von Janus: 1.und 2. Spieltag

 

Halleluja, sie spielen wieder! Seit dem 18.07.2011 ist auch die beste Mannschaft der Welt wieder im Geschäft. Wobei man nun wirklich nicht meckern kann, schließlich dauerte die diesjährige Sommerpause nur knappe zwei Monate und war somit erheblich kürzer als im letzten Jahr. Da wir Fans aber eh der Meinung sind, die Bagage könnte ruhig ganzjährig durchspielen, waren auch diese zwei Monate natürlich so quälend lang wie es diese Einleitung nicht sein sollte. Also, los geht’s mit der Saison 2011/12 und Fortuna Düsseldorf!

Naturgemäß ist die Sommerpause die Zeit des Personalwechsels. Zwar wurde einiges schon unmittelbar vor dem Abschluss der letzten Saison festgezurrt, aber ein Großteil dieser Aktivitäten fiel in die Zeit nach dem 15.05.2011. Selbstverständlich holte der beste Verein der Welt auch nur diejenigen Spieler, die am besten zu ihm passen und ließ auch nur diejenigen gehen, die nicht mehr weiterhelfen konnten. Wie in jedem Verein zu jeder Sommerpause.

Abgänge

Damit man neue Spieler holen kann, muss der aktuelle Kader natürlich ein wenig ausgedünnt werden, wenn man nicht mit 35 Leutchen in die neue Saison gehen möchte. Ein Großteil der Abgänge war schon zum Saisonschluss bekannt und hier auch berichtstechnisch bereits abgefrühstückt: Aufstiegsheld Marco Christ zum SV Wehen Wiesbaden, Gelbe-Karten-Held Marcel Gaus zum FSV Frankfurt. Der Brasilianer Tiago aus der Innenverteidigung wechselte „down under“, nach Newcastle in Australien. Patrick Zoundi wurde sich mit Union Berlin einig, er hat es mittlerweile wohl doch nicht mehr so eilig, zur Familie nach Belgien heimzukommen. Auch Ersatzkeeper Max Schulze Niehues verließ den Verein. So weit schon alles klar.

Zwei Abgänge gab es noch in der Sommerpause. Zwei Namen, die der regelmäßige Leser dieser Seiten in den kommenden Monaten vermissen wird, prägten sie doch durchaus die Berichterstattung der vergangenen Jahre. Aber ich kann’s nicht ändern, auch bei mir macht die Moderne nicht halt.
Da war zum einen die Torwartfrage. Die sportliche Leitung hatte verlauten lassen, dass man mit den Leistungen der beiden Michaels – Ratajczak wie Melka – in der abgelaufenen Saison nicht zufrieden gewesen sei. Auf so ziemlich demselben Niveau. Da beide noch einen Vertrag bis 2012 hatten, wollten man einen Keeper abgeben, um durch eine Neuverpflichtung den Konkurrenzkampf zu schüren und bessere Leistungen auf der Linie herauszukitzeln. Nach einigem Überlegen fiel die Wahl des Abgangs auf Michael Melka, ich schätze mal, sein Alter – 32 – wird da eine gewisse Rolle gespielt haben. Melka wechselte zum Zweitliga-Absteiger RW Oberhausen, geht also wieder in der 3. Liga zwischen die Pfosten. Der Micha! Unser Aufstiegstorwart, ein Mann, mit dem man seit seinem Wechsel von Borussia Mönchengladbach zu uns im Jahr 2007 doch schon die eine oder andere Geschichte verbindet.

Der Super-Micha, der sich damals direkt mit zwei gehaltenen Elfmetern in den ersten beiden Auswärtsspielen bei Union Berlin und dem Wuppertaler SV einführte, die man auch deswegen beide mit 1:0 gewann.

Der Rekord-Micha, der anschließend die Gelegenheit beim Schopfe packte und den aktuell gültigen Vereinsrekord für Spiele ohne Gegentor aufstellte – in der Zeit vom 28.07. bis 15.09.2007 blieb er 802 Minuten am Stück ohne Gegentor, acht volle Spiele und das neunte bis zur 82. Minute. Dass so etwas bei uns nicht alltäglich ist, kann man daran sehen, dass die alte Bestmarke, die er damit pulverisierte, noch von Jörg Schmadtke stammte und zum damaligen Zeitpunkt bereits 15 Jahre alt war.

Der Lachnummer-Micha, der sich im März 2009 einen Platz im Ewigen Kuriositäten-Kabinett des deutschen Fußballs sicherte, als er im Spiel bei Jahn Regensburg einen Handabschlag an der Strafraumgrenze gegen den Rücken eines Regensburgers donnerte, von wo der Ball schnurstracks ins Fortuna-Tor flog; zum Glück konnten er und wir prima darüber lachen, schließlich gewann Fortuna das Spiel trotzdem mit 2:1.

Und natürlich Legenden-Micha, der bei legendären 5:5 im Mai 2009 in Braunschweig trotz fünf Gegentreffern mit Abstand bester Fortune auf dem Platz war, noch mehrere Unhaltbare rausholte und sogar zwei Elfmeter hielt; wären seine Vorderleute an jenem Sonntag nicht in Bummelstreik getreten, wäre seine Leistung sicherlich noch viel legendärer ausgefallen.

Nun ist der „Lange“ also weg, in die Nachbarschaft zum Drittliga-Neuling. Sicherlich soll er in Oberhausen, das sein Team nach dem Abstieg komplett neu aufbauen musste, mit all seiner Routine und Erfahrung eine Leitwolf-Funktion übernehmen. Ich wünsche alles Gute und danke für vier Jahre Fortuna mit Höhen und Tiefen, aber die Höhen und die positiven Erinnerungen überwiegen sicherlich.

Und noch ein weiterer Abgang macht betroffen, und hier, liebe regelmäßige janus-Leser, muss nicht nur ich, sondern müsst auch ihr stark sein: Der schöne Claus grätscht nicht mehr bei Fortuna!

Ja, ich weiß, es erscheint unfassbar, aber Claus Costa hat den Verein verlassen. Nach fünf Jahren, in denen vor jedem Saisonstart immer klar war, wer die schönste Axt im Walde in seinen Reihen hat. Fernab von jeder gutmütigen Stichelei ist es aber auch schade, dass Costa weg ist. Einer, der immer geduldig auf seine Chance wartete und sie eigentlich jedes Mal nutzte, wenn er dran war. Seine Mängel in der Spieleröffnung dürften ihm zum Verhängnis geworden sein, auf der Sechser-Position kam er an Fink und Bodzek nicht mehr dauerhaft vorbei, als mit Aouadhi ein weiterer Spieler verpflichtet worden war, der diese Position spielen kann und technisch ein bisschen mehr drauf haben dürfte, war es das für Costa. Er heuerte beim Zweitliga-Absteiger VfL Osnabrück an, und Fortuna honorierte sein wirklich einwandfreies Verhalten in den vergangenen fünf Jahren, besonders neben dem Platz, indem man ihm keine Steine in den Weg legte, denn auch er hatte eigentlich noch Vertrag bis 2012. Mach`s gut, Claus, und schönen Gruß an die Grasnarbe in Osnabrück. Ich zweifle nicht daran, dass ihr bald gute Freunde sein werdet, denn ich sehe Costa in Osnabrück absolut als Stammspieler. Und dann hat der Wechsel ja auch für alle Beteiligten Sinn gemacht.

Nachdem der Kader nunmehr also um die genannten Personen reduziert wurde, macht sich zunächst mal ein unangenehmes Gefühl bei mir breit. Ich kann es noch nicht einmal beschreiben, es ist wahrscheinlich diese gewisse Hilflosigkeit, die einen schon mal befallen kann, wenn man mal wieder merkt, wie schnell die Welt da draußen manchmal an einem vorüber zu ziehen scheint. Denn was sagen euch die Namen Langeneke, Lambertz, Jovanovic und Schwertfeger (sowie mit Abstrichen – weil damals kein Einsatz – Ratajczak)? Jawohl, das sind die letzten Heroen aus dem gesamten Kader, mit dem Fortuna nach zehn Jahren Dritt- und Viertklassigkeit wieder in die 2. Liga gelangte. Vier Mann! Und der Aufstieg ereignete sich bekanntermaßen nicht vor zwanzig, sondern vor zwei Jahren. Der geneigte Fan wird hoffentlich verstehen, warum ich mal kurz inne halten muss. Um dann doch zu unseren Neuzugängen überzuleiten. Denn natürlich heißt es auch bei uns: The Show must go on! Und zwar möglichst besser als zuvor.

Zugänge

Zwei neue Spieler bei Fortuna hatte ich bereits zum Ablauf der vergangenen Saison erwähnt: Robbie Kruse aus Australien und Karim Aouadhi aus Tunesien. Während Stürmer Kruse einen guten Eindruck in der Vorbereitung hinterließ und ein wenig Sydney-Surf-Bräune aufs Feld bringt, war Abwehrspieler Aouadhi zunächst ein ziemliches Ärgernis, wobei ihn selbst nicht die geringste Schuld traf. Es ging um seinen Vertrag in Tunesien und die Einreisemodalitäten in Deutschland, zwei Themen, bei denen man täglich neue Wasserstandsmeldungen lesen konnte. Was sich zunächst doch recht deprimierend anließ, konnte dann aber noch dahin gehend gewendet werden, dass Aouadhi zum Trainingslager im österreichischen Maria Alm nachreisen konnte. Das ganze Kuddelmuddel konnte somit rechtzeitig entwirrt werden, gut für ihn und für uns.

Da nun im Tor nach den Abgängen von Melka und Schulze Niehues zwei Positionen frei waren, holte man auch zwei neue Leute. Vom FK Austria Wien kam Robert Almer. Der Österreicher ist 29 Jahre alt, 1,94 Meter lang und dürfte wohl der Mann sein, der Michael Ratajczak Feuer unterm Hintern machen soll. Leider konnte er dies in der Vorbereitung selten zeigen, was nicht an ihm lag, sondern eher daran, dass es selten was aufs Tor gab, wenn Almer die Kiste hütete. Der Platz des dritten Torwarts, somit erster Anwärter auf die Position des Stammkeepers in der Zweiten Mannschaft, wurde an Markus Krauss vergeben, 23-jähriger Schlussmann vom VfB Stuttgart II.

Da für den Sturm deutlich Nachholbedarf bestand, verpflichtete man Adriano Grimaldi vom FSV Mainz 05 II. Der 20-jährige Stürmer kam mit der Empfehlung von bereits sechs Einsätzen im Erstliga-Team der Mainzer. Allerdings hatte er einen Großteil der letzten Saison doch eher bei der Zweiten Mannschaft verbracht, mit der er unter anderem Fortuna II beim Mainzer Gastspiel am Flinger Broich zu Beginn des Jahres in der Regionalliga West zwei Eier ins Netz gelegt hatte. Der hatte also noch etwas gut zu machen, sicherlich ein Mann mit Perspektive, der in den Testspielen ausnehmend gut gefallen konnte. Eine ziemliche Bubi-Sturm-Abteilung mit Königs, Beister, Kruse und Grimaldi, aber das muss ja kein Fehler sein.

Um die Abwehr weiter zu stärken, holten wir noch einen Spieler mit sehr wohlklingendem Namen: Juan Antonio González Fernández. Wer denkt da nicht sofort an Stierkämpfe, sei es in einer Arena auf dem spanischen Land oder zwischen gehörnten touristischen Eheleuten an einem Strand der Costa del Sol? Zum Glück wird der gute Mann schlicht „Juanan“ genannt, das ist sowohl leichter zu merken als auch auszusprechen. Juanan kommt von Real Madrid Castilla, das ist das Farmteam der „Königlichen“, also quasi Real Madrid II, beheimatet in der dritten spanischen Liga. Mal sehen, was man dort so lernt.

Nach einem Spieler aus Spanien, einem Spieler aus Tunesien und einem Spieler aus Australien leisteten wir uns dann noch einen richtigen Exoten: Fortuna lieh Jules Schwadorf für zwei Jahre aus. Das 18-jährige Talent für das linke offensive Mittelfeld kam aus der A-Jugend von Bayer Leverkusen und pinselte zuvor auf seiner Facebook-Seite schon mal „Ich werde immer FC-Fan bleiben“, wobei mit dem Äffzeh natürlich der 1. FC Köln gemeint war. Ein Leverkusener Köln-Fan, der nach Düsseldorf kommt – man sieht, wir machen vor gar nichts halt…

Wobei man bei Schwadorf wie bei den beiden letzten Spielern, die neu im Kader sind, wohl doch erst einmal damit rechnen muss, sie bei der Zweiten Mannschaft auflaufen zu sehen: aus der eigenen Jugend kommen Tugrut Eral und Jeron Hazaimeh, um sich eventuell für die Zweitliga-Mannschaft zu empfehlen. Aber wie gesagt, die Zwote würde sich auch sehr über die beiden freuen.

Abgestiegen? Wird überschätzt.

Denn unsere Zweite Mannschaft spielt trotz ihres Abstiegs aus der Regionalliga West auch in der nächsten Saison wieder in der Regionalliga West. Wie das? Ganz einfach. Nach richtig schlechter Rückrunde riss man sich zum Ende der Saison noch einmal am Riemen. In den letzten vier Spielen holte man zehn Punkte, war sogar erfolgreicher als Aufsteiger Preußen Münster in diesem Zeitraum. Ein schöner Endspurt, leider zu spät, andererseits wiederum auch nicht. Denn am letzten Spieltag putzte man vor heimischer Kulisse ausgerechnet den Wuppertaler SV locker mit 4:0. Zum Klassenerhalt reichte das nicht mehr, Bayer Leverkusen II schlug zeitgleich Schalke II mit 4:1 und sicherte sich den letzten Nichtabstiegsplatz. Das schöne 4:0 im letzten Spiel hatte allerdings zwei weit reichende Folgen: zum einen kostete es WSV-Trainer Michael Dämgen den Job. Der hatte nämlich einen Vertrag, der sich beim Erreichen von Tabellenplatz 6 automatisch um ein Jahr verlängert hätte. Mit einem Sieg am letzten Spieltag bei unserer Zwoten hätten sie diesen sechsten Platz erreicht. Durch die 0:4-Klatsche rutschten sie allerdings tatsächlich noch auf Platz 8 zurück, und der große (weil einzige) Guru des WSV, Alleinherrscher Friedhelm Runge, war so sauer über Ergebnis und Auftritt seiner Buben, dass er den Vertrag tatsächlich nicht verlängerte und Dämgen nur zwei Tage später vorüber gehend arbeitslos machte. Wobei ich allerdings davon ausgehe, dass Dämgen dem Runge in nicht allzu ferner Zukunft dankbar sein wird, dass der ihn aus diesem Zirkus erlöst hat.

Viel wichtiger für uns war allerdings, dass Fortuna II mit diesem Sieg am letzten Spieltag noch auf den ersten Abstiegsplatz hinter Leverkusen II springen konnte, da der zuvor besser platzierte Mitkonkurrent FC Homburg sein Finale verpatzt hatte. Und so ein erster Abstiegsplatz in der Regionalliga, das wissen wir ja alle, garantiert eigentlich schon das Überleben. So war es auch diesmal. Überraschenderweise war es diesmal kein anderer Regionalliga-Club, der pleite und somit den Weg frei machte, nein, es waren die beiden Drittligisten TuS Koblenz und RW Ahlen, sportlich eigentlich gerettet, finanziell allerdings komplett geschreddert. Während Koblenz als 19. Verein in die Regionalliga West aufgenommen wurde, schaffte RW Ahlen noch nicht einmal das und wurde von der dritten direkt in die fünfte Liga weiter gereicht, in die NRW-Liga, in der unsere Zwote eigentlich hätte spielen sollen. Da wir den ersten Abstiegsplatz in der Regionalliga besetzten, profitierten wir vom Lizenzentzug der Ahlener und blieben drin. Ja, eine eigentlich abgestiegene Zweitvertretung zugunsten einer Ersten Mannschaft eines etablierten Vereins – mir braucht niemand sagen, dass das keiner sehen will. Aber ich habe die Regeln nicht gemacht, auf mich hört auch niemand, und somit spielt Fortuna II in der kommenden Saison auch wieder Regionalliga. Und zwar in durchaus illustrer Runde. Denn neben dem Wuppertaler SV gibt es als Gegner auch die beiden Aufsteiger aus der NRW-Liga, das sind RW Essen und die falsche Fortuna aus Köln. Das sind doch drei nette Spiele! Wobei gerade die falsche Fortuna sehr schön zeigte, dass man nicht nur überraschend drin bleiben, sondern auch ebenso überraschend aufsteigen kann. Neben Meister RW Essen hatte nämlich eigentlich Germania Windeck den zweiten Aufstiegsplatz in der NRW-Liga belegt, Fortuna Köln war mit reichlich Abstand nur Dritter geworden. In Windeck hingegen entschied man, dass es nach Jahren des Erfolgs und der lustigen Erstrunden-DFB-Pokal-Lose (2009: FC Schalke 04; 2010: FC Bayern München) nun mal reichte – sie zogen nicht nur ihren Aufstieg zurück, sondern verabschiedeten sich gleich zwei Klassen tiefer! Es war wohl kein so großer Zufall, dass unmittelbar nach dem feststehenden Aufstieg schon ihr Trainer, Ex-Profi Heiko Scholz, sowie ein halbes Dutzend seiner besten Spieler das Weite gesucht hatten. Aufstiegseuphorie sieht irgendwie anders aus…Somit rückte Fortuna Köln als zweiter Aufsteiger in die Regionalliga West nach. Überraschend, oder? Ja, für alle außer Fortuna Köln, die waren nämlich exakt mit derselben Methode ein Jahr zuvor in die NRW-Liga gekommen: der damalige Meister und Aufsteiger aus der Mittelrheinliga, der VfL Leverkusen, dankte ab und überließ dem damaligen Tabellenzweiten Fortuna Köln das Feld, der die Gelegenheit genauso gerne ergriff wie er es als Tabellendritter nun ein Stockwerk höher tat. Manchmal muss man eben aufsteigen, da ist die sportliche Leistung gar kein Argument…

Wie gesagt, für Fortuna II sind das reizvolle Partien. Fragt sich nur, wer die absolvieren soll, da Trainer Vucic nach dem (eigentlichen) Abstieg nicht weniger als 17 Spieler abhanden gekommen waren. Wollen wir mal schauen, ob er es schafft, rechtzeitig aus dem derzeit engen und zusammen gewürfelten Kader eine Einheit zu bauen. Und da wären ihm unsere drei Jungs für die Erste, Schwadorf, Eral und Hazaimeh, sicherlich sehr recht.

Test, Test

Die Testspiele absolvierte die Fortuna durchweg erfolgreich, und diesmal waren schon einige Kaliber dabei. So schlug man im Trainingslager in Österreich den ukrainischen EuroLeague-Teilnehmer Karpaty Lwiw mit 2:1 nach 65 Minuten, dann musste das Spiel aufgrund unfassbarer Wassermassen, die der Himmel über Volk und Platz brachte, abgebrochen werden; einige Tage später ein nettes 1:1 gegen den rumänischen Starclub Steaua Bukarest. Wieder in der Heimat, gewann man den „Derby-Cup“ in Aachen, die albernste Erfindung erzwungener Events nach dem „Wintercup“ in Düsseldorf – man besiegte Alemannia Aachen durch ein wunderschönes Tor von Grimaldi mit 1:0 und spielte gegen Mönchengladbach 0:0, gewann aber tatsächlich das Elfmeterschießen mit 2:0 – eigentlich unfassbar. Als dann noch fünf Tage später der griechische EuroLeague-Teilnehmer PAOK Saloniki mit 2:1 bezwungen und phasenweise an die Wand gespielt wurde, war alles rosarot. Natürlich durfte man das Spiel nicht überbewerten, stand doch PAOK grad erst am Anfang seiner Vorbereitung und hatte außerdem einige Spieler nicht dabei, die grad zeitgleich um die Südamerika-Meisterschaft (Copa America) kickten. Dennoch, auch unter diesen Voraussetzungen eine phasenweise hervorragende Darbietung der Fortuna, die viele von mehr träumen ließ. Und nachdem man noch den Lokalrivalen TuRU Düsseldorf mit 7:2 vernascht hatte, obwohl Trainer Meier seine Stammkräfte schonte und eigentlich mit einer verstärkten Zweiten Mannschaft an den Start ging, konnte es mal so langsam los gehen.

Oppa im Tiefflug

Am 18.07.2011 startete Fortuna in die neue Zweitliga-Saison. Da es sich hierbei um einen Montag handelte, konnte man unschwer erahnen, wer der Gegner sein würde. Schließlich muss sport1 ja seinen Werbe-Slogan bekommen. Und das „Ost-Derby“ Energie Cottbus gegen Dynamo Dresden live zu zeigen, war ihnen wohl doch etwas zu unsicher, nach der Panikmache über die „Randalesaison“, die seitens der Medien, des Verbandes und dieses Oberschwarzmalers von der Polizei, Herrn Wendt (Vorname und wichtige Funktion grad entfallen), rechtzeitig zum Saisonstart geschürt worden war. Da bastelte man sich lieber schnell den ebenso beliebten „West-Schlager“ zusammen. Also natürlich Fortuna gegen den VfL Bochum. Die heimstärkste Mannschaft der letzten zwei Jahre gegen den designierten Top-Aufstiegsfavoriten, liest sich ja auch nicht schlecht. Das war aber nix im Vergleich zu dem, was los gewesen wäre, wenn Bochum, wie von mir gehofft, die Relegation siegreich bestritten hätte. Dann wären natürlich genau die Richtigen zum ersten Spiel angereist, und die Hütte wäre knüppelvoll geworden. Aber auch so bildeten knapp 35.000 Zuschauer einen beeindruckenden Rahmen für das erste Saisonspiel.

Und denen wollte Trainer Meier auch erst einmal einen Wiedererkennungswert bieten: außer Adriano Grimaldi liefen nur Spieler auf, die in der letzten Saison schon das Trikot der Fortuna getragen hatten. Und auch Grimaldi spielte nur, weil Ken Ilsø angeschlagen und noch nicht fit für 90 Minuten war. Genau diesen Wechsel nahm Meier in der 55. Minute vor, sodass ab diesem Zeitpunkt nur noch „Alte“ auf dem Platz standen. Und warum auch nicht? Schließlich hatte die Truppe in dieser Zusammensetzung zuletzt am 18.03.2011 ein Spiel verloren. Darauf kann man schon mal aufbauen.

Und nachdem es zunächst eine Schrecksekunde zu überstehen galt, als Freier für Bochum nach nur anderthalb Minuten einen Schuss von halblinks nur ganz knapp rechts am Tor vorbei gedreht hatte, legte die alte Garde auch gleich los wie die Feuerwehr. In den ersten 15 Minuten spielte man die Bochumer schwindlig, drei Hochkaräter sprangen dabei heraus, eigentlich musste man führen. Das dickste Ding versiebte Maximilian Beister, als er nach vier Minuten von Fink wunderbar frei gespielt wurde und völlig blank acht Meter vor dem Tor zum Schuss kam. Anstatt die Kugel zu stoppen und Keeper Luthe höflich zu fragen, in welche Ecke der sie denn haben wollte, haute Beister einmal richtig unter dem Ball und setzte ihn übers Tor. Das war so unglaublich, und Beister stand so dermaßen frei, dass ich mir schwor, wenn der in diesem Spiel noch solch ein Ding versemmeln würde, würde er bei mir erst einmal nur noch Abby Beister heißen – eine Reminiszenz an das am Tag zuvor gespielte Finale der Frauen-WM, in dem sich die US-Amerikanerinnen beim Auslassen dickster Torchancen hervor taten und sich anschließend noch wunderten, warum sie das Spiel und den schon sicher geglaubten Titel noch an Japan verloren. Diese Einlage von Beister erinnerte irgendwie daran. Es war nicht die einzige Torchance, aber mit Abstand die beste. Auch nicht schlecht anzusehen war, wie kurz darauf Grimaldi an einer Flanke von links vorbei sprang, drei Meter vom Gehäuse entfernt, völlig frei stehend. Das wäre natürlich ein Auftakt nach Maß für den jungen Ex-Mainzer gewesen.
Dann kam auch noch Pech dazu, als Bodzek einen Freistoß per Kopf nur an die Latte setzte, und Langeneke den Abpraller aus sechzehn Metern knapp über Selbige wemmste. Der erste Saisontreffer der Fortunen war überfällig.

Aber wie das so ist im Fußball, siehe US-Amerikanerinnen, durfte man sich anschließend beim Gehäuse auf der anderen Seite bedanken, dass es trotz klarer Überlegenheit nicht mit einem Rückstand in die Pause ging. Der VfL Bochum hatte bei seinem einzigen ernsthaften Angriff in der ersten Hälfte einen Freistoß zugesprochen bekommen, den setzte Faton Tosci schön über die Mauer, Fortuna-Torwart Ratajczak segelte vergebens, und dann machte es kurz „klatsch“ – die Pille war auch hier gegen die Latte gedonnert. Wäre natürlich ein Witz gewesen, wenn der gesessen hätte, aber wer schert sich schon um Spielanteile? Und einem Traumtor ist es auch egal, wann es fällt.

Das mit dem Traumtor konnten wir anschließend auch auf uns beziehen. Denn zu Beginn der zweiten Hälfte kam eine wesentlich engagiertere Bochumer Mannschaft aus der Kabine. Prompt gab Fortuna das Spiel aus der Hand und ließ sich ganz nett in der eigenen Hälfte einschnüren. Allerdings spielten die Gäste keine zwingenden Torchancen heraus, die Fortuna-Abwehr stand eigentlich recht sicher. Und so nach zwanzig Minuten beschlich einen das Gefühl, ein Punkt könnte eventuell auch nicht so schlecht sein. Schließlich ist Bochum diejenige Truppe, die als letzte in der esprit-Arena gewonnen hatte, damals, im September 2010.

Just als nicht mehr viel zusammen läuft, um die 66. Minute rum, mal wieder ein Angriff der Fortuna. Auf links bekommt Kapitän Lambertz die Kugel. Vom Strafraumeck serviert der ein butterweiches Bällchen in die Mitte. Dort halten sich zwei Mann auf, Bochums Neuzugang Lukas Sinkiewicz sowie Sascha Rösler. Der Ball kommt schön auf „halber Höhe“ zu Rösler, und was macht der Wahnsinnige? Er packt aus dem Stand einen Fallrückzieher aus und nagelt die Kugel mit links rechts oben in den Winkel. Unfassbar. Und als wir sehen, dass unser „Oppa“ auch wieder von alleine aufsteht, kennt der Jubel keine Grenzen mehr. Ein Wahnsinnstreffer, und ohne, dass er sich was gebrochen hat! So etwas sieht man nicht alle Tage live im Stadion, und Rösler sagt nach dem Spiel: „Solch ein Tor habe ich noch nie geschossen und solch ein Tor werde ich wohl nie mehr schießen.“ Wohl wahr. Leider.

Unser Mann für das Grobe, aber auch für das Besondere, eventuell sogar für das besonders Grobe. Rösler hatte in der Partie schon dadurch brilliert, nach 13 Sekunden (!) das wohl schnellste gestreckte Bein zu Saisonbeginn in einem Gegenspieler zu versenken. So ist er halt. Aber eben auch mit schönen Raum öffnenden Pässen, mit guter Ballsicherung und ab und zu mit einem Schuss Genialität. Dafür nimmt er sich ab der 60. Minute auch gerne mal Auszeiten. Aber da er zwischendurch immer noch für diverse Geniestreiche gut ist, kann man das verschmerzen.

Fortuna lag also 1:0 in Führung, ein wenig glücklich nach dem Verlauf der zweiten Halbzeit, insgesamt aber noch verdient. Zwei Minuten später konnte man von dem Treffer sogar in Überzahl schwärmen: Gelb/Rot für Bochums Neuzugang Denis Berger. Fortuna somit die letzten 20 Minuten in Überzahl.

Kaum verwunderlich, dass die Gäste weiter dran blieben, mit Überzahlspielen haben wir es bekanntermaßen nicht so sehr. Der Käse war noch lange nicht gegessen, als Trainer Meier mal wieder seine Händchen-Qualitäten bewies. Ich sag’s ja immer, dessen Spielerwechsel sind entweder Kreisklasse oder Weltklasse. In diesem Fall hatte das Pendel mal wieder in die begeisterungsfähige Richtung ausgeschlagen: für den Torschützen Rösler wechselte er Thomas Bröker ein, und nachdem es noch ein wenig hin und her gegangen war, entschied genau jener Bröker die Partie, als die Bochumer kurz vor Schluss den Ball nicht aus dem Strafraum bekamen. Die zu kurz abgeblockte Kugel landete schließlich bei Bröker, der aus halblinker Position, höchstens fünf Meter vom Tor entfernt abzog. Zwar bisschen spitzer Winkel, aber Torwart Luthe fiel auch ein wenig spät. So kam er zwar noch mit den Fingerspitzen an den Ball, aber mehr auch nicht, das Leder trudelte zum 2:0 und zur Entscheidung über die Torlinie.

Fortuna besiegte den VfL Bochum mit 2:0, über das ganze Spiel gesehen sehr verdient, allein was man in der ersten Hälfte an Chancen vergab, hätte schon zum Sieg gereicht. Bochum erst zu harmlos, und als man in der zweiten Hälfte mutiger nach vorne spielte, da war am Strafraum meistens Feierabend. Ein schöner Sieg zum Saisonauftakt, mit einem Traumtor für die Ewigkeit.

Und bei aller Begeisterung über den Treffer von Sascha Rösler – eine Erkenntnis nach dem ersten Spieltag war dann doch etwas wichtiger: nach diesem Spiel hatte man schon mehr Punkte als im letzten Jahr nach sechs Partien! Im Scherz sagt man: „Mein Gott, jetzt ist der Himmel die Grenze!“, aber ernsthaft betrachtet war der Sieg allein schon deshalb wichtig, damit die diversen Zeitungen die Erinnerungen an letztes Jahr und an einen „Startfluch“ nicht rausholen mussten, die sie unter Garantie schon in der Schublade hatten und die bei einer Niederlage sofort parat gewesen wären. Insoweit war das nicht nur ein tolles Fallrückzieher-Tor, sondern auch eine deeskalierende Maßnahme. Was der „Oppa“ noch so alles kann…

Paderborner Pathos-Pack

Weiter ging es dann am Sonntag darauf, dem 24.07.2011. Dort hatte man ziemlich genau neun Monate zuvor in der ersten Halbzeit noch halbwegs ordentlich mitgehalten, nur um sich in der zweiten mit 0:3 abschießen zu lassen. Dann fiel Andreas Lambertz am Tag vor dem Spiel mit einer Fieberattacke aus. Dann regnete es den gesamten Hinweg über. In Paderborn selbst war es zwar trocken, aber arg windig und scheißekalt. Wie immer, ich glaube, ich hab bei unseren Ausflügen nach Paderborn noch nie die Sonne gesehen. Alles in allem keine gute Omen. Von der Stadionmusik gar nicht erst zu sprechen. Immer noch dieselbe CD. Erst Kiss mit „I was made for loving you“. Dann, als größtmöglichen Gegensatz, die erste der drei schmachttriefenden Hymnen, die man in Paderborn akustisch um die Ohren gehauen bekommt. Es beginnt mit dem Lied für die Stadt Paderborn, in dem der schmissige Refrain auftaucht: „Paderborn – meine Stadt, ich liebe dich; Paderborn – du bist wie ich!“ Dann hoffen wir mal, dass diese Textzeilen nur von waschechten Paderbornern mit einwandfreiem Leumund gegrölt werden. Nicht auszudenken, wenn hier ein waschechter Paderborner mit Hauptberuf Schwerverbrecher mitsingen würde. Dann bekäme „Paderborn – du bist wie ich!“ ja gleich eine ganz andere Bedeutung…Aber natürlich ist dies nur der Beginn des Paderborner Pathos-Triples. Der kernige Mittelteil umfasst das Lied für den SC Paderborn, welches ich auch schon das eine oder andere Mal erwähnt habe. Man kann es aber gar nicht oft genug erwähnen. „Paderborn – erhebe Dich und lauf, denn Helden geben nie auf!“, gefolgt von „Tränen, Schweiß und Blut“ sowie dem „Sturm nach vorn“ kann man immer hören, gerade in heutigen Zeiten. Ich bin wirklich viel musikalische Sülze aus den Stadien dieser Republik gewohnt, aber diese beiden Lieder stehen ganz oben auf meiner persönlichen Hitliste. Das ist so schlecht, dass es noch nicht einmal als „Trash“ Kultfaktor generieren könnte. Und so weiß ich in Paderborn nie so ganz, was ich trauriger finden soll – diese beiden Lieder oder die Jungs und Mädels im Paderborner Fan-Block, die zu diesem Gesäusel tatsächlich noch ihre Fahnen schwenken und stolz ihre Schals hochhalten, diese strahlenden Gloriolen ostwestfälischer Heldenverehrung also wohl noch super finden. Sturm & Drang im Schlagergewand.

Aber sie haben ja noch ein Highlight im Gepäck, um den Hattrick zu setzen, davon allerdings erst später.
Aber nicht so viel später, denn der Hinweis auf das dritte musikalische Kleinod des Gastgebers bezieht sich auf die Halbzeitpause, und dort sind wir schnell angelangt, soviel gibt es von der ersten Hälfte auch nicht zu erzählen. Paderborn, erstaunlich rustikal, trat und grätschte erst einmal munter drauf los, um selbst bei auch nur einem Hauch von Zweikampf ermattet auf den Boden zu sinken und Freistöße bzw. Elfmeter zu schinden. Richtiges Pack-Spiel sozusagen. Der Schiedsrichter honorierte diesen Auftritt der Heimmannschaft mit vier Gelben Karten bis zur 29. Minute, eine davon übrigens wegen Schwalbe, dann trat ein wenig Ruhe ein. Auch Fortuna griff zweimal Gelb ab, eine für Beister wegen absichtlichen Handspiels und eine für Bodzek, die ein schlechter Witz war. Einen langen Ball in den gegnerischen Strafraum hatte der am Gegenspieler und am Torwart, allerdings auch Tor vorbei gespitzelt. Es gab anschließend jedoch Freistoß für Paderborn, durchaus zu Recht, denn Bodzek hatte Torwart Kruse in dieser Szene geschubst. Der blieb allerdings schön zwei Minuten liegen und umklammerte sein nicht getroffenes Knie, sodass der Schiri wohl annahm, Bodzek habe mit dem Fuß auch noch mehr als nur den Ball getroffen, also Gelb. Eine gelungene Einlage.

In der 41. Minute noch das 1:0 für Fortuna, nach altbewährtem Muster: Beister mal wieder zu schnell für den x.ten Gegenspieler in den letzten zwölf Monaten, der ließ ihn über die Klinge springen, Elfmeter, Torschützenkönig Langeneke machte ihn rein. Sieht jetzt nicht ganz so prall aus, eine Führung per Elfmeter, aber sie war nicht unverdient, denn so wenig Fortuna auch machte, Paderborn war noch schlechter und ziemlich harmlos nach vorne. Es war im vierten Spiel der Fortuna im Möbelhaus das erste Mal, dass wir in Führung gingen. Also konnte man doch relativ entspannt in die Pause gehen.

Wo dann die Post noch einmal richtig abging, also musikalisch, meine ich. Der SC Paderborn ist nämlich der einzige mir bekannte Verein, der extra über ein „Halbzeitlied“ verfügt. Das Ding ist von den Puhdys, was als Erklärung für die musikalische Folter eigentlich vollauf genügt, aber es kam ja noch besser. Im Text soll es wohl, in Fußballfachausdrücke gekleidet, gewitzt darum gehen, dass der Sänger jetzt die Halbzeit seines Lebens feiert und mal auf die „ersten 45 Minuten“ zurück blickt. Auf diese Intention passt der Text auch. Da man den in Paderborn aber nicht so genau verstanden hat, nahm man den Titel des Liedes zum Anlass, um damit auf die Halbzeitpause des Spiels hinzuweisen. Und da wirken dann Textzeilen wie „Halbzeit – ich bin bereit; Halbzeit – die Party steigt; zweite Hälfte – ich bin gefeit!“ nicht nur etwas fehl am Platze, sondern mit Verlaub lächerlich, vom Sülz-Faktor mal ganz abgesehen. Immerhin, bei denen steigt also eine Halbzeitparty. Jetzt weiß ich auch, warum Paderborner VIPs bei allen unseren Gastspielen dort stets zu spät zur zweiten Hälfte erscheinen. Und ich Depp hatte es immer auf logistische Schwierigkeiten bei der Essenausgabe geschoben, aber anscheinend fliegt bei denen im VIP-Raum in der Pause dermaßen die Kuh…Das war also der vor Pathos triefende Dreierpack, den man in Paderborn „Stadionmusik“ nennt. Da ich sie nunmehr alle drei auswändig kenne, möchte ich darum bitten, in der nächsten Saison etwas Neues bereitzustellen. An Auswahl sollte es nicht mangeln. Und vielleicht könnten wir bei uns auch endlich mal „Die Wacht am Rhein“ spielen. Blut, Schweiß und Tränen können wir schließlich auch.

In der zweiten Hälfte hatten die Paderborner sich ein wenig abgeregt, es wurde nicht mehr so geholzt wie in Durchgang 1, weshalb sich auch meine Halbzeit-Prognose mindestens eines Platzverweises nicht erfüllte. Zudem hätten sie sich ihre Bemühungen fast völlig sparen können, denn in den ersten zehn Minuten nach der Pause hatte Fortuna drei Hochkaräter, um die Sache vorzeitig klar zu machen. Erst ein toller Distanzschuss des ansonsten schwachen Sascha Dum; die Kugel rutschte Torwart Kruse, der die Wucht des Schusses wohl ein wenig unterschätzt hatte, durch die hoch erhobene Hände, konnte von ihm aber im Nachfassen leider noch klar vor der Linie geborgen werden. Dann nahm Beister seinem etwas überfordert wirkenden Gegenspieler 20 Meter vor dem Paderborner Tor die Kugel ab und lief in Richtung seines ersten Saisontores; leider wurde der Winkel etwas spitz, der Schuss hätte dennoch gepasst, aber Kruse konnte parieren; und im Anschluss an diese Szene, nach dem folgenden Eckball, zeigte der Paderborner Keeper eine unglaubliche Reaktion, mit der er den Kopfball-Aufsetzer von Assani Lukimya noch aus der linken Ecke fischte. Den Ball hatten alle schon drin gesehen, und es sollte mich nicht wundern, wenn Kruse selbst nicht genau wissen sollte, wie er den jetzt gehalten hat. Ein toller Reflex.

Und so vergaben sie ihre Chancen, ließen anschließend das Spiel schleifen, gaben es dann ganz her und ließen sich hinten rein drängen, bettelten um den Ausgleich und fingen ihn folgerichtig auch in der 75. Minute, nach schnellem Angriff über rechts und Pass in die Mitte. Der eingewechselte Matthew Taylor stand in Höhe des kurzen Pfostens goldrichtig und setzte die Kugel ins kurze Eck. 1:1, verdienter Ausgleich. Und auch verdientes Endergebnis vor 11.000 Zuschauern, denn viel tat sich hüben wie drüben nicht mehr. Wie gesagt, verdient und auch gerecht, aber hätte man zu Beginn der zweiten Halbzeit bloß eine Chance genutzt und sich vor allem anschließend nicht so weit zurück fallen lassen, dann wäre auch ein Sieg drin gewesen. Immerhin, vier Punkte nach zwei Spieltagen, der Saisonstart durfte als geglückt betrachtet werden. Ganz anders als in der Nachbarschaft, wo der MSV Duisburg und Alemannia Aachen jeweils mit null Punkten aufmachten. Das kennen die noch vom letzten Jahr, als sie so schön über uns lachten. Ist doch nett, wenn es dann auch mal umgekehrt hinhaut.

Auch Sicherheitsbeauftragte können Pokalfieber

Für die erste DFB-Pokal-Hauptrunde bekam Fortuna als Gegner den Süd-Regionalligisten Hessen Kassel zugelost. Mit Vorsicht zu genießen, sicherlich ein Spitzenteam der Viertklassigkeit, aber ebenso sicher war Fortuna bei dieser Partie derFavorit. Die Partie im Kasseler Aue-Stadion wurde auf den 31.07.2011 terminiert. Warum man an diesem Sonntag allerdings erst um 17.30 Uhr beginnen wollte, blieb mir schleierhaft. Eine etwas ungewöhnliche Uhrzeit. Aber Ungewöhnliches stand ja auch an: zum ersten Mal seit zwölf Jahren konnte die Fortuna in die zweite Hauptrunde des DFB-Pokals einziehen. Ein Meilenstein der jüngeren Vereinsgeschichte sozusagen.

Aber wie so oft im Leben kündigen sich historische Dinge nicht unbedingt an, sondern erwachsen aus alltäglichen Begebenheiten. So auch hier. Die Anfahrt nach Kassel glich nämlich verblüffend derjenigen nach Paderborn am Sonntag zuvor. Über die A 3 und A 1 auf die A 44, dann aber am Kreuz Wünnenberg/Haaren eben nicht auf die A 33 nach Paderborn, sondern einfach weiter geradeaus. Denn dieses Teilstück der A 44 endet praktischerweise in – Kassel. So konnte man auf bekannter Strecke frohgemut an der Autobahn zur Wellblechbaracke in Paderborn vorbei düsen und sich dann locker von der Beschilderung leiten lassen. Sodann fuhren wir zwei Stunden vor Spielbeginn an der Eissporthalle der Kassel Huskies vor, welche sich direkt neben dem Auestadion befindet. Und weil sich Kassel aufgrund der zu erwartenden Menschenmassen als City of Bauzaun gab und ringsum das Stadion mittels Zäunen und Absperrungen ein etwas verwirrendes Labyrinth geschaffen worden war, gab es auch noch einen netten Anmarsch ins Stadion: Da der direkte Weg vom Parkplatz zum Eingang durch den erwähnten provisorischen Maschendraht versperrt war, wurde einfach durch das Eisstadion geschritten und der Weg über die dortige „Champions Bar“ genommen. Anschließend noch eine Treppe runter und schon stand man jenseits des Zauns vor dem richtigen Eingang. Und da wir so früh da waren, blieb auch noch Zeit für einen netten Plausch mit den anwesenden Ordner- und Servicekräften. Ergebnis: alle sagten unisono, leider keine Auskunft geben zu können, da sie – genau wie ich – an jenem Tag zum ersten Mal im Auestadion ihren Dienst verrichteten. Hessen Kassel hatte also personell gewaltig aufgerüstet, aber irgendwie vergessen, diese Leute auch ordentlich einweisen zu lassen. Da war die eine oder andere organisatorische Unebenheit vorprogrammiert.

Aber die Personalverstärkung machte durchaus Sinn. Insgesamt waren an jenem herrlich sonnigen Vorabend 14.850 Zuschauer im Stadion. Also offiziell, will heißen: grob geschätzt. Denn wenn man weiß, dass das Stadion 18.800 Zuschauer fasst, dann würde ich mal gerne denjenigen sehen, der zu diesem Spiel noch 4.000 Leute in die Hütte gepresst hätte. Ein Viertel davon wäre vielleicht noch drin gewesen. Die wollen uns doch nicht etwa bei der Teilung der Einnahmen behumpsen? Auf jeden Fall sah es schon ganz schön voll aus. Dies war zum Einen auf 4.500 Fortunen zurückzuführen, die sich auf den Weg nach Kassel gemacht hatten, zum Anderen aber auch mit der Tatsache, dass der KSV Hessen Kassel zum ersten Mal seit zwanzig Jahren wieder im DFB-Pokal vertreten war! Dagegen ist unsere Durststrecke ja ziemlich kümmerlich.

Und da ich ja bereits ausführlich über das referiert habe, was einem in Paderborn musikalisch zugemutet wird, soll ein diesbezüglicher Hinweis auf Kassel nicht fehlen, nicht dass es heißt, ich würde einseitig berichten (also zu einseitig, meine ich). In Kassel wurde nämlich auch zumindest ein Gassenhauer geboten, den man möglichst schnell wieder vergessen sollte: ein Schlagerliedchen von einer Schlagertussi, die mittels Fußballjargon darüber schlagerte, dass ihr Liebster sie verlassen hatte. „Du hast mir die Rote Karte gezeigt!“ als Stichwort, wie sich das Ganze textlich ausnahm. Mein Gott. Also in punkto Schrott vor Anpfiff haben die letzten beiden Sonntage die Messlatte aber ganz schön hoch gehängt.

Das alles war dann so aufregend für den Stadionsprecher, dass er mit dem Verlesen der Mannschaftsaufstellungen zu lange wartete. So fiel die einheimische Ersatzbank nahezu komplett unter den Tisch, weil genau in diesem Moment die Mannschaften das Spielfeld betraten und er wahrscheinlich dachte, wenn er jetzt weiter spricht, gibt’s eine Strafe vom DFB. Jaja, zum ersten Mal seit zwanzig Jahren im Pokal dabei, dann nur auf der Ersatzbank, und dann aufgrund schlechten Timings noch nicht einmal öffentlich genannt. Da wäre ich als Ersatzspieler schon vor dem Anpfiff sickig gewesen.

Der bekannteste Kasseler Löwe in den letzten Jahren war bei uns Thorsten Bauer. Der tauchte jedes Jahr im Sommer auf den Wunschlisten diverser Fans auf, wenn in der Sommerpause mögliche Neuverpflichtungen diskutiert wurden. Kein Wunder, der hat in den letzten Jahren in der Regionalliga, dritt- wie viertklassig, geknipst wie ein Blöder. Von 2006 bis zum Ende der letzten Saison standen bei ihm in 163 Spielen satte 85 Treffer zu Buche. Und da findet man es als Gegner doch erfreulich, wenn solch ein Mann gar nicht erst aufläuft. Dafür nämlich hatte Neu-Trainer Christian Hock (ex- Wehen Wiesbaden, ex-Rot Weiss Ahlen) gesorgt. Der hatte sich wohl irgendwie mit Bauer überworfen und plant nicht mehr mit dem. Mittlerweile ist es wohl sogar so weit, dass Bauer und zwei Mannschaftskollegen vom Spiel- und Trainingsbetrieb suspendiert sind, wenn ich das richtig gelesen habe. Tja, selbst Schuld. Somit schon mal eine Sorge weniger.

Es verblieb ein einziges bekanntes Gesicht in der Mannschaft der Gastgeber: Tobias Damm, auch ein Stürmer, vor einigen Jahren mal in ein, zwei Saisons beim Wuppertaler SV Teil des recht erfolgreichen Sturm-Duos Damm/Saglik, bevor er wieder in der Versenkung abtauchte. Da aber witzigerweise dieses Sturm-Duo gegen alle möglichen Gegner damals in der Regionalliga Nord getroffen hatte, nur in den Spielen gegen uns nicht, war der Anblick des Mannes mit der 11 auf dem Löwen-Leibchen durchaus als gutes Omen für Fortuna zu werten.

Ansonsten bleibt von der Heimmannschaft nur der Sicherheitsbeauftragte zu erwähnen. Der rockte die Hütte mit Ansagen. Er stellte sich nämlich eine Viertelstunde vor dem Spiel etwas vollmundig „als Ihr Sicherheitsbeauftragter des heutigen Tages“ vor und bat „mir gut zuzuhören, wenn sie diese Stimme hören, denn dann geht es um Ihre Sicherheit.“ Dem ließ er dann auch Taten folgen, indem er allein in der ersten Hälfte der Partie locker fünf Durchsagen in den laufenden Spielbetrieb einfließen ließ. Allein viermal motzte er Heim- und Gegnerkurve an, doch endlich die gelb markierten Treppenaufgänge als Fluchtwege frei zu machen (schön unparteiisch verteilt, beide je zweimal). Drei ziemlich sinnlose Durchsagen, eine hätte es auch getan, wurde eh nicht befolgt. Aber immerhin interessant im Hinblick auf die kühne rechnerische Behauptung der Gastgeber, in dieses Stadion hätten eigentlich noch 4.000 Leute hinein gepasst…Das einzige, was er damit erreichte, war dass man seiner nächsten Durchsage, wie immer begonnen mit „Achtung, hier spricht Ihr Sicherheitsbeauftragter!“ ein wütendes Pfeifkonzert von allen Rängen anhob, schließlich war man hier zum Fußballgucken und nicht beim Sicherheitskongress. Da passte es ins Bild, dass es sich diesmal um eine nicht unwichtige Durchsage handelte, die ging aber leider ziemlich unter. Aber dann hatte man ihn schätzen gelernt, und vielleicht bewunderte man ihn auch aufgrund seiner Hartnäckigkeit, denn in Halbzeit Zwei erhielt er jeweils johlenden Applaus, sobald wieder das Wort „Achtung…“ über Lautsprecher zu hören war. Ein einsamer Rufer in der Wüste, der aber für etwas Abwechslung sorgte, als es unten auf dem Rasen zwischenzeitlich arg langweilig zu werden drohte.

Damit ist auch schon das Wichtigste zum Spiel gesagt. Fortuna siegte mit 3:0 und zog tatsächlich endlich, endlich mal wieder in die 2. Runde ein. Die Truppe spielte meiner Ansicht nach eine lockere Trainingseinheit runter, strengte sich nicht mehr an als nötig. Das konnten sie sich aber auch leisten, denn Hessen Kassel war unglaublich harmlos im Abschluss. Sie kämpften aufopferungsvoll, sie nutzten ihre Räume im Mittelfeld auch schon mal für gefällige Kombinationen, aber am Strafraum war Ende. Effektiv war es genau ein Ball, den Michael Ratajczak auf sein Tor bekam, und das war ein Fernschuss in der ersten Halbzeit. Alles andere prallte einfach ab oder ging ins Nirwana. Und bei dieser Harmlosigkeit des Gastgeber war die Partie natürlich schon in der 25. Minute entschieden, als Bröker auf schöne Flanke von Rösler aus kurzer Entfernung zum 0:1 ins Netz köpfte. Denn so sehr sie sich auch bemühten, von den Gastgebern kam nix mehr. Ein Klassenunterschied war sichtbar – dass ich das mal über ein Pflichtspiel der Fortuna würde schreiben können, ist eine der positiven Entwicklungen, die Verein und Mannschaft genommen haben.

Das Einzige, was mich daran gewaltig störte, war, dass die Mannschaft bis zur 80. Minute wartete, ehe sie mit dem 2:0 den Sack zu machte. Dazwischen dümpelte man ein wenig vor sich hin und vergab lustig die eine oder andere Gelegenheit ohne sich großartig aufzuregen, wie im Training halt. Besonders zu Beginn der zweiten Halbzeit schwante mir Böses, als man wieder kurz hintereinander drei Großchancen versemmelte, die größte sicherlich, als Rösler, vom eingewechselten Kruse sauber beflankt, aus fünf Metern am leeren Tor vorbei köpfte. Das erinnerte mich ein wenig zu sehr an Paderborn, wo wir ja auch noch den Ausgleich gefangen hatten, und dann wäre es hier wohl richtig abgegangen. Aber wie gesagt, Kassel war einfach zu schwach und konnte kein Kapital aus unserer Abschlussschwäche schlagen. Dann machte Rösler den erwähnten Sack in der 80. Minute zu, Fink legte in der 86. Minute noch einen drauf, und so wurde es ein standesgemäßes, verdientes und letzten Ende müheloses 3:0 und damit Runde 2. Endlich mal wieder.

Und wenn am kommenden Samstag, 06.08.2011, die 2. Runde des DFB-Pokals ausgelost wird (stilecht auf sky, damit es nur die zahlende Kundschaft sofort mitbekommt, wir restlichen Dummbeutel müssen drei Sekunden warten, bis es der Erste ins Internet gepostet hat), dann hätte ich nichts gegen ein Heimspiel, es darf auch ein Erstligist sein, und er dürfte auch aus der rheinischen Nachbarschaft kommen. Und da bleibt ja nicht so viel, nachdem Leverkusen in Dresden den „Drops gelutscht“ hat (Original-Kommentar des WDR 2-Reporters, nachdem André Schürrle das 3:0 für Leverkusen erzielt hatte – gefolgt von vier sauren Drops aus Dresden). Dann kann man anschließend eine Woche später wohl gelaunt zum Montagsspiel bei Eintracht Frankfurt anreisen.

An dieser Stelle sind wir mit dem Saisonauftakt der Fortuna durch. Zwei Spiele in der Meisterschaft, vier Punkte, ein Pokalspiel, gewonnen. Über solch eine Startbilanz konnte ich noch nicht oft schreiben. Kommenden Freitag, beim Heimspiel gegen den FC Ingolstadt, droht Ungeheuerliches: da die einzigen Teams, die bislang beide Meisterschaftsspiele gewonnen haben und demgemäß an der Tabellenspitze stehen, Aufsteiger Eintracht Braunschweig sowie Energie Cottbus, erst am Samstag bzw. Sonntag spielen, könnte die Fortuna mit einem Sieg gegen Ingolstadt für ein paar Stunden die Tabellenführung der 2. Liga übernehmen. Natürlich nur, falls das punkt- und torgleiche St. Pauli zeitgleich gegen Alemannia Aachen nicht höher gewinnt. Und falls nicht Paderborn zeitgleich bei Union Berlin noch höher gewinnt. Aber irgendwas ist ja immer.

Aufregend ist das sicherlich noch nicht. Macht aber Spaß, mal zur Abwechslung über so etwas zu schreiben.

Hat auch schon die Pokal-Routenplaner für Heidenheim, Trier, Unterhaching in der Tasche: janus