Eine mir ziemlich neue Art der Prostitution, die mich ein wenig mehr nervt als dass Bayern in Köln verliert. Und Fortuna Düsseldorf kann auf einmal Fußball spielen. Klingt unwahrscheinlich, ist aber so. Let`s go.

Winterpause

Während der Winterpause ging alles seinen gewohnten Gang bei der Fortuna. Man hielt das übliche Trainingslagerchen ab, diesmal in Oliva Nova in Spanien, putzte beim üblichen Testspielchen die Ligakameraden und Hotelmitbewohner von Alemannia Aachen locker mit 3:0, ohne dass es irgendjemanden interessiert hätte, und spielte am 09.01.2011 noch diese alljährliche Veranstaltung in der eigenen Turnhalle, den so genannten „Wintercup“, in dem diesmal besonders die Abwehrreihen überzeugen konnten. In den vier Halbzeiten, die Fortuna, der FC St. Pauli, der 1.FC Kaiserslautern und Borussia Mönchengladbach gegeneinander spielten, fielen nämlich genau zwei Feldtore, und die erzielte Mönchengladbach auch noch in nur einem Spiel gegen Kaiserslautern. Dies heißt, die drei anderen 45-Minuten-Partien Fortuna gegen St. Pauli (Halbfinale), Fortuna gegen Kaiserslautern (Spiel um Platz 3) und Mönchengladbach gegen St. Pauli (Finale) endeten jeweils torlos und mussten im Elfmeterschießen entschieden werden. Wir verloren unsere beiden „Shootouts“ natürlich, da wir in diesem Jahrtausend noch kein Elfmeterschießen gewonnen haben, und dies ist nicht als Übertreibung zu verstehen. Somit blieb ein letzter Platz, der andersrum gar nicht mal so übel war, hatte man doch in beiden Halbzeiten gegen die Erstligisten jeweils kein Tor kassiert. Es blieben allerdings auch angesäuerte Zuschauer zurück, die für ihr Eintrittsgeld nun wirklich kaum etwas geboten bekamen, denn die 0:0-Spiele kamen nicht von ungefähr, keines der Teams strengte sich sonderlich an. Man könnte nun überlegen, ob man diesen Unfug nicht gänzlich aus dem Vorbereitungsprogramm streicht. Beinahe hätte die Mannschaft von Borussia Mönchengladbach dies von alleine fertig gebracht, die nämlich in der schönen Annahme, sie dürfe den Pokal nach dreimaligem Gewinn in den letzten fünf Jahren nun auf immer und ewig behalten, quasi mit sanfter Gewalt dazu genötigt werden musste, das Teil vor ihrer Abfahrt wieder rauszurücken. Als Fortuna-Offizieller hätte ich ja beide Augen zugedrückt, und die Angelegenheit „Wintercup“ wäre vielleicht erledigt gewesen. So steht jetzt schon der Termin für das nächste Jahr fest. Es wird diesmal der 8. Januar, und ich kann ebenfalls jetzt schon absagen, denn an diesem Tag habe ich Geburtstag. Hat dieses andauernde Älterwerden ja doch ab und zu sein Gutes…

Immerhin schlug Fortuna auch noch mal auf dem Transfermarkt zu und holte Adam Bodzek vom MSV Duisburg. Eine etwas rätselhafte Personalie, denn der Mann spielt den „Sechser“ vor der Abwehr, und ich dachte eigentlich, mit Grätschern und Grasfressern seien wir mittlerweile ganz gut besetzt, ein Stürmer hätte da schon eher was. Außerdem war Bodzek in der letzten Saison Stammspieler beim MSV, in dieser Saison aber aufgrund einer langwierigen Verletzung kaum zum Einsatz gekommen, man wusste also nicht, was mit ihm war. Aber Trainer Meier kennt Bodzek aus alten Streifenesel-Zeiten und traute ihm anscheinend zu, wieder an die alte Form anzuknüpfen. Somit ein Neuzugang mit Vertrag bis Juni 2012.
Gleichzeitig wurde der Kader noch ein wenig ausgedünnt und die Samba-Fraktion im Kader auf Innenverteidiger Tiago reduziert. Die beiden anderen Brasilianer, Wellington und Rockenbach da Silva, die sich in der Hinrunde nicht wirklich aufgedrängt hatten, verließen den Verein. Wellington kehrt nach Brasilien zurück, Rockenbach da Silva geht Geld verdienen: er wechselte zum ambitionierten nächsten Kunstprodukt, das im Anmarsch ist: zu RasenBall Leipzig in die Regionalliga Nord. Wenn er dort regelmäßig spielen sollte, dürfte sein dortiges Gehalt locker unser Salär übersteigen, also inklusive Auflaufprämien, die bei uns so gut wie nie anfielen, und Siegprämien, denn immerhin waren die Red-Bull-Trinker zum Zeitpunkt seines Wechsels Tabellen-Vierter, da wird schon noch der eine oder andere Sieg anfallen. Schade, dass es mit beiden nicht geklappt hat. Mehr schreiben geht leider nicht, da man beide Spieler so gut wie nie in Aktion gesehen hat. Wünschen wir beiden, dass sich dies jetzt ändert. Und damit konnte die Winterpause auch zu Ende gehen.

Reichlich Energie gegen Cottbus

Am 15. Januar kam Energie Cottbus, der aktuelle Tabellen-Dritte, mit Trainer Pelé Wollitz und dem aktuell besten Torjäger der Liga, Niels Petersen. Und wie das Leben so spielt – der Trainer machte wie gewohnt an der Seitenlinie das HB-Männchen und zeigte vollen Einsatz, der Stürmer traf mal wieder und markierte sein 13. Saisontor – nutzte aber alles nix. Fortuna gewann vor 18.000 Zuschauern mit 3:1, völlig verdient und definitiv mit der besten Saisonleistung.

Ja, man mochte kaum glauben, was man auf dem Rasen der esprit-Arena sah. Zunächst einmal war es trocken – es war wirklich das erste Heimspiel der laufenden Saison, in dem es weder regnete noch schneite. Und war das schon bemerkenswert genug, so ging es damit gleich weiter: Fortuna machte den Gegner lang, und zwar dermaßen, dass selbst Wollitz nach dem Spiel zugab, dass „wir froh sein können, dass es nicht noch 4:1 oder 5:1 ausgegangen ist.“ In der Tat, so war es, auch wenn es nicht immer so deutlich aussah. Aber Fortuna war von Anfang an die Ton angebende Mannschaft, erspielte sich gute Tormöglichkeiten. Endlich wurde mal das schnelle Spiel nach vorne forciert, während bei Cottbus nichts lief außer, Zitat Wollitz, „gefühlt 200 Rückpässen zum Torwart“. Dies manifestierte sich auch in einer ungewöhnlichen Statistik zum Spiel: obwohl Fortuna klar überlegen war und völlig verdient gewann, lautete die Hochrechnung für den „Ballbesitz“ nach dem Spiel: Fortuna 39 %, Cottbus 61 %! Aber wenn du fünfzehn Mal hintenrum spielen musst, dann den Ball verlierst und dich anschließend ruckzuck auskontern lässt, dann nutzen dir auch die 80 % Ballbesitz eben nichts, die du in dieser Situation hattest.

Es dauerte bis zur 40. Minute, ehe es endlich klingelte, dann aber richtig. Bodzek – der eine bärenstarke Partie ablieferte, man konnte sich nur verstört die Augen reiben, solche Debüts kennen wir bei Fortuna eigentlich eher selten –, Bodzek also erobert im Mittelfeld den Ball und spielt nach links auf Rösler. Der flankt mit gutem Auge an die Sechzehnmeterlinie, wo Bröker die Kugel mit dem Rücken zum Tor annimmt. Und dann wird Unglaubliches gesichtet: eine kurze Körpertäuschung nach links, dann zieht Bröker den Ball mit der rechten Sohle hinter sich, dreht sich, hängt durch diesen Trick seinen Bewacher ab und hat durch die Drehung den Ball auch gleich auf dem richtigen Fuß, sodass er mit links flach in die lange Ecke vollenden kann. Ein spielerischer Genuss, dieser Treffer!

Aber es kam sogar noch besser. Zunächst eine Schrecksekunde direkt nach Wiederanpfiff, als Daniel Adlung für Cottbus einen Abpraller aus knapp 16 Metern Richtung Fortuna-Gehäuse ballern wollte, die Kugel aber nicht voll traf, wodurch sie an drei Abwehrspielern vorbei eierte, wodurch Melka den aufspringenden Ball erst spät sah, weshalb er wieder mal nur staunend hinterher schauen konnte – und an diesem Tag blieb „Magic Eye“ Melka Sieger und guckte die Kugel Zentimeter neben den Pfosten. Da hätte er mal richtig traurig ausgesehen, wenn der Ball drin gewesen wäre. Bevor man sich aber von dem Schreck erholen konnte, war auf der anderen Seite wieder Schnappatmung angesagt: Rösler spielt einen feinen Pass in die rechte Strafraumhälfte auf Fink, der lupft den Ball in die Mitte, genialerweise über den heran stürmenden Bröker, der dadurch natürlich seinen Gegenspieler auf sich gezogen hat. Ein Geniestreich. Hinter den beiden kommt nämlich Kapitän Lumpi Lambertz angerauscht, völlig frei. Und dann passiert das Unglaubliche: Sitzriese Lambertz setzt zum Flugkopfball an und versenkt den Ball zum 2:0 in der 48. Minute. Ausgerechnet Lambertz, viel geschmähter Kapitän in den letzten Monaten, weil er zum Teil auch abenteuerlich schlecht spielte. Gegen Cottbus interessierte das niemanden mehr, er war neben Bodzek und Rösler bester Mann auf dem Feld. Aber auch „ausgerechnet Lambertz“, weil bei ihm Tore selten und Kopfballtore noch seltener sind. Wie selten? Bittschön: das Letzte erzielte er am 12.10.2003 im Kölner Südstadion beim Spiel gegen Yurdumspor Köln. Das war Oberliga, falls das noch jemand weiß. Lumpi wurde vom gegnerischen Torwart bei einem Klärungsversuch an den Kopf geschossen und erzielte somit unfreiwillig ein Kopfballtor. Damals wurde er auch befragt, wann ihm denn zuletzt ein Treffer mit dem Schädel gelungen sei. Die Antwort: „Als ich noch auf kleine Tore gespielt habe“, sprich: E-Jugend. Man erkennt also durchaus die historische Dimension dessen, was wir in der 48. Minute erleben durften.

Ein Winter-Nezugang, der in seiner ersten Partie voll einschlägt, ein Angreifer, der sich mittels einer technischen Feinheit erfolgreich im Zweikampf behauptet, ein Lumpi, der einfach mal den Ball ins Tor köpft – wer dies alles schon für die „neue Fortuna“ gehalten hatte, der wurde anschließend vollends aus den Latschen gekippt. Denn mit der einzigen echten Torchance der Gäste machte Petersen in der 62. Minute den Anschlusstreffer, als die Fortunen nach einem Freistoß den Ball mal wieder nicht weg bekam. Die Kugel wurde als „Rebound“ erneut hoch in den Strafraum gebracht, wo man sehr schön Stürmer Jula Abseits gestellt hatte. Problem war nur: der Ball kam nicht auf Jula, sondern zu Petersen, und der stand nicht Abseits, der stand überhaupt nicht, Fortuna-Verteidiger Kai Schwertfeger hatte sich überlaufen lassen. Und schon schlug der Torjäger zu, mit einem satten Volleykracher ins lange Eck, von Melka mal wieder bewundernd rein geguckt, aber aus solch kurzer Entfernung sicherlich unhaltbar. Und als man sich darauf einrichtete, dass nun wie üblich das große Zittern beginnen würde, zeigte sich die „neue Fortuna“: nur sieben Minuten später, Ecke von rechts durch Rösler, Kopfball von Fink – 3:1, Spiel durch. Unfassbar. Da verwerten die einen Standard! Fortuna! Einfach so! In der Hinrunde konnte man stets sicher sein, dass nur eine Mannschaft punktete, die in einem Fortuna-Spiel einen Standard verwertete – und das waren nicht wir. Unglaublich, sie begannen nach dem Anschlusstreffer nicht zu schwimmen und nervös zu werden, nein, sie gaben sofort die richtige Antwort, und das auch noch durch einen Standard! Ja, es geschieht manchmal eben noch Wundersames, selbst bei Fortuna.

Wie gesagt, mit diesem Treffer war das Spiel durch, es kam noch zu einigen guten Chancen für die Gastgeber, um das von Wollitz nach dem Spiel befürchtete Ergebnis zu erzielen, aber es wurde alles vergeben, von Cottbus kam gar nichts mehr, und so siegte Fortuna mit der besten Saisonleistung völlig verdient und überholte sogar Aachen in der Tabelle. Platz 10, beste Saisonplatzierung. Welch ein Höhenflug…

Noch ein Neuer

Anschließend schlug Fortuna nochmals auf dem Transfermarkt zu. Vom dänischen Erstligisten FC Midtjylland wurde der ebenso dänische Offensivspieler Ken Ilsø geholt, zunächst auf Leihbasis bis zum Saisonschluss, anschließend jedoch mit Kaufoption. Ilsø kam erstmals nach Deutschland, nachdem er in der ersten dänischen Liga in 71 Spielen 19 Treffer und 15 Vorlagen verbuchen konnte. Ein Allrounder in der Offensive, um unserem weiterhin lahmen Sturm mal Beine zu machen. Außerdem noch ein interessanter Buchstabe im Nachnamen, was will man mehr. Der 24-Jährige war sofort spielberechtigt und reiste nach seinen ersten Trainingseinheiten auch mit nach Berlin.

Am Sonntag, den 23.01.2011, sollte Fortuna nämlich bei der gefühlten Übermannschaft der Liga, Hertha BSC Berlin, antreten. Zufällig verschlug es mich beruflich schon einige Tage zuvor in die Bundeshauptstadt, da ich von der „Internationalen Grünen Woche“ in den Berliner Messehallen berichten musste, der weltgrößten Verbrauchermesse für Ernährung, Landwirtschaft und Gartenbau. Hierbei machte ich neben meiner Arbeit reichlich Gebrauch von der Möglichkeit, mich an den zahlreichen beziehungsweise zahllosen Ständen nationaler wie internationaler Gastronomie überreichlich zu ernähren, sprich: genügend Winterspeck anzufuttern, denn für das Spiel waren Temperaturen um den Gefrierpunkt vorhergesagt und man muss sich ja gegen Kälte schützen, so gut es geht. Ein weiser Entschluss.

Vorspiel oder: Weeß ick ooch nich, wa!

Am Freitag vor dem Spiel fuhr ich dann mal eben zur Geschäftsstelle der Hertha, um mein Ticket abzuholen. Wobei es „mal eben“ nicht ganz trifft…Da die Geschäftsstelle nicht ausgeschildert ist, wenn man die U-Bahn-Station verlässt, folgte ich dem Schild „Olympiastadion“ in der Meinung, dort auf die gesuchte Institution zu stoßen. Nach einem zünftigen Aufstieg fand ich mich auf dem großen Parkplatz vor dem Eingang Ost wieder. In der Ferne konnte neben dem Eingang zum Stadion ein niedriges Gebäude gesichtet werden, welches unzweifelhaft geöffnet hatte. Frohgemut machte ich mich auf den Weg über den gesamten Parkplatz, um an dessen Ende festzustellen, dass es sich bei dem Gebäude mitnichten um die Geschäftsstelle, sondern um das Besucherzentrum handelte. Die dort anwesende Dame gab mir einen Prospekt mit, auf dem das nähere Umfeld des Stadions, der so genannte „Olympiapark“ eingezeichnet war. Dort ist nämlich die Geschäftsstelle angesiedelt. Für mich bedeutete dies, den Parkplatz wieder in seiner gesamten Länge zu überqueren, mich sodann links zu halten (wobei man kurioserweise dann auf der Straße „über“ der U-Bahn-Station landet), dann noch mal links, den nächsten Berg hoch und anschließend rechts zu einem Komplex uralter Gebäude inklusive fetter Baustelle, bei denen ich dann fündig wurde. Der ganze Spaß hatte eine Dreiviertelstunde gedauert, bei Eiseskälte und leichtem Nieselregen. Vielleicht sollte man den Verein mal darauf hinweisen, dass eine Geschäftsstelle, die auch Eintrittskarten und Fan-Artikel verkauft, eventuell ein Hinweisschild am Ausgang der U-Bahn anbringen könnte. Von wegen Kundenfreundlichkeit und so.

Das Ticket war also mit großem Einsatz wohlverdient errungen. Zwei Tage später konnte auch das Spiel über die Bühne gehen. Und was die Kundenfreundlichkeit betraf, da zeigte Hertha BSC Berlin am Spieltag dann ganz klar, warum deren Hauptsponsor seit Jahren die Deutsche Bahn AG ist…
Dabei hatte es flott begonnen, von der Messe bis zum Stadion sind es zwei U-Bahn-Stationen, fünf Minuten Fahrtzeit, perfekt. Ich wählte erneut den Weg über den Parkplatz, ich musste ja diesmal wirklich zum Stadion und nicht mehr zur Geschäftsstelle. Ich hielt am Rande des Parkplatzes sogar kurz an, um mir an einem der dort befindlichen, nunmehr geöffneten Imbissstände eine schöne Berliner Currywurst zu ziehen. Doch, die können was, eine lohnende Investition. Und vor dem Hintergrund dessen, was anschließend folgen sollte, unbewusst eine weise Entscheidung, mich vorher noch zu stärken.

Ich erschien also an jenem Eingang, an dem sich auch der Torbogen mit den fünf Olympischen Ringen befindet. Ein durchaus symbolischer Start, wie ich in der Nachbetrachtung feststellen durfte. Denn die Beteiligten, die sich nunmehr meines Stadionzutritts annehmen sollten, gemeinhin „Ordner“ genannt, schienen auch den olympischen Gedanken als Leitlinie für ihr Tun verinnerlicht zu haben: Dabei sein ist alles, Können stört nur den Amateurstatus. Dies führte dann zu folgender kleiner Tour: Von besagtem Eingang Ost wurde ich zum Eingang Süd geschickt, wo ich auch Einlass fand. Am Zugang zu den Tribünen wurde ich nach links geschickt und endete am Marathontor. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich den Satz, der sich mir tief einprägen sollte, schon zweimal auf meine Frage nach dem Weg vernommen: „Weeß ick ooch nich, wa!“ Nun schickte mich eine dritte Ordnungskraft, ein gemütliches Berliner Mütterchen, am Marathontor fürsorglich ins Treppenhaus nach unten, in der Hoffnung: „Da wird schon wat sein!“ Und ob da etwas war! Zwei Stockwerke tiefer wurde ich nämlich beim Verlassen des Treppenhauses um ein Haar Opfer des Mannschaftsbusses von Hertha BSC, der in den Katakomben gerade rückwärts einparkte.

Nachdem ich mich durch einen Hechtsprung in Sicherheit gebracht hatte, sprach ich abermals einige Herrschaften in neongelben Leibchen an, kassierte abermals die Aussage, die mir schon bekannt war und wurde wieder in Richtung des Eingangs Süd dirigiert. Sie hatten allerdings ein Herz für mich mittlerweile etwas atemlosen Besucher und erlaubten mir daher, mich durch den Innenraum des Stadions dorthin zu begeben. Jawohl, ich durfte ein Stück auf der legendären blauen Tartanbahn wandeln! Ich war hin- und hergerissen: Fasziniert darüber, auf diesem nur aus der Ferne oder dem Fernsehen bekannten Untergrund wandeln zu dürfen, fiel mir spontan auf: Könnte auch mal wieder gereinigt werden. Meine Gefühlsregung führte ich auf die latent einsetzende Erschöpfung zurück. Irgendwie langte ich nach einer weiteren Weile in Höhe des Eingangs Süd am Spielertunnel an, wurde dort von weiteren freundlichen Herren wieder 50 Meter zurück geschickt, erreichte durch einen Laufgraben am Spielfeldrand einen Tunnel, von dem eine weitere Tür in ein weiteres Treppenhaus abzweigte. Dort angekommen, stieg ich noch drei Stockwerke hoch, grad gut in Form, damit mir am oberen Ausgang die dort postierte Sicherheitskraft auf meine Frage, ob ich denn jetzt richtig sei, mit einer vergleichsweise charmanten Antwortvariante entgegnete: „Weeß ick ooch nich, wa, bin heute den ersten Tag hier!“ Welch entwaffnende Ehrlichkeit! Viel zu sehr damit beschäftigt, meinen Sauerstoffhaushalt irgendwie in den Griff zu bekommen, stand ich da, was zumindest zur Folge hatte, dass ich schon rein körperlich nicht in der Lage war, einen passenden Verbalkonter zu platzieren. Stumm vor Glück stellte ich dann jedoch fest, dass ich tatsächlich richtig zu sein schien: Ich stand ziemlich genau an der Stelle, an der ich eine halbe Stunde zuvor gestartet war. Nur eben ein Stockwerk höher. Dies hätte man zwar auch mühelos durch Besteigen der durchaus vorhandenen Treppe in unmittelbarer Nähe schaffen können, aber das scheint zu einfach gewesen zu sein. Mit „Weeß ick ooch nich, wa!?“ als Leitsatz schickte man mich auf eine nette kostenlose Stadiontour, für die ich mich im Nachhinein bedanke, auch wenn meine Gefühlswelt damals eher in eine deutlich andere Richtung tendierte.

Nachdem ich mir somit auf die Fahne schreiben kann, seit jenem Wochenende als intimer Kenner des Berliner Olympiastadions samt seines Sportparks zu gelten, konnte nunmehr zum Spiel geschritten werden. Hertha BSC Berlin ist ein Verein, der sich sehr um seine Zuschauer bemüht. Muss man so sagen. Schließlich wurden – wenn ich mich nicht verhört habe -, die heimischen Helden gleich zweimal namentlich verlesen, einmal beim Warmlaufen, einmal bei der Mannschaftsaufstellung. Nicht dass da noch Fragen aufkommen. Auch wurden die Zuschauer fünfzehn Minuten vor Spielbeginn über die Videoleinwände ultimativ aufgefordert: „Bitte nehmen Sie Ihre Plätze ein!“ Wofür? Ach ja, damit man noch eine Viertelstunde intensiv mit Werbung beschallt werden konnte. Der Stadionsprecher versuchte sich als Mike Buffer (so heißt doch dieser Box-Ansager, oder? Solch nebensächliche Details pflege ich nicht mal zu googeln), und neben und über dem Rasen blinkt es in einer Tour – LED-Werbebanden mit ständig wechselnden Slogans in schönen Neonfarben, welche sogar der Anzeigetafel des KFC Uerdingen – weiterhin ungeschlagener Deutscher Meister in der Darstellung grellster Farbmuster – hätten Angst machen können. Dasselbe auf den beiden Anzeigetafeln, der großen über dem Heimblock und der kleinen über der Gegengeraden. Nicht schlecht, die wissen, wie man ordentlich Werbung macht. Nervt auch kaum. Also wenn man die ganze Zeit wegguckt, meine ich, was dann allerdings auch den Genuss des Fußballspiels ein wenig trübt.
Einen werbetechnischen Gag muss ich allerdings noch erwähnen, weil ich ihn noch nie in einem anderen Stadion gesehen habe, aber vielleicht kann mich ein erstliga-gestählter Leser aufklären, dass auch diese Nummer mittlerweile nur noch ein Gähner ist: bei Hertha BSC werden sogar die Verletzungspausen werblich gerockt! Immer, wenn ein Spieler verletzt am Boden lag und das „sanitätsdienstliche Hilfspersonal“ den grünen Rasen betrat, leuchtete auf den Anzeigetafeln der Spruch: „Jetzt was von Gutes von xy“ auf, und xy war natürlich eine, sagen wir, Vertriebskette von Pharmazeutika. Brillante Idee! Wie gesagt, war mir völlig neu, dass jemand jetzt auch schon auf solch eine Idee gekommen ist. Hertha BSC – oder: die 10.000 Möglichkeiten, ein Spiel zu verhunzen…

So muss ein Spiel sein – bis auf das Ergebnis

Dabei hätte dieses Spiel gar keine Werbung nötig gehabt. Es dürfte eines der besten Saisonspiele überhaupt in der 2. Liga gewesen sein, zumindest war es das Beste, welches ich bislang gesehen habe. Fortuna, frei nach dem Motto „Wir haben hier keine Chance, also nutzen wir die doch einfach“, spielte in der ersten Viertelstunde frech nach vorne, aber auch die Berliner wollten sich nicht mit langen Vorreden aufhalten und legten los wie die Feuerwehr. Nach fünf Spielminuten hatte es bereits drei gefährliche Szenen vor beiden Toren gegeben, um diese Zeit ist man in normalen Spielen noch damit beschäftigt, festzustellen, wer denn alles das heimische und gegnerische Leibchen trägt und in welcher Formation die Kicker auf dem Platz ihrer Arbeit nachgehen. Dazu blieb diesmal keine Zeit.

Auch hätte Fortuna-Keeper Melka spätestens nach zehn Minuten die Erkenntnis haben sollen, dass es Tage gibt, an denen man besser im Bett bleibt und seine Auswechslung signalisieren sollen, denn da hatte er schon zweimal fett gepatzt. Eigentlich hätte es nach zwei Minuten bereits im Fortuna-Kasten klingeln müssen: beim ersten Freistoß für die Hertha, von halblinks als Flanke in den Strafraum gebracht, war Melka nämlich – mittig in seinem Tor stehend – bereits aus dem Gehäuse geeilt und hatte völlig übersehen, dass Hertha-Stürmer Ramos in Höhe des kurzen Pfostens ein langes Bein machte, um die Kugel zu erreichen. Wäre dies in vollem Umfang geglückt, der Ramos hätte mit dem Ball über die Linie spazieren können, das Tor war völlig leer. So kam er nur noch mit der Schuhspitze an den Ball, konnte ihn nicht mehr kontrollieren, und das Leder hoppelte neben dem Tor ins Aus. Ohoh.

Einige Minuten später präsentierte Melka uns dann eine Weltneuheit: die eingesprungene Faustabwehr nach rückwärts. Bei einer weiten Flanke in den Strafraum hatte er sich völlig verschätzt, geriet beim Versuch der Faustabwehr in Rücklage und brachte den Ball daher zwar fünf Meter hoch, aber nur einen Meter weit – und zwar nach hinten. Dort, am Fünfmeterraum, fiel die Kugel dann Herthas Shooting-Star Lasogga auf die Birne, der lässig Richtung leeres Tor köpfte. Zum Glück war es dann nicht mehr leer, Jenas Langeneke war rechtzeitig zurück geeilt und konnte den Ball auf der Linie klären. Zwei dicke Böcke des „Langen“ direkt in der Anfangsphase – vielleicht hätte er es damit wirklich gut sein lassen sollen, es war halt nicht sein Tag.

Auf der Gegenseite hatte auch die Fortuna den einen oder anderen gefährlichen Angriff gestartet und erhielt in der17. Minute ebenfalls Unterstützung vom Gegner: von links hatte van den Bergh einen Rückpass in den Strafraum gespielt, in Höhe des kurzen Pfosten versuchte ein Berliner zu klären, kam jedoch nicht richtig an den Ball und verlängerte ihn nach hinten, wenn auch Richtung Strafraumgrenze. Dort nahm Kapitän Lambertz in halbrechter Position den Ball auf, schlug einen Haken, um sich die Kugel auf den stärkeren rechten Fuß zu legen und zog ab. Anschließend wurde der Schuss von einem Berliner Bein abgefälscht und schlug rechts unten im Eck ein. 1:0 für Fortuna, vielleicht ein wenig überraschend, aber nicht unbedingt unverdient, da man hervorragend mitspielte.

Nun, das war dann erst einmal vorbei, denn Hertha drängte den Gast in der Folgezeit immer weiter nach hinten, und unsere Abwehr geriet gehörig ins Schwimmen. Wenn man bedenkt, wer da bei der Hertha auf dem Platz rumläuft, ist das wohl nicht weiter verwunderlich. Unter anderem wirbeln dort die Südamerikaner Ramos, Raffael und Ronny, die übrigens auch auf der Mannschaftsaufstellung alle drei direkt untereinander aufgelistet waren und daher den Eindruck vermittelten, die Hertha würde irgendwie an Nachnamen sparen. Naja, bei 38 Mio. Euro Verbindlichkeiten muss man halt irgendwo den Gürtel enger schnallen. Diese drei Herren zogen zusammen mit Lasogga und dem Australier Rukavytsya nun ein Offensivspiel auf, dem die Fortuna-Defensive nur in Ansätzen gewachsen war. Es war nur eine Frage der Zeit, bis der Ausgleich fallen würde, und in der Tat, nach einer halben Stunde war es soweit: Flanke aus dem Halbfeld von der rechten Seite, Kopfballaufsetzer Ramos ins linke Eck, 1:1. So stand es auch zur Pause, und das war doch eher glücklich für Fortuna. Alleine Lasogga hätte noch zwei Dinger nachlegen können, aber einmal parierte Melka sehr gut, in der zweiten Szene sprang er jedoch wieder einmal routiniert unter einer Flanke durch, woraufhin Lasogga per Kopf nur die Latte traf. Besonders gegen Ende der ersten 45 Minuten hatten die Gäste nicht mehr viel zu bestellen.

Nach der Pause verbuchte Fortuna zwar die erste Torchance, die frühe Bude zur Führung machte aber Hertha. Bereits in der 51. Minute kommt der Ball links in den Strafraum zu Rukavytsya, der guckt mal kurz und haut dann aus ca. 12 Metern drauf. Ein strammes Schüsschen zwar, aber spitzer Winkel und nicht besonders gut platziert. Den muss der am kurzen Pfosten postierte Melka eigentlich haben. Hat er aber nicht, er reagiert viel zu spät und winkt den Ball in die lange Ecke durch. Der war aber nun wirklich so was von haltbar…wie gesagt, nicht sein Tag.

Und hier ist Fortuna hoch anzurechnen, dass es trotz des frühen Rückstandes noch ein prima Spiel wurde. Das haben wir in dieser Saison auch schon anders erlebt, ein Gegentreffer reichte da schon, um auseinander zu fallen. Diesmal nicht, man spielte beherzt nach vorne, nahm das Heft in die Hand und drückte Hertha hinten rein. Die waren ausnehmend verblüfft darüber, vielleicht interpretierten sie es auch als Majestätsbeleidigung. Auch die Zuschauer neben mir auf der Haupttribüne hatten sich nach dem 2:1 zurück gelehnt und gesagt: Das war’s dann wohl…die wurden allerdings enttäuscht. Und weil Fortuna grad so gut drauf war, machte sie auch gleich ihr schönstes Saisontor. Ein Treffer, bei dem dem Trainer wahrscheinlich die Tränen in die Augen geschossen sind. Ein Spielzug, tausendmal im Training exerziert, klappt allerdings inklusive erfolgreichem Abschluss nicht allzu oft in einem Spiel. Auf links führte van den Bergh den Ball und spielte dann einen brillanten Doppelpass mit dem eingewechselten Sascha Dum, der ihm den Ball perfekt wieder in den Lauf legte. Van den Bergh kurvte in den Strafraum ein und schaute dann tatsächlich hoch, sah Lumpi Lambertz völlig blank „im Rückraum“, legte den Ball wunderbar flach zurück, und der Kapitän biggelte die Kugel ohne viel Mühe ebenfalls flach in die rechte Ecke. Ausgleich in der 66. Minute, und auch der war jetzt hochverdient. Und dann noch mit solch einem Spielzug. Besonders musste man über Lumpi Lambertz staunen, zeit seines Fußballerlebens nie ein großer Torjäger, jetzt auf einmal drei Buden in zwei Spielen! Zumal er kurz vor seinem zweiten Treffer schon mit einem sehenswerten Flugkopfball nur knapp den Ausgleich verpasst hatte. Sieh mal einer an. Lumpi der Knipser – also Sachen gibt’s…

Und gleich darauf rieben sich die satten Herthaner verwundert die Augen, denn die Fortuna spielte wahrhaftig weiter nach vorne! Sascha Dum hätte fast einen Treffer der besonderen Marke erzielt, als er (gewollt!) von der linken Seite statt der erwarteten Flanke einfach mal einen knallharten Schuss auf die kurze Ecke setzte. Das Ding hätte gepasst, und es hätte auch beinahe geklappt, aber Hertha-Keeper Aerts, der in dieser Saison schon einige merkwürdige Treffer kassiert hat (im Hinspiel durch Wellington aus 35 Metern, im Pokal in Koblenz durch Stahl aus über 50 Metern), merkte leider noch früh genug, was da auf sein Tor kam, und mit einer tollen Parade konnte er die Kugel aus dem kurzen Eck fischen. Es ging jetzt hin und her, rauf und runter, da war alles drin, es machte richtig Spaß zuzusehen.

Leider hatte der DFB auch für dieses Spiel einen Schiedsrichter mitgebracht. Es war Babak Rafati, frisch mit der kicker-Note 6,0 vom vorherigen Wochenende im Gepäck, als er im Spiel Nürnberg gegen Mönchengladbach gleich mehrere monströse Fehlentscheidungen gefällt hatte. Hier war er 75 Minuten eigentlich nur dadurch aufgefallen, dass er gerade bei der Verteilung der Freistöße doch sehr heimlastig agierte; nicht, dass er den Herthanern öfter mal einen schenkte, aber das, was er bei uns abpfiff, ließ er in nahezu identischen Situationen bei Berlin weiterlaufen. Nun gut, dafür ist er ja bekannt, er hat auch bei uns schon das eine oder andere Heimspiel geleitet, wir haben also auch schon profitiert. Diesmal war er allerdings wohl noch angeschossen vom vorherigen Wochenende, sodass er dem Spiel letztendlich doch noch seinen Stempel aufdrückte: in der 75. Minute verhängte er einen weiteren Freistoß für Hertha, der schon nicht mehr witzig war, ein glasklares, astreines Tackling von Fink wurde abgepfiffen. Aus diesem Freistoß entstand das 3:2 für die Hertha, als die Fortuna-Abwehr den Ball nicht weg bekam und schließlich Lasogga völlig frei aus halblinker Position und acht Metern an Melka vorbei ins lange Eck einschieben konnte. Okay, auch das muss bei Fehlentscheidungen ja nicht immer zwangsläufig passieren, sodass der Treffer selbst ausschließlich der Abwehr zuzuschreiben ist. Dennoch ist es ärgerlich, wenn Gegentreffer durch solche Witzentscheidungen eingeleitet werden.

Dann setzte Herr Rafati noch einen drauf und übersah in der Folgezeit gleich zwei klare Tätlichkeiten des eingewechselten Domovchiyski an unserem Kapitän Lambertz:
In der ersten Szene lag Lambertz auf dem Boden, Domovchiyski stocherte nach und trat ihm dabei auf das Schienbein. Sah fies aus, aber für Rafati nur internationale Härte. Kurz darauf war es ein Zweikampf in der Luft, bei dem Domovchiyski mit voller Wucht seinen Ellbogen ins Gesicht unseres Kapitäns rammte - und das sah schon sehr nach Absicht aus. Das alles innerhalb von 3 Minuten, selbst Sky-Reporter Heiko Mallwitz, üblicherweise als großer Hertha-Fan bekannt (moderierte nicht umsonst vor einigen Jahren noch ein Hertha-Magazin auf DSF), verschlug es für einen Moment die Sprache, anschließend meinte er nur: „Domovchyski, das gibt´s doch nicht.“ Gibt es doch, denn Rafati pfiff hier zwar Freistoß für Fortuna (und beraubte somit den DFB der Möglichkeit, sich der Tätlichkeit nachträglich nochmals anzunehmen), aber mehr auch nicht. Für jeden, der es gesehen hat, ziemlich unglaublich.

Lambertz, der auch zuvor während des Spiels schon dreimal von den ziemlich rüden Berlinern auf die Bretter geschickt worden war, ohne dass denen irgendeine Sanktion gedroht hätte, hatte nun die Nase voll und grätschte frustriert einen Gegenspieler weg, es war Perdedai, der daraufhin verletzt ausgewechselt werden musste. Da Lambertz zuvor schon verwarnt worden war, gab es Gelb/Rot, in diesem Fall zu Recht, aber auch hier muss sich der Schiri hinterfragen lassen, ob er das Spielgeschehen nicht etwas willkürlich auf den Kopf gestellt hat, denn normalerweise hätte es zuvor Rot für Domovchiyski geben und die Hertha das Spiel mit zehn Mann beenden müssen. So schaffte es der Schiri, dass das Verhältnis genau umgekehrt auskam. Kann eigentlich auch nicht sein.

Das Schöne am restlichen Spiel war, dass Fortuna der Platzverweis herzlich egal war, man spielte einfach weiter nach vorne. Bröker hatte den Ausgleich auf dem Fuß, aber seinen Schuss mit dem Außenrist vier Minuten vor Schluss holte Aerts wiederum mit toller Parade aus dem kurzen Eck. Und als Hertha begann ihre Konter in Überzahl so auszuspielen, wie wir das sonst zu tun pflegen, nämlich unfassbar schlecht, da kam sie noch, die allerletzte Chance, schon in der Nachspielzeit. Unser Neuer, Ken Ilsø, kurz zuvor auch noch eingewechselt, spritzte nämlich in eine letzte Hereingabe von van den Bergh, die ansonsten zu kurz gekommen wäre. Er nahm den Ball mit und stand damit plötzlich nahe des Fünfmeterraums völlig frei. Allerdings war der Winkel sehr spitz, aber ich an seiner Stelle hätte dennoch versucht, Keeper Aerts mitsamt dem Ball durchs Tor zu schießen. Ilsø traute sich offenkundig nicht und legte quer zurück, wo die Kugel von einem Berliner geklärt werden konnte. Anschließend spielte Hertha ihren vierten Konter in Überzahl endlich mal routiniert zu Ende und Ramos markierte mit einem tollen Lupfer über Melka die Entscheidung. Schiri Rafati war ob des Tores wohl so verzückt, dass er gar nicht mehr anpfeifen ließ.

Fortuna verlor somit vor 36.000 Zuschauern, darunter 3.000 Fortunen, die einen fetten Auswärts-Support hinlegten, bei Hertha BSC mit 2:4, hatte sich aber nichts vorzuwerfen. Ein tolles, schnelles Spiel, mit haufenweise guten Chancen auf beiden Seiten, auch ein 3:3 wäre nicht unverdient gewesen. Hertha BSC kletterte wieder an die Tabellenspitze und deren Trainer Markus Babbel direkt mit, und zwar in der Rangliste der Oberschwätzer der Liga. Als er nach dem Spiel die Tätlichkeiten von Domovchiyski vorgeführt bekam und Fortuna-Trainer Meier neben ihm schon schnappatmete, um bloß nichts Falsches bzw. Richtiges über den Schiri zu sagen, da bügelte Babbel die Szenen mit arroganter Ironie ab. Jaja, der Domovchiyski sei ja als brutaler Spieler bekannt und bei Hertha würde schon mal gern ein Bein gebrochen und so weiter. Furchtbar witzig, der Typ. Natürlich versucht ein Trainer, seine Spieler zu schützen, ist ja klar, aber ich kann wohl kaum dumme Witzchen machen, wenn ich grad gesehen habe, wie mein Spieler seinem Gegner einen Ellenbogen ins Gesicht rammt. Da muss man dann sagen, das man doch finde, dass das nicht nach Absicht aussah oder ähnliches Gewäsch. Aber doch nicht so etwas. Naja, der Babbel ist Bayer, da bekommt man die fußballerische Arroganz ja schon in die Wiege gelegt, und dann noch Trainer beim wichtigen Hauptstadtclub, der unbedingt aufsteigen muss, mit der schönen sportlichen Begründung, weil er ein Hauptstadtclub sei – da haben sich dann wohl auch zwei gesucht und gefunden. Daher passte dieses Verhalten auch zu Babbel. Peinlich war es trotzdem.

Ansonsten war nix peinlich. Ein großartiges Spiel, wenn auch mit dem falschen Ergebnis. Es blieb zu hoffen, dass Fortuna einiges von dieser Klasse in die kommende Partie gegen den FSV Frankfurt würde retten können. Ein schwerer Brocken, zumal der nach der Winterpause bislang überragende Lambertz gesperrt sein würde.

Übrigens, den Rückweg aus dem Stadion zur Messe, den habe ich problemlos und ruckzuck gefunden. Gelernt ist halt gelernt.

Ist das noch meine Fortuna?

Am Freitag, den 28.01.2011, kam es zum Heimspiel der Fortuna gegen den FSV Frankfurt. Der Gast, mit aktuell 32 Punkten geradezu erstaunlich gut tabellarisch platziert, hätte mit einem Sieg sogar vorübergehend den Relegationsplatz besetzen können. Er verfügte außerdem vor dem Spiel über eine solide Abwehr, lediglich 19 Gegentore in ebenso vielen Spielen standen zu Buche. War nach dem Spiel alles Makulatur; den Relegationsplatz sahen sie danach nur noch mit dem Fernglas, und die Abwehr war ungelogen der größte Trümmerhaufen, der sich in der aktuellen Saison bei uns vorstellte. Oder kurz und bündig formuliert: Fortuna putzte den FSV Frankfurt in einem denkwürdigen Spiel mit 6:0.

Nun, was soll man darüber schreiben? Eigentlich würde ein Satz genügen, zumal der auch noch vom Gegner kam. FSV-Kapitän Björn Schlicke, an jenem Abend derartig „in Form“, dass man ahnen konnte, für solche Leistungen wurde einst das Wort „indisponiert“ an den Diplomatenschulen dieses Landes eingeführt, Schlicke also brachte es kurz entschlossen auf den Punkt: „Das sind so Spiele, da geht so viel schief, da kann man noch froh sein, dass es nicht noch drei Rote Karten für uns gab und uns das Dach nicht auf den Kopf gefallen ist.“ In der Tat, so war es. Es war eine Sternstunde für Fortuna-Fans, denn nicht nur die Höhe des Sieges, sondern auch die Art und Weise, wie dieser Erfolg herausgespielt wurde, konnte einen nur ins Schwärmen geraten lassen. Auch hatte die Partie zwei überragende Spieler zu bieten, die zuvor wohl kaum jemand auf dem Zettel hatte. Solch ein Spiel erlebt man als Fortuna-Fan nicht alle Tage.

Die beiden Neuen im Team waren Sascha Dum und Ken Ilsø. Dum lief für den gesperrten Kapitän Andreas Lambertz links im Mittelfeld auf, Neuzugang Ilsø kam zu seinem Heimdebüt im Sturm, weil sich Thomas Bröker mit einer Verletzung am Oberschenkel hatte abmelden müssen. Die beiden zerlegten den FSV schon allein in seine Bestandteile. Aber der Reihe nach. Ich werde versuchen, nicht allzu sehr ins Schwärmen zu geraten und mich so kurz zu fassen wie es das Spiel gebietet. Dazu gehört, dass ich von vorne herein alle Angriffsbemühungen der Frankfurter unter den Tisch fallen lasse oder nur am Rande erwähne. Die wurden eh nur als Randnotiz beim großen Gala-Abend wahrgenommen. Hier also die Szenen, die uns teilweise dazu animierten, untereinander verblüffte Blicke zu tauschen und fassungslos zu raunen: ist das noch meine Fortuna? Kann denn das noch sein?

17. Minute: Angriff Fortuna von halblinks. Dum übernimmt die Kugel von Ilsø und sprintet Richtung Strafraum Mitte. Als alles glaubt, der wird jetzt aus 20 Metern den ordentlichen Bums auspacken, den er zweifelsfrei im Fuß hat, da spielt der den Ball mit dem rechten Fuß ohne hinzuschauen an dem Gegenspieler vorbei, den er mit seinem Sprint auf sich gezogen hat, flach wieder nach links in den Strafraum. Dort ist nämlich Ilsø mitgelaufen und wird zentimetergenau bedient. Der macht noch zwei Schritte und schlenzt den Ball dann mit links halbhoch ins linke Eck – 1:0;

42. Minute: Auf der linken Seite springt Dum in der Frankfurter Hälfte in einen Befreiungsschlag von FSV-Kapitän Schlicke, der Abpraller segelt Richtung Torauslinie. Dum ist vor Schlicke am Ball, verzögert kurz, zieht dann blitzschnell das Tempo an und überrundet den sichtlich überforderten Abwehrspieler auf der Außenbahn, sprich: an der Torauslinie, läuft noch zwei, drei Meter und passt dann an den Fünfmeterraum zurück, wo sich wieder Ilsø frei gelaufen hat, der setzt den Ball mit links flach ins lange Eck – 2:0;

48. Minute: Soeben haben die Frankfurter mal zwei nennenswerte Aktionen gehabt, zwei Distanzschüsse. Den ersten hat Melka über die Latte gelenkt, der zweite geht ganz ohne sein Zutun von selbst drüber. Als man gerade denkt, dass von den Gästen jetzt vielleicht etwas mehr kommen könnte, gibt es das: Ecke Rösler von links, in der Mitte wuchtet sich Bodzek per Kopf in den Ball – 3:0;

56. Minute: Jetzt geht wirklich alles, auf der linken Angriffsseite spielen die Fortunen Ringelreihen mit den Frankfurtern. Schließlich reißt Dum die Kugel wieder mit sich, marschiert zur Grundlage, legt in den Strafraum zurück, und Maximilian Beister – erst zur Pause eingewechselt – rauscht heran und versenkt die Kugel mit links und Vierteldrehung seines Körpers flach gegen den rechten Innenpfosten – 4:0;

81. Minute: Frankfurt weiter vogelwild. Aufsetzer von links in den Strafraum, der soeben eingewechselte Marcel Gaus täuscht eine Ballannahme an, lässt die Kugel aber passieren; dadurch steht Fink völlig frei, kann den Ball sogar noch annehmen; als er von einem Gegenspieler attackiert wird, steht dadurch wiederum Ilsø völlig frei. Einmal kurz quer gelegt, und schon schiebt unser Däne diesmal mit rechts halbhoch ins linke Eck zu seinem dritten Treffer ein;

90. Minute: ein letzter Ringelpiez über die linke Seite, Frankfurts rechte Abwehrhälfte, von Beginn an eh nur physisch anwesend, hat sich schon eine Viertelstunde zuvor endgültig verabschiedet. Und so macht diesmal Rechtsverteidiger Kai Schwertfeger, nach der Einwechslung von Christian Weber auf links gewechselt, seinen ersten Assist. Natürlich von der Grundlinie in die Mitte zurück gelegt, und dann wird’s wirklich peinlich, denn Maxi Beister steht locker drei Meter hinter seinem Gegenspieler, der der Kugel am nächsten postiert ist. Der bleibt allerdings auch bolzengerade stehen und beguckt sich interessiert die Szenerie, Beister überholt mal kurz und staubt ins leere Tor ab – 6:0.

Dass man so etwas noch erleben darf! möchte man ausrufen. Allein die drei Torvorlagen von Sascha Dum waren schon das Eintrittsgeld wert – ach was, nur das 1:0 war es schon. Ein No Look-Pass bei Fortuna! So etwas wäre früher ein Fall für Aiman Abdallah gewesen. Aber besonders, wie die Mannschaft diesen Kantersieg heraus spielte, bleibt im Gedächtnis. Fünf von sechs Treffern wunderbar heraus gespielt, das hat man auch in der Ersten Liga eher selten. Auch wenn natürlich gesagt werden muss, dass Frankfurt nach dem 0:3, spätestens nach dem 0:4 völlig auseinander brach und nicht mehr als ein besserer Sparringspartner war für wie entfesselt aufspielende Fortunen, denen dann natürlich auch noch alles gelang. Aber halt, nicht alles: Fink scheiterte mit einem Schuss von der Strafraumgrenze an Klandt, Dum aus spitzem Winkel ebenso, und nach feinem Zuspiel von Fink verpasste Ilsø einen weiteren Treffer, als er aus Nahdistanz wenigstens in dieser Situation im Frankfurter Keeper seinen Meister fand. Klandt war daher ganz klar der einzige Frankfurter, der gefallen konnte. Nicht nur, weil er wenigstens ab und zu auch mal einen Ball halten konnte, sondern auch, weil mir gegnerische Torleute eh sehr sympathisch sind, wenn sie möglichst viele unserer Bälle aus dem Netz holen dürfen. Und bei der unglaublichsten Szene des Spiels brauchte er gar nicht einzugreifen: irgendwann zwischen dem 4:0 und 5:0 spielte Klandt am eigenen Strafraum seinem Kapitän Schlicke den Ball in die Füße. Der machte zwei Schritte nach vorne, wurde attackiert und spielte den Ball wieder zurück zu Klandt – beziehungsweise genau in den Fuß von Rösler, der sich am Sechzehnmeterraum grad von seinem letzten Sprint ausruhte und hundert Meter weit im Abseits stand, allerdings natürlich nicht, wenn der Ball vom Gegner kommt. So etwas hat man lange nicht gesehen. Aber Rösler übertrieb dann und wollte den Keeper mit einem Lupfer aus dem Stand wohl auch noch lächerlich machen. Mir persönlich hatte das ein bisschen zuviel Effenberg-Style. Hätte er nur das machen wollen, wozu er eigentlich da ist, nämlich irgendwie einen Treffer für Fortuna, dann hätte er nur quer legen müssen, in der Zwischenzeit war Ilsø nämlich mitgelaufen, und zwischen dem und dem leeren Tor befand sich noch nicht einmal der Torwart. Aber sympathischerweise wollte der Rösler mit all seiner Erfahrenheit natürlich nicht, dass der Ilsø nach dem ersten Spiel sofort abhebt. Das besorgte er dann gleich selbst mit diesem etwas arroganten Lupfer, der noch dazu sein Ziel ziemlich deutlich verfehlte. Naja, bei 4:0-Führung sag ich mal: Schwamm drüber. Bringt er solch eine Nummer beim Stande von 0:0 oder 1:0, hätte er sich um seiner eigenen Gesundheit willen anschließend sowieso sofort auswechseln lassen.

Es war eine rauschende Ballnacht vor 18.000 Zuschauern, die Fortuna den höchsten Heimsieg ihrer Zweitliga-Geschichte bescherte und erstmals in dieser Saison für ein positives Torverhältnis sorgte. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Davon kann man noch lange schwärmen. Als Fan. Als Spieler sollte man sich zwei Tage freuen und dann wieder zur Tagesordnung übergehen. Die da lautete: Montag, 07.02.2011: Auswärtsspiel beim TSV 1860 München.

Von Zwergen, Schrippen und verwurschtelten Löwen

Ja, Fortuna hatte mal wieder ein Montagsspiel. Was jetzt an dieser Partie des Tabellen-9. gegen den Tabellen-11. so Besonderes war, dass es zum Top-Spiel am Montag erkoren wurde? Ja nix, außer dem Austragungsort. Das war ja bekanntermaßen München. Nun gibt es einen sehr schönen Brauch in dieser Stadt, der sich dort stets zum ersten Februar-Wochenende zuträgt: nämlich die Durchführung der Münchner Sicherheitskonferenz. Verbunden mit dem Hinweis der Polizei, dass man für dieses Wochenende stets so viel Personal für diese Konferenz abstellen müsse, dass weitere örtliche Großveranstaltungen wie zum Beispiel Fußball-Bundesligaspiele nicht mehr von ausreichender Polizeipräsenz begleitet werden können. Und so etwas pflegt man bei der DFL ja bekanntlich salomonisch zu lösen, das heißt im Sinne der ganz Wichtigen. Somit erhielt der FC Bayern München für jenes Wochenende natürlich ein Auswärtsspiel, der TSV 1860 München dementsprechend ein Heimspiel, und da dieses am Wochenende nicht ausgetragen werden konnte, musste es montags stattfinden. Man stelle sich auch vor, der große FC Bayern müsste in der ersten Februarwoche mal mittwochs ran! Dieser Stress! Die Vierfachbelastung! Das ist nun wirklich nicht zu verantworten. Also haben einfach die jeweiligen Gegner der „Löwen“ am ersten Wochenende im Februar die Arschkarte. Letztes Jahr Anfang Februar lautete die „Top-Partie“ noch TSV 1860 München gegen RW Ahlen, das war noch ein wenig exotischer. Aber Neunter gegen Elfter am Montagabend ist auch schon nicht schlecht. Und das alles, weil die Polizei nicht in der Lage ist, ausreichend Präsenz zu zeigen. Da ich schon bayrische Hundertschaften in Thüringen und nordrhein-westfälische Einsatzzüge in niedersächsischen Stadien erlebt habe, kann ich dieses Argument schon mal gar nicht nachvollziehen. Und dass die DFL dann bei der Spielplangestaltung auch stets Gegner für die „Löwen“ aussucht, deren Anreise bei mindestens 500 km liegt, ist selbstverständlich nur Zufall. Also, nicht länger gejammert über die Zufälle im Leben, sondern auf nach München.

Und dieser Montag ließ sich schon gar nicht schlecht an. Als ich mich an Bord des Billigfliegers begab, der mich in süddeutsche Gefilde transportieren sollte, stand vor mir ein Herr älteren Datums mit einer neutralen weißen Plastiktüte. Da der Einsteigevorgang sich ein wenig hinzog, riskierte ich einen Blick in die Tüte und musste erstmal nach Luft schnappen: der Mann transportierte wahrhaftig einen Schalke-Gartenzwerg mit an Bord! Manche Dinge muss man gesehen haben, um sie zu glauben. Ein Gartenzwerg ist für mich per se schon ein unglaubwürdiges Utensil, aber ein Fußball-Gartenzwerg setzt dem Ganzen dann doch die Krone auf. Ich hätte nie gedacht, dass es so etwas überhaupt noch gibt, geschweige denn, dass jemand tatsächlich auf die Idee kommen könnte, dieses hartplastikgewordene Symbol deutschen Spießertums käuflich zu erwerben und irgendwo aufzustellen. Und zwar bevorzugt in der Wohnung, wie ich vor einigen Jahren aus einer Reportage über die letzten unentwegten Gartenzwerg-Sammler erfahren hatte, da die Wichte im Garten ja zu vielen unwägsamen Unbillen wie zum Beispiel dem deutschen Wetter oder – im Falle eines Fußball-Gartenzwergs – den Stiefel schwingenden Sympathisanten des Erzfeindes ausgesetzt seien. Auf jeden Fall ein großes Erlebnis, tatsächlich einmal selbst einem solchen blau-weißen Wichtel Aug in Aug (nein, nicht „auf Augenhöhe“…) gegenüber zu stehen.

Wir bestiegen also den Flieger und schwebten eine knappe Stunde später am Münchner Flughafen ein. Der Gartenzwerg hatte sich glücklicherweise nicht als Sicherheitsrisiko erwiesen. Selbiges trat dann aber meiner Meinung nach mal wieder in Form des Tarifplans des Münchner Verkehrs- und Tarifverbundes auf den Plan. Also jedes Mal, wenn ich in München bin, staune ich, dass die Einheimischen sich aufgrund dieses unfassbar unübersichtlichen Regelwerks nicht bereits mit Heugabeln und Pechfackeln vor der örtlichen Zentrale des Verkehrsunternehmens zusammengerottet haben und den Vorstand zum freiwilligen Abdanken sowohl von sich selbst, als auch von diesem Tarifsystem gezwungen haben. Aber mit denen kann man es anscheinend machen. Weiterhin besteht das Münchner Tarifgebiet aus vier Zonen, die wiederum in 16 Ringe unterteilt sind. Die innere Zone ist der Innenraum, die drei äußeren sind der Außenraum, die beiden inneren wiederum heißen auch „München XXL“ und alle zusammen wahrhaftig „Gesamtnetz“. Es gibt Zeitkarten für Zonen, Zeitkarten für Ringe, und man soll es kaum glauben, auch Zeitkarten für beides. Und natürlich Tageskarten für Innenraum, Außenraum, München XXL und Gesamtnetz. Nicht zu vergessen die Streifenkarten. Bei der Ermittlung der Zonen und Ringe, für die man eine Zeitkarte kauft, sind Ringe, die nach ihrem Verlassen nochmals befahren werden müssen, nur einmal zu zählen; Zonen, die nach ihrem Verlassen nochmals befahren werden, sind bei der Zonenermittlung nochmals zu zählen. Das alles natürlich vor Antritt der Fahrt – eigentlich ganz einfach, oder? Also gegen die haben die Tarifpläne von VRS und VRR wirklich nur BLÖD-Zeitungs-Niveau, denn da weiß man ja auch schon mit einem kurzen Blick auf Seite 1, wohin die Reise an diesem Tage inhaltlich gehen wird. Meiner Meinung nach ist dieses Tarifsystem ein Ausdruck akuter Fremdenfeindlichkeit, wobei mit „fremd“ alles außerhalb Münchens gemeint ist, denn nur als Einheimischer mit einer Verweildauer in der Stadt von, sagen wir mal, drei Jahren dürfte das Kunststück gelingen, alle Eigenheiten dieses Systems zu durchschauen.

Und weil sie wissen, dass der normale Besucher, der nicht gerade einen dreiwöchigen Urlaub mit täglicher exzessiver Zonen-, Ringe-, Innen- und Außenraum-Nutzung in München plant, eh niemals durch das System durchsteigt, deshalb ist Bahnfahren in München für Auswärtige, gerade wenn man am Flughafen ankommt, so schön einfach: der liegt nämlich so weit außerhalb, dass man allein für die S-Bahn-Fahrt zum Hauptbahnhof fluffige 10 Euro für den Einzelfahrschein hinlegen darf. Einfache Fahrt, versteht sich. Also kauft man sich direkt eine Tageskarte für den Gesamtraum, dann kann man diese ganzen Absurditäten moderner Tarifsysteme vergessen, ist für jede Kontrolle bestens ausgerüstet und der Münchner Verkehrsverbund freut sich auch, denn die Karten für den Gesamtraum sind natürlich die teuersten. Aber vielleicht werde ich auch nur langsam alt und bin zu doof, dieses System zu verstehen. Und dass, obwohl ich dereinst sogar im Tarifdschungel der Deutschen Bahn den Überblick behalten habe. Vielleicht wird es Zeit für mich, aus dem öffentlichen Nahverkehr abzutreten…

Nachdem ich also nach einer Fahrtzeit von knapp 45 Minuten am Münchner Hauptbahnhof angelangt war, bedurfte ich zunächst dringend einer Stärkung. In München bieten sich da natürlich Nürnberger an, wer weiß, vielleicht sogar aus der Hand von Uli Hoeneß, der Mann, der bekanntlich jeden Pfennig Geld beim FC Bayern früher selbst verdient hat und der nebenbei ja noch eine florierende Wurstfabrik betreibt. Warum nicht, das Zeug schmeckt ja schließlich auch. Ich wandte mich also an einen kleinen Imbissstand mit dem schönen Namen „Rubenbauer im Hbf München“ und erwarb die auf einem Schild korrekt mit „4 Nürnberger mit Semmel“ bezeichnete fränkische Köstlichkeit. Ich erhielt nicht nur den geforderten Imbiss, sondern zu meiner Überraschung auch einen Kassenbon, das bin ich von solch mobilen Imbissständen eigentlich nicht gewohnt. Noch größer war allerdings meine Überraschung, als ich mal einen tieferen Blick auf den elektronischen Beleg richtete. Dort wird die Semmel nämlich wirklich und wahrhaftig mit dem Begriff „Schrippe“ abgerechnet! Schrippe!! Ja, die Bundeshauptstadt ist überall, selbst im Münchner Hauptbahnhof. Ich war in der Tat ein wenig erschüttert. Aber geschmeckt hat es natürlich trotzdem.

Nach diesem Vorgeplänkel mit Gartenzwergen, Tarifsystemen und Berliner Backwaren sowie einem kleineren Aufenthalt bei schönstem Wetter in der Münchener Innenstadt konnte sodann zur Spielbetrachtung geschritten werden. Fortuna trat ohne die verletzten Zoundi und Bröker an, dafür wieder mit Kapitän Lambertz, der seine Sperre abgesessen hatte. Aber den Anfang machten die „Löwen“, denen der Sieg praktisch aufgezwungen werden sollte, konnte man doch allenthalben hören und lesen, dass dies die letzte Gelegenheit sei, mit drei Punkten noch Kurs auf das Aufstiegsrennen in die Erste Liga zu nehmen. Und sie hatten es sich zu Herzen genommen: nach siebzehn Sekunden gab es die erste Ecke für die Gastgeber, den ersten Torschuss nach einsdreißig, und in der 13. Minute stand es 1:0, ohne dass Fortuna bis dahin einmal nennenswert nach vorne gekommen wäre. Ein Treffer, der einen zur Weißglut bringen könnte, weil man ihn schon so oft gesehen hat, aber andererseits stumpft man natürlich auch dementsprechend ab. Ich sag nur: Freistoß – Kopfball – Tor. Den Assist teilten sich diesmal Torwart Melka, Mittelfeldspieler Fink und Offensivmann Rösler. Letzterer war kurz vor der Mittellinie zu Boden gesunken und hatte einen Freistoß gefordert, den er zu Recht nicht erhalten hatte. Daraufhin hatte er sich aufgerappelt und war hinter dem Ball führenden Spieler her gehechelt, da wusste man schon, was kam. Natürlich das Revanche-Frust-Foul ca. 25 Meter vor dem eigenen Tor, halbrechte Position. Ein selten dämlicher Freistoß mit Ansagen, aber ich denke für den Rösler ist es zu spät, um ihm so was beizubringen, der lernt das nicht mehr. Den Freistoß brachte Volland – wie schon so oft ein gegnerischer Spieler in dieser Saison – einfach nur hoch in den Strafraum, und das reichte dann auch schon. Denn Fink ließ den zugeteilten Gegenspieler Kai Bülow einfach laufen, sodass der sich am Fünfmeterraum völlig frei stehend mit dem Kopf nach dem Ball recken konnte, und Melka kam wie so oft zu zögerlich aus dem Tor und damit zu spät, er faustete an Ball und Bülow vorbei und es stand 1:0 für die Gastgeber. So leicht geht das immer noch in dieser Saison. Sie lernen es nicht mehr, diese Freistöße 20 bis 30 Meter vor dem eigenen Tor zu vermeiden und anschließend lernt auch keiner mehr, wie man mit diesen Flanken im eigenen Strafraum umgeht.

Kurz darauf hätte es erneut im Fortuna-Kasten klingeln können. Und zwar nach der ersten Ecke für Fortuna im Spiel! Die hatte „Löwen“-Keeper Kiraly locker gefischt und dann ebenso locker über 80 Meter genau auf Benny Lauth abgeschlagen (wenn man dagegen vergleicht, wohin unsere Torhüter – aktuell also Melka – die Bälle meist dreschen…). Der drang in den Strafraum ein, zog die letzten beiden verbliebenen Abwehrspieler der Fortuna auf sich und legte dann quer auf den mitgelaufenen Volland. Der wiederum wurde zwar von Schwertfeger und dem heraus stürmenden Melka noch bedrängt, kam aber dennoch frei zum Abschluss und darf sich daher auch mal fragen lassen, wie er es schaffte, diesen Ball aus ungefähr sechs Metern neben das Tor zu schlenzen. Nicht dass ich mich beschweren möchte, aber das schien mir schwieriger als einfach mal das 2:0 zu machen. Glück gehabt.

Im Laufe der ersten Halbzeit spielte Fortuna dann auch mit und hatte zwei sehr gute Chancen, beide eingeleitet vom bis dato besten Spieler der Gastmannschaft, Andreas Lambertz. Der legte am Sechzehner zweimal schön auf, einmal auf Rösler, der dann aber nur ein Schüsschen produzierte, welches von Kiraly gefahrlos aufgenommen werden könnte; kurz darauf legte Lambertz nicht zurück, sondern vor, genau in den Lauf von Ilsø, aber der brachte die Kugel nicht an Kiraly vorbei. Das war schon ein dickes Ding zum Ausgleich.

Ein ganz dickes Ding passierte dann kurz vor der Pause: am „Löwen“-Sechzehner grätschte Bodzek zweimal nach dem Ball, die zweite Grätsche traf einen Gegenspieler, mein All-Time-Favorite Schiri Manuel Gräfe pfiff Freistoß für die Gastgeber. Just in diesem Moment rauschten Lambertz und Lovin ineinander, die nicht mehr rechtzeitig hatten abbremsen können. Lambertz erhielt einen Schlag aufs Knie und blieb liegen. Sehr unglücklich natürlich, eine Verletzung in dem Moment, in dem das Spiel unterbrochen wurde. Relativ unverschämt hingegen war, dass Gräfe den sich am Boden windenden Lambertz erstmal zwei Minuten übersah und wohl von einer schauspielerischen Glanzleistung ausging. Auch danach musste er erst recht lautstark dazu bewogen werden, die Betreuer aufs Feld zu lassen, was ihn selbst wiederum dazu animierte, ein kleines Schwätzchen mit Norbert Meier an der Seitenlinie zu halten und diesen zur Mäßigung aufzufordern. Denn der Gräfe, der ist schließlich FIFA-Schiri – wie Babak Rafati -, und das werden nun mal nur die Besten, diejenigen, die mit einem Überblick erfassen können, was los ist. Und Herr Gräfe hatte irgendwie keinen akuten Handlungsbedarf gesehen. Ergebnis dieser kleinen „Schauspieleinlage“ für Lambertz übrigens: Innenbandriss im rechten Knie, Pause auf unbestimmte Zeit. Gerade jetzt, wo er seine Form gefunden hat, auch in diesem Spiel war er bis zu seinem Ausscheiden bester Mann. Und sich dann noch von einem Gräfe nach dem Motto „Steh auf, ist doch nix Besonderes“ behandeln lassen zu müssen, das tut wahrscheinlich doppelt weh.

Und nun wollen wir es kurz machen. Nach der Pause entwickelte sich das Spiel nämlich irgendwie zum Tarifsystem der Münchner Verkehrsbetriebe – man guckte drauf, wusste nicht so richtig, was es bedeuten sollte und wünschte sich, man wäre schon am Ziel. Die Partie verflachte zusehends, es wurden jede Menge Fehlpässe und Stockfehler geboten. Aufreger gab es nur noch drei: zunächst verdaddelte Ilsø meiner Meinung nach leichtfertig den Ausgleich, als er sich an der Strafraumgrenze, von Rösler endlich mal gut angespielt, gegen seinen Gegenspieler durchsetzte und dann versuchte, die Kugel in die lange Ecke zu schlenzen, obwohl er alle Zeit der Welt gehabt hätte, es war nämlich kein Gegenspieler mehr zwischen ihm und dem Tor(wart). Daraus hätte man mehr machen müssen. Immerhin dürfte Ilsø damit hoffentlich gelernt haben, dass es nicht immer so einfach läuft wie gegen Frankfurt.

In der 77. Minute dann doch noch der Ausgleich, verdient, weil Fortuna wirklich gleichwertig war, wobei „gleichwertig“ meint, dass beide Teams dasselbe schwache Niveau aufzuweisen hatten, und die Partie daher keinen Sieger verdient hatte. Ein erkämpfter Ausgleich, der eingewechselte Jovanovic legte mit der Hacke links an der Strafraumgrenze auf Fink, dessen Gegenspieler wurde dabei glücklich und unbeabsichtigt getunnelt, Fink legte den Ball noch mal vor und grätschte ihn dann mit einer seiner wenigen gelungenen Aktionen an den Fünfmeterraum in der Strafraum, wo der ebenfalls eingewechselte Gaus die Kugel mit vollem Körpereinsatz irgendwie per linkem Fuß in die lange Ecke schaufelte, unerreichbar für Kiraly. Ausgleich, obwohl den zwei Fortunen im Strafraum vier „Löwen“ gegenüber standen, die aber nur in der Gegend herum stocherten und weder Fink noch Gaus hindern konnten. Und nachdem Benny Lauth kurz vor Schluss noch die Riesenchance zum Siegtreffer vergab, als er an Torwart Melka, aber auch deutlich am Tor vorbei lupfte, war das Spiel auch aus.

Fortuna holte vor enttäuschenden und größtenteils enttäuschten 15.800 Zuschauern in der Allianz-Arena ein 1:1 beim TSV 1860 München. Nicht schön, aber letzten Ende gerecht und mit dem ziemlich großen Opfer, ihren Kapitän auf unbestimmte Zeit einzubüßen. Ein teuer erkämpfter Punkt, der im Endeffekt keiner der beiden Mannschaften so richtig nutzte. Es gab schon bessere Spiele. Aber immerhin ein Fortschritt, erstmals musste Fortuna in dieser Saison nach einem Rückstand nicht als Verlierer vom Platz gehen.

„Löwen“-Trainer Maurer musste seiner Enttäuschung dann auch noch Ausdruck verleihen, indem er von einem „glücklichen Unentschieden für Fortuna“ sprach und von einem „Wurschtel-Tor“. Naja, Herr Maurer, mit Glück hatte das nix zu tun, das war ein erzwungenes Tor mit der Brechstange, und wenn in dieser Szene irgendjemand „gewurschtelt“ hat, dann wohl eher ihre eigenen vier Abwehrspieler, die es nicht schafften, den Treffer zu verhindern. Aber gut, jeder so wie er mag. Bis zum nächsten Mal, denn aufsteigen werdet ihr mit dieser Truppe auch in dieser Saison mal wieder nicht.

Insgesamt ein netter Ausflug nach Bayern, ein schwaches Spiel, aber immerhin ein Pünktchen – es gab schon schlimmere Trips in dieser Saison. Zumal auch der Rückflug am nächsten Tag gut klappte – ganz ohne Gartenzwerg.

Fortuna verbleibt somit auf Platz 11, mit 29 Punkten, zehn Punkte Vorsprung auf den Abstiegs-Relegationsplatz, elf Punkte Rückstand zur Aufstiegsrelegation. Exakt die Position, die zum erklärten All-Time-Lieblingsziel von Alt-Trainer Uwe Weidemann passt: „Die Großen ärgern“. Wobei es mich schon beruhigen würde, wenn man am nächsten Spieltag den FC Ingolstadt weghauen und damit wohl endgültig die Brücken nach unten abbrechen würde. Dann könnte man mal schauen, inwieweit man die Großen noch ärgern kann. Ärgerlich ist in diesem Zusammenhang allerdings eher, dass wir gegen die nur noch auswärts antreten müssen. In Bochum, in Duisburg, in Augsburg, in Fürth. Bei unserer bekannten „Auswärtsstärke“ sicherlich nicht gerade Traumansetzungen. Allein deswegen sollte man es tunlichst vermeiden, in den nächsten Wochen noch unten reinzurutschen. Ein Kellerkind in Düsseldorf im April und Mai reicht schließlich. Und für diese Rolle kommt ja schon Lena.

Nach Berlin und München jetzt wieder in die kleineren Städte: janus