von Janus, 01.04.2006 (Kein Scherz)

Willkommen im Niemandsland! So könnte die imaginäre Überschrift einer Zusammenfassung der letzten Wochen lauten. Mit ein bisschen mehr Glück könnte man etwas hoffnungsfroher in die nächsten Wochen schauen, aber nach oben geht wohl nun wirklich nur noch etwas, wenn die ersten 5 Clubs in der Tabelle mal kollektiv die Arbeit einstellen würden, und darüber hinaus, was noch unrealistischer erscheint, Fortuna wirklich bis zum Schluss durchstarten würde. Aber so richtig enttäuscht bin ich darüber nun auch wieder nicht. Obwohl, ärgerlich ist es schon, dass uns nächste Saison das Derby gegen den 1.FC Köln entgeht. Aber das konnte nun wirklich niemand ahnen, dass die sofort wieder abgehen. Höchstens hoffen, aber nicht ahnen. Andererseits habe ich weiterhin nicht vergessen, dass wir noch am 12. Spieltag auf dem letzten Tabellenplatz standen. Insoweit fühle ich mich in den jetzt erklommenen Tabellenregionen nicht ganz unwohl. Selbiges galt wohl auch für die Mannschaft, die in den letzten Wochen dann auch alles daran setzte, dort zu bleiben.

Zunächst ließ man sie nicht, die Partie bei Werder Bremen II am 04.03.2006 fiel den andauernden Schneefällen zum Opfer. Das Komische daran war nur, dass auf dem Nebenplatz 11 in Bremen kein Schnee lag. Zumindest war auf den Fotos, die die Platzkommission am Tag vor dem Spiel zeigte, nicht eine einzige Flocke zu sehen. Aber die Herren hatten alle die Hände in den Taschen, es wird also schon ordentlich kalt gewesen sein. Und vielleicht war der Platz ja auch in den Tagen zuvor bei der Schneeschmelze ersoffen, so grün wie er aussah. Wir wollen es mal glauben.

Einerseits kam der Spielausfall nicht ganz ungelegen, denn bei Fortuna wären einige Akteure verletzt ausgefallen. Das war aber nix gegen die einmalige Chance, die sich uns dort geboten hätte: bei Werder war zum damaligen Zeitpunkt Björn Schierenbeck verletzt bzw. grad im Aufbautraining nach einem Knöchelbruch. Was für eine Gelegenheit! Denn dieser Name verkörpert den kleinen Fortuna-Alptraum, den sich der Verein in der Regionalliga Nord mittlerweile herangezüchtet hat: gegen Werder II (oder die „Amateure“ oder die „U23“ oder wie auch immer die Bezeichnung in einer neuen Saison lautet) hat Fortuna noch nie gewonnen, in sieben Partien gab es drei Unentschieden und vier Niederlagen – und in jeder dieser Partien stand der Herr Schierenbeck bei den Weser-Kickern auf dem Rasen, räumte hinten mit seiner Körperlänge von geschätzt 2,51 m alles ab und hatte sogar noch Zeit und Muße, drei Tore zu schießen. Es scheint daher unmöglich, mal ein Spiel gegen Bremen zu gewinnen, solange dieser Mann bei denen aufläuft, und da wäre der 04.03. nun wirklich eine gute Chance gewesen! Aber es hatte nicht sollen sein, als Nachholtermin wurde der 29.03. festgesetzt. Nicht dass ich einem Spieler etwas Schlechtes wünschen würde, aber insgeheim hoffte ich, dass er sich rechtzeitig noch eine leichte Zerrung holen würde, damit dieser Alptraum endlich ein Ende hätte. Aberglauben ist doch was Feines...

So hieß es also eine Woche warten, ehe am 11.03.2006 das nächste Spiel ausgetragen werden konnte. Gegner war Zweitliga-Absteiger RW Erfurt.

Fortuna Düsseldorf – Björn Brunnemann 3:2 n.V.

Die Überschrift bringt das Spiel wohl einigermaßen auf den Punkt. Glücklicher, aber verdienter Sieg der Fortuna gegen RW Erfurt, die einen Fußballspieler und 10 kleine Maurermeister mitgebracht hatten, um ihre Bilanz als schlechtestes Auswärtsteam der Liga (zum damaligen Zeitpunkt 3 Unentschieden, der Rest Niederlagen) aufzupolieren. Kein Wunder, dass Fortuna sich schwer tat, mit solchen Mannschaften kann man nicht umgehen, siehe HSV II zwei Wochen zuvor.

In der ersten Halbzeit fand man denn auch kein Mittel gegen die defensiv gut eingestellten Erfurter, die heimtückisch auch noch zu einer besonderen Abschreckung griffen: Torwart Orlishausen spielte nach einem Jochbeinbruch mit Gesichtsmaske, sodass man, wenn man die vielbeinige Abwehr der Thüringer irgendwann einmal überwunden hatte, plötzlich vor Zorro stand, was die Nerven noch ein wenig mehr flattern ließ.
Dementsprechend auch das 0:1 in der 28. Minute, nach Abwehrfehler Eraslan und schönem direkten Spiel zwischen Hebestreit und Brunnemann tauchte dieser plötzlich allein vor Deuß auf und ließ ihm mit einem satten Schuss aus 11 m keine Chance. Es war der einzige Schuss der Erfurter, der in der 1. Halbzeit aufs Tor kam. Da von Fortuna auch nicht viel mehr kam, führte Erfurt zur Pause verdient, obwohl Fortuna über die gesamte Spielzeit deutlich mehr Spielanteile hatte.

Nach der Pause dann Powerplay der Fortuna und endlich mal wieder ein glückliches Händchen von Trainer Weidemann: der riskierte nämlich alles und brachte im Laufe der 2. Halbzeit mit Wolf und Melunovic Stürmer 3 und 4 für Canale und Cebe. Nachdem sich u.a. Andy Lambertz im Auslassen zweier hundertprozentiger Torchancen hervorgetan hatte, klingelte es in der 72. Minute endlich im Erfurter Kasten: Melunovic setzte sich im Strafraum durch, wobei ihm der Ball zunächst an die Hand sprang, was zurecht nicht abgepfiffen wurde, seinen Schuss konnte der sehr gute Maskenmann im Erfurter Tor noch hervorragend parieren, dann jedoch der entscheidende Fehler: die Kugel fällt U19-Nationalspieler Tom Bertram vor die Füße, der weiß eine Sekunde lang nicht, was er damit anfangen soll, und Lambertz spitzelt ihm den Ball mit der „Pieke“ vom Fuß und ins leere Tor. Hochverdienter Ausgleich, dem nur 5 Minuten später die ebenso verdiente Führung folgte: Pass auf die rechte Seite, Denis Wolf, der nach seiner Einwechslung dort auf außen so ziemlich machte, was er wollte, und der schlug eine erstklassige Flanke, weit hinter den langen Pfosten, wo Marcel Podszus einmal mutterseelenallein stand und den Ball per Hechtkopfball ins lange Eck versenkte.

Und wie Fortuna so ist, was man sich in 77 Minuten mühselig aufgebaut hat, macht man in 30 Sekunden wieder kaputt: langer Ball der Erfurter über rechts auf Brunnemann, in der Mitte pennt Böcker und hebt das Abseits auf, Brunnemann dreht rechts in den Strafraum ein und nagelt die Pille aus spitzem Winkel links oben in den Winkel (78.). Ein Traumtor, an dem Torwart Deuß meiner Meinung nach allerdings nicht ganz unschuldig war, denn er hätte mit dem Schuss rechnen müssen, da Brunnemann mangels anwesenden Mitspielern (ein einziger war in der Mitte mitgelaufen) gar nichts anderes übrig blieb als draufzuhauen. Trotzdem natürlich ein tolles Tor, welches anschließend auch völlig zurecht in der „Sportschau“-Auswahl zum „Tor der Woche“ auftauchte. Es war das vierte Mal in dieser Saison, dass Fortuna binnen maximal vier Minuten nach eigenem Treffer eine Führung aus der Hand gibt (Erfurt Hinspiel, in Wuppertal und gegen Jena), da scheint Bedarf bei der Konzentrationsschulung zu bestehen.
Kurz danach konnte gar der dritte Torschuss der Erfurter gesichtet werden, natürlich wieder durch Brunnemann, diesmal traf er nur das Außennetz.

Dass Fortuna doch noch gewann, verdankte man Erfurter Dämlichkeit und dem Schiri. In der Nachspielzeit, es läuft bereits die 93. Minute, Einwurf von Wolf auf Melunovic im Strafraum, der dreht sich um seinen Gegenspieler und fällt, der Schiri gibt Elfer. Sehr grenzwertig, würde ich sagen. Aber: man konnte bis oben unters Arena-Dach sehen, wie der Gegenspieler Melunovic bei der Ballannahme ein wenig rempelt und anschließend, kaum zu glauben, aber wahr, von hinten den rechten Arm zärtlich um Melunovics Bauch legt. Während der Drehung zieht er den Arm zwar wieder weg, aber da ist Melunovic schon gefallen, und wer so blöd hingeht, darf sich dann nicht wundern, wenn der Schiri pfeift. Zumal besonders in der 2. Halbzeit eins aufgefallen war: in mindestens vier Fällen unterbrach der Schiri die Ausführung eines Eckballs oder Freistoßes für Fortuna und eilte in den Erfurter Strafraum, um diverse Abwehrspieler anzumahnen, die Hände von ihren Gegenspielern zu lassen. In der 93. Minute reichte es ihm dann, und auch wenn man den Elfer wahrlich nicht geben musste, beschweren durften sie sich nicht, sie waren oft genug gewarnt worden. Henri Heeren gab beim Elfer den Johann Neeskens und nagelte das Ding mittig unter die Latte, der Schiri ließ gar nicht mehr anpfeifen, und Fortuna hatte 3:2 gewonnen. Und somit erstmals in dieser Saison auch mal Glück in der Nachspielzeit, nachdem gerade dort schon so viele Punkte vergeigt wurden (das Tor in der Nachspielzeit zwei Wochen zuvor gegen HSV II rechne ich mal nicht mit, da hatten wir ja auch den Gegentreffer zuvor in der Nachspielzeit bekommen – hebt sich also auf).

Anschließend stürmten ca. 100 Erfurter Idioten den Rasen, weil man sie zunächst gewähren ließ und viel zu spät eingriff. Die Fortuna-Spieler, die noch vor der Südtribüne mit den Fans gefeiert hatten, verließen fluchtartig die Stätte des Triumphs. Klar, wäre ich auch sauer, wenn ich in der 93. Minute verlieren würde. Allerdings haben wir in der Hinrunde in Erfurt auch in der 90. Minute den Ausgleich bekommen und damals, im Gegensatz zu Erfurt am jenem Samstag, nicht einen, sondern sogar zwei Punkte verschenkt. Mir ist nicht erinnerlich, dass wir daraufhin versucht hätten, das Steigerwaldstadion im Handstreich zu nehmen (wobei ich gerne zugestehe, dass wir auch über entsprechend schlaues Personal verfügen). Außerdem dürfen durchaus Zweifel bleiben, ob Leute, die mit Spruchbändern wie „Fight Club - Riot Sport Crew“ oder „Kommando“ (schön in altdeutschen Lettern) antreten und die gesamte Spielzeit über mit so netten Gesängen wie „Wir haben euch was mitgebracht – Hass, Hass, Hass!“ glänzen, eine unglückliche Niederlage brauchen, um loslegen zu können. Und natürlich waren es nicht alle mitgereisten ca. 400 Erfurter, die da ordentlich loslegten, aber eine zu vernachlässigende Minderheit war es auch nicht. Hervorzuheben bleibt ein wirklich friedfertiger Fan, der seinen eigenen Protest gegen den seiner Meinung nach zu Unrecht gegebenen Elfmeter zelebrierte: im Mittelkreis der Arena ließ er mal flugs die Hose runter, nahm dann im Schneidersitz auf selbiger Platz und verharrte bewegungslos im Sitzstreik. Nachdem man einige Zeit deeskalierend auf ihn eingeredet hatte, verschwand er schließlich friedlich. Ich möchte auch nicht vergessen, zu erwähnen, dass einige Erfurter Spieler auf den Platz zurückkehrten, um die Leute zu beruhigen.

Erfurt hat sich selbst geschlagen, weil man im Aufbauspiel viel zu schlecht war und die wirklich flinken Spitzen Brunnemann und Hebestreit viel zu selten einsetzte, weil man am Ende mit Mann und Maus hinten drin stand und sogar die Stürmer vom Platz nahm (ab ca. 85. Minute war Torwart Deuß der einzige Spieler in der Fortuna-Hälfte) und weil man zuviel Foul spielte und so die Nachspielzeit verursachte (eigentlich sonst unsere Spezialität).
Fortuna siegte 3:2 vor 5.198 Zuschauern und stand auf Platz 6 mit 40 Punkten. Ein Sieg fehlte noch zum Klassenerhalt, und dann könnte man endlich mal frühzeitig für die neue Saison planen. Vielleicht war er schon eine Woche später im Spiel bei Aufsteiger Kickers Emden drin. Die sind allerdings in dieser Saison sehr heimstark, das würde dementsprechend ein vielleicht zu harter Brocken werden. Aber zumindest endlich mal eine Mannschaft, die auch selbst nach vorne spielen und gewinnen wollte. Diese ganzen Maurertruppen konnte ich langsam nicht mehr sehen.

In der Hölle des Gard Haar-Stadions

Am 18.03.2006 siegte Fortuna 2:0 bei Kickers Emden. Nach Betrachten der ersten Halbzeit des Spiels war dies ein schlechter Witz, wenn man die zweite dazu nimmt, wird’s doch einigermaßen verdient. Ein sehr abwechslungsreiches Spiel bei den Ottifanten.

Vor das Spiel hat der liebe Fußballgott die Anreise gestellt, die mit dem Auto mittlerweile so was von unproblematisch ist, dass sie hier ruhig mal gewürdigt werden sollte. Früher war es ja so: man fuhr in Bottrop von der A 2 auf die A 31. Die war in Bad Bentheim leider zu Ende und fing erst in Meppen wieder an, um dann nach Emden zu führen. Das zwischenstreckliche Loch war per Landstraße zu überbrücken, an manchen Tagen ein wahres Geduldsspiel, wahlweise hinter drei Treckern oder einem Opa mit Hut am Steuer eines Mercedes zu absolvieren. Dieses Loch in der Autobahnführung bestand von Mitte der 80er Jahre bis 2002, wenn mich nicht alles täuscht. Ich erinnere mich gerne an die Schimpfkanonaden eines Arbeitskollegen aus Düsseldorf Ende der 90er Jahre. Der wollte damals nämlich an einem Wochenende über die A 31 an die See fahren, wohl erstmals in seinem Leben. Hierzu zog er einen Straßenatlas aus den 80er Jahren zu Rate, fand die Autobahn und bemerkte, dass der Verlauf zwischen Bad Bentheim und Meppen gestrichelt dargestellt war, was laut Legende „im Bau“ bedeutete. Da wir ja nicht in einer Bananen-Republik wohnen, schloss er mutig aus dem Alter des Atlanten, dass die Strecke nach 15 Jahren wohl endlich fertiggestellt sei und befuhr sie anschließend. Sie war es nicht, und er fand sich auf oben genanntem einstündigen Umweg wieder, auf dem er an diesem sonnigen Wochenende wohl etwas mehr als nur drei Trecker vor sich antraf. Dies wiederum führte zu der blumigen Schilderung am Montagmorgen, was er denn so von deutschen Autobahnen hielte. Eine schöne Erinnerung.
Aber das ist ja Geschichte, die Autobahn ist inzwischen durchgebaut. Ich stieg in Düsseldorf am Hauptbahnhof ins Auto und zweieinhalb Stunden später in Emden vor dem Stadion wieder aus. Phänomenal! So schnell kommt man also an die Küste heutzutage. Sehr zu empfehlen.

Allerdings hatten wir nun das Problem, dass wir vor dem Stadion standen, es allerdings erst 11.00 Uhr war. Ein wenig früh also. Pfiffiger hatten dies die Insassen des Wagens mit Düsseldorfer Kennzeichen gelöst, die vor uns auf der Hauptstraße fuhren. An der Kreuzung, an der man rechts zum Stadion abbiegen musste, ging es nämlich auch nach links. Und dort wartete, so versprach ein handgeschriebenes Schild an der Kreuzung, „erotisches Kino“. Die Jungs bogen flugs nach links ab und wurden nicht mehr gesehen. Konzentrierte Spielvorbereitung!
Das Stadion selbst ist von altem Schrot und Korn, eine ganz niedrige Haupttribüne, auf der auch nur 400 Sitzplätze zur Verfügung stehen, rechts und links vom Sitzblock befinden sich noch überdachte Stehplätze, eine Hintertortribüne ist auch noch überdacht, der Rest Freiluftgehege. Das Stadion liegt ziemlich nah am Hafen, während des Spiels kreisten die Möwen über dem Ground, und es war verdammt zugig. Alles in allem also sehr nett.

Der Parkplatz vor dem Stadion hingegen war nicht so prickelnd, große Schlaglöcher rüttelten den Wagen durch, und es waren ordentlich Schlammpfützen vorhanden, sodass man allein durch den Weg vom Parkplatz zum Stadion schon hätte prahlen können: „Guck mal, hab auch mitgespielt!“ Zumindest, was das Aussehen des Schuhwerks anging. Wir begaben uns also zur Vereinskneipe, die direkt am Stadioneingang liegt. Die war eigentlich für Gäste noch gar nicht geöffnet, aber der Wirt erbarmte sich unser und ließ uns ein. Das war schon mal einen großen Pluspunkt wert, aber es kam noch besser: wir bestellten einen Kaffee und eine Cola, es kostete 2,20 Euro. Vorsichtshalber fragte ich nach, welcher von beiden Artikeln mit diesem Preis bedacht sei und kassierte ein herzliches Lachen: „Beides zusammen!“ Ja, hier herrscht nicht nur ein freundlicher Umgangston, sondern auch ein sehr ziviles Preis-Leistungs-Verhältnis! Da bleibt man doch gleich gerne ein wenig länger.
In dieser schön rustikal eingerichteten Kneipe hängen auch unzählige Fotos von Mannschaften oder einzelnen Persönlichkeiten, die sich hier bereits die Ehre gegeben hatten. Neben dem obligatorische Telekom-Trikot des FC Telekom, der hier wohl mal zu einem Freundschaftsspiel angetreten war, zog mich besonders das Foto von Udo Lattek in seinen Bann, welches über einer Sitzbank „Eiche rustikal“ hing. Guck an, selbst der Udo war schon hier! Da werden sie wohl ein gutes Geschäft gemacht, als der mit seinem Gefolge einfiel. Wahrscheinlich haben sie sofort zwei neue Fässer Pils aus dem Keller geholt, eins für Udo, eins für sein Gefolge. Insgesamt eine urgemütliche Pinte, die leider den Nachteil aller urgemütlichen Pinten hat, nämlich, dass sie zu klein ist, sie wurde kurz vor Spielbeginn wirklich brechend voll.
Dann öffnete auch die Geschäftsstelle (deren Hintereingang neben dem Herrenklo hinter der Pinte liegt), auf der ich auch noch vorsprechen musste und wo ich die benötigte Auskunft ebenfalls sehr freundlich und hilfsbereit bekam, auch die Ordner, mit denen ich an jenem Nachmittag zu tun hatte, waren freundlich und nett, man konnte sich glatt nicht wie zuhause fühlen, denn in der LTU-Arena ist das alles meist anders, insbesondere was die Preise angeht. Das war allerdings nicht der Grund, dieses Umfeld etwas ausführlicher zu schildern, meine diesbezügliche Absicht liegt in einem anderen Umstand begründet.

Die Partie hatte ja eine Vorgeschichte, nämlich dass Emden die drei Punkte aus dem Hinspiel (2:1-Sieg) wieder aberkannt wurden, weil Spieler und Torschütze Falk Schindler nach der Partie positiv auf einen Wirkstoff getestet wurde, der auf der Doping-Liste steht und der in seinem Haarwuchsmittel enthalten war. Diese Geschichte versuchte die Emder Presse und auch die Stadionzeitung, wie nicht anders zu erwarten, vor dem Spiel noch mal aufzuwärmen, um noch mehr Pfeffer ins Spiel zu bringen. Da wurde gleich mehrzeilig erklärt, warum der Schindler denn nie im Leben gedopt hätte (deswegen haben sie ihn zwischenzeitlich ja auch nie im Leben gefeuert und anschließend, als die Punkte endgültig weg waren, wieder eingestellt...) und gejammert, dass man sich „gestohlene Punkte“ zurückholen wolle. Ich wusste gar nicht, dass an jenem Samstag auch die Punkte des Hinspiels neu ausgespielt wurden. Aber na ja, wenn’s der Stimmungssteigerung dient...Die Macher der Stadion-Zeitung hatten eh einen etwas unsouveränen Tag erwischt, so wurde die Fortuna als „Europapokal-Sieger“ vorgestellt (sehr nett, danke, aber ich muss gestehen, wir haben 1979 gegen Barcelona verloren – zwar knapp und unglücklich in der Verlängerung, aber wir haben verloren) und Marcus Feinbier als Neuzugang in der Winterpause avisiert, was wahrscheinlich auf unsere Platzierung weitreichende Auswirkungen gehabt hätte, wenn der Transfer wirklich erst so spät erfolgt wäre.

Man wollte das Spiel also ordentlich anheizen, auch so mancher Kickers-Fan in so manchem Internet-Forum schrieb zuvor vom „Spiel des Jahres“ und tippte ein ordentliches „5:0, ich fürchte nur, dass unsere Jungs übermotiviert sein werden.“ Kurzum, die Stimmung vor dem Spiel war auf 180, und da fand ich es schon äußerst überraschend, und zwar positiv!, dass wir vor dem Spiel auf ausnahmslos nette und freundliche Leute des Gastgebers trafen, die uns auch unterstützten, wo es nötig war. So kann es also auch sein, und ich dachte, das wäre mal ein paar Worte wert.

Das Spiel, die Rache des betrogenen Haarwuchsmittels, begann natürlich auch richtig heiß, und fast hätte Fortuna ihrer langen Liste unrühmlicher Rekorde einen neuen hinzugefügt: nach genau 8 Sekunden (!) hätte man nämlich fast in Rückstand gelegen, als Grgic vom Anstoß weg mit zwei Pässen freigespielt wurde und völlig frei vor Deuß auftauchte, aber dieser konnte parieren. Ich dachte noch, ich hätte nicht richtig gesehen, da krachte es gleich zum zweiten Mal, diesmal auf der anderen Seite: Cebe hatte seinen Gegenspieler mit gestrecktem Bein umgemäht und hatte wohl Glück, dass er dabei auch den Ball traf: Gelb nach noch nicht mal 120 Sekunden Spielzeit.

Das Spiel beruhigte sich dann jedoch, zumindest was die Fortuna betraf. Nach einem Distanzschuss von Albertz nach knapp zehn Minuten, den Hoffmeister souverän parieren konnte, war es nämlich mit Fortunas Offensivbemühungen für die erste Halbzeit vorbei. Es stürmte nur Kickers Emden, die Fortuna-Abwehr, bei denen Eraslan und Barth verletzt fehlten, kam gehörig unter Druck. Dabei spielten die Abwehrspieler gar nicht mal schlecht, erhielten aber genau null Unterstützung aus dem nicht vorhandenen Mittelfeld, sodass die geklärten Bälle immer wieder sofort zurückkamen. Nach 20 Minuten verletzte sich dann noch Lambertz und musste gegen Wolf ausgetauscht werden. Es war Torwart Deuß, der die Emder mit Riesenparaden ein ums andere Mal zur Verzweifelung brachte. Sein Meisterstück lieferte er ab, als Grgic allein auf ihn zulief (Fortuna hatte mal wieder eine „Abseitsfalle“ versucht...*kicher*), auch an ihm vorbeizog, sich dann aber zuviel Zeit ließ. Deuß krabbelte hinterher, und als Grgic den Ball lässig ins Tor schieben wollte, konnte Deuß noch mit Hechtsprung zur Ecke klären. Das war um Haaresbreite. Und wenn von Emder Seite in den Wochen vor dem Spiel so oft von „Revanche“ für das Hinspiel die Rede gewesen war, das war eine: damals hatte Deuß bei einem Emder Befreiungsschlag 30 m vor dem eigenen Tor über den Ball gesenst und Grgic das 2:0 ins leere Tor erzielt.

Insgesamt war es für die Emder Zuschauer zum Haareraufen, was ihre Spieler in der ersten Halbzeit an Torchancen vergaben. Allein Fortuna-Torwart Deuß war es zu verdanken, dass es zur Pause 0:0 zu stand. Das Ergebnis war ein schlechter Witz.
In der zweiten Halbzeit kam es dann so, wie man es kennt: „Wer die Dinger vorne nicht reinmacht, der darf sich nicht wundern...“, und wie dergleichen Haarspaltereien lauten. „Es mag ein wenig lauter gewesen sein“, bilanzierte Fortuna-Trainer Uwe Weidemann nach dem Spiel seine Halbzeitansprache kurz und bündig. Fortuna kam besser ins Spiel, die erste Chance hatte Feinbier, der eine Kruse-Flanke volley abschloss, den Ball aber übers Tor setzte. Die zweite war dann auch gleich drin, zumal Emden auch nicht mehr so druckvoll spielte.
Nach einer Flanke von rechts geriet die Abwehr der Kickers ein wenig kurz, Podszus stand links im Strafraum sträflich frei und zog den Ball aus ca. 8 m ins lange Eck, wobei Kickers-Kapitän Glöden noch abfälschte (65. Minute). Podszus’ 12. Saison-Tor, das den Spielverlauf bis dahin völlig auf den Kopf stellte.

Danach aber nicht mehr, denn den Kickers fiel nichts mehr ein, sie hatten nach dem 0:1 bis zum Schluss nur noch eine Torchance, die aber wiederum Deuß vereitelte. Kurz zuvor hatte jedoch der ebenfalls eingewechselte Melunovic die Riesenchance zum 2:0 vergeben, als er nach sehr guter Vorarbeit von Feinbier völlig frei an Hoffmeister scheiterte. Dass er den nicht reinmachte, weil er das Spiel spannend halten wollte, ist natürlich an den Haaren herbeigezogen. Der ist einfach so blind. Immerhin, ich schwor mir, wenn es aufgrund dieser vergebenen 1000%igen Chance noch ein Unentschieden geben sollte, würde ich dafür sorgen, dass Melunovic den gesamten Rückweg nach Düsseldorf zu Fuß würde zurücklegen müssen. Zum Glück brauchte ich mir um die Umsetzung dieses verwegenen Planes keine weiteren Gedanken mehr machen.

Fortunas Konterchancen häuften sich, und ausgerechnet Denis Wolf sorgte für die Entscheidung, glänzend freigespielt, setzte er sich gegen zwei Gegenspieler durch, umkurvte auch noch den Torwart und versetzte zum Schluss ebenfalls den Spieler auf der Torlinie (83.). Sein allererstes Saisontor, ein schwieriges, besonders wenn man bedenkt, was der in dieser Saison an klaren Chancen schon verballert hatte. In Düsseldorf sollen deshalb an jenem Abend gerüchteweise die Friedensglocken geläutet haben. Damit waren die Emder K.O., ausgerechnet durch den Spieler mit der mit Abstand geilsten Frisur bei Fortuna, und der Sieg hätte zum Schluss noch höher ausfallen können, aber das wäre wirklich nicht verdient gewesen.

Erfrischend anschließend die Aussage des Kickers-Trainers Marc Fascher, ein echter Hamburger Jung, der auf der Pressekonferenz stinksauer, aber trotzdem locker und souverän sagte: „Feinbier und Podszus, da machen die aus zwei Chancen ein Tor...ein Könichreich für sone Knipser!“ und „Der Alptraum Düsseldorf geht weiter, ich hoffe, dass das nächste Saison vorbei ist – Alptraum Düsseldorf, braucht doch kein Schwein!“ Wie überhaupt das gesamte Personal in Emden, egal ob Offizielle oder Leute „hinter den Kulissen“ im Gegensatz zu ihren Schreiberlingen ausgesucht höflich und nett rüberkamen. Das hatte ganz große Klasse, wie man dort empfangen wurde, ich kann einen Besuch in Emden nur uneingeschränkt empfehlen. Auch wurde das Spiel mit 15minütiger Verspätung angepfiffen, weil ein Zug mit Fortuna-Fans Verspätung hatte (ein Baum war auf die Oberleitung gefallen, und das, ohne dass ich in diesem Zug gesessen hätte – es kann also tatsächlich auch noch andere treffen), und der Stadionsprecher begrüßte während der ersten Halbzeit diese Fans genauso herzlich wie er es zuvor bei den Einheimischen getan hatte. Dann brachte er noch einen Brüller, als er die Durchsage für einen Fahrer tätigte, an dessen Wagen noch Licht brannte: „Sie machen grad den Batterietest – will sagen, das Licht ist noch an!“ Es war ein sehr unterhaltsamer Nachmittag, und wer noch keins der Emder Fischbrötchen probiert hat, kann in puncto Stadion-Catering eigentlich gar nicht mitreden.

Fortuna gewann 2:0 vor 2.800 Zuschauern, davon ca. 700 Fortuna-Fans. Das machte somit 43 Punkte, damit Abstieg adé, mit dieser Punktzahl ist noch niemand aus der 19er-Reigionalliga abgestiegen. Jetzt konnte man sich ganz entspannt angucken, wen man oben noch ärgern konnte. Der erste Kandidat kam bereits eine Woche später in die LTU-Arena, der VfB Lübeck. Das Hinspiel wurde in der 93. Minute mit 0:1 verloren, diesmal wollten wir natürlich besser abschneiden. Vielleicht konnten wir denen ja auch noch ein paar Härchen krümmen.

Soweit der Bericht aus dem Gard Haar-Stadion, äh, dem Embdena-Stadion natürlich, welches wirklich eine Reise wert war. Sogar unabhängig vom Ergebnis.

Die Knochenbrecher kommen!

Am 25.03. holte Fortuna ein 2:2 gegen die holsteinische Knüppelgarde aus Lübeck, schlug sich aber quasi selbst und sorgte dafür, dass auch die größten Optimisten so langsam den Aufstieg abhaken konnten.

Im Großen und Ganzen ein gerechtes Unentschieden in einem guten Regionalliga-Spiel. In der ersten Halbzeit hatte Fortuna zunächst Glück, als Kapitän Böcker einen Lübecker Freistoß beim Kopfballduell gegen den Rücken bekam, und das Leder vom Innenpfosten wieder ins Feld zurücksprang. Das war es dann aber auch mit der Herrlichkeit des Aufstiegsfavoriten bis zur Pause. Fortuna dominierte klar und lag verdient 2:0 in Führung. Zunächst überlief Wolf in der 17. Minute über rechts seinen Gegenspieler, scheiterte aber an Torwart Frech, den Abpraller versenkte Feinbier aus ca. 12 Metern, wobei ein Lübecker noch abfälschte. In der 25. Minute dann eine feine Kombination: Ecke von rechts auf den kurzen Pfosten, Feinbier legt per Kopf zurück auf Podszus, der sich an die Strafraumgrenze weggemogelt hatte, dessen Hammer kann Frech erneut parieren, aber wieder ist ein Abstauber zur Stelle, Denis Wolf macht aus 5 m sein zweites Saisontor. Zu diesem Zeitpunkt absolut verdient, zumal der Schiri anschließend den Fortunen noch einen klaren Handelfer verweigerte. Diese Szene wurde übrigens bei der Berichterstattung im NDR gezeigt, beim WDR aber wieder mal vorsichtshalber herausgeschnitten, man ist ja stets um objektive Berichterstattung bemüht...

In der 2. Halbzeit spielte eigentlich nur noch Lübeck, weil Fortuna sich zu weit hinten rein drängen ließ und die wenigen Konter nicht nutzte. So viele Chancen hatte Lübeck allerdings auch nicht, sodass das 1:2 durch Möckel per Kopf in der 75. Minute doch eher aus dem Nichts fiel. Danach warfen die Gäste alles nach vorne und kamen in der 88. Minute noch zum verdienten, wenn auch glücklichen Ausgleich, als Deuß an einer halbhohen Flanke von links vorbeisegelte, Kruse hinter ihm nicht mehr abbremsen konnte und somit das vollendete, was Böcker in der 1. Halbzeit noch nicht gelungen war – Gegentreffer per Eigentor.

Noch etwas zu Gegner und Schiri: ich bin auch ein Freund gesunder Härte, so was wie an jenem Samstag hab ich aber eigentlich selten gesehen. Die Lübecker traten besonders in der ersten Halbzeit auf alles, was sich bewegte, und der Schiri träumte wohl von der Champions League, auf jeden Fall ließ er alles durchgehen. Sensationell, dass man es schaffte, dass sowohl in der ersten wie auch in der zweiten Halbzeit jeweils einmal zwei Fortunen gleichzeitig behandelt werden mussten. Die Lübecker reklamierten übrigens auch nach dem Spiel noch, das sei alles Düsseldorfer Zeitspiel gewesen. Aber klar doch! Bei 2:0-Führung noch in der ersten Halbzeit, da rollen wir doch gerne mal ein wenig auf dem Boden herum. Und weil wir gute Gastgeber sind und den Gästen, die in der ersten Halbzeit gar nichts auf die Reihe kriegten, auch noch eine Chance geben wollten, sanken unsere Spieler theatralisch zu Boden und gaben den Gästen die Gelegenheit, während der anschließenden Behandlungen mit elf gegen neun weiterzuspielen! Solche Zeitspieler sind wir! Nein, nein, das war schon unterste Schublade, was dieser angebliche Aufstiegsfavorit da „zelebrierte“. Nötig hätten sie es eigentlich nicht, sie spielen ansonsten einen sehr gepflegten Fußball, aber an jenem Tag hatte mal wohl erstmal nur Lust, ein wenig zu sensen. In der ersten Halbzeit konnte man alleine sechs Tritte von hinten in die Knöchel zählen, ohne Chance, an den Ball zu kommen, und ohne dass es den Schiri interessiert hätte. Erst in der 43. Minute bequemte sich der Herr der internationalen Härte, mal ein Kärtchen zu zücken. Da war es für Henri Heeren schon zu spät, nachdem er im eigenen Strafraum von seinem Gegenspieler mal wieder einen Tritt von hinten kassiert hatte, knickte er um und wurde mit Verdacht auf Bänderriss vom Platz getragen, natürlich Zeitspiel! Ich sag eher: herzlichen Glückwunsch, dass es sich hinterher doch „nur“ als schwere Bänderdehnung mit Kapselanriss und zwei Wochen Pause herausstellte. Auch die zweite Auswechslung eine Viertelstunde vor Schluss erfolgte verletzungsbedingt, diesmal hatte man sich Wolf vorgenommen, der binnen fünf Minuten dreimal gefällt wurde, ohne dass der Schiri auch nur fragend die Augenbrauen hochgezogen hätte, beim dritten Mal praktischerweise direkt an der Außenlinie, von wo Wolf gleich nach zehnminütiger Behandlung in die Kabine schleichen konnte. Ja, der Systemknüppler beherrscht das! Der Wechsel kurz vor Schluss, als Melunovic für Canale ins Spiel kam, war somit der einzige, den Trainer Weidemann „freiwillig“ vornahm. Glanzstück des Tages war der eingesprungene Rittberger von Lübecks Kapitän Schröder, ebenfalls an der Seitenauslinie, mit zehn Meter Anlauf und gestrecktem Bein gegen Pino Canale, der daraufhin eine unfreiwillige Luftreise unternahm. Gab auch nur Gelb. Zuvor hatte übrigens Cakir Gelb wegen Ballwegschlagens gesehen, und so sehr ich ihm für diese Blödheit auch die Hammelbeine langgezogen hätte, die Verhältnismäßigkeit war zu keiner Zeit des Spiels gegeben. Zum Schluss verlor der Schiri dann völlig den Überblick, verwarnte Barth, nachdem dieser eindeutig den Ball gespielt hatte und gab Schweinsteiger wegen angeblichen absichtlichen Handspiels ebenfalls Gelb. Ich wäre froh, wenn ich diesen Herrn, der die Gesundheit der Spieler fahrlässig aufs Spiel setzte, nie mehr sehen müsste. Als ich mich nach der Auswechslung von Heeren an zwei über mir postierte Journalisten aus Lübeck wandte und fragte, ob die denn auch ein paar Fußballspieler mitgebracht hätten, erhielt ich zur Antwort: „Anscheinend nicht, so etwas haben wir auch noch nicht erlebt.“ Sagt wohl alles, dürfte allerdings kaum in deren Spielbericht aufgetaucht sein. Naja, Fußball ist ja kein Hallenhalma usw., Fußball besteht aber zu einem hohen Grad in der Kunst, auch mal unfallfrei einen Ball zu treffen, das hatten Lübecker Spieler und Schiri aber anscheinend erfolgreich verdrängt.

Wobei wie gesagt, Fortuna selbst Schuld war, dass man sich noch den Ausgleich einfing, das ist dem Schiri nicht anzulasten. Höchstens, dass mindestens drei Lübecker nicht mehr auf dem Platz gestanden hätten, wenn er in der 1. Halbzeit mal konsequent durchgegriffen hätte.

Somit spielte man 2:2 vor 7.100 Zuschauern in der LTU-Arena, darunter ca. 200 Lübecker. Es wurde weiterhin Tabellenplatz 6 belegt, mit 44 Punkten, es waren weiterhin nur 7 Punkte bis Platz 2, allerdings hatten die auf Platz 2 und 3 mit je 51 Punkten befindlichen Clubs aus Jena und Kiel zwei bzw. drei Spiele weniger. Da würde nichts mehr gehen. Schade nur, dass die Mannschaft das wohl auch gemerkt hatte.

Same procedure as every year

Am Mittwoch, den 29.03., fand dann das bereits erwähnte Spiel beim SV Werder Bremen II statt. Anstoß war fanfreundlich bereits um 17.15 Uhr, weil der Nebenplatz 11 des Weserstadions zwar seit dem Sommer über eine neue Tribüne, allerdings immer noch nicht über Flutlicht verfügt. Dementsprechend gewaltig war auch das Fan-Aufkommen, knapp 500 Zuschauer wollten die Partie sehen, davon ungefähr 300 aus Düsseldorf. Und wofür hatte man sich wieder Urlaub genommen? Genau, für eine 1:2-Niederlage, auch im achten Spiel kein Sieg gegen die Werder-Bubis. Dies ist eines der Spiele, bei denen man sich wirklich fragt, warum man sich das immer antut, das Ambiente dort ist so trostlos, es interessiert auch von den Einheimischen eigentlich so gut wie niemanden, wie das Spiel ausgeht, und die Fahrerei ist immer umsonst. Vielleicht könnten wir das in Zukunft so managen, dass, wenn die Partie grad in eine Schwächephase der Bremer fällt, man sich vorher schriftlich auf Unentschieden einigt, ansonsten die Punkte direkt hinschickt. Erspart einem die Fahrt, ein schlechtes Spiel und den anschließenden Ärger, doch wieder gutgläubig reingefallen zu sein.

Obwohl, wer weiß, ob es die Partie im nächsten Jahr wieder geben wird. Die Bremer sind nämlich akut abstiegsgefährdet. Das wäre wirklich eine Ironie des Schicksals, die Werder Zwote ist nämlich die einzige Zwote, die seit Neugründung der Regionalligen im Jahr 1994 immer dabei gewesen ist, nie mussten sie absteigen. Nach 11 Jahren Zugehörigkeit zur Drittklassigkeit entschloss man sich vor dieser Saison, den Nebenplatz mal ein bisschen auszubauen, die Tribüne wurde ganz neu gestaltet und anstelle der Erdhügel neben der Tribüne und hinter einem Tor wurden Steinstufen gezogen und richtige Blöcke eingezäunt. 11 Jahre Klassenerhalt in der Bruchbude und sofort nach der Modernisierung abgestiegen – das wäre natürlich schon ein starkes Stück. Aber schließlich haben wir ja auch alles getan, um sie wieder aufzurichten.

Zunächst mal ein Hoffnungsschimmer: der sattsam bekannte Herr Schierenbeck war nicht dabei! Allerdings wussten die Bremer um sein Karma bei Fortuna-Spielen und setzten ihn auf die Bank. Das reichte dann auch so. Nach einer Viertelstunde hätte man nach Hause fahren können, der Spielausgang war zumindest Pessimisten wie mir klar: erste Chance für Werder in der 6. Minute, Rockenbach da Silva (bester Werderaner an diesem Tag, pfeilschnell und immer anspielbar) spazierte auf halblinks durch Mittelfeld und Abwehr, wurde im Strafraum unsanft gebremst und haute den anschließenden Elfer gleich selbst rein. Erste Chance für Fortuna einige Minuten später, Feinbier-Kopfball nach Freistoß, ein Bremer ging mit der Hand zum Ball – wieder Elfmeter, diesmal für Fortuna. Albertz schoss ein Triple, das ihm an allen Schießbuden des Landes Respekt eingebracht hätte – Hand des Torwarts, Innenpfosten, Rücken des Torwarts –, aber über die Linie rollte das Leder leider nicht. So ein Spiel war das halt. Zwar erzielte Feinbier in der 26. Minute nach schöner Kopfball-Vorlage von Podszus aus 10 m den Ausgleich, der zu diesem Zeitpunkt auch verdient war, weil Fortuna mehr vom Spiel hatte, aber das war nur eine Momentaufnahme. Sechs Minuten später stellte Artmann die Führung für Bremen wieder her, als Fortunas Hintermannschaft nach einem langen Einwurf etwas zu lang im kollektiven Tiefschlaf verharrte, und das war es dann. Über die zweite Halbzeit breiten wir lieber den Mantel des Schweigens, mit einer Ausnahme: in der 85. Minute betrat Björn Schierenbeck den Rasen, und damit war die Partie natürlich entschieden. Jaja, Alptraum Bremen...braucht doch kein Schwein. Darauf drei Euro ins Phrasenschwein oder ersatzweise in den Emder Fischbrötchenwagen.

Schön, wenn zumindest die Fans dem Ganzen noch eine humorige Seite abgewinnen können. In der zweiten Halbzeit war das Spiel so schlecht (von beiden Teams), die Umgebung so trostlos und überhaupt alles so hoffnungslos, dass man sich lieber anderweitig beschäftigte, um nicht völlig wegzuduseln. Als ein Ball in den vollbesetzten Gästeblock geschossen wurde, demonstrierten einige Fans, dass man sich auch durchaus die Gründung einer Volleyball-Abteilung im Verein vorstellen könnte, des Leders Rund wurde durch den Block gebaggert und gepritscht, dass es nur so eine Freude war und auch entsprechend bejubelt wurde, was die Spieler auf dem Platz doch ein wenig irritierte, denn was die dort zelebrierten, konnte wirklich nicht zum Jubeln Anlass geben. Als die Kugel dann irgendwie aus dem Block gelangte, forderte man unisono: „Wir wollen unsren Ball zurück!“ Anschließend zog ein ganzes Rudel Polizei vor dem Block auf, um sich abmarschbereit zu machen, man hatte zuvor auf der Tribüne neben dem Gästeblock gesessen. Überhaupt war sehr viel Polizei bei diesem Spiel im Stadion, ich weiß nicht, was man denen erzählt hatte, mit wievielen Leuten wir an einem Mittwochnachmittag anrücken würden. Als die Polizisten sich vor dem Block sortierten, wurde aus Reihen der Gäste stürmisch „Wir wolln die Raupe sehn!“ gefordert, nebst der ultimativen Drohung „Ohne Raupe gehen wir nicht nach Haus!“ Und als die Besucher in Grün sich dann auch tatsächlich geordnet in Zweierreihen zum Ausgang begaben, wogte erneut tosender Beifall durch das ansonsten totenstille Rund. Da wollte man sich auch nicht lumpen lassen und abschließend noch die Gastgeber loben, und so erklang kurz vor Schluss noch ein anerkennendes „Wiese ist die schönste Frau der Welt!“ im Gästeblock. Wie gesagt, es war unterhaltsamer als alles, was sich in der zweiten Halbzeit auf dem Rasen abspielte und half ein wenig über den Frust hinweg. Schon im Jahr 2002, bei unserer 0:2-Niederlage am gleichen Ort, hatte mich ein Megaphon-Mann über die damals ebenfalls grauenhafte zweite Halbzeit hinweggetröstet, indem er unter frenetischem Beifall der Umstehenden unerschrocken alle paar Minuten einen weiteren Treffer der Fortuna ansagte, bis wir uneinholbar 7:2 in Führung lagen, um anschließend mit der größten Selbstverständlichkeit festzustellen: „Fortuna ist Weltmeister!“ So ist es halt immer in Bremen. Game over, player one.

Und so verdaddelte die Mannschaft leichtfertig und ein bisschen lustlos die Chance, vielleicht doch noch in der Tabelle nach oben schnuppern zu können. Platz 6 mit 44 Punkten steht weiterhin zu Buche, elf Punkte hinter Platz 2, der derzeit überraschend von Aufsteiger Carl Zeiss Jena gehalten wird, die zusätzlich noch ein Spiel weniger haben. Das wird nix mehr. Schade eigentlich, aber andererseits durfte man nicht unbedingt damit rechnen, nach solch einem Saisonstart.

Am Wochenende um den 01.04. hat Fortuna spielfrei, und dann stehen zwei Nachbarschaftsduelle an: am 08.04. geht es nach Oberhausen, am 15.04. kommt der Wuppertaler SV in die LTU-Arena. Dies dürfte gleichzeitig auch die letzte Partie für diese Saison in der großen Turnhalle sein. Die beiden Spiele gegen Chemnitz und Kiel müssen ja sowieso schon im Flinger Broich stattfinden, da die Arena mit irgendwelchen anderen Terminen geblockt ist. Dazwischen steht nur noch ein Heimspiel gegen Hertha BSC II an, und da die ja anerkanntermaßen nicht unbedingt ganze Heerscharen von Fans mitbringen, wird wohl auch diese Partie im Paul-Janes-Stadion gespielt werden.

Mir persönlich ist völlig schnurz, wo die Truppe ihre letzten Spiele austrägt. Ich möchte nur, dass sie ein bisschen engagierter zu Werke geht als zuletzt in Bremen. Das kann ich verlangen, egal, ob es noch um etwas geht oder nicht. Was die Mannschaft kann, wenn sie mal ordentlich nach vorne spielt, hat sie in der ersten Halbzeit gegen Lübeck bewiesen. Und was drin ist, wenn man sich dagegen stemmt, wenn es eine Halbzeit lang mal nicht läuft, konnten wir in Emden bewundern. Mehr davon bitte. Hätten sie das Spiel gegen Lübeck durchgebracht und in Bremen gewonnen, wären sie jetzt oben dran. Man darf gar nicht zu lange darüber nachdenken. Und deshalb hör ich damit jetzt auch auf.

Bis die Tage, janus.