von Janus: 7. bis 10.Spieltag

 

So, liebe Freunde des rot-weißen Balles, der September ist ins Land gegangen und der Einheitstag ebenfalls. Die aktuelle Situation beim ehemaligen Oberligameister der Herzen gestaltet sich recht erfreulich. Noch immer vermisst kein Mensch die erste Saisonniederlage, es darf gerne in diesem Stil weitergehen. Und die zurück liegenden vier Spiele hatten einiges zu bieten. Wenn auch ergebnistechnisch nicht viel Abwechslung. Legen wir also los, mit der rhetorischen Frage: Sind wir nicht alle ein bisschen 4:2?

Auf den letzten Drücker

Auch Fortuna beteiligte sich noch an den Transferkapriolen Ende August. Auf den letzten Drücker wurden noch zwei Spieler geholt. Der eine war Tobias Levels von Borussia Mönchengladbach, dessen Namen schon länger durch die Düsseldorfer Gazetten gegeistert war. Ein zusätzlicher Spieler für unsere Abwehr, die doch nicht immer ganz sattelfest wirkt. Levels ist von Haus aus rechter Außenverteidiger, also eine weitere Konkurrenz für Christian Weber. Ein Linker, der Johannes van den Bergh mal ein wenig Feuer unterm Hintern macht, wäre mir lieber gewesen. Aber die wachsen halt nicht auf Bäumen.

Außerdem tätigte Fortuna noch eine Ausleihe, die einen ein wenig ratlos zurück lässt: Villyan Bijev, 18-jähriger US-Amerikaner mit bulgarischem Pass, wurde für die Saison ausgeliehen – vom FC Liverpool. Der hat den in den USA als „Wonderkid“ titulierten Stürmer gerade frisch für drei Jahre verpflichtet und möchte nun, dass Bijev Spielpraxis bekommt. Aber dafür ist die Leihe wohl ein wenig zu kurz, oder er wurde von Beginn an für die Zweite Mannschaft in der Regionalliga West eingeplant. Genau dort debütierte er nämlich am 10.09.2011 beim 1:1 in Idar-Oberstein. Aber vielleicht überzeugt der Bubi ja auch in der Ersten Mannschaft, wer weiß. Etwas rätselhaft ist dieses Geschäft auf jeden Fall. Auch wenn es natürlich hellhörig macht, dass ein Verein wie Liverpool uns jetzt schon seinen Nachwuchs leiht. Sollte sich da etwas von unserer Arbeit herumgesprochen haben? Sehr erfreulich.

Wieder ein Rekord

Am Samstag, den 10.09.2011, kam der Karlsruher SC in die esprit-Arena, um pflichtgemäß die drei Punkte abzuliefern. Ganz so leicht wurde es dann allerdings doch nicht. Dank der durchaus flott aufspielenden Gäste und Schiri Kinhöfer wurde es dann doch wieder ein Spektakel. Fortuna gewann vor 27.200 Zuschauern mit 4:2 und blieb im 18. Heimspiel in Folge ungeschlagen – Vereinsrekord für die 2. Liga.

Es mutet langsam wirklich unheimlich an, was die Truppe so auf dem heimischen Rasen hinlegt. Auch in diesem Fall wurde der Karlsruher SC zunächst mal kurz in sauer eingeweckt, nach 22 Minuten stand es 2:0 für Fortuna, und die Gäste hatten sich bereits selbst dezimiert, alles blickte einem schönen Spätsommertag bei sehr schwülem Wetter entgegen.

Aber der Reihe nach: zunächst hätte Weber fast sein erstes Saisontor aus 60 Metern Entfernung erzielt, als sein langer Ball in die Spitze von Rösler nicht mehr erreicht werden konnte, KSC-Keeper Orlishausen sich allerdings auf diesen und nicht auf den Ball konzentriert hatte. Selbiger sprang dann am Torwart, aber auch knapp am Tor vorbei, das wär schon ein nettes Ding geworden. Ebenso wie die Granate aus 18 Metern, die Beister kurz darauf abließ, aber die konnte Orlishausen noch gut entschärfen. In der 12. Minute dann ein langer Ball links in den Strafraum, und Sturmtank Thomas Bröker zeigt mal wieder ungeahnte Qualitäten. Dass er die Kugel erläuft und mit seinem Astralkörper gegen den Gegenspieler abschirmt, okay, das kennen wir, das ist eine seiner herausragenden Eigenschaften. Dass er aber im selben Moment mit Ball einen Kringel um den Spieler dreht und lässig vorbei zieht, ist schon erste Sahne und dem Gegenspieler anscheinend so neu wie so einigen Fans, die stets der Meinung sind, der habe doch technisch gar nichts drauf. Oder vielleicht hat der Gegenspieler, Stefan Müller, vor dem Spiel auch zuviel im Fortuna-Forum gelesen. Sei es wie es sei, auf jeden Fall kommt er nicht hinterher, lässt das Bein stehen, Foul, Elfmeter. Dazu noch Gelb für den düpierten Müller, der in dieser Szene doppelt so alt aussieht, wie das, was sich aus seinem Personalausweis ergibt. Klare Angelegenheit. Ebenso klar wie die Ausführung von Langeneke, der Orlishausen in die falsche Ecke schickt – 1:0.

Sechs Minuten später darf auch Sascha Rösler wieder ran. In den letzten sieben Heimspielen – saisonübergreifend – hat der getroffen, in den bisherigen drei Heimspielen dieser Saison immer das stilbildende 1:0 gemacht. Das hat ihm Langeneke nun geklaut, was für Rösler allerdings kein Grund ist, jetzt die Flinte ins Korn zu werfen. Und deshalb haut er einfach einen Freistoß rein, den er selbst heraus geholt hat. Vom linken Strafraumeck zwirbelt er die Kugel mit links direkt tormittig unter die Latte, weil er gesehen hat, dass Orlishausen vor der Ausführung schon einen Schritt vom Tor weg gemacht hat, da er mit einer Flanke rechnete. Insoweit natürlich ein Torwartfehler, aber das macht den Treffer nicht hässlicher – 2:0.

Zwischen beiden Treffern lag ein gefährlicher Angriff der Karlsruher, als Staffeldt mit einem abgefälschten Schuss Ratajczak zu einer Glanzparade zwang. Ansonsten fielen die Gäste bis dato nicht negativ auf. Im Gegenteil, wiederum nur drei Minuten nach dem zweiten Treffer verabschiedete sich Stefan Müller vom Geschehen, der Spieler, der vor dem Elfmeter Gelb gesehen hatte. Dämliche beidbeinige Grätsche von hinten gegen Beister im Mittelfeld, Gelb/Rot nach 21 Minuten. Elfmeter verursacht, nach noch nicht einmal einem Viertel der Spielzeit vom Platz geflogen – es war eindeutig nicht Müllers Tag. Zum Glück nahm er sich kein Beispiel an seinem Pendant auf der linken Abwehrseite – Thorben Stadler spielte wesentlich souveräner und hatte in der ersten Halbzeit seinen Gegenspieler Maxi Beister eigentlich sehr gut im Griff.

Und nun hätte man eigentlich den Nachmittag mit einem gemütlichen Spielchen ausklingen lassen. Aber dagegen hatten einige Herren etwas. Zunächst Rechtsverteidiger Christian Weber, der einen Ball aus 30 Metern Entfernung zum eigenen Keeper zurück legen wollte und sich dabei total verschätzte oder den Ball nicht voll traf, keine Ahnung. Egal wie, es wurde ein schöner Pass in den Lauf der letzten Karlsruher Neuerwerbung am Ende der Transferperiode, ein Stürmer aus Kamerun mit dem klangvollen Namen Louis Ngwat Mahop. Der lief jetzt also dem Ball hinterher aufs Tor zu, Ratajczak eilte aus Selbigem heraus, verließ dabei den Sechzehner und bekam den Schuss von Mahop an den Arm. Schiri Kinhöfer ließ erst weiter spielen, besann sich dann aber auf Wink seines Assistenten, pfiff Freistoß und zog Rot für den Fortuna-Keeper. Naja. Also hierbei Absicht zu unterstellen, wenn der Keeper aus ca. drei Metern Entfernung angeschossen wird, das halte ich schon für sehr bedenklich. Man kann sich auch achtzig Zeitlupen anschauen und wird immer noch nicht sicher sein. Für mich eine Konzessionsentscheidung des Schiris, nachdem er zwei Minuten zuvor den Karlsruher vom Feld gestellt hatte. Eine eher zweifelhafte Entscheidung, die Ratajczak anschließend zwei Spiele Sperre einbrachte.

Die Überzahl der Fortuna hatte somit ganze zwei Minuten gedauert, dann kam Ösi-Keeper Robert Almer zu seinem Saisondebüt, für ihn musste der eh schon angeschlagene Oliver Fink weichen. Almer führte sich gleich gut ein, indem er nämlich den anschließenden Freistoß sicher halten konnte.
Aber danach gab es einen kleinen Bruch im Spiel der Fortuna, den der KSC nutzte, um besser ins Spiel zu kommen. Zwar blieben sie größtenteils harmlos im Abschluss, tauchten aber immer öfter gefährlich am Strafraum auf und hatten vor allem ein deutliches Übergewicht im Mittelfeld. So kamen sie auch nicht unverdient zwei Minuten vor der Pause zum Anschlusstreffer, nach einer herausragenden Trainingskombination, schnelles direktes Spiel nach links in den Strafraum, wo Iaschwili nur noch in die Mitte auflegen musste und der zweite Müller in Reihen der Gäste, mit Vornamen Bogdan, abstauben konnte. Anschließend war Pause und aus dem gemütlichen Nachmittag war wieder ein Zitterspiel geworden. Dazu hatte das Schiri-Gespann um Kinhöfer dann auch noch beigetragen, indem sie zweimal allein aufs Tor zustrebende Fortunen aufgrund angeblicher Abseitsstellungen zurück pfiffen bzw. winkten – beide Entscheidungen waren mal so richtig schön falsch und, höflich formuliert, unglücklich.

Zu Beginn der zweiten Halbzeit brachte Trainer Meier den Spanier Juanan für Rösler, also einen Abwehrspieler für einen Stürmer, und stürzte ganze Heerscharen von Wechsel-Mythologen wieder in den hellen Wahnsinn, wozu das denn jetzt gut sein sollte. Wollte der Trainer nun 45 Minuten versuchen, den Vorsprung über die Zeit zu retten, eine Spielweise, die die Mannschaft normalerweise keine zehn Minuten lang beherrscht? Zum Glück war dem nicht so, er brachte Juanan, um die Doppel-Sechs wieder herzustellen, die durch die Auswechslung von Fink erzwungenermaßen gesprengt worden war. Beister zog er von seinem unbequemen Gegenspieler ab und machte ihn zur einzigen Spitze. Dort verhungerte der Maxi erst volle sieben Minuten, dann bekam er seinen langen Ball, spielte mal wieder Gegenspieler und Rasenstücke schwindlig, scheiterte allerdings frei vor Orlishausen. Anschließend ging alles wieder seinen gewohnten Gang, Karlsruhe zwar mit mehr Spielanteilen und auch nicht übel nach vorne, allerdings ohne die letzte Konsequenz, sie spielten einfach keine Torchancen heraus. Und hinten hatten sie eine echte Trümmerabwehr am Start, die unseren fixen Jungs an diesem Tag auch geistig nicht gewachsen war, was an zwei Szenen deutlich wurde. Zunächst wurde Lambertz auf halblinks gefoult, ungefähr 25 Meter vor dem Tor. Für ihn nichts Neues, war es doch bereits das dritte Foul an ihm binnen zehn Minuten, immer an so ziemlich derselben Stelle. Deshalb hielt er sich diesmal auch nicht lange auf, war ruckzuck wieder auf den Beinen, während seine beiden Gegenspieler noch beim Schiri lamentierten. Lambertz führte den Freistoß sofort aus, flach in den Lauf von Beister, der links im Strafraum seinen Gegenspieler überlief und aus spitzem Winkel aufs Tor schießen konnte. Orlishausen ließ nur abprallen und Bröker staubte ab – 3:1. Ich glaub, als der Ball im Netz einschlug, stand Lambertz` Gegenspieler noch beim Schiri und beschwerte sich über den Freistoß.

Kurz darauf eine ähnliche Szene, und wieder war ein Fortune geistesgegenwärtiger. Beister wieder über links, von der Grundlinie flacher Pass in den Fünfmeterraum, und eigentlich hat KSC-Spieler Staffeldt den Ball. Bevor er dies allerdings merkt, ist wieder Bröker da, klaut ihm die Kugel und mogelt sie unter Orlishausen durch – das alles auf dem Radius eines Bierdeckels und mit ca. 50 Zentimetern Abstand zum Torwart. Unglaublich, 4:1.

Zwischen den beiden Treffern war bereits Maxi Beister erneut völlig frei vor Orlishausen aufgetaucht, der allerdings den Lupfer relativ problemlos fischen konnte. Wer hat dem Beister auch erzählt, dass man gegen eine 1,93 m-Kante ausgerechnet lupfen solle? Somit hatte Beister diesmal zwei Hundertprozentige vergeben, dafür aber zwei Treffer vorbereitet. Quasi eine schwarze Null.

Mit dem 4:1 war das Spiel natürlich durch, auch wenn der KSC im Offensivspiel sicherlich nicht drei Tore schlechter war, aber die Abwehr war nunmal eine Zumutung. Dass unsere auch weiterhin die eine oder andere Macke hat, konnte man beim 2:4 durch Mahop sehen. Diesmal war es der Kameruner, der sich am Fünfmeterraum auf engstem Raum gegen Langeneke durchsetzen und den Ball am Boden liegend aus der Drehung in die lange Ecke schaufeln konnte. Sehr schön anzusehen. Es störte nur gewaltig, dass Mahop den Ball beim Zuspiel eindeutig mit der Hand gestoppt hatte, aber davon ließ sich Kinhöfer diesmal nicht beeindrucken. Bei solchen Fehlentscheidungen wundert man sich schon, wenn man dann doch so glatt gewinnt.

Fortuna siegte mit 4:2, blieb weiter ungeschlagen und rückte auf Platz 3 der Tabelle vor. Der KSC verlor sein viertes Spiel in Folge und sollte schleunigst in gezielte Abwehrarbeit investieren, will man sich nicht wieder langfristig in der Tabelle nach unten orientieren. Nach vorne war das nämlich gar nicht schlecht, was die Badener so spielten. Zum Glück an jenem Tag für uns nicht gut genug.

Und was meinte Sascha Rösler zu seiner Auswechslung zur Pause? „Wir haben uns das Leben selbst schwer gemacht, der Platzverweis hat uns aber nicht umgehauen. Wir haben verdient gewonnen. Wichtig ist, dass du Spieler vorne drin hast, die schnell sind – nicht so wie ich.“ Ein wahres Wort, wenn man grad zuvor mal wieder einen Treffer mit drei Schritten Anlauf erzielt hat.

On the way to Erzgebirge

Am 16.09.2011 gab es die nächste Auswärtsnuss zu knacken. Fortuna musste bei Erzgebirge Aue antreten, das zwar nicht besonders aus den Startlöchern gekommen war, aber zuhause immer noch eine Macht ist. Der Termin, freitags um 18.00 Uhr, war denn auch nicht sonderlich dafür geeignet, Tausende von Fortuna-Fans ins Erzgebirge zu bringen, sind ja um die 600 Kilometer. Der Spieltermin war auch kein Irrtum von der DFL, schließlich mussten wir in der letzten Saison, fast genau ein Jahr her, ebenfalls freitags dort ran. Diese Partie scheint bei der DFL wohl als „arbeitsgeberfreundlicher Termin“ fest verbucht zu sein, denn ohne Urlaub war es kaum machbar. Ein Glück, dass wir es gemacht haben!

Wir brachen um 10.00 Uhr von Bonn aus auf, um möglichst weit zu kommen, bevor der Freitagnachmittag-Verkehr einsetzte. Klappte auch ganz gut, das Autobahn- und Bundesstraßengehüpfe, bis man auf der A 4 nach Dresden landete. Ab da ging es eigentlich ganz lange nur noch der Straße nach.
Aber eben nur eigentlich. Der erste Stau erwischte uns in Hessen, obwohl der Streckenabschnitt doch „Friedewald“ hieß. War aber alles Andere als friedlich, sechs Kilometer nach Unfall. Wir fuhren ab und nahmen die Hürde mit einer Spazierfahrt durch die hessischen Wälder, auf einer Straße, die kurioserweise nahezu direkt neben der Autobahn verlief. Zwischen den Bäumen konnte man immer wieder einen Blick auf die Fahrbahn werfen, und als dort der Verkehr wieder lief, wurde die Reise einfach an der nächsten Auffahrt auf der A 4 fortgesetzt. Sehr praktisch, wenn die Umleitung gar keine Umleitung, sondern eine Parallelstrecke ist.

Das war allerdings auch das letzte Mal, dass wir so etwas zu Gesicht bekamen. Als wir nach Thüringen einschwebten – deutlich erkennbar daran, dass die Straße plötzlich um ein Vielfaches besser wurde –, nahm der Verkehr zu, aber es ging noch. Erfurt, Gotha – alles gut. Dann aber die Verkehrsdurchsage, dass sich zwischen Weimar und Jena in einer Baustelle ein Unfall ereignet hätte, nebst zehn Kilometern Stau. Somit fuhren wir in Weimar wieder von der Autobahn runter, und es wurde kurios.

Die Bundesstraße, auf der wir landeten, führte einmal ganz um Weimar herum und sollte dann wieder auf die nächste Auffahrt stoßen. Ziemlicher Umweg. Als wir grad schön im Ampelstau auf dem Weg nach Weimar hinein standen, kam die Durchsage, dass die Unfallstelle geräumt sei. Dies wurde von der Dame im Navigationsgerät dergestalt interpretiert, dass der Stau in kurzer Zeit Geschichte sein musste, sodass sie plötzlich mit „Demnächst bitte wenden!“ artikulierte. Dies war aber eine Fehlinformation, denn die Unfallstelle befand sich in einer großen Baustelle, der Verkehr nahm zu, und deshalb blieb es dort bei zehn Kilometern Stop and Go, auch als der Unfall erledigt war. Zum Glück wurde dies über den Lokalsender auch durchgesagt, sodass wir beschlossen, das Navi zu ignorieren. Ich weiß schon, warum ich die Dinger nicht in meinem eigenen Auto haben will.

Da für die nächste Zeit mit dem technischen Helferlein somit nichts mehr anzufangen war – bis zur nächsten Verkehrsmeldung eine halbe Stunde später bestand die Dame alle paar Minuten darauf, umzudrehen –, und der Weg über die Bundesstraße doch als zu großer Umweg anzusehen war, wollten wir nun auf eigenen Faust quer durch Weimar zur übernächsten Auffahrt gelangen. Als Hilfsmittel diente ein eher skizzenhafter Stadtplan zur groben Orientierung, den ich im Autoatlas der Fahrerin fand. Also mal richtig oldschool. Das Ergebnis dürfte dann auch nicht überraschen: wir mussten an einer Stelle rechts abbiegen, an der der Stadtplan nur eine einzige unbenamste Straße zum Abbiegen anzeigte. Leider gab es in der Realität ein halbes Dutzend dieser Straßen, an denen man rechts abbiegen konnte. Fröhlich wählten wir nach dem Zufallsprinzip eine aus, verfuhren uns total in einem Wohngebiet, kehrten auf die Hauptstraße zurück, juckelten nach Weimar hinein, dort war die Ausschilderung besser, wir fuhren Richtung Apolda, quetschten uns durch enge Gassen und sahen auf der Landstraße schon das Autobahn-Schild – da wurde die Verkehrsmitteilung aktualisiert, mehr als zehn Kilometer Stau, Apolda war auch dicht, von dort aus wären es noch locker mehrere Kilometer Stop and Go gewesen. Dies bekam diesmal auch unser Navi mit und lotste uns quasi von der Auffahrt weg, damit wir nun doch über die Bundesstraße nach Jena gelangen konnten. Dies beinhaltete dann allerdings noch mehr Wohngebiete sowie eine Durchfahrt, die verdammt nach einem Obstgarten aussah, rechts und links der etwas, hm, baufälligen Straße standen Apfelbäume, man durfte nur 30 fahren, und ich wartete die ganze Zeit darauf, dass uns ein Apfelregen aufs Dach trommeln würde, denn die Äste mit den reifen Früchten bogen sich beidseitig bis auf Höhe der Straße herüber. Und wir hatten noch Glück, denn wir konnten fahren, auf der Gegenfahrbahn ging eine Zeitlang nichts mehr: dort begegneten wir einem Lkw, der mitten auf der Spur stand, Warnblinkanlage an, vom Fahrer „Silvio“, wie das Schild hinter der Windschutzscheibe verhieß, war nicht das Geringste zu sehen, und hinter ihm staute sich natürlich alles. Vielleicht wollte sich Silvio ja auch mal schnell ein Körbchen Äpfel pflücken, wer weiß. Wir waren froh, dort endlich rauszukommen.

Nachdem wir also halb Weimar und Umgebung auf diese Weise kennen gelernt hatten, gelangten wir endlich auf die Bundesstraße nach Jena. Auf der Strecke verblüffte uns zunächst der Anblick eines Autohändlers, dessen Ausstellungsgelände sich mitten in der Pampa befand, da gab es, so weit das Auge reichte, wirklich nur Feld, Wald, Wiesen und einen Autohändler. Wahrscheinlich mit einem konspirativen Manager, der so Sätze drauf hat wie „Hier hab ich einen schönen Gebrauchten für Sie, spottbillig, und ich beantworte auch keine Fragen nach der Herkunft.“ Warum sollte der sonst sein Geschäft mitten ins Nirgendwo setzen? Dachte ich mir noch so, bevor ich einige Kilometer weiter, ebenfalls im Nichts, des Flugplatzes Weimar ansichtig wurde. Gibt es also auch. Scheint irgendwie eine lohnende Gegend zu sein.

In Jena musste dann der Übergang von der B 9 auf die B 88 erfolgen, die uns dann schnurstracks wieder auf die Autobahn führen würde. Aber machen wir uns nichts vor, der Teil der Umfahrungen, über die man lachen konnte, war ja schon längst vorbei: auch die B 88 führte mitten durch Jena. Am Freitagnachmittag. Und die Strecke gewann auch nichts an künstlerischer Qualität dadurch, dass der Weg auf die B 88 zunächst durch eine Baustelle versperrt wurde. Also ein Umweg, um auf den Umweg zu gelangen. Mitten durch einen älteren Stadtteil von Jena, mit ellenlangen Autoschlangen und minutenlangen Wartezeiten wegen Rechts vor Links. Es wurde immer besser. Die Krönung war zweifelsohne, als wir zuletzt noch eine Straße bergauf fahren mussten, an deren Kuppe eine Ampel stand. Bis wir bei diesem Verkehr den Berg gemeistert hatten, konnte meine Fahrerin prima Anfahren am Berg üben, es dauerte ungezählte Ampelphasen. Und während wir mal wieder auf der Steigung standen und auf Grün warteten, entdeckte ich ein Schild an der Hofeinfahrt, direkt neben uns: „Erzählcafé im Hof“ stand darauf, ohne weitere Erklärung, also frag mich bitte niemand, was dort erzählt wurde, ich habe keine Ahnung. Ich weiß nur, an jenem Nachmittag, nach unzähligen Ampeln, Wartezeiten, Staumeldungen und Fortbewegungen im besseren Spaziergängertempo verspürte ich plötzlich große Lust, auf der Stelle auszusteigen und den Herrschaften in ihrem Erzählcafé mal in aller Ruhe zu erzählen, warum hier grad alles Scheiße war. Ich tat es dann doch nicht, die konnten ja nichts dafür, und außerdem, wenn ich erstmal angefangen hätte, zu erzählen…ich glaube, dann hätte ich gleich am nächsten Tag Carl Zeiss Jena in der 3. Liga anschauen können, so lange hätte das wohl gedauert.

Nachdem wir auf der Bundesstraße dann auch noch die Heimat von Carl Zeiss, den Ernst-Abbe-Sportpark, passiert hatten (unter Wiedererkennung des Parkplatzes, den wir bei unserem Spiel dort im Jahr 2006 belegt hatten), ging es dann endlich wieder auf die A 4 und sogar staufrei! Die Fahrerin drückte auf die Tube, um die letzten 100 km abzureißen, wiederum gebremst von einer Unfalleinlage, diesmal auf der A 72, der Zielautobahn. Nochmal alles außen rum, so langsam wirkten die Landstraßen auch nicht mehr idyllisch. Immerhin durchfuhren wir dann Zwickau und kamen am Westsachsenstadion vorbei, wo wir in den 1990er Jahren auch schon 2. Liga gespielt hatten. Ein Déjà vu nach dem anderen. Anschließend kurz auf die A 72, dann dort wieder ab und die letzten paar Kilometer wieder über Land. An dieser Ausfahrt brauchten wir übrigens eine halbe Stunde, um von der Autobahn runter zu kommen, was diesmal allerdings nicht an Stau oder Unfall lag: in der Abfahrt musste alles, was Richtung Aue wollte, links abbiegen. Keine Ampel, und auf der Hauptstraße war gut Betrieb. Maximal ein Wagen schaffte es jedes Mal über die Kreuzung, dann mussten wieder Fahrzeuge von rechts oder links abgewartet werden, bis sich die nächste Lücke auftat. Warum ich darauf eingehe? Nun, das ging so langsam, dass wir relativ zügig einen Rückstau bis auf die Autobahn hatten, logisch. Direkt der Kreuzung gegenüber standen vier Einsatzwagen der Dresdner Polizei, deren Besatzungen anscheinend damit beschäftigt waren, das herrliche Wetter zu genießen. Nicht einer stellte sich mal kurz auf die Straße und winkte dreißig von den Abfahrern durch, um den Rückstau ein wenig zu entzerren. Vielleicht hatten sie ja noch dienstfrei. Oder hätten wirklich erst eingreifen dürfen, wenn es auf der Autobahn gekracht hätte. Ein Witz.

Nach insgesamt sieben Stunden Fahrt kamen wir somit glücklich im – wie heißt das Ding jetzt? – Sparkassen-Erzgebirgsstadion an. Ein schönes kleines altes Stadion im Tal, umgeben von bewaldeten Hügeln, bei bestem Wetter. Sehr romantisch. Interessierte mich zu diesem Zeitpunkt einen Scheiß. Ich war nur froh, dass wir es noch rechtzeitig geschafft hatten. Mich wunderte hier auch nix mehr, beispielsweise, dass es dort so eng ist, dass Autos, die zu Sonderparkplätzen am Kunstrasen neben dem Stadion vorfahren, dies mitten durch die Zuschauermenge tun müssen, weil es sich um die Wege direkt vor den Tribünen handelt, an denen auch die Verpflegungsstände stehen. Sehr apart, wenn einem alle zwei Minuten ein Wagen fast die Hacken abfährt. Aber ist natürlich für die Einheimischen Routine.

Nach dieser Anfahrt war klar, dass wir nicht hierher gekommen waren, um uns ein pisseliges 0:0 anzuschauen. Würde ja die ganze Rückfahrt verderben. Ein Glück, dass die Mannschaft zwar am Tage vorher viel stressfreier angekommen war, aber wohl wusste, wie die Straßen rund um Weimar und Jena am Spieltag ausgesehen hatten. Und deshalb zelebrierten sie uns auch ein außergewöhnliches Spiel. Damit man auf der Rückfahrt reichlich zu erzählen haben würde.

Haue für Aue

Ja, an diesem Kalauer komm ich jetzt nicht vorbei. Schließlich gibt es normalerweise sportlich wenig zu lachen, wenn man zu Erzgebirge Aue fährt. Und diesmal musste Trainer Meier die Mannschaft auch noch ganz schön umbauen. Für den gesperrten Keeper Ratajczak stand wieder Ösi Robert Almer im Tor. Für den verletzten Fink rotierte etwas überraschend unser Australier Robbie Kruse im linken Mittelfeld ins Team. Und wer Ösis und Australier bringt, der macht auch vor den richtigen Exoten nicht Halt. Für Christian Weber, der mit seinem Riesenbock beim Spiel zuvor die Rote Karte für Ratajczak erst verursacht hatte, spielte auf der rechten Abwehrseite erstmals der Ex-Mönchengladbacher Tobias Levels. Gleich drei Startelf-Debüts in einem Spiel, da kann man schon mal unruhig werden.

Aber nicht bei Fortuna im September 2011. Man rieb sich die Augen, aber das Bild blieb bestehen – Fortuna zerlegte Erzgebirge Aue in der ersten Halbzeit in deren Bestandteile. Und das bei einem Auswärtsspiel, man mochte es kaum glauben. An diesem lauen Sommerabend liefen die Gastgeber erst einmal nur hinterher. Und kamen regelmäßig zu spät. Fortuna dominierte nach Belieben, und die Treffer fielen zwangsläufig.

Nach einer Viertelstunde rutschte der Auer Marc Hensel am eigenen Sechzehner auf dem Ball aus, als er das Spielgerät unter Kontrolle bringen wollte. Von hinten, also im Strafraum der Erzgebirgler, stahl sich Sascha Rösler heran, klaute Hensel die Kugel und wurde anschließend von diesem niedergerungen. Ein Pfiff – und ich dachte erst, es gäbe Freistoß. Ich saß so flach zum Spielfeld hin, dass die Perspektive etwas ungünstig war. Deshalb staunte ich erst, dass Aue keine Mauer aufbaute, bis mir ein Licht aufging: das Foul ereignete sich ganz knapp im Strafraum, daher gab es Elfmeter! Noch bevor ich dies richtig realisiert hatte, hatte Langeneke die Kugel bereits versenkt – 1:0 Fortuna. Und ein bisschen ausgleichende Gerechtigkeit, hatte doch genau dieser Hensel ein Jahr zuvor fünf Minuten vor Spielende den 1:0-Siegtreffer gegen uns markiert. Eine schöne Buße, dieser Stockfehler.

Vier Minuten später eine der unfassbarsten Szenen der jüngeren Fortuna-Geschichte. Schöne Kombination rechts in den Strafraum, Beister legt quer auf den langen Pfosten, und dort taucht Sascha Rösler auf, völlig frei, drei Meter bis zum Tor, Keeper Männel hechelt noch von der Tormitte hinterher, die Ecke ist völlig leer – und der Rösler bringt das Kunststück fertig, den Ball links am Tor vorbei zu setzen. Das war schon rein physikalisch eigentlich unmöglich. Ein Hammer. Rösler selbst konnte es nicht glauben, und die 10.100 Zuschauer im Stadion ebenfalls nicht. Ich unterstelle mal, dass den Ball jeder, auch jeder Einheimische, bereits drin gesehen hatte. Unglaublich.

Aber zum Glück gibt es neben Sascha Rösler, dem Strafraumspieler, ja auch noch Sascha Rösler, den Standardschützen. Wiederum nur vier Minuten später zirkelte der als Wiedergutmachung einfach einen 20-m-Freistoß von halbrechts als Aufsetzer in die rechte Ecke – 2:0. Da musste er ja auch vorher nicht extra in den Strafraum laufen, vielleicht hatte ihn dies zuvor ausgepowert. Es war tatsächlich sein erstes Auswärtstor für Fortuna seit seiner Verpflichtung im letzten Sommer!

Den Scorerpunkt bekam übrigens wieder ein Gegenspieler: Adli Lachheb hatte zunächst mit einem astreinen Bodycheck gegen Beister den Freistoß verursacht, bei der anschließenden Ausführung drehte er sich zu früh aus der Mauer heraus, und genau durch diese Lücke hämmerte Rösler die Kugel ins Netz.

Dann zog Thomas Bröker noch seine Schau ab, servierte uns einen dreifachen Rittberger am linken Auer Strafraumeck. Dreimal vor- und zurück gefummelt, drei, vier Auer konnten sein Gekreisel auf Bierdeckelradius nicht stören, und er kam sogar noch zum Abschluss, der Lupfer hätte fast gepasst, landete aber nur auf dem Netz. Fortuna turmhoch überlegen, die Gastgeber bekamen kein Bein auf die Erde, die Einheimischen pfiffen, was die erzgebirglerischen Lungen hergaben. 2:0 zur Pause – eigentlich zu wenig, wenn man ehrlich war.

Aue-Trainer Rico Schmitt hatte wohl in der Kabine eine ordentliche Ansage getätigt und untermauerte dies mit einer Aktion, die man auch nur selten zu Gesicht bekommt: er wechselte zu Beginn der zweiten Halbzeit komplett durch, brachte alle drei erlaubten Ersatzspieler. Ganz schön mutig. Kempe, Kocer und Publikumsliebling Curri für die gelbbelasteten Schlitte und Lachheb sowie für den enttäuschenden Kern. Volles Risiko ohne Rücksicht auf Verluste. Und er wurde belohnt, weil Fortuna anscheinend dachte, die zweite Halbzeit nun im Schongang runterspielen zu können. Es dauerte keine vier Minuten, und dann war Leben in der Bude.

Zunächst noch ein schöner Konter der Fortunen, Kruse lief links in den Strafraum, nur noch ein Gegenspieler an ihm dran. Er hätte nur quer in die Mitte auf Beister legen müssen, der völlig frei stand, und die Sache wäre wahrscheinlich erledigt gewesen. Kruse übersah ihn, verbummelte den Ball, und im Gegenzug schlug es ein. Flacher Pass auf Sturmtank Ronny König, der steht mit dem Rücken zum Tor an der Sechzehnmeterlinie. Er ringelt sich um Langeneke herum, der in dieser Situation nicht ganz so toll aussieht, macht noch ein, zwei Schritte Richtung Tor, Almer kommt heraus, und König biggelt die Kugel an ihm vorbei. Der Ball kullert gegen den linken Innenpfosten und rollt mit letzter Kraft über die Torlinie. 1:2 mit dem wirklich ersten Torschuss der Gastgeber, Torwart Almer hatte bis dato nicht einen Ernst zu nehmenden Ball auf sein Gehäuse bekommen.

Sofort explodierte das Stadion stimmungstechnisch, und jetzt hatte man den Salat. Fortuna gab das Spiel komplett aus der Hand. Man ließ zwar hinten weiterhin nicht allzu viel zu, kam aber kaum noch nach vorne. Und wenn, dann verdaddelte man beste Einschusschancen und hielt das Spiel dadurch weiter spannend. Bodzek aus 16 Metern in die Arme von Männel, Beister scheiterte im ersten Versuch an einem Gegenspieler und jagte den Nachschuss aus zehn Metern am Tor vorbei – zum Kuckuck, sogar Levels hätte das vorentscheidende 3:1 machen können, als er nach mächtigem Sprint über das halbe Feld von Bodzek angespielt wurde, aber den Ball dann übers Tor setzte. Und den haben wir nu wirklich nicht zum Toreschießen geholt.

Und wie es dann so geht, wenn man den Gegner wieder aufbaut, ihm das Spiel überlässt und selbst die dicksten Konterchancen versiebt – in der 72. Minute zog der eingewechselte Kocer genau vom linken Strafraumeck mal ab, Beinschuss für den vor ihm postierten Sascha Rösler, und die Kugel sauste diagonal durch den Strafraum ins rechte Eck. Ausgleich, 2:2 – alles wieder auf Null. Als ob es die tolle erste Halbzeit nie gegeben hätte. Das hat man nun davon.

Aber Fortuna kann in dieser Saison noch zurückschlagen, das klappte in den letzten Jahren eigentlich eher selten. Es gab noch eine bange Sekunde zu überstehen. Der ebenfalls eingewechselte Kempe ließ noch einen Böller aus 20 Metern los, und das Ding hätte gepasst, aber Almer konnte die beste Parade des Abends zeigen. Und dann war Gänsehaut angesagt.
In der 84. Minute Eckball für Fortuna von rechts, der eingewechselte Ken Ilsø bringt den Ball, und Kleiderschrank Assani Lukimya schraubt sich in die Höhe und wuchtet die Kugel links oben in den Winkel. „Ausgerechnet“ der Luki, der noch kein Tor in der 2. Liga erzielt hatte. Man staunt ja schon, dass der in der zweiten Halbzeit überhaupt noch Zeit hatte, mit nach vorne zu kommen. Der Treffer war die Krönung seiner wieder mal sehr guten Leistung und der K.O. für Aue. Davon erholten sie sich nicht mehr, und Fortuna konnte den Sack zu machen. Der ebenfalls eingewechselte Juanan erhöhte in der Schlussminute noch auf 4:2, nachdem er von Bröker traumhaft angespielt worden war, versenkte er den Ball volley im langen Eck mit seiner zweiten Ballberührung. Auch Juanan war eigentlich eingewechselt worden, um hinten den Vorsprung zu sichern. Ja macht denn hier jeder, was er will? In diesem Fall war es haargenau das Richtige.

Fortuna gewann mit 4:2 in Aue, holte den ersten Auswärtssieg der Saison. Am Ende verdient, aber man machte es unnötig spannend. Aber andererseits – solche Spiele will man doch sehen, wenn man vorher sieben Stunden durch fünf Bundesländer über die Straßen gejuckelt ist. Welch ein Drama, welch ein schöner Ausflug!

PS 1: Die Rückfahrt dauerte bis Bonn knapp viereinhalb Stunden. Und da waren auch noch zwei Pausen mit drin. Was hätte man auf der Hinfahrt noch alles sehen können, wenn es so zügig gegangen wäre! Aber Weimar und Jena sind ja auch schon eine gute Ausbeute…

PS 2: Das Spiel endete dann doch in einer kleinen Kuriosität: 1:0 durch Langeneke mit Elfmeter, 2:0 durch Rösler mit Freistoß, Endstand 4:2 – exakt dasselbe wie eine Woche zuvor gegen Karlsruhe. Man hätte sich also keine Sorgen machen müssen. Aber das weiß man ja vorher nicht. Zum Glück.

Wackelknie gegen neun

Acht Tage später, Samstag, den 24.09.2011, erschien Energie Cottbus zum sportlichen Vergleich in der esprit-Arena. Es war ein strahlender Spätsommertag, wobei dies keine Rolle spielte. Es ist egal, wie das Wetter ist, es ist egal, welcher Verein der Gast ist – wenn dieser Verein Pelé Wollitz mitbringt, ist immer was los. Ob mit Uerdingen, Osnabrück oder Cottbus, Pelé rockt den Laden. Ob Regen, Schnee oder Sonnenschein, Betriebstemperatur ist bei dem Mann eh immer 100 Grad Celsius, und er braucht keine 30 Sekunden, um überzukochen. Ich weiß nicht, ob das bei seinen Gastspielen in anderen Stadien auch regelmäßig der Fall ist, aber für Düsseldorf hat es sich mittlerweile eingebürgert, dass auch die Spiele gegen Wollitz-Truppen immer zu den Highlights der Saison zählen. In der einen oder anderen Weise. Diesmal war es ein bisschen von beiden.

Da man nach dieser Partie, so sie nicht verloren werden sollte, genau ein Jahr im heimischen Stadion unbesiegt sein würde, sah die Mannschaft den Gegner zunächst wohl als unerwünschten Störenfried an, den man möglichst verzugslos aus der Arena schießen sollte, damit man umgehend mit den Feierlichkeiten beginnen könne. Und weil Cottbus dies genauso sah und artig Gastgeschenke mitgebracht hatte, war eigentlich alles für einen lauschigen Samstagnachmittag gerichtet – nach 25 Minuten führte Fortuna mit 3:0. Drei Geschenke des Gegners gnadenlos ausgenutzt, so was kennt man bei der Fortuna auch eher selten. Normalerweise werden von solchen Hundertprozentigen erst einmal fünf Stück vergeben, anschließend wundert man sich dann, warum man keine mehr bekommt. Aber diesmal wurden die zum Teil wirklich peinlichen Fehler der Gäste konsequent bestraft. Vielleicht wollten die ja auch nur ihren Trainer auf Vordermann bringen, um sich mehr Schwung von außen zu erhoffen. Falls es so gedacht war, klappte die Planung perfekt, schon nach drei Minuten war bei Wollitz Schnappatmung angesagt: Schuss von Lambertz aus 18 Metern, nicht besonders kraftvoll, auch nicht sehr platziert. Immerhin, kurz vor Torwart Kirschbaum landete die Kugel auf dem Rasen, aber ein „tückischer Aufsetzer“ ist etwas ganz anderes. Und was machte der Unglücksvogel im Cottbusser Kasten, natürlich zu unserem Glück? Er ließ die Kugel abprallen, und dann auch noch schön nach vorne weg und nicht zur Seite. Und zwar genau vor die Füße von Maxi Beister, der dies als Einziger gewusst und deshalb durchgelaufen war. Als Lohn für soviel Geistesgegenwart durfte er sich auch gleich als Torschütze feiern lassen – 1:0 durch seinen Schlenzer links oben in den Torwinkel, Auftakt nach Maß.

Anschließend hatte Fortuna die einzige Schrecksekunde der ersten Hälfte zu überstehen. Nur wenige Minuten nach der Führung gab es Freistoß für Cottbus, ungefähr 20 Meter vor dem Tor, leicht mittige Position. Torwart Almer stellte die Mauer atemberaubend schlecht, und Energie-Stürmer Rangelov konnte sich quasi die Ecke aussuchen. Er suchte sich die rechte aus, Almer hatte auf die andere spekuliert und schaute dem Ball nur staunend hinterher. Zum Glück prallte die Kugel vom Außenpfosten ab, Almer hätte absolut keine Chance gehabt, sie zu erwischen. Geht das schon wieder los? Und ich dachte immer, Bälle souverän am Tor vorbei gucken wäre eine Spezialität von Michael Melka gewesen. So etwas brauch ich eigentlich nicht mehr, zumal auch der sich des Öfteren mal verguckt hatte. Dazu noch diese grottenschlechte Mauer…alles in allem sicherlich kein Ruhmesblatt für unseren Ösi, diese Szene. Aber es ging ja gut, und fortan ward Cottbus in der ersten Hälfte nicht mehr vorne gesichtet, während sie hinten brav weiter Geschenke verteilten.

In der 17. Minute eines dieser Tore, die man gerne verpasst, weil es so schnell geht, dass es, kaum dass man erfasst hat, worum es geht, schon vorbei ist. Die Cottbusser führen in der eigenen Hälfte knapp vor dem Strafraum den Ball und werden anscheinend vom fortunistischen Pressing erschreckt. Aber anstatt den Ball dann nach vorne zu dreschen, legt ein Abwehrrecke quer auf seinen Mitspieler, den Brasilianer Roger – nur leider genau in dessen Rücken. Somit gerät dieser Querpass als perfekte Vorlage für Sascha Rösler. Und dem gelingt momentan so viel, dass er sich gar nicht lange aufhält: drei Schritte Anlauf zum Ball, dann zimmert er die Pille mit links aus 18 Metern genau links oben in den Giebel – 2:0. Derzeit könnte der auch von der Eckfahne schießen und würde ins Tor treffen. Wollitz führt den bekannten Bärentanz an der Seitenlinie auf

Wiederum nur sechs Minuten später eigentlich die größte Lachnummer des Spiels. Im Cottbusser Strafraum, an der Torauslinie hat Hünemeier den Ball eigentlich sicher. Bis auch ihn das Schicksal ereilt, vom alten Mann vorgeführt zu werden: Rösler grätscht sich den Ball, völlig regelkonform, läuft aus spitzem Winkel auf Torwart Kirschbaum zu und leitet ein mehrsekündiges Tohuwabohu ein: seinen Rückpass versemmelt nämlich Ken Ilsø, der den verletzten Bröker ersetzte, ziemlich kläglich, aus vier Metern rutscht ihm der Ball über den Schlappen, trifft einen schräg von ihm postierten Abwehrspieler am Kopf, aber der Ball prallt zurück, Ilsø schaltet gedankenschnell und bringt die Kugel noch Richtung Tormitte, wo Beister ebenfalls frei steht, der trifft die Kugel auch nicht voll, sein Gegenspieler kann vor der Linie klären, erwischt den Ball aber ebenfalls nicht richtig, weshalb dieser zu Beister zurück findet, der ihn endlich über die Torlinie drischt. Was für ein Chaos, aber mit Happyend, die Kugel ist drin – 3:0. Wollitz an der Seitenlinie ist akut schlaganfallgefährdet, brüllt alles und jeden in seiner Umgebung an. Und wahrscheinlich nicht nur in seiner Umgebung, der Lautstärke nach zu urteilen.

3:0 nach noch nicht einmal einer halben Stunde – wie schon geschrieben, das sah nach einem lauschigen Samstagnachmittag aus. Der Gegner nach vorne nur mit einer einzigen Szene, hinten mit teilweise wirklich grotesken Fehlern, die eigene Mannschaft nutzt plötzlich konsequent auch größte Tormöglichkeiten, und sei es durch dreimaliges Nachstochern. Was sollte da schon schief gehen?

Zumal es ja noch besser kam. Unmittelbar nach Wiederanpfiff ein langer Ball über die rechte Seite nach vorne, Ken Ilsø kämpft sich gegen Roger durch, jedoch mit unfairen Mitteln. Er kommt allerdings an ihm vorbei, und just als der Schiri die Pfeife zum Munde führt, tritt Roger noch mal kräftig nach, dass es den Ken fast aus den Schuhen haut. Und wieder gibt es was für das Rekordbüchlein, nämlich die schnellste Rote Karte in der Arena, eine Minute und sieben Sekunden nach Wiederbeginn. Selbst Schuld, kann man dem Brasilianer nur sagen, denn nach seinem Abgang wurde das Spiel mit einem Freistoß für Cottbus fortgesetzt – völlig zu Recht, schließlich hatte Ilsø zuerst gefoult, der dafür auch Gelb sah. Cottbus durch diese Unbeherrschtheit somit auch noch eine komplette Hälfte in Unterzahl. In diesem Moment, wird Wollitz später gestehen, habe er sich ein wenig Sorgen gemacht und gedacht: ohoh, wohin führt das heute noch? Ein 0:5 gegen 1860 München steht schon auf der Cottbusser Liste für diese Saison, hier sah es so aus, als ob es noch ein wenig derber werden würde.

Aber das Gegenteil trat ein. Zwei Minuten später hielt Kirschbaum einen Kopfball von Lukimya aus Nahdistanz großartig, ein toller Reflex. Es war der erste Ball, den der Gäste-Keeper in diesem Spiel abwehren konnte. Und das machte den Gästen wohl Mut, während Fortuna nach dieser Chance dachte, es ginge jetzt automatisch so weiter, ohne dass man noch etwas investieren müsse.

Also pennte man binnen drei Minuten zweimal kurz und fing sich zwei nahezu identische Gegentore, nach 55 Minuten stand es nur noch 3:2 – einfach unglaublich.
Identisch an den Toren war die Ausgangsposition, es gab jeweils Freistoß von der halbrechten Seite, nahezu vom selben Punkt. Beide Freistöße trat Ziebig in die Mitte, den einen verwertete Rangelov per Kopf, den zweiten Hünemeier. Beim ersten Gegentreffer sah Torwart Almer alt aus, der Aufsetzer passte zwar genau in die linke Ecke, war aber sehr lange unterwegs, unser Keeper stand allerdings auch sehr lange auf der Linie und guckte sich das an, als er sich bewegte, war es dann zu spät. Den zweiten Treffer kann sich Lukimya auf die Fahne schreiben, der an Hünemeier zwar dran aber doch nur daneben war, sodass der Ex-Dortmunder mit dem Rücken zum Tor und einer schnellen Drehung rechts unten einköpfen konnte, diesmal keine Chance für Almer. Es war nicht zu fassen, wie schon in Aue gab Fortuna das Spiel direkt zu Beginn der zweiten Halbzeit aus der Hand und ließ sich zwei Gegentreffer einschenken, diesmal sogar von einem Gegner in Unterzahl. Es machte wieder einmal deutlich, dass wir in unserer Konzentration nicht nachlassen dürfen. Sobald wir das tun, hat der Gegner sofort Chancen und macht auch Tore. Dafür sind wir anscheinend noch nicht abgeklärt genug.

Zum Glück war es kein komplettes „Aue reloaded“, denn diesmal hatten wir ja eins mehr vorgelegt und lagen nach den obligatorischen zwei Gegentreffern folgerichtig noch eins vorn. Mit erheblichen Wackelknien ging es somit in die letzte halbe Stunde des Spiels. Cottbus versuchte alles, aber man muss auch ehrlich sein – eine echte Torchance spielten sie nicht heraus. Einzig zwei Freistöße sorgten noch für ein wenig Nervenflattern, verfehlten aber jeweils das Ziel deutlich. Dennoch war es eine zittrige Angelegenheit, das Spiel zu beobachten und daran zu denken, dass jederzeit mal wieder so ein Bällchen durchrutschen oder viermal abgefälscht werden könnte, und dann wäre die Blamage perfekt gewesen. Aber anders wär ja auch langweilig.

Es wurde auch nicht besser, als Cottbus sich nochmals selbst dezimierte und ihr gefährlichster Stürmer Rangelov mit Gelb/Rot vom Platz musste. Dies ließ Herrn Wollitz an der Seitenlinie dann richtig steil gehen, er fühlte sich ungerecht behandelt. Über den Platzverweis lässt sich allerdings nicht sonderlich diskutieren: aus der Cottbusser Hälfte wurde ein langer Ball nach vorne gespielt, Rangelov wollte sich gegen Bodzek absetzen und verteilte etwas Ähnliches wie eine Kopfnuss mit der Hand, um den Gegenspieler aus dem Weg zu räumen und tat dies eine Sekunde zu spät – genau in dem Moment als der Schiri zu ihm hin schaute. Und was bitteschön sollte der dann machen? Rangelov hatte schon Gelb, und für eine ähnliche Szene hatte der Unparteiische ja zuvor auf der anderen Seite Ilsø verwarnt. Folgerichtig blieb auch hier nur Gelb/Rot übrig.

Auch gegen acht Feldspieler fand Fortuna nicht zur Souveränität der ersten Hälfte zurück, es gab sogar den besagten zweiten Freistoß für Energie, den Einwechselspieler Kronaveter allerdings ein gutes Stück neben das Tor setzte. Fortuna erholte sich langsam, hatte auch ein paar Konterchancen, aber sie verpufften wirkungslos oder man scheiterte an Kirschbaum, der in der zweiten Hälfte wesentlich sicherer wirkte und einiges wegfischte.

Zum Schluss der Partie war Cottbus platt, und Fortuna legte doch noch einen nach, mit einem schönen Konter, zwei gegen zwei, und Sascha Rösler, in der Pause anscheinend unters Sauerstoffzelt gelegt und daher immer noch auf dem Platz, trieb die Kugel nach vorne, versetzte den einen Gegenspieler mit einem Bauerntrick, zog dadurch den zweiten auf sich und spielte dann im richtigen Moment quer auf den eingewechselten Adriano Grimaldi. Der Ex-Mainzer behielt zehn Meter vor dem Tor die Ruhe und schob gegen Kirschbaum zum 4:2 ein, zugleich der Endstand, da der Schiri nach dem Treffer gar nicht mehr anpfeifen ließ.

Puuuh! Was zur Pause nach einem Schützenfest aussah, entpuppte sich als zähes Stück Arbeit, als Spiel eher gegen die eigenen Nerven als gegen neun Gegner. So konnte man natürlich keinen Blumentopf gewinnen, die eher eventbasierten Zuschauer unter den 25.000 gingen denn auch nicht ganz zufrieden nach Hause. Muss man verstehen, wenn die erst in den letzten zwei Jahren wieder zur Fortuna gefunden haben und eh nur die Heimspiele besuchen, dann haben sie seitdem fast ausschließlich Siege gesehen, die denken wahrscheinlich, das ist schon in der Eintrittskarte mit drin und somit ihr gutes Recht. Deshalb möchten sie nur noch gut unterhalten werden, und genau das fehlte natürlich in der zweiten Hälfte, als das Team sich über die Runden quälte. Da kann man schon mal verzugslos nach dem Schlusspfiff von der Tribüne abhauen, vor sich hin schimpfend, den Kopf gesenkt, als habe man grad 0:2 verloren. Es waren nicht viele, aber doch einige, die den Sieg ihrer Mannschaft auf diese Weise „feierten“. Und dabei übersahen, dass schon wieder ein paar Bestleistungen fällig waren: ein Jahr zuhause unbesiegt, 19 Spiele, 18 Siege, ein Unentschieden. Außerdem das dritte 4:2 in Folge – das gab`s laut Statistik des Quizsenders noch nie in der 2. Liga. Langweilig ist also was Anderes. Auch wenn Andere das noch nicht so ganz verstehen.

Nicht fehlen darf hier natürlich der Schlussauftritt von Pelé Wollitz. Der gab sich bei der Pressekonferenz eigentlich recht moderat, nachdem er zuvor schon gut auf den Schiedsrichter abgeladen hatte, der ihn übrigens eine Minute vor Schluss doch noch auf die Tribüne geschickt hatte. Aber einen hatte er noch: auf die Nachfrage, worüber er sich denn beim zweiten Platzverweis so geärgert habe, holte der große Soziologe noch mal die Moralkeule raus und antwortete, dass es ja leider heutzutage in der Gesellschaft modern sei, auf Leute, die schon am Boden liegen, noch einzutreten. Gemeint hat er damit, dass man den Platzverweis nun wirklich nicht hätte geben müssen, um seine bereits dezimierte Mannschaft noch mehr zu schädigen, quasi mangelndes Fingerspitzengefühl. Aber der Seitenhieb auf die moderne Gesellschaft, der musste noch kommen – ausgerechnet von einem, dem man nun wirklich keinen normalen Alltag mit normaler Bezahlung nachsagen kann, und der daher bestimmt ganz besonders gut weiß, wie es ist, wenn man wirklich verzweifelt ist und noch einen reingewürgt bekommt. War in etwas so gehaltvoll wie damals, als Arbeitsminister Effe im Playboy über Arbeitslose räsonierte. Da hat der Pelé also gerade noch rechtzeitig die Kurve bekommen und wieder wirren Unsinn erzählt. Schade, den Rest seiner Aussage auf der Pressekonferenz hätte ich ihm nämlich fast abgekauft.

Fortuna siegte somit in allen Spielen im September mit 4:2, was in der Monatsabrechnung Platz 2 erbrachte, hinter Greuther Fürth und noch vor den Erstliga-Absteigern St. Pauli und Frankfurt. Und vor Platz 5, gehalten von Eintracht Braunschweig. Wo man zum nächsten Spiel am Tag der Deutschen Einheit antreten musste. Somit also ein kleines Spitzenspiel. Aber eigentlich von vorne herein ein Langweiler. Als die beiden Teams zuletzt aufeinander trafen, im Jahr 2009 in der 3. Liga, hatte die Partie bekanntlich 5:5 geendet. Wie sollte das noch getoppt werden?

Ein Einheitspünktchen

Wir erwiesen also dem Tag der Deutschen Einheit unsere Referenz, indem wir ins ehemalige Zonenrandgebiet fuhren. sport1 sei Dank, nicht dass jemand auf die Idee käme, solch einen Feiertag an einem Montag als verlängertes Wochenende zur Erholung zu nutzen. Auch beide Teams dachten nicht daran, ein müdes Spätsommer-Gekicke abzuliefern, sie wollten eindeutig etwas bieten. Und da Schiri Wingenbach aus Diez derselben Meinung war, gab es für die 23.000 Zuschauer vor Ort keinen Grund, sich an jenem Feiertag zu erholen. Auch wenn das Ergebnis vielleicht darauf hindeuten mag: Eintracht Braunschweig und Fortuna Düsseldorf trennten sich nämlich einheitsgerecht schiedlich-friedlich 1:1.

Aber schiedlich-friedlich war nur das Ergebnis. Das Spiel war eines der nickligen Sorte, was allerdings auch dem Schiri geschuldet war, der einen großen Tag erwischt hatte. Und so zeigte er auch schon nach sieben Spielminuten auf den Elfmeterpunkt, als Tobias Levels einen Braunschweiger im Strafraum fällte. Beziehungsweise eben nicht, das war ein Elfmeter der berühmten Art „Kann man geben, muss man aber nicht.“ Herr Wingenbach wollte offenkundig, auch wenn man mit fünf Metern Vorlauf schon erkennen konnte, dass der Braunschweiger stürzen würde. Ich schätze mal, dies tat unser Mecker-Opa Sascha Rösler dem Schiri nach dem anschließenden Pfiff auch kund, weshalb der ihn gleich mal mit Gelb belegte. Auweia, noch 83 Minuten zu spielen und der Motzki schon verwarnt. Dazu machte Pfitzner den Elfer für Braunschweig problemlos rein und Fortuna lag 0:1 zurück. Kein guter Anfang.

Der auch zunächst keine gute Fortsetzung fand, in der ersten halben Stunde fand Fortuna nach vorne kaum statt, einzig Thomas Bröker, nach überstandener Verletzung wieder im Team, sorgte für ein wenig Gefahr. Braunschweig überlegen, viel aggressiver und mit mehr Laufbereitschaft, was der Schiri dahin gehend honorierte, dass er in der ersten Hälfte eigentlich nur Fortunen verwarnte, für dieselben Aktionen bei Braunschweig allerdings weiter spielen ließ. Im Falle Lambertz gab es Gelb für eine Attacke, bei der sich im Nachhinein heraus stellte, dass der den Gegner gar nicht getroffen hatte, auch Sascha Dum durfte sich den Karton mal aus der Nähe betrachten, für einen Pressschlag. Schon etwas unlustig, wenn der Schiri offenkundig eher zur Heimmannschaft tendiert. Wir wollen aber nicht verschweigen, dass er als fairer Sportsmann ja auch noch eine zweite Hälfte im Gepäck hatte…

Nachdem von Braunschweig trotz ihrer Feldüberlegenheit bis auf einige gefährliche Fernschüsse auch nichts Weltbewegendes mehr vor dem fortunistischen Gehäuse gesichtet werden konnte, kam der Gast langsam besser auf und zog die Zügel ein wenig an. Und prompt schlug es ein. In der 38. Minute erzielte Maxi Beister nach mal wieder fulminantem Antritt den Ausgleich, als er aus knapp 18 Metern mit links flach ins rechte Eck traf. Dann freute er sich mal zwei Sekunden, um daraufhin fassungslos den Kopf zu schütteln – Schiri Wingenbach gab den Treffer nämlich nicht. Rösler, im passiven Abseits stehend, soll den Torwart behindert haben und dadurch seine „passive“ Abseitsstellung in eine „aktive“ verwandelt haben. Der Mann stand an der Sechzehnermeterlinie, somit 15 Meter vom Keeper auf der Linie entfernt, und lief unmittelbar vor dem Schuss von Beister aus der Schussbahn. Besonders gut ist das aus der Hintertor-Perspektive zu sehen. Das Ding durfte man im Leben nicht abpfeifen. Hatte der Schiri im Übrigen zunächst auch nicht, aber dann wedelte sein Assistent, dreimal so weit vom Geschehen entfernt, mit seinem Fähnchen, und Wingenbach annullierte den Treffer. Ganz Braunschweig im Stadion lachte sich kaputt, deren Trainer Torsten Lieberknecht fiel nach dem Spiel auch nichts dazu ein, was die Aberkennung des Treffers irgendwie gerechtfertigt hätte. Ein bitterer Witz auf unsere Kosten. So ging es dann mit einem 0:1, drei Gelben Karten und dem nicht gegebenen regulären Ausgleichstreffer in die Pause. Wir hatten schon mal mehr gelacht.

Aber zum Glück war es ein Abend, an dem sich in der zweiten Hälfte alles ausglich, inklusive Schiedsrichter-Leistung. Der hatte anscheinend spätestens nach der Szene, als er Beister nach einer knappen Stunde einen klaren Elfer verweigerte – war wahrscheinlich zu eindeutig -, ein wenig Mitleid mit dem gebeutelten Gast. Und plötzlich pfiff er genau das ab, was die Braunschweiger in der ersten Halbzeit alles noch ungestraft hatten tun können, und zeigte auch bei denen fleißig die Gelbe Karte. Irgendwann verlor ich den Überblick, wer auf beiden Seiten schon verwarnt worden war, ich glaube, zum Schluss waren es insgesamt acht Spieler. Und bei so circa dreien hätte ich auch gesagt, dass die Verwarnungen berechtigt waren. Durch sein ständiges Kartenziehen kam er allerdings in der Schlussviertelstunde in die Verlegenheit, nun bald mal den ersten Feldverweis aussprechen zu müssen, es liefen beiderseitig schon mehrere Spieler mit „letzten Ermahnungen“ durch die Gegend. Dies traute er sich allerdings offenkundig nicht, um das Spiel nicht noch eskalieren zu lassen, sodass er zum Schluss wieder erstaunlich viel durchwinkte. Eine eher abenteuerliche Leistung des Unparteiischen an jenem Abend.

Dass es für die Fortuna noch zu einem Punktgewinn reichte, ging auch völlig in Ordnung. Zwar hatte man noch eine Doppelchance der Braunschweiger durch Boland und Fetsch zu überstehen, aber dann sah man von denen nicht mehr viel, und die Unsrigen hatten genügend Möglichkeiten, das Spiel frühzeitig in der 2. Halbzeit auszugleichen. Unser Trainer sorgte dann noch für ein Novum seiner Fortuna-Geschichte. Der wechselte im Laufe der zweiten Halbzeit Ilsø, Kruse und Grimaldi ein und behielt Beister, Rösler und Bröker auf dem Feld! Ich glaube, so viele offensive Spieler hatte der in seiner Zeit bei Fortuna noch nie gleichzeitig auf dem Platz. Ich war sogar drauf und dran, einen Stosstrupp von der Tribüne nach unten zu entsenden, um mal aufzuklären, ob auf der Bank noch ein gewisser Norbert Meier säße oder ob der schon unbekannt verschollen sei. War er natürlich nicht. Er hatte nur endlich mal den Mut, nicht nur ein bisschen mehr Druck aufzubauen, sondern ordentlich Zunder zu geben. Und so hatten wir zum Schluss so viele Offensive auf dem Platz, dass beispielsweise Bröker zwischenzeitlich mal den rechten Verteidiger geben musste, damit man sich im und um den Braunschwieger Strafraum nicht gegenseitig auf die Füße trat. Bröker selbst hatte auch schon nach 55 Minuten die dickste Chance auf den Ausgleich, als er frei vor dem Tor nach Kopfball-Ablage von Rösler den Ball aus acht Metern über das Gehäuse setzte. Es gab genügend gute Gelegenheiten, den Gastgebern einen einzuschenken, aber an jenem Abend konnte es natürlich nur noch ein Elfmeter sein. Und zwar nicht der glasklare an Beister. Da der Schiri ja die zweite Hälfte spiegelverkehrt zur ersten auslegte, wartete er natürlich geschickt, bis auch die Braunschweiger ihr „Kann man geben, muss man aber nicht“-Erlebnis hatten. In der 85. Minute war es so weit, Beister stolperte in den Fuß von Henn, der seine Gräten nicht rechtzeitig aus der Gefahrenzone manövrieren konnte. Schiri Wingenbach entschied auch hier auf Strafstoß, und Henn war die ärmste Sau am Platze, hatte er doch kurz zuvor noch auf der Linie gerettet. So schnell kanns gehen. Jens Langeneke blieb kühl bis ans Herz und vollstreckte locker zum hochverdienten 1:1. Und nur eine Minute später wäre es fast noch der Sieg gewesen, als Beister nach einer schönen Kombination alleine auf Keeper Davari zulief, allerdings aus recht spitzem Winkel. Und deshalb traf er dann auch nur das Außennetz, als er Davari in die kurze Ecke überlisten wollte. Schade schade, aber ich denke, wenn man das gesamte Spiel nimmt, ging das Unentschieden in Ordnung. Auch wenn ich den Sieg natürlich ohne zu zögern mitgenommen hätte.
Und was waren die wichtigsten Erkenntnisse nach diesem spannenden Spiel? Trainer Meier kann auch auswärts totaloffensiv wechseln, jetzt wird er uns langsam unheimlich. Sascha Rösler kann 83 Minuten mit einer Gelben Karte spielen und erlebt sogar den Schlusspfiff auf dem Rasen mit. Das ist eigentlich noch unheimlicher. Wohin soll das alles noch führen? Nun, an jenem Abend führte das Spiel nur dazu, dass wir anschließend für die 700 Meter vom Parkplatz bis zur Autobahn eine geschlagene Stunde brauchten. Und das war nicht unheimlich, sondern einfach nur unheimlich nervig. Aber so endet halt jedes gute Spitzenspiel.

Fortuna bleibt somit auch nach zehn Spieltagen in der neuen Saison noch ungeschlagen und steht auf Platz 3 der Tabelle. Sehr schön. Und damit uns nicht allzu langweilig wird, fahren wir nach dem länderspielfreien Wochenende gleich mal wieder auswärts. Und natürlich mal wieder montags, weil uns sport1 derzeit so lieb hat und auf die paar Auswärtsfahrer wie üblich pfeift. Es geht nämlich wieder nicht gerade „um die Ecke“, sondern nach Hamburg. Zum aktuellen Tabellenzweiten FC St. Pauli. Da kann die Mannschaft richtig zeigen, was sie drauf hat. Und sich schon mal darauf freuen, dass man diese beiden Hämmer in der Rückrunde nacheinander zuhause haben wird.

Glaubt, dass das alles Festwochen werden: janus