von Janus,3.5.2007

Zum vorletzten Mal schnüre ich virtuell die Stiefel und laufe los, um nach hinten zu blicken. Die letzten Wochen bei Fortuna waren nicht schön, aber da muss man durch. Immerhin gab’s zum Schluss ja noch etwas eher Unbekanntes zu bewundern: ein Erfolgserlebnis. Aber bis man mal dorthin kam, war der Weg im April ziemlich lang. Und mir persönlich auch zu schmutzig. Zum Glück ist jedoch bald die Ziellinie in Sicht. Dennoch steht dieser Bericht für mich eher unter dem Motto: so mies kann Fußball sein. Und zwar in jeder Beziehung.

Frohe Ostern

Ostersamstag. Da kann man schöne Sachen machen. Man kann ein bisschen shoppen gehen und darüber staunen, zu welchen Hamsterkäufen harmlose Hausfrauen in diesem Land fähig ist, wenn ein Montag bevorsteht, an dem die Geschäfte geschlossen haben werden; man kann vielleicht auch einen lustigen Tagesausflug mit den Kindern ins Phantasialand machen. Da muss man zwar bei den einzelnen Attraktionen genau so lange anstehen wie im Supermarkt, kriegt die Blagen aber schön müde gelaufen (bzw. gestanden), sodass sie abends folgsam früh ins Bett marschieren und man selbst in Ruhe die Ostereier für den nächsten Tag verstecken kann; man kann sich auch einen leeren Kanal im Fernseher einstellen und sechs Stunden lang das Testbild anstarren. All dies (und ich meine wirklich alles) wäre sinn- und gehaltvoller gewesen, als in die LTU-Arena zu fahren und sich die Partie Fortuna Düsseldorf – Hertha BSC II anzutun. Denn das war moderne Folter, die vielleicht der Regisseur von „Hostel II“ noch nachträglich in sein bereits abgedrehtes Schlächter-Sequel einbauen könnte, aber mit Fußball hatte es rein gar nichts zu tun.

Wir wollen es daher auch kurz machen. Das dicke Ende, was diese Partie betrifft, kommt eh später (dies bitte sporadisch im Gedächtnis behalten). Fortuna, zweitschlechteste Rückrundenmannschaft, verlor gegen Hertha II, schlechteste Rückrundenmannschaft, sang- und klanglos mit 0:2. Allein das Ergebnis ist schon das Aufregendste am gesamten Spiel, es entstammt schließlich einem Chancenverhältnis von 0:1. Beim ersten Tor, bei dem ich mich weigere, es als „aus einer Chance heraus“ zu bezeichnen, kam alles zusammen, was eine Mannschaft ausmacht, die, Andy Brehme sei Dank, Scheiße am Fuß hat, wenn sie Scheiße am Fuß hat. Da gibt’s bei Hertha II so einen kleinen Flügelflitzer namens Traore, den natürlich vorher niemand kannte. Wie auch, war sein erster Einsatz von Beginn an für Hertha nach der Winterpause. Der spielte auf der linken Seite des Spielfelds mal eben einigen Fortunen Knoten in die Beine. Sah hübsch aus, unsere Spieler dilettierten auch eifrig mit, das Ganze hatte allerdings einen Schönheitsfehler: beim letzten Zweikampf setzte sich Traore eindeutig mit der Hand durch, legte sich den Ball quasi händisch vor. Bis unters Tribünendach zu sehen. Der Schiri sah es wohl auch, dachte aber anscheinend mitleidig: nun lasst dem Kleinen doch mal den Ball, der gibt den doch gleich eh freiwillig wieder her, und ließ weiter spielen. Das wiederum verblüffte Herrn Traore anscheinend so stark, dass er die Kugel aus halblinker Postion, ca. 15 m vor dem Tor, tatsächlich sofort wegpöhlte. War wohl als Flanke gedacht. Aber da es derzeit so ist, wie es ist (siehe Andy Brehme), drehte sich die Kugel schön zum Tor hin und schlug im langen Eck ein. Gefolgt von einem 60-m-Sprint des Torschützen quer über das Feld, der begreiflicherweise gar nicht glauben konnte, was er da aus Versehen vollbracht hatte. Sah aber sehr hübsch aus und war somit definitiv der Höhepunkt des Spiels, über dessen weiteren Verlauf wir gnädig den Mantel des Schweigens hüllen wollen. Es war mit Abstand das schlechteste Saisonspiel der Fortuna, man konnte die vorherigen armseligen Darbietungen der Spiele bei Dortmund II und Werder II noch locker unterbieten. Hertha war kein Stück besser, aber die mussten ja auch nicht. Die droschen einfach alles hinten raus und schickten in der 77. Minute wieder den Traore mit einem langen Befreiungsschlag über links. Der nahm seinen „Bewachern“ im Sprint auf 10 Meter gefühlte 9,5 ab, kurvte in den Strafraum und schob zum 0:2-Endstand ein. Die einzige, halbwegs herausgespielte Torchance im gesamten Spiel. Sie wurde dann auch gleich doppelt belohnt, Hertha machte den ersten Dreier im Jahr 2007, und deren Trainer Karsten Heine fand sich eine Woche später auf der Bank der Hertha-Profis wieder, als dort der schöne Falko sein Haar zum letzten Mal gefönt hatte. Ich finds ja immer unglaublich, dass solche „Un-Spiele“ auch noch Sieger haben dürfen, aber das kennen wir ja schon. Und auch wenn das erste Gegentor zwar schön anzusehen, aber wieder einmal irregulär erzielt worden war, so ist das keine Entschuldigung für die Leistungsverweigerung, die dort auf dem Rasen stattfand. Was allerdings so manche Fan-Reaktion nicht im geringsten rechtfertigt. Nachdem einige wahre Fans nach dem Spiel in Bremen schon ihre halbvollen Bierbecher Richtung Mannschaft geschleudert und einzelne Spieler bespuckt hatten (und sich anschließend übrigens darüber aufgeregt hatten, dass im verbalen Schlagabtausch auch mal das Wort „Arschloch“ aus Spielermündern gefallen war), gab es diesmal wohl einige persönliche Pöbeleien, auch gegen Leute, die nun wirklich nix dafür konnten wie z.B. die Angetraute von Jörg Albertz. Dieser sagte daraufhin in einem Interview, für ihn sei am Saisonende Schluss, noch ein Jahr 3. Liga tue er sich nicht an. Das ging natürlich gar nicht, seitdem ist er der Nestbeschmutzer, Söldner und wasweißichnoch schlechthin. Ist übrigens interessanterweise genau das, was er vor Saisonbeginn gesagt hatte (bei Aufstieg noch ein Jahr länger, ansonsten nicht), aber damals war die Aussage in mehrere Nebensätze unterteilt, die haben einige Blitzbirnen wohl bis heute nicht verstanden. Ergo: ein Verräter, wie er im Buche steht.

Aber haken wir diese Blamage doch jetzt ab. Denn wie gesagt, zu diesem Spiel kommt gleich noch etwas, das dann auch wieder verdeutlicht, warum wir einfach nur die besten Fans der Welt haben.

„Berlin, Berlin, wir fahren nach... *gähn*“

Spielen wir doch zur Abwechslung mal gegen Berlin. Am Samstag, 14.04.07, ging es zur Alten Försterei, um die Klingen mit Union Berlin zu kreuzen. Zuvor, am Freitagabend gab sich noch mein Zweitverein, der Hamburger SV, die Ehre, recht anreisegünstig in meiner „Nähe“, nämlich in Mönchengladbach, aufzulaufen. Ja, vor diesem Wochenende dachte ich mir: „Gönn dir doch mal was!“ Am besten Fußball. Zwar sah ich leider kaum welchen, aber der Freitagabend endete wenigstens mit einem Happy End für mich. War schon amüsant, wie sich in Gladbach zweiundzwanzig Spieler eigentlich mit einem 0:0 abgefunden hatten, und ausgerechnet der langzeitverletzte Ersatzspieler, der in der 90. Minute zum Zeitschinden eingewechselt wurde, hatte dazu keine Lust und machte noch eben schnell das entscheidende Tor. Bis vor einigen Wochen hätte man auch glatt vermuten können, dies sei ein Stadionbesuch der vorbereitenden Art gewesen, wäre es doch möglich gewesen, mindestens einen, wenn nicht gar zwei Gegner der nächsten Saison mal aus der Nähe zu beobachten. Hat sich wohl erledigt. Auf jeden Fall war es recht unterhaltsam, das gab Kraft für den nächsten Tag. Den nämlich haute man sich dann auf den Autobahnen zwischen Bonn und Berlin um die Ohren.

Nicht, dass es nichts zu sehen gab: dafür sorgen allein schon diverse Straßen, die aus Berlin wieder hinausführen. Es drängt sich unwillkürlich der Gedanke auf, jede Ausfallstraße, die groß genug ist, um durch eine Leitplanke unterteilt zu werden, bekommt dort ein Schild mit einem „A“ und drei Ziffern drauf und wird somit kurzerhand zur Autobahn erklärt. Ich finde es ja nicht unsympathisch, dass der Berliner an sich dem Besucher suggerieren möchte, wie schnell man aus seiner Stadt wieder verschwinden kann. Ich leiste dem auch gerne Folge. Man müsste nur ein wenig weiterdenken und all diese lustigen Ausfallstraßen auch in den einzelnen Stadtteilen mal ausschildern. Und wenn das schon geschieht, dann hat sich in anderen Großstädten durchaus eine sinnvolle Beschilderungsfolge als nützlich erwiesen. Aber in Berlin? Dem Hinweisschild zur A 100 und A 115 folgend, gerieten wir an der übernächsten Kreuzung an ein Hinweisschild, welches plötzlich den Weg zur A 102 und A 110 verhieß. Da hatten sie im Berliner Senat bei der Planung wohl mal den großen Zufallswürfel ausgepackt – anders ist das nicht zu erklären. Immerhin bringt es einen in den Genuss, auch auf einem kurzen Ausflug nach Berlin ein bisschen Sightseeing zu betreiben: Der Fernsehturm konnte gesichtet werden, die Avus-Tribüne, der Grunewald, der Hauptmann von Köpenick, eine 0:1-Niederlage an der Alten Försterei...doch, alles in allem sehr abwechslungsreich, so eine Tagestour in die Bundeshauptstadt. Und auch die Rückfahrt sorgte dann noch für die entsprechende Spannung: Brennende Autos am Straßenrand in Sachsen-Anhalt, entflohene Sträflinge mit der Warnung übers Radio (Achtung, bloß keine Anhalter mitnehmen) in Niedersachsen, Cheeseburger auf einem Autohof im Schatten des Atommeilers in Hamm-Uentrop und somit in Nordrhein-Westfalen – da sage noch einer, die A 2 habe nichts zu bieten! Nur Punkte für die Fortuna leider nicht, und dann rettet auch die interessanteste Autobahn den Tag nicht mehr.

Mehr ist zu diesem Spiel eigentlich nicht zu sagen, allein drei Szenen sagen schon alles darüber, was für eine Art Partie es war, und warum Fortuna sie verlor:

In der ersten Halbzeit Freistoß für Fortuna aus 40 Metern Entfernung. Albertz drehte den Ball aufs Tor, so ein fieses Ding, das irgendwo um den Fünf-Meter-Raum runterkommt und bei dem der Torwart dadurch irritert wird, dass ca. 10 Leute zum Ball hin und anschließend daran vorbei springen. Klappte hier auch, Union-Keeper Glinker verfehlte den Ball, weil halb Berlin und Düsseldorf vor seiner Nase herumsprangen. Leider stand hinter ihm noch ein Unioner und haute die Kugel einen Meter vor der Torlinie weg.

In der 65. Minute dann Freistoß für Union aus 40 Metern Entfernung. Biermann drehte den Ball aufs Tor, so ein fieses Ding, das irgendwo um den Fünf-Meter-Raum runterkommt und bei dem der Torwart dadurch irritert wird, dass ca. 10 Leute zum Ball hin und anschließend daran vorbei springen. Klappte hier auch, Fortuna-Keeper Kronholm verfehlte den Ball, weil halb Berlin und Düsseldorf vor seiner Nase herumsprangen. Leider stand hinter ihm kein Fortune, um zu klären, und das Spiel war verloren.

So einfach kann Fußball sein.

Und in der 93. Minute dann noch der Nachweis, welche Art von Fußball gespielt wurde: verzweifelte, flache Hereingabe von rechts in den Berliner Strafraum, deren Abwehrrecke Schulz schlug in Höhe des Elfmeterpunktes ein wunderschönes Luftloch, der Ball fiel genau vor die Füße von Palikuca, der am 5-m-Raum völlig frei stand. Und das mit den Füßen war dann auch sein Verhängnis, er kriegte sie nämlich nicht sortiert. Und während der Berliner den Ball zuvor gar nicht traf, spielte der Düsseldorfer mit Ball und Beinen Pingpong, bis die Kugel weg, die Chance vertan und fünf Sekunden später das Spiel beendet war.

So kompliziert kann Fußball sein.

Es war durchaus eine Steigerung zum Hertha-Spiel erkennbar, die Mannschaft fightete, ergab sich nicht ihrem Schicksal, wirkte nicht lustlos, war in der zweiten Halbzeit auch spielbestimmend. Aber es war alles nicht sonderlich zwingend, bis auf das Riesending von Palikuca in der Nachspielzeit sowie eine Chance für Cebe in der ersten Halbzeit, als er ganz alleine auf Glinker zustrebte und dann einen Lupfer versuchte, den der Berliner Torwart lässig entschärfen konnte, sprang zuwenig Zwingendes dabei heraus. Wieder verloren.

Am Tag danach frischte ich vorsichtshalber meine Kenntnisse in der Oberliga Nordrhein wieder auf. Wir spielen in der nächsten Saiosn auf jeden Fall Oberliga, nach dem Union-Spiel fragte man sich nur, mit welcher Mannschaft. Fortunas Zwote steht ja schon als Aufsteiger fest, aber in Anbetracht der Leistungen der Ersten überkam einen das mulmige Gefühl, die jungen Spieler der Reserve könnten ihre Sektflaschen eventuell zu früh geköpft haben. Fortuna I näherte sich nämlich mit Riesenschritten dem ersten Abstiegsplatz. Also dachte ich, ich seh mich mal vorsichtshalber wieder auf den Plätzen um, die wir alle kennen, und die doch keiner mit der Ersten Mannschaft wiedersehen wollte. Anderthalb Stunden Sonnenbaden in Bergisch Gladbach beim Spiel gegen den Bonner SC. Dabei wurde ein sensationeller Platzverweis beobachtet: Bonner Spieler wird gefoult, bleibt verletzt liegen; Spieler von Bergisch Gladbach schießt den Ball zurück zum Tatort; der Ball trifft den Spieler aus Bonn, der am Boden liegt; der Schiri legt dies als Absicht aus und zeigt dem Spieler aus Bergisch Gladbach Rot. Kann man mal machen, denke ich. Allerdings im vorliegenden Fall, in dem der Schütze lockere 25 Meter (!!) vom gefoulten Spieler entfernt stand, wohl eher nicht. Wenn das Absicht war, würde der Mann sicherlich kaum in der Oberliga spielen. Aber es gibt halt solche Tage, da hat wohl auch ein Schiedsrichter keine Lust mehr auf spannende und umkämpfte Schlussphasen. Die gabs dann auch nicht, Bonn gewann 3:1, vor geschätzt 250 Zuschauern in einem Stadion, in das 10.000 reinpassen würden. Danach wusste ich auch, warum ich dieses „Flair“ nicht sonderlich vermisst hatte.

Also wären nunmehr drei Punkte gegen den Abstiegskandidaten SV Wilhelmshaven ganz schick gewesen, im Heimspiel am 21.04.07. Davor hatte der Fußballgott allerdings eine Posse ganz besonderer Art gestellt, die mich endgültig hoffen ließ, dass die Saison bald vorbei sein möge.

In der Disco mehr los als auf dem Platz


Wir erinnern uns kurz zurück – Ostersamstag, Heimspiel gegen Hertha BSC II, 0:2-Niederlage mit, höflich formuliert, unverschämter Leistung des Gastgebers. Am Tag danach, also wohlgemerkt: am Ostersonntag, nicht am Samstag nach dem Spiel sondern tatsächlich über 24 Stunden später, gedachten die Herren Kronholm, Cebe, Cakir und Wolf mal eine kleine Sause zu machen. Warum auch nicht – am nächsten Tag, Ostermontag, war trainingsfrei. Die vier Spieler waren zwar clever, sie wählten keine Disco in Düsseldorf, sondern wichen nach Krefeld aus. Aber Fortuna ist bekanntlich überall. Und wichtige Fortunen, die sowieso immer alles besser gewusst hätten, und die einen ziemlichen Hals auf die Mannschaft schoben (und schieben), sowieso. Natürlich kam es, wie es kommen musste. Irgendein wichtiger Stoffel erspähte die vier Herren zu vorgerückter Stunde in besagter Discothek in Krefeld und quatschte sie dort an. Und fühlte sich bemüßigt, in einem privaten Internetforum am nächsten Tag seine Erlebnisse zu schildern. Demnach wären die vier keineswegs betrunken gewesen, sondern hätten im nüchternen Zustand ausgesagt, mit dem Trainer nicht mehr klarzukommen, als Erklärung für die schwachen Leistungen der letzten Wochen.

Nun weiß natürlich jeder, dass Fußballprofis, die von wildfremden Leuten in der Disco angequatscht werden, nichts anderes zu tun haben, als denen mal die mannschaftsinterne Problematik zu erläutern. Na klar, macht doch eigentlich jeder von uns täglich, oder? Somit ist der Wahrheitsgehalt dieser Geschichte ja wohl klar. Allein der Discobesuch ist ja schon ein Skandal. Und da bei uns nichts unentdeckt bleibt, war ein weiterer Fan so frei, diese Schilderung einen Tag später mal ins offizielle Forum zu tragen. Hinterher meinte er, er habe ja nicht wissen können, dass dort auch die Presse mitlesen würde. Da hab ich wirklich schon mal weniger gelacht, echt.

Das Ganze wurde dann noch eifrig von Leuten geschürt, die ihre eigene Enttäuschung gern an anderen abreagieren, und das Volk bekam, was das Volk wollte: am nächsten Tag stand die Story in der Zeitung, der Verein bzw. der Trainer und die Spieler hatten den Schwarzen Peter. Und ich bin mir ziemlich sicher, dass dies von einigen „Fans“ genau so gewollt war.

Die Spieler machten aus dem Discobesuch auch keinen Hehl, warum auch? Das war einen vollen Tag nach einem Spiel, vor einem trainingsfreien Tag. Wo ist das Problem? Das Problem lag darin, dass einige Herrschaften anscheinend tatsächlich der Ansicht sind, wer schlecht arbeitet, hat auch kein Recht, auszugehen. Ah ja. Jetzt weiß ich auch, woher der Aufschwung in diesem unserem Land kommt. Denn da der normale Arbeitnehmer ja am Wochenende fleißig weiter ausgeht (anders sind volle Kneipen und Discos ja wohl kaum zu erklären) werden die wohl alle auf ihrer Arbeit keine Fehler machen. Denn diejenigen, die das forderten, werden selbstverständlich mit gutem Beispiel vorangehen und sich bei schlechten Leistungen im Betrieb (die, so glaube ich, jeder mal abliefern kann) konsequent drei Tage zwecks Selbstkasteiung zuhause einschließen. Kann man nicht vergleichen? Stimmt, aber es kommt dann halt auch meist von denjenigen Leuten, die auch sonst ihre eigene Arbeit mit der eines Fußballspielers gleichsetzen, man kennt ja das Genöhle: „Wenn ich solch eine Arbeit abliefern würde wie die auf dem Platz, wär ich schon längst entlassen worden!“ Man bekommt das Gefühl, die betrachten die Spieler als ihre Leibeigenen, denen man mal kurz vorschreiben kann, wann die mit dem Daumen im Mund zuhause bleiben müssen, wann man mal vorsichtig die Nasenspitze rausstrecken und wann ordentlich abgefeiert werden darf. Eben nicht nach Selbstbestimmung, sondern je nachdem, was der Stammtisch von den zuvor erbrachten Leistungen hält. Daumen rauf oder Daumen runter, schön wie im alten Rom. Zu diesem Urteil befähigt durch den Kauf einer Eintrittskarte und vielleicht durch die Durchführung einer Reise zu einem Auswärtsspiel. Wo bin ich hier eigentlich?

Nun gut, normalerweise interessiert sich ja kaum jemand für das, was die Masse so spricht. Und das ist auch ganz gut so, der Mob ist selten ein guter Ratgeber. In diesem Fall hatten es diese Leute dann aber geschafft, die Story schön öffentlich zu machen, sodass der Verein reagieren musste. Da werden sich einige gefreut haben, besonders diejenigen, die Trainer Uwe Weidemann die Pest an den Hals wünschen, und die haben sich mittlerweile exponentiell vermehrt. Klar, beim Fordern von Köpfen ist die Masse naturgemäß schneller dabei als z.B. beim Fordern von Konzepten. Ist ja auch langweiliger. Bezeichnend hierzu ein Eintrag im Forum: „Natürlich ist es nicht NUR Weidemann, aber irgendwo muss man ja mal anfangen.“ Natürlich, wer lässt den Tag schon gerne ungenutzt verstreichen?

Der Trainer konnte in dieser Sache nur verlieren, egal, wie er entscheiden würde. Würde er nichts unternehmen, könnte man ihm vorwerfen, die Mannschaft nicht mehr zu erreichen; würde er doch etwas unternehmen, würden dieselben Leute ihm vorwerfen können, zu überzogen reagiert zu haben, besonders wenn das Spiel in die Hose gehen würde. Er wählte die zweite Alternative, und schwupps – donnerstags verkündet, war Samstagmittag schon das Transparent fertig: „Freiheit für die ‚Säufer’ – Uwe raus!“ Na klar. Es würde mich nicht wundern, wenn der zweite Teil des Transparents schon Donnerstag Abend fertig gewesen wäre, man musste nur noch darauf warten, welchen Anfang man davor setzen musste. Ob da nicht einige Leute gehofft haben werden, Fortuna solle das Spiel verlieren, damit der ungeliebte Trainer gleich mit stürzen würde? Bei manchen Leute mag ich dies nicht mehr ausschließen, denen scheint jedes Mittel recht zu sein. Dies hatte man schon in der Vorwoche gesehen, als der Trainer nach dem Spiel in Berlin von eigenen „Anhängern“ übel beleidigt wurde, zuzüglich einer besonderen Variante, als einer ihn besonders kreativ anbrüllte: „Ich werde dafür sorgen, dass du deinen Vertrag hier nicht erfüllst!“ Kann sich ja jeder selbst ausrechnen, ob das eine Drohung oder nur ein Versprechen war...

Jedenfalls verkündete Weidemann nach einem Gespräch mit der Viererbande, die diese unglaubliche Verfehlung begangen hatte, dass er sie für das Spiel gegen Wilhelmshaven zunächst nur auf die Bank setzen würde, schloss aber einen Einsatz per späterer Einwechslung nicht aus. Zusätzlich gab es noch eine Geldstrafe für alle. Und genau die hätte es meiner Meinung nach auch getan, wenn überhaupt. So machte sich der Trainer wieder ein Stück angreifbarer, indem er eine Strafe aussprach, die keine echte war und auch noch unterschiedlich ausfiel, denn während Wolf bei ihm eh keine Chance mehr bekommt, wurden Cebe und Cakir im Laufe des Spiels eingewechselt. Torwart Kronholm natürlich nicht, und damit war er seinen Stammplatz an Patrick Deuß wieder los. So kann’s gehen, wenn du mal von Düsseldorf nach Krefeld in die Disco fährst....

Ach ja, Fußball gespielt wurde ja auch noch. Und zwar genau wie im Hinspiel. Frühe Führung für Fortuna nach einer knappen Viertelstunde, früher Ausgleich für Wilhelmshaven, eine Viertelstunde später – Endergebnis 1:1. alles wie im Hinspiel, sogar die Spielminuten, in denen die Tore fielen, passten fast genau, nur die Torschützen waren andere. Das 1:0 markierte Andy Lambertz, der eine Linksflanke von Jörg Albertz aus kurzer Distanz ins linke Eck drücken konnte, den Ausgleich besorgte Steffen Bury, der ebenfalls aus kurzer Distanz abstaubte, als die Fortuna-Abwehr nach der einzigen (!) Ecke für Wilhelmshaven im gesamten Spiel den Ball nicht wegbekam. Auch diesem Treffer ging eine nicht ganz regelkonforme Aktion voraus, der Torschütze räumte seinen Gegenspieler Jens Langeneke nämlich kurzerhand per Schubser beiseite, weil der so blöd im Weg stand, der Schiri freute sich über den Anflug internationaler Härte in der Regionalliga und gab das Tor. Nicht nur einigen Mannschaften, inklusive der Unsrigen, scheint im Endspurt die Luft auszugehen, einige Pfeifenmänner hätten wohl auch nach der Hinrunde mal besser aufhören sollen. Aber auch hier darf diese Fehlentscheidung nicht als Ausrede für den Punktverlust gelten, denn Wilhelmshaven war mit Abstand der schlechteste Gegner, der sich in dieser Saison in der LTU-Arena vorstellte, dagegen war das Gebolze und Gedresche der Hertha-Bubis zwei Wochen zuvor schon fast Spielkultur gewesen. Wilhelmshavens Trainer Kay Stisi bekannte auch nach dem Spiel in der Pressekonferenz freimütig: „Fortuna hat uns überrollt.“ Das stimmte zwar, aber wenn man dann das Toreschießen vergisst, kann es mit dem Sieg schon mal eng werden. Ein Dutzend guter bis hochkarätiger Chancen, 11:1-Ecken, der Gegner größtenteils ständig mit zehn oder gar allen elf Spielern am eigenen Strafraum, die versuchten gar nicht erst, nach vorne zu spielen – nur der Ball, der wollte nicht ins Tor. Und wenn ich immer so fleißig Andy Brehme zitiere, bring ich natürlich auch gerne noch das Bonmot eines anderen Spielers, der ebenfalls nicht im Verdacht steht, das Denken erfunden zu haben und wahrscheinlich gerade deshalb eine der meistzitierten Gestalten des Fußball-Zirkus wurde. Denn wer kennt seinen Jürgen Wegmann nicht? „Zuerst hatten wir kein Glück, dann kam auch noch Pech hinzu.“ Einen Kopfball von Podszus (ja! Der Mann kann so ca. einmal pro Spiel tatsächlich noch einen Ball aufs Tor bringen, anstatt daneben oder drüber) lenkte der gute Wilhelmshavener Keeper Damerow an die Latte, bei einem Feinbier-Schuss aus 20 Metern konnte er nur bewundernd hinterher gucken, wie das Ding ebenfalls von der Latte gleich mal wieder 20 Meter ins Feld zurückflog, solche Wucht hatte der, und soviel Wut steckte darin. Aber es nutzte nix, sie konnten machen, was sie wollten, ein weiterer Treffer sprang dabei nicht heraus, und zum Schluss musste man noch dem Schiri danken, der bei einem der an einer Hand abzuzählenden Angriffe der Jadestädter einen Zusammenprall im Fortuna-Strafraum als Foul abpfiff und dadurch einem weiteren herbei geeilten Gegenspieler die Gelegenheit nahm, aus acht Metern völlig freistehend aufs Tor zu schießen. Das wiederum erregte den Wilhelmshavener Coach so sehr, dass er sich für die letzten Sekunden des Spiels noch den Gang auf die Tribüne einhandelte. Vielleicht war er auch kurz zuvor erst wieder aufgewacht, denn das Spiel war in der zweiten Halbzeit dermaßen einseitig bzw. eintönig, weil man irgendwie sehen und ahnen konnte, dass die auch nicht mehr ins Tor treffen würden, wenn sie drei Stunden weiter spielen würden. Da konnte man schon mal kurz wegnicken, und wer durch Feinbiers Lattenkracher nicht geweckt wurde, der hatte gute Chancen, bis zum Ende durchzumurmeln. Naja, wenigstens nicht verloren.

Von der Schippe gesprungen?



Am Sonntag, den 29.04.07, wurde dieser doch wenig erquickliche Monat dann mit dem Auswärtsspiel bei Bayer Leverkusen II abgeschlossen. Keine Ahnung, warum die das Spiel auf Sonntag verlegten, vielleicht war das psychologische Kriegsführung, man wollte mal zeigen, wann man sich in der nächsten Saison wiedertreffen könnte, denn die Oberliga spielt ja bekanntlich zumeist sonntags. Und man konnte wirklich die Flatter bekommen, denn am Tag zuvor hatte Borussia Dortmund II, Inhaber des ersten Abstiegsplatzes, mal wieder gewonnen, diesmal 3:1 beim VfB Lübeck, die eine ähnliche Katastrophenrückrunde wie wir spielen. Torschützen waren übrigens die unbekannten Kicker Sahr Senesie und zweimal Lars Ricken, war also doch gut, dass ich mir den Namen dieses Nachwuchsspielers aus deren Spiel gegen uns vom März gemerkt hatte. Das scheint ja wirklich einer zu werden! Damit verkürzte der BVB den Rückstand auf das spielfreie Kiel auf vier Punkte, und auch wir hatten plötzlich nur noch sechs Punkte vor. Bei einer Niederlage in Leverkusen und noch fünf ausstehenden Spielen würde es dann noch einmal richtig eng werden.

Aber an diesem wieder mal herrlich sonnigen Nachmittag zeigten die Spieler, dass sie das Fußballspielen noch nicht gänzlich verlernt hatten und siegten mit 3:1. Und das, obwohl der Schiri ihnen wieder mal einen Stein in den Weg legen wollte. Wir schreiben die 35. Minute, Fortuna führt verdient mit 1:0 durch ein Tor von Cebe, ein Angriff der Leverkusener, Ball in den Strafraum, ein Fall, ein Pfiff, und der Schiri deutet nicht nur zur Verwunderung aller (auch der Leverkusener) auf den Elfmeterpunkt, sondern zeigt David Krecidlo auch gleich mal schwungvoll Rot. Und das frisch nach seiner vierwöchigen Verletzungspause. Was für ein Comeback! Warum der Schiri dies tat, blieb übrigens unklar, der WDR-Videotext meldete „absichtliches Handspiel“, die Homepage des DFB sprach vom „Verhindern einer Torchance“, sprich: Notbremse. Wird schon irgendwas gewesen sein. Man kann sich auch nicht beschweren, es war schließlich derselbe Schiri, der uns in der letzten Saison einen ebenso umstrittenen Elfmeter in letzter Sekunde zum 3:2-Sieg gegen Erfurt gegeben hatte. Man sieht sich halt immer zweimal im Leben.

Pierre de Wit verwandelte den Elfer zum 1:1, und man durfte befürchten, dass in der 2. Halbzeit alles wieder seinen gewohnten Gang gehen würde. Aber nein, diesmal nicht, in Unterzahl rafften sich die Fortunen plötzlich auf, liefen, kämpften und spielten gut, ließen keine Torchance des Gegners mehr zu und siegten völlig verdient durch Treffer von Henri Heeren und – mein Gott! – Sebastian Kneißl. Dass ausgerechnet der Kneißl, Winterpausen-Einkauf mit bislang null Durchsetzungsvermögen und eher sporadischen Lichtblicken, wenn er denn mal auf dem Feld war, es wagte, ein Tor zu schießen, scheint wiederum einige Fans persönlich zu verärgern. Nicht, dass der jetzt auch noch anfängt, Torgefahr auszustrahlen!

Gleichzeitig ging übrigens das muntere „Bäumchen wechsel dich“-Spiel im Tor weiter. Patrick Deuß machte zwar keine Fehler, auch war er nach dem Spiel nicht in der Disco (obwohl, das hätte ihm das Volk nach dem Sieg vielleicht sogar erlaubt), zog sich aber eine Verletzung an der Schulter zu und wird mindestens drei Wochen ausfallen. Somit rückt Kenneth Kronholm wieder zwischen die Pfosten. Ob freiwillig oder unfreiwillig – soviel Abwechslung wie bei der Besetzung des Torwartpostens in dieser Saison hatten wir schon lange nicht mehr für irgendeine Position auf dem Platz. Und damit dies auch zukünftig so bleibt, wurde heute (Donnerstag) gleich noch ein Keeper verpflichtet: zur neuen Saison kommt Michael Melka von Borussia Mönchengladbach, der mit Fug und Recht behaupten kann, am bevorstehenden Doppelabstieg der Gladbacher aus Erster und Dritter Liga gänzlich unschuldig zu sein, da er die laufende Saison doch eher auf den diversen Ersatzbänken verbracht hat. Nach meiner Erinnerung kein schlechter, warten wir mal ab, wie er sich so gibt, wenn er tatsächlich mal wieder spielen darf. Sollte Kenneth Kronholm bleiben, muss man natürlich den Melka sofort darauf aufmerksam machen, dass er sich von dem nicht arglistig in eine Disco locken lässt...

Ach ja, und zwei Tage nach dem Spiel sagte Jörg Albertz in einem Interview, er überlege nun doch, noch ein Jahr dranzuhängen, auch in der Regionalliga. Seine „Rücktrittserklärung“ nach dem Hertha-Spiel sei nur eine spontane Äußerung aufgrund der Beschimpfungen durch die Fans gewesen. Seitdem ergeht sich ein Großteil selbiger genüsslich darin, mal alle seine Schwächen aufzuzählen und zu fordern, er solle doch seinen Rücktritt vom Rücktritt wieder zurücknehmen. Denn sich eine Sache anders überlegen, zum Beispiel heute diejenigen in die Pfanne hauen, die man gestern noch bejubelt hat – das dürfen halt auch nur Fans, Spieler schon mal gar nicht.


Abgesang


Fortuna nach diesem Spiel mit 44 Punkten auf Platz 11, wieder mit 9 Zählern Luft nach unten, nach oben schaue ich schon längst nicht mehr (heimlich natürlich doch – 8 Punkte auf Platz 2, derzeit vom 1.FC Magdeburg gehalten). Man will ja nicht unken, aber die Saison 2000/01 beendete Werder II mit 45 Punkten auf dem ersten Abstiegsplatz (und blieb nur drin, weil Sachsen Leipzig die Lizenz entzogen wurde). Mindestens ein Sieg dürfte es also gerne noch sein. Wer weiß, was noch so alles in Dortmund auflaufen wird, solange es möglich ist, jetzt, wo deren Profis den Klassenerhalt wohl auch sicher haben. Fünf Spiele sind noch zu absolvieren, dann ist diese Saison vorbei. Zum Glück.

Bei mir ist in dieser Saison einiges in Scherben gegangen. Klar bin auch ich enttäuscht über den Verlauf der Rückrunde. Natürlich hätte ich in der nächsten Saison auch lieber gegen Köln und Mönchengladbach gespielt als gegen den SC Verl oder VfL Wolfsburg II (beide souveräne Tabellenführer in ihren Oberligen). Und das sogar montags. Jeder, der behauptet, dass ihm das egal sei, lügt. Aber ich denke, ich habe die Mannschaft realistisch genug eingeschätzt, um von vorneherein davon auszugehen, dass es auch in dieser Saison nicht reichen würde. Umso ärgerlicher natürlich, dass es tatsächlich möglich gewesen wäre (und immer noch möglich ist), weil die Konkurrenz über lange Zeit ebenso spielte wie wir und einem guten Spiel zwei schwächere folgen ließ. Man musste in dieser Saison noch nicht einmal überragende Qualität besitzen, ein paar Unentschieden weniger, und man hätte sich sogar die spielerischen Blamagen gegen Dortmund, Bremen und Hertha leisten können und wäre trotzdem immer noch oben dabei. Ich hätte mich darüber gefreut, aber ich hatte es nicht anders erwartet. Damit bin ich allerdings, wie ich mittlerweile feststellen musste, in der absoluten Minderheit. Ein Großteil der Fans hatte sich zu Saisonbeginn wohl gedacht: wir haben genug von dieser Liga, wir steigen einfach mal auf! Begründungen werden dafür heute noch gerne gegeben. Da kommen so tolle Sachen wie „Fortuna ist ein Traditionsverein und gehört in die 2. Liga!“ über „Ich fahr zu jedem Spiel, das muss doch gefälligst mal belohnt werden!“ bis hin zum für mich unübertroffenen „Ich will endlich mal wieder ein 7:1 gegen Bayern sehen!“ Das reicht den Leuten, um mal locker zu fordern, dass gefälligst aufgestiegen wird. Dazu noch ein schöne rosarote Vereinsbrille beim Betrachten des Kaders. „Wir haben den stärksten Kader der Liga!“ Ja nee, is klar. Besonders, weil die Stammformation ja so unglaublich oft in dieser Saison zusammen gespielt hat, es mögen sogar fünf oder sechs Partien gewesen sein. Außerdem ist diese Feststellung ziemlich leicht zu treffen, kommt sie doch meist von Leuten, die auf den Hinweis, dass auch noch so die ein oder andere Mannschaft in der Liga mitspielt, stets entgegnen, man habe auf sich selbst zu schauen, nicht auf die anderen. Tolle Phrase, natürlich bewusst völlig falsch verstanden: die bezieht sich auf ein Spiel, in dem man sich nicht das Spiel des Gegners aufzwingen lassen sondern versuchen sollte, das eigene durchzuziehen. Wie man dieses Argument beim Vergleich der Kaderstärke heranziehen kann, ist mir ein Rätsel. Kurzum: der Anhang trat meiner Meinung nach in dieser Saison mit einer zum Teil nicht mehr zu überbietenden Arroganz auf: jaja, Stärke zeigen, auch wenns noch so lächerlich wirkt. Starke Sprüche machen kann ja jeder, kostet nix und belastet einen selbst nicht, umsetzen und gegenfalls ausbaden müssen es ja die auf dem Platz, gleichgültig, ob sie dazu in der Lage sind oder nicht.

Und jetzt wird es also wohl nix mit dem Aufstieg. Sicherlich, möglich wäre es gewesen in dieser verrückten Saison, auch mit diesem Kader. Aber es soll wohl nicht sein. Das nennt man übrigens Fußball, glaube ich. Überraschungen gibt es da schon mal. Die Enttäuschung ist groß, vielleicht wurde auch schon ein halbes Jahr lang vor Freunden und Arbeitskollegen geprotzt, sodass man jetzt ziemlich dumm da steht. Und das geht natürlich nicht.

Schuld am Tabellenplatz ist die Mannschaft, ohne Zweifel. Schuld am Zusammenfallen überzogener Erwartungen sind die Fans selbst, denn ich kann mich nicht erinnern, dass zu Saisonbeginn irgendjemand im Verein vom Aufstieg gesprochen hätte. Dazu war die Konkurrenz einfach viel zu groß. Auch dies wurde den Verantwortlichen als Schwäche ausgelegt. Man muss sich doch hohe Ziele setzen, ganz gleich, wie lächerlich und angreifbar man sich damit macht. In der Leistungsgesellschaft dominiert doch der, der Stärke zeigt! Auch wenn er sie gar nicht hat. Großes Maul und nichts dahinter, das hätte unsere Devise zu Saiosnbeginn sein sollen! Das hätte sich ja dann auf den Mannschaftsgeist übertragen und zu einem richtigen Lauf führen können! Oder auch nicht. Denn ich glaube, auch das nennt man immer noch Fußball.

Und in den letzten Wochen habe ich den Eindruck gewonnen, einige Leute kommen damit nicht so ganz klar. Einige viele für meinen Geschmack. Und das Ganze hat Ausmaße erreicht, die ich persönlich nicht mehr bereit bin, zu tolerieren. Da werden Spieler angespuckt und mit Bier überschüttet. Da wird der Trainer mit Hinblick auf seine ostdeutsche Herkunft angepöbelt – beschämend, ich dachte, so etwas hätten wir längst hinter uns. Selbiger wird dann im Forum auch unwidersprochen als „Trainermüll“ bezeichnet, der sich gefälligst „verpissen“ soll. „War on the terraces“ wird für die letzten Spiele angekündigt, ich hoffe mal, nur von einer Minderheit, aber wer weiß das schon? Spieler werden öffentlich denunziert. Alles von Personen, die ihren eigenen Seelenfrieden über die Suche nach Sündenböcken und alleinverantwortlichen Übeltätern definieren und für die vor allem derjenige die Verantwortung für Fehler zu übernehmen hat, der einem aus persönlichen Motiven selbst am unsympathischsten erscheint. So fand ich in der letzten Woche einen Thread vor, in dem die Presse dazu aufgefordert wurde, den Trainer doch endlich mittels entsprechender Artikel aus dem Amt zu mobben, das hätte doch bei anderen Übungsleitern auch funktioniert. Das sollen angeblich alles Fans sein, die das schreiben. Natürlich echte Fans, keine dieser Erfolgsfans, die uns die Arena bei Spielen gegen St. Pauli, Osnabrück, Dresden und Wuppertal schön voll machten. Die kommen nach dem Spiel gegen Wuppertal und den anschließenden Auftritten der Mannschaft natürlich nicht mehr, gegen Wilhelmshaven waren es noch knapp 5.000. Nein, der wahre Fan ist kein solcher, der dann stumm zuhause bleibt. Der wahre Fan greift bei ausbleibendem Erfolg, den er selbst einfach mal im letzten Sommer festgelegt hat, lieber zu den oben genannten Mitteln. Aber wehe, man sagt dann „Erfolgsfan“ zu ihm! Das ist er selbstverständlich nicht, er ist „aktiv“. Egal wie. Beleidigung, Bedrohung, Erniedrigung, alles ist erlaubt, weil die Mannschaft einen ja um den Aufstieg betrogen hat. Jawohl, das Wort „Betrug“ konnte auch mehrfach vernommen werden. Komisch, ich dachte immer, um um etwas betrogen zu werden, müsste man dieses Etwas erst einmal besitzen. Man kann es noch nicht mal mit dem Kind vergleichen, das plärrt, wenn man ihm sein Lieblingsspielzeug wegnimmt. Denn es hat gar kein Spielzeug, das man ihm wegnehmen könnte, es hatte sich nur eins ausgedacht und lässt nun andere dafür büßen, dass wir hier nicht bei „Wünsch dir was!“ sind.

Sichtbares Anzeichen für diesen „Betrug“ sei übrigens der letzte Sieg in Leverkusen gewesen.

Da habe die Mannschaft ihr wahres Gesicht gezeigt. Da viele in der Truppe fürchten müssten, bei einem Aufstieg in die 2. Liga keinen neuen Vertrag zu erhalten, weil sie nicht zweitligatauglich seien (Letzteres denke ich übrigens bereits seit Saisonbeginn, aber egal), hätten sie die vorhergehenden Spiele absichtlich versemmelt, um nicht in Aufstiegsgefahr zu geraten. Jetzt, wo es aber nach unten noch einmal eng wird, da strengen sie sich plötzlich an und gewinnen mal eben, auch wenn sie eine Halbzeit in Unterzahl spielen müssen. Denn ihre Drittliga-Verträge wollen sie ja alle behalten, in der Oberliga will auch keiner von denen spielen. Es gibt Leute, die glauben so etwas! Manchmal kann man wirklich nicht so viel essen, wie man kotzen möchte.


Da wird der wahre Fan, egal welcher Couleur, jetzt nur müde abwinken und sagen: „Das ist doch normal. Emotionen und so. Moderne Gladiatorenspiele halt. Wir wollen Party, und wer sie uns verdirbt, der muss halt das Echo vertragen können. Die werden ja schließlich dafür bezahlt.“ Nein, werden sie nicht. Und ich möchte mal gerade diejenigen wahren Fans sehen, die immer wieder ausführen, die Spieler müssten sich auch persönliche Beleidigungen oder Bierduschen gefallen lassen, weil das zu ihrem Job gehöre, wenn man bei denen im Betrieb aufkreuzen und mit ihnen dasselbe machen würde, mit der Begründung „Ich hab grad eurem Portier nen Zehner gegeben, ich darf das!“ Das wären die ersten, die beim Betriebsrat heulen würden. Oder die solchen Besuchern einfach mal aufs Maul hauen würden. Aber das dürfen die Spieler ja auch nicht. Die dürfen nur gewinnen. Und wenn sie verlieren, zuhause bleiben. Schöne neue alte Welt.

Nun lebt natürlich der Fußball von seinen Emotionen. Und niemand erwartet, dass Fans, deren Mannschaft gerade wieder den größten Murks zusammengespielt hat, still und leise aus dem Stadion schleichen oder gar die Mannschaft noch feiern. Aber es gibt Grenzen für mich. Für andere nicht, denen ist jedes Mittel recht, um ihre Enttäuschung über die eigenen überzogenen Erwartungen auf andere abzuwälzen. Hauptsache, man muss sich nicht an die eigene Nase fassen, es könnte ja zuviel Rotz dran hängen bleiben. Denn was für mich persönlich das Fass zum Überlaufen bringt, ist Folgendes: all diese Aktionen und Äußerungen, die abliefen und ablaufen, seit die Mannschaft konstant schlecht spielt, werden natürlich nur von wenigen ausgeführt. Kann man ja immer leicht sagen, gemessen an der Gesamtzuschauerzahl sind zehn Leute, die mit halbvollen Bierbechern werfen, wirklich minimal. Für mich sind es allerdings zehn zuviel. Und auf diese zehn kommen nun dummerweise einige mehr, die solche Aktionen oder Aufforderungen oder persönliche Beleidigungen vielleicht nicht gutheißen, aber vollstes Verständnis dafür haben und dies auch kundtun. Dafür muss man doch auch Verständnis haben, wenn den Leuten mal der Hut hochgeht! Den treuen alten Fans, die noch die Bundesligazeiten erlebt haben und von den Derbys gegen Köln und Gladbach träumten. Den jugendlichen Allesfahrern, die seit Jahren jedes Dorf in der Ober- und Regionalliga abgrasen (wozu der Verein sie selbstverständlich jede Woche zwingt), und die auch endlich mal ins DSF kommen wollten. Denen muss man das doch nachsehen. Nicht schön, diese Auswüchse, aber kann doch mal passieren. Sie sind halt alle soooo enttäuscht von der Mannschaft und vom Trainer. Ich darf fragen: wie enttäuscht? Wann bekommt der erste Spieler oder der Trainer was aufs Maul? Es wird nicht mehr lange dauern, so meine Befürchtung nach den letzten Wochen. Und wieviele Leute werden dann wieder auf den Plan treten und sagen: Ja gut, das war nicht schön, aber man muss denjenigen doch auch verstehen....wo er doch so bitter, bitter betrogen wurde? Es werden einige sein, da bin ich mir mittlerweile völlig sicher.

Als Krönung des Ganzen startete einer der bitter Enttäuschten vor einigen Wochen einen Thread, in dem er – offensichtlich stinksauer – etwas davon schrieb, die „Verantwortlichen vom Arenadach baumeln“ zu lassen. Der zuständige Admin verwarnte den User und löschte den Beitrag. Dieser war jedoch in einer ersten Antwort bereits als Zitat übernommen worden, blieb also sichtbar. Gab es einen Proteststurm? Wurde hier endlich mal massiv dagegen geredet, dass es hier immer noch nur um Fußball geht, und dass verletzte Eitelkeiten nicht so weit führen dürfen? Haha. Die Anzahl der Leute, die denjenigen sinngemäß fragten, ob er noch alle Latten am Zaun habe, kontne man an einer Hand abzählen. Der Rest schwieg (und wird wahrscheinlich heute sagen, er habe diesen Dreckspost gar nicht gelesen) und erweckte somit zumindest bei mir den Eindruck, so ganz unsympathisch wäre das auf den ersten Blick gar nicht.

Und das sind so die Momente, in denen weißt du, dass es genug ist. Zumal ich selbst auch nicht geantwortet habe, die Feigheit muss ich mir vorwerfen lassen, aber ich hatte keine Lust mehr. Bei anderen Leuten, die bis heute in ca. 25 Postings pro Tag den Rauswurf des Trainers und der halben Mannschaft fordern und dabei immer aggressiver werden, konnte ich nicht feststellen, dass sie irgendwie die Lust verloren hätten. Dann macht mal schön. Und wenn dann tatsächlich der erste vom Arenadach baumelt, weil heutzutage eben alles möglich ist (ich erinnere mal kurz an den Foltermord in der JVA Siegburg im letzten Winter, als drei Gefangene ihren Mithäftling umbrachten, nur „um mal zu sehen, wie das ist“ – und die hatte noch gar keiner um einen bereits feststehenden Aufstieg betrogen), auch im Fußball, dann wird man ja sehen, ob sich einer dazu bequemt, zu schreiben, dass sei ja alles ganz schrecklich, aber man müsse den Täter doch auch verstehen, soooo enttäuscht wie der sei. Und außerdem sei das halt ein Berufsrisiko von Angestellten eines Fußballvereins in der heutigen Zeit. Ich fürchte, mindestens ein Gehirnakrobat wird sich tatsächlich finden...

Nein danke. Macht ihr mal schön, aber ohne mich. Kritik, Pfiffe, Beschimpfungen, die nicht ins allzu Persönliche gehen, meinetwegen auch Häme oder Boykott – davon hat sich die Mannschaft in der Rückrunde genug verdient. Auch der Trainer darf sich gerne mal hinterfragen lassen, was er sich bei der ein oder anderen Aufstellung überhaupt gedacht hat und ob er, wenn er mehrere Stunden zur Suche zur Verfügung gestellt bekäme, so etwas wie ein System finden würde, das er mal näher erläutern könnte. Aber mehr auch nicht. Dies alles ist jedoch wohl zu langweilig. Mein Maß ist voll. Wohlgemerkt, nur meins. Davon braucht sich niemand auch nur im Entferntesten angesprochen fühlen, es ist nur meine persönliche Meinung. Die logischerweise dazu führt, dass ich noch einen Bericht über die letzten fünf Spiele der Fortuna in dieser Saison abliefern werde, und dann ist Feierabend. Fünf Jahre sind auch genug, um den Buchtitel eines unbekannten Autors mal ein wenig zu verfremden. Ob das jemanden überhaupt interessiert, interessiert mich wiederum nicht, aber ich bin immer noch ein Freund davon, eine Saison ordentlich zu Ende zu bringen. Es wäre schön, wenn die Mannschaft dies auch könnte, aber wenn nicht – so what? Ich werd auch weiterhin hingehen, auch wenn ich kein „wahrer“ Fan sein sollte. Aber darüber schreiben werde ich nicht mehr (oder höchstens sporadisch). Wie gesagt, ich habe keine Lust mehr. Wahrscheinlich sehe ich das alles zu eng, nehme alles zu ernst und übertreibe maßlos. Wahrscheinlich gibt es diese Art von Leuten in jedem Verein, zu jeder Saison, zu jeder Zeit, schließlich steckt immer irgendwo ein Club in der Krise. Mag sein. Ich denke auch nicht, dass viele Leute es vermissen werden. Denn im Gegensatz zu einer Menge anderer Leute, die ein anderes Selbstbewusstsein an den Tag legen, halte ich mich nicht für wichtig. Und schon gar nicht für Fortuna. Ich bin Fortune, und ich bleibe es auch. Ich möchte aber einigen anderen nicht zumuten, mich öffentlich mit ihnen auf eine Stufe zu stellen, dafür bin ich wohl nicht tough genug. Umgekehrt gilt aber auch dasselbe. Ich möchte nicht mit Leuten in einen Topf geworfen werden, die beinahe alles tolerieren, wenn man nur mal zeigen kann, wie enttäuscht man ist. Noch nicht mal, wenn ich mich im selben Stadion befinde.

Noch 5 Spiele bis Saisonende: janus (Weichei)