Mein erstes Derby (Fotos und Text: Jessika)

27. Februar 2007, Bieberer Berg
OFC - Eintracht Frankfurt 0:3

Meine Nervosität konnte ich wohl irgendwann nicht mehr verbergen. Klar, es ist ja nur Pokalviertelfinale, und wir haben gerade andere Sorgen, und trotzdem: Ich machte mir Gedanken, was mochte mich wohl erwarten auf dem vielbeschriebenen Bieberer Berg? Schließlich habe ich die Stadtgrenze zur benachbarten und doch so fernen Stadt noch nie zuvor übertreten!

Um sechzehn Uhr schließlich verließ ich meinen Schreibtisch, hatte es doch schon lang keinen Sinn mehr, mich auf Gutachten und sonstige wichtige Dokumente zu konzentrieren, wenn doch meine Gedanken längst weit, weit weg waren... Flugs traf man sich mit den anderen wenigen Auserwählten des EFCs, die zu den glücklichen 4,000 gehörten, die ein Ticket ergattern konnten. Und spätestens als wir im 1.Klasse Abteil der S-Bahn gen Osten fuhren, war die Stimmung bestens. Kein pessimistisches Genöle, und niemand der sich entbödet, das übliche "Heut hab ich echt kein gutes Gefühl" loszulassen. Statt dessen ein Bierchen und Vorfreude.

Endlich ist es soweit: Die Durchsage in der S-Bahn informiert uns, dass Reisende in Richtung Pokalspiel bitte in Offenbach-Ost aussteigen mögen. Gehorsam steigen wir aus und werden sogleich von Sicherheitskräften in die richtige Richtung gewiesen. Schließlich sollte mit der strikten Trennung der beiden Fanlager jedes Konfliktpotential im Keim erstickt werden. Deeskalation haben damals die Berliner Polizisten genannt, als sie uns von den Bayerischen sogenannten Fans trennen wollten. Nun, die Brisanz in Offenbach ist natürlich von einer anderen Dimension. Andererseits...: ich selbst kenne eigentlich die Rivalität am Main nur vom Hörensagen. Klar singe ich jedesmal lauthals mit, wenn wir auf dem Weg ins Waldstadion den Main überqueren:

"Auf dem Main da schwimmt ein Fußball und der Fußball schwimmt ins Meer, und der Fußball der geht unter und die Kickers hinterher, hollahiieee, hollahooo" und so weiter...

Aber das hat natürlich nicht wirklich etwas mit historischer Rivalität zwischen dem reichen, arroganten Frankfurt und dem prolligen Offenbach zu tun, über deren Ursprünge ja heute niemand wirklich etwas weiß, und ich schon gar nicht, als zugereiste Wahlfrankfuerterin. Irgendwie war mir das auch egal an diesem verregneten Dienstagabend, schließlich war Derby und Pokal, und beides ist wohl im Gegensatz zur Liga ein Ausnahmezustand, in dessen Genuss man nicht alle Tage kommt.

Im Gegensatz zu der Wanderung zum Bieberer Berg ist ja unser zweiwöchentlicher Gang zum Waldstadion wahrlich ein Spaziergang. Durch Wohngebiete mit heruntergelassenen Jalousien wurden wir bis zu einem dunklen Wald geführt, in dem man nicht ganz zu Unrecht hinter jedem Baum eine dunkle Gestalt vermutete. In der Ferne waren zwei Flutlichtmasten zu sehen, es schien also, als wären wir auf dem richtigen Weg. Wenn ich nicht in einer dieser tiefen Pfützen auf dem Weg ertrinken sollte, dann würde ich in Kürze dann auch den Ort des Geschehens erreichen. So kam es dann auch. Die Einlasskontrolle ging flugs und unkompliziert, und bald erreichten wir die Stahltribüne und eine überdimensionale Anzeigetafel, die sich allerdings später als Relikt aus besseren Zeiten entpuppte.

Also erst mal eine Wurst, und im Wurstvergleich muss ich zugeben, schneidet Offenbach gar nicht so ganz schlecht ab. Bier gab es natürlich nur ohne Alkohol (wegen der De-eskalation) und auch von den Anwohnern mit den heruntergelassenen Jalousien hatte uns natürlich keiner auf einen Drink hereingebeten. Aber egal, schließlich wollten wir uns ja ein schönes Spiel anschauen, und das macht zwar durstig nicht ganz so viel Spass, hilft aber der Aufnahmefähigkeit. Das Stadion hat allerdings einen gewissen Charme, muss ich zugeben, auch wenn ich das nie im Beisein eines Offenbächers oder gar eines Miteintrachtlers laut aussprechen würde. Gut, die Presse übertreibt immer mal ein wenig, ich fühlte mich weder wie in England noch konnte ich den Rasen riechen, aber, und das hebt den Bieberer Berg natürlich von den englischen und unseren "modernen" Stadien ab, so ein Stadion, bei dem die Hälfte aller Zuschauerränge Stehplätze sind, das hat schon was! Die verbalen Attacken zwischen dem überdachten Offenbächer und dem Frankfurter Freiluftstehblock hielten sich dann ziemlich in Grenzen. Die üblichen Beleidigungen, zum Beispiel an die Eltern der Gastgeber gerichtet, kennt man nicht nur im Derby, und auch der Hinweis auf den vermeintlichen Berufsstand der Mütter ist nicht wirklich neu. Wie üblich konnten sich unsere Frankfurter sich das Zünden und Werfen von Bengalos mal wieder nicht verkneifen, aber wahrscheinlich gibt man sich alle Mühe, das Klischee vom "asozialen Frankfurter" zu bestätigen...

Nun, dass das wochenlang in Funk und Fernsehen als "Pokalfight" angekündigte Spiel dann doch so eindeutig vonstatten ging und so wenig mit einem echten FIght gemein hatte, war nur ein wenig überraschend (sage ich im Nachhinein), denn dass unsere Eintracht mit einem drittklassigen Zweitligisten spielend fertig wird, das war uns ja von Anfang an allen klar. Trotzdem fiel uns wohl allen ein Stein vom Herzen, als schlussendlich das "Humta humta täterää" angestimmt wurde. Das haben wir schließlich auch lange genug nicht mehr singen dürfen!

Der Heimweg dauerte sogar noch länger, durch das gleiche Wohngebiet wurden jetzt etwa 4000 Frankfurter zur S-Bahn eskortiert. Für die Nachbarstadt kam dieses hohe Aufkommen von Fahrgästen anscheinend sehr überraschend, denn Bahnen kamen nur sehr sporadisch, und selbst die überfüllte Bahn, in der die Fenster von unseren Ausdünstungen, schlechtem Atem und nassen Klamotten fies beschlagen waren, stand erst noch mindestens fünfzehn Minuten still, bevor sie sich langsam in Bewegung setzte. Immerhin wies uns eine freundliche Durchsagestimme darauf hin, dass diese Bahn ausnahmsweise weder in Offenbach Marktplatz noch am Ledermuseum halte. Enttäuscht war wohl niemand, dass erst zu Hause in Frankfurt die Türen der Bahn wieder geöffnet wurden. Zwei Stunden hatte diese Heimreise gedauert, und das bei einem Stadion, zu dem ich es fast näher als zu unserem schönen Waldstadion habe.

Darauf freue ich mich übrigens am Samstag besonders: Auf unsere komfortable, überdachte Tribüne und darauf, unsere Jungs auch zu Hause mal wieder richtig jubeln zu sehen!