Eintracht 101 oder die Welt zu Gast bei Freunden...

26. September 2007, Waldstadion
Eintracht Frankfurt - Karlsruher SC (0:1)

Die Aufgabe schien lösbar: Zu Hause gegen den Aufsteiger Karlsruhe? Hier von Augenhöhe zu sprechen wäre ja schon fast etwas übertrieben gewesen...

Ich persönlich stand jedoch vor einer ganz anderen, scheinbar schwierigeren Herausforderung: Zwei Kollegen aus Amerika waren für ein paar Tage zu Besuch in Frankfurt, und als freundliche Firma gibt man sich alle Mühe, Gäste gut zu unterhalten und ihnen die deutsche bzw. Frankfurter Kultur näherzubringen. Am Mittwoch war ich also an der Reihe, denn so ein Heimspiel ist doch eine feine deutsche Sache, und so wurden noch flugs teure Tickets für gute Plätze gekauft und pünktlich Feierabend gemacht, um nicht zu spät zum Anpfiff im Stadion zu sein.

Auf dem Weg wurden erst mal die grundlegenden Dinge geklärt, die mit großem Interesse und Erstaunen von den Amerikanern aufgenommen wurden: Es gibt mehrere Ligen, aus denen man auf- und absteigen kann? Das klingt ja spannend. So etwas gibt es weder im Base- noch im American Football, für mich wiederum unverständlich, denn wo bleibt da die Spannung? Merkwürdiges Land, denke ich mir, und erkläre weiter den deutschen Fußball, die komplizierten Vorraussetzungen für Uefa Cup und Chamionsleague, den Pokal, und und und... Die beiden wollen es ganz genau wissen, und irgendwann stoße ich an meine Grenzen. Aber egal, mit dem einen oder anderen Bier, eins in der Straßenbahn, eins am Country Kitchen, steigt die Vorfreude auf das große Unbekannte. Und Bier trinken, in der Straßenbahn und auf der Straße, das ist schon auch eine ziemlich verwegene Sache! Und was singt oder ruft man im Stadion? Nun, irgendwie war das einzige, was mir in diesem Moment einfiel: "HUU-REN-SÖH_NE", was irgendwie für Nichtmuttersprachler einfacher zu erlernen scheint als "Wir haben den Jürgen im Endspiel gesehn!"

In den nächsten 90 Minuten schämte ich mich ein kleines bisschen, hatte ich doch so großartig angekündigt, was für ein mordsmäßiger Verein unsere Eintracht ist. Ob die Kollegen ihre vor dem Spiel erstandenen Schals bereits in tausend Stücke zerrissen? Ich versuchte, sie gegenüber auf der Haupttribüne auszumachen und zu sehen, ob sie ihre teuren Plätze schon verlassen haben.

Und so schlich ich mich nach dem Spiel kleinlaut zum Treffpunkt an der Straßenbahn. "That was great!" hörte ich zur Begrüßung! Ironie? Mitnichten. Und auch wenn die beiden es schade fanden, dass unsere Eintracht verloren hat, waren sie doch begeistert von diesem Abend, der doch eine ganze Menge zu bieten hatte: Bier in der Straßenbahn, ein Stadion mit einer Stimmung, die es anscheinend in keinem noch so gut besuchten Baseball oder Footballspiel gibt, Bengalos ("zu Hause wäre sofort das Spiel abgebrochen und das Stadion geräumt worden!"), eine Keilerei auf dem Platz und, als Höhepunkt, ein 90 minütiges Ballspiel, das nur 1 mal für fünfzehn Minuten unterbrochen wird und nicht alle 3 Minuten für die Werbung in der Fernsehübertragung!!

Klar, gegen Karlsruhe zu verlieren ist nicht schön. Aber können wir uns nicht unendlich glücklich schätzen, im alten Europa, good old Germany, und vor allem diesem wunderbaren Frankfurt zu leben!?

Ich zumindest habe meine Mission erfüllt. Der junge Kollege jedenfalls versicherte mir, bevor er die Heimreise antrat: "I'm a Fussball-Fan now!" Und ich glaube, wenn er sich demnächst seine Red Sox in Boston anschaut, wird er an Frankfurt denken und sich wünschen, dass es auch beim Baseball ein paar Menschen gäbe, die Pippi Langstrumpf singen, hüpfen, und zwischendrin mal "HU-REN-SÖÖÖ-NE" schreien. Und vielleicht so ein klitzekleiner Feuerwerkskörper ... Das wäre echt verwegen!