16.6.2005

Die Pfadfinder kommen!

Volunteer beim Confed-Cup

Pfadfinder zu sein war während meiner Kindheit nicht gerade angesagt. Und so blieb mir diese Erfahrung, die Tick, Trick und Track mit Fähnlein Fieselschweif schon in frühester Jugend machten, auch vollkommen versagt. Keine Vorstellung hatte ich davon, was es heisst, jeden Tag eine gute Tat zu tun. Aber jetzt, dreissig Jahre später kam ja endlich der Confederations Cup zu uns nach Deutschland. Was das eine mit dem anderem zu tun hat? Wo wir doch gerade gelernt haben, dass der liebevoll Confed Cup abgekürzte Wettkampf eine Fußballveranstaltung von großartigem internationalen Format ist?

Wer gestern im Stadion war, der weiss es: Vom sportlichen Sponsor einheitlich eingekleidete freiwillige Helfer verteilten sich bereits lange vor Spielbeginn großflächig im gesamten Stadionumfeld. Emsige junge und nicht mehr ganz junge Menschen, die sich aus verschiedenster Motivation heraus beworben hatten zu helfen. Da gibt es die aktiven Vereinsmitglieder, die sich schon seit Jahrzehnten ehrenamtlich für den Sport engagieren, aber auch studentische Überflieger, die darauf hoffen, von hochrangigen Medienvertretern entdeckt zu werden und hochdotierte Jobs angeboten zu bekommen, während sie freundlich lächelnd den Weg zur Pressekonferenz weisen. Dann sind da die Fussballbegeisterten, die darauf hoffen, neben dem Blick hinter die Kulissen auch vielleicht noch einen Blick auf Spiele und Spieler zu erhaschen.

Aber dann gibt es eben auch noch die verkannten Pfadfinder. Menschen, die das angeborene Helfer-Gen besitzen, und die, egal wo sie sich gerade aufhalten, nach dem Weg, nach der Uhrzeit, oder nach Lebenshilfe gefragt werden. Und diese Menschen sind eben auch im Stadion gefragt. "Zu Gast bei Freunden" ist das offizielle FIFA Motto, und so geben die Pfadfinder-Volunteers eben alles, um dieses Motto zum Leben zu erwecken, mit einem stetigen aber aufrichtigen Lächeln im Gesicht. Klar stößt dieses Lächeln nicht immer auf Gegenliebe, dann zum Beispiel, wenn es nicht mit einer für den Gast befriedigenden Antwort oder Lösung einhergeht, und er vielleicht mangels Zugangsberechtigung nicht in die heiligsten Hallen der Arena eintreten darf, sondern auf die zahlreich vorhandenen Fernsehschirme verwiesen wird und den FIFA Media Channel, auf dem alle wichtigen Informationen abrufbar sind. Nur eben ohne Lächeln.

Noch lange nach Ende des Spiels und lange nach Ende ihres Dienstes konnte man die modernen Pfadfinder im gesamten Stadtgebiet in ihrem Element beobachten. Denn nicht nur wegen ihrer Uniform, sondern auch aufgrund ihrer Auskunftsgene werden sie eben schon von weitem erkannt. Dem Groundhopper aus Irland wurde der Weg zum Hotel gezeigt, für den Journalisten aus Brasilien wurde Geld zum telefonieren gesammelt, da die nach einer großen Bank benannte Arena weder Geldautomat noch öffentliche Fernsprecher zur Verfügung stellt, und die Australier wurden sogar noch bis zu dem von ihrem anvisierten Pub begleitet. Die zwischenzeitlich erteilten Auskünfte wie Abfahtszeiten des Stadion-Shuttle-Busses oder der letzten U-Bahn sollen hier gar nicht erwähnt werden. Sie können eben nicht anders. Am Abend fällt der Pfadfinder-Volunteer glücklich erschöpft ins Bett. Und freut sich schon wieder auf den nächsten Tag, an dem er wieder alles geben darf, um seinen Job zu tun: lächeln, besänftigen, helfen, begleiten, trösten. Und manchmal gibt es zur Belohnung auch ein Lächeln zurück.

Die Zeit zwischen Confed-Cup und WM wird der Volunteer überbrücken müssen. Aber gute Taten warten ja an jeder Ecke. Nicht nur im Stadion. Und wer weiss, irgendwann wird wieder eine internationale Emnid-Umfrage gestartet, in der nach den positiven Eigenschaften der Deutschen gefragt wird. Und eines schönes Tages werden vielleicht nicht mehr "Fleiss" und "Pünktlichkeit" auf den obersten Rängen stehen. Und wenn wir Volunteers ein kleines bisschen dazu beigetragen hätten, dann wäre das doch schön, oder?

 

 

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last update: 16-jun-05