Naohiro Takahara, schalalalalala!

03.03.07, Eintracht Frankfurt - Hannover 96 2:0

Der Stammtisch fing am Samstag schon vor dem Spiel an, jedenfalls hatte bereits die Straßenbahnfahrt zum Waldstadion den Charakter großer Tresenpolitik. Ein Mitreisender, der mich irgendwie an die geniale Figur des Hessi James erinnerte, erläuterte uns ohne Luftholen vom Bahnhof bis zur Endhaltestelle die Probleme unseres Lieblingsvereines:"Eine Persönlichkeit fehlt dem Team. Einer, der den anderen mal zeigt, wo’s lang geht." - „Hm, Persönlichkeiten“, denke ich still bei mir, ohne Hessis Redefluss zu unterbrechen. Persönlichkeiten im Fußball sind ja immer so eine Sache. Als „Persönlichkeiten“ bezeichnete man ja immer gerne Spieler wie Mario Basler, Effe, oder auch Oliver Kahn. Wenn dem wirklich so ist, drängt sich die Frage auf, wodurch sich dann eine solche Spielerpersönlichkeit auszeichnet? Übermäßiger Alkoholgenuss? Ab und an mal einen Obdachlosen verprügeln? Ehefrauen betrügen und gegen Mit- oder Gegenspieler handgreiflich werden? Nein, nein, hätte Hessi wahrscheinlich auf meine Einwände geantwortet, wenn er sich eine Minute zum Zuhören genommen hätte, es geht ja nur um aufm Platz. Bald wurde er auch konkret: Den Marcelinho, den hätten wir nämlich kaufen müssen, dann hätten wir jetzt eine Persönlichkeit und dann ständen wir jetzt auf Platz 9 und alles wäre super! Aha, denke ich mir. Klar. Marcelinho, der würde dann nicht nur seine Mitspieler, sondern auch mal das Frankfurter Nachtleben etwas aufmischen. Cool. Gerade rechtzeitig, bevor das Blut anfing, mir aus den Ohren zu fließen, erreichten wir unser schönes Waldstadion, und ich brauchte mir über absurde Persönlichkeiten und ihren imaginären Einfluss auf unsere Eintracht nicht länger den Kopf zu zerbrechen.

Nun, die Aufgabe für heute war also klar: Auch ohne einen Marcelinho sollten wir heute drei Punkte holen. Und auch ohne Jermaine Jones. Der ja auch eine Persönlichkeit ist, und den wir daher ja auch so sehr vermisst haben während seiner langen Verletzungspause, und redeten wir uns nicht immer wieder ein: Wenn der Jonesi erst wieder da ist, dann wird alles wieder gut, der nimmt das Heft in die Hand auf dem Rasen, und tut der Moral der Mannschaft gut. Und was passiert? Kaum ist er zurück, redet er von all den Angeboten, die er von allen Seiten bekommt und dass er aber im nächsten Jahr auf alle Fälle international spielen will. Nun, eine Persönlichkeit eben. Aber auch er wird uns eine Weile nicht helfen können, den Weg aus dem Tabellenkeller zu finden. Und Amanatidis? Unser Griechenpfeil, dem wir natürlich in der Vergangenheit schon so einiges zu verdanken haben, der aber in der letzten Zeit weniger duch seine Gefahr auf dem Rasen, sondern eher durchsein Auftreten als beleidigte Leberwurst von sich Reden machte? Er war wieder in der Startaufstellung, musste aber leider bereits nach zwanzig Minuten humpelnd mit einer Knieverletzung den Platz verlassen. Und so sahen wir in der ersten Hälfte ein Spiel wie schon oft in dieser Saison: Erstklassige Torchancen kamen für unsere Eintracht zeitweise im Minutentakt, die spektakulärste wahrscheinlich Takaharas Fallrückzieher und die ärgerlichste der Kopfball von Meier, den wir eigentlich schon alle im Tor gesehen hatten.

Aber diesmal sollte es eben anders kommen als in den letzten Wochen: die Jungs zeigten Geduld, Ausdauer, einen eisernen Willen, und, wie Preuß es nach dem Spiel nannte, die „Geilheit auf einen Sieg“. Und als Sieger gingen sie auch vom Platz, nach Treffern von Takahara und Thurk.

Und jetzt? Ist wieder alles gut? Nun, die Erleichterung war allen anzumerken, Spielern, Trainerstab, und uns wahrscheinlich am meisten. Und Herrn Fischer konnte man dabei beobachten, wie er jeden Spieler, der aus der Kabine kam, auf dem Weg nach draußen noch einmal ordentlich herzte. Aber zur Euphorie lässt sich auch nach zwei Siegen in einer Woche niemand hinreißen. Schließlich stehen wir immer noch auf einem Abstiegsplatz, andererseits aber auch nur zwei Punkte hinter Wolfsburg, die es mit ihrem Marcelinho immerhin schon bis auf Platz 9 geschafft haben.

Michael Thurk, über dessen Treffer er sich scheinbar irgendwie selber wunderte, war nach dem Spiel ein gefragter Interviewpartner. Etwas unsicher wirkte er, während er leise und mit wenigen Worten geduldig die Fragen der Journalisten beantwortete. Etwas bedenklich fand ich seine Antwort auf die Frage, ob sich denn jetzt nach diesem zweiten Sieg auch die Stimmung in der Mannschaft bessern würde. Naja, das würde man dann sehen, sagte er. Vielleicht jedoch sollte man Aussagen, die die Spieler noch etwas atemlos wenige Minuten nach dem Abpfiff von sich geben, sowieso nicht überbewerten.

Ich freute mich jedenfalls gestern wieder einmal über unsere Tormaschine Takahara, und ehrlich gesagt, ist mir ein bescheidener Japaner, der den Eindruck macht, als würde er sich im Kreise seiner Mitspieler sichtlich wohl fühlen und am Main ein neues Zuhause gefunden hat, und manchmal etwas hilflos wirkt, wenn er zum Tanzen zum tobenden Fanblock geschickt wird, tausend mal lieber als ein brasilianischer Prolet, selbst wenn auch der seine Tore schießt. Ein Brasilianer wird unser Japaner wohl nicht mehr werden. Zum Glück!!! Und das Lied „Naohiro Takahaaaaraaa shalaa lala lala“ hat es ja auch schon längst in die Top 10 der Fangesänge geschafft.

Und zum Glück haben unsere Jungs auf die zurückliegende sieglose Serie nicht reagiert wie die große Spielerpersönlichkeit Mario Basler, der nach ein paar Niederlagen einmal vorschlug: „Vielleicht sollten wir mal einen saufen gehen und uns gegenseitig auf die Fresse hauen.“

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