Gastbeitrag von Achim, 11.11.2006


11.11.2006 Fortuna ­ Pauli: 2-0.


Karnevalsbeginn im Rheinland. Pauli kommt, das bedeutet: viele Zuschauer. 25.000 Menschen wollen das Dritt-Liga-Spektakel sehen, Thorsten und ich haben uns, in weiser Voraussicht wie sich zeigen sollte, mit dem Fahrrad auf den Weg in die 230-Mio-Joachim-Erwin-Gedächtnisarena gemacht. Oberleitungsschaden im U-Bahn-Tunnel, die U79 steckt fest, ebenso wie Tausende Fortuna-Fans, die mit erheblich geschwollenem Hals per pedes, mit Ersatzbus oder Taxi anreisen.* Im Stadion selbst werden wir Zeugen eines beispiellosen organisatorischen Chaos. Überall lange Schlangen. Da sich das Stadion nur langsam füllt, sind auch die Fangesange zunächst nur verhalten; eher schüchtern werden die Gesänge dann doch lauter, doch der völlig desorientierte Stadionsprecher sabotiert bei jeder sich bietenden Gelegenheit das Aufkommen von so etwas wie Stadion-Atmosphäre. Statt dessen werden schlechte Karnevalssongs durch die brutal schlechten Lautsprecher genudelt, die Akustik ist wirklich unterirdisch (bessere Boxen waren in dem bescheidenen Budget wohl nicht drin ;)).

Unmotiviert unterbricht hin und wieder ein Gong die Fangesänge, man erwartet eine offizielle Durchsage, die aber erst nach dem 4. Gong tatsächlich kommt: das Spiel beginnt ne halbe Stunde später. Dann kann man sich ja getrost in die 100-Mann-Schlange stellen, um einen der schwerhörigen Einhand-Zapfer zur Herausgabe eines 3 Euro 50-Biers zu überreden. Und das alles in der Regionalliga. Es ist nicht zu fassen.

Das Spiel beginnt also endlich. Pauli mit gutem Start, doch das Tor schießt der Gastgeber: in der 10. Minute klingelt es zum ersten Mal. Albertz (immer noch erstaunlich schwungvoll für sein Alter und seine etwas behäbig wirkende Statur) bringt von rechts einen Freistoß herein, Palicuka hält die Rübe hin ­ Tor. Das Spiel ist danach ausgeglichen, beide Mannschaften haben jeweils eine sehr gute Chance, Fortunenkeeper Deuß wirkt bei zwei Situationen ziemlich unsicher, kann sich aber auch einmal auszeichnen, als er gegen einen heranstürmenden Paulianer geschickt den Winkel verkürzt und seine Mannschaft vor dem Ausgleich bewahrt. Ich verpasse leider die Zeit zwischen der 27. und 40. Minute, als ich kurz pinkeln und ein neues Bier holen gehe. Superlange Schlangen überall (auch auf dem Klo, die Verschiebung des Anstoßes hat wohl einige aus dem gewohnten Rhythmus gebracht).

Die 2. Halbzeit beginnt mit einer kalten Dusche für Pauli: Lamberz flitzt auf der rechten Außenbahn auf und davon, in der Mitte lauert Podzus, flankiert von drei Paulianern, Lechner will die scharfe Hereingabe raushauen, stellt sich dabei aber denkbar ungeschickt an und trifft zum 2:0 für Fortuna. Mit dieser Führung im Rücken zieht sich Fortuna etwas zurück und wartet auf Angriffsbemühungen des Gegners, dem aber nicht sehr viel einfällt. Durch ein brutales und völlig unnötiges Foulspiel an der Seitenlinie, das korrekt mit dem gelb-roten Karton für den Übeltäter (Ian Joy) geahndet wird, schwächen sich die Hamburger sogar noch selbst. Dagegen startet Fortuna einige ganz sehenswerte Konter ­ im Abschluss ist Fortuna aber gewohnt unzuverlässig. Am schlimmsten ist Podzus: mutterseelenallein vor dem Tor, mustergültig angespielt. Macht zunächst alles richtig, stoppt die Kugel sogar an, und dann... Ein älterer Herr neben mir regt an, Lichterketten an Pfosten und Latte zu montieren, um dem Fortuna-Sturm die Arbeit zu erleichtern. Fortuna spielt den Sieg nach Hause, aber immer hat man das Gefühl: wenn Pauli den Anschluss schafft, wird es noch mal ganz eng. Mein Fazit: Bier- und Eintrittspreise sind bundesliga- bzw. zweitligareif, die Mannschaft ist es noch lange nicht.

*PS: Ich habe einige Tage später noch von Leuten gehört, die auch Tickets hatten, sich aber die Höllentour ins Stadion nicht geben wollten. Vielleicht sollte man die Verantwortlichen mal fragen, ob ihnen das Wort "Pendelbus" etwas sagt. So was soll ja andernorts schon gewinnbringend eingesetzt worden sein, zumal wenn größere Besuchermengen am Start waren.