Auf Wolke Zwölf

17. März 2007, Waldstadion
Eintracht Frankfurt - FC Bayern 1:0

"Eintracht Frankfurt gegen Bayern München, das ist wie Mickey Maus gegen Goliath", sagte Uli Hoeness einmal vor vielen Jahren. Nun, als eifriger Leser Walt Disney's lustiger Taschenbücher weiß ich natürlich, dass Mickey bisher jeden seiner Fälle gelöst hat. Bei unserer Eintracht sieht das natürlich etwas anders aus. Es gab einmal eine Zeit, in der hatte der FCB im Frankfurter Waldstadion nichts zu holen. Heute ist das nicht mehr so selbstverständlich....

Die Woche vor dem großen Spiel, in dem mein Lieblingsverein gegen die sogenannten "wiedererstarkten" Bayern antreten sollte, war nicht ganz ohne. Manch einer von uns hatte wohl seinen Optimismus kürzlich in Nürnberg verloren und die Stimmung, die Medienberichten zufolge schon im Umfeld des Vereins nicht gerade großartig war, übertrug sich wohl auch auf die Fangemeinde. Am Anfang der Woche hieß das große Thema noch Jermaine Jones, der sich im Frankfurter Fanforum zu Wort meldete, vielleicht ein letzter (vergeblicher) Versuch, nicht völlig in Ungnade zu fallen bei denen, die ihn einmal als Vorbild verehrt hatten.

Gegen Ende der Woche allerdings änderte sich das Thema, die Stimmungslage jedoch blieb angespannt bis resigniert. Ich musste mir alle Mühe geben, einige Tage lang alle Expertenmeinungen zu ignorieren. Und so verschloss ich einfach meine Ohren, als um mich herum die Trainerdiskussion in vollem Gange war ("vielleicht ist jetzt doch Zeit", "das endet doch wieder so wie mit Reimann") und die nimmermüden Pessimisten Prognosen für die kommende Saison aufstellten, in der man ja Montags wieder DSF schauen kann.

Und dann kam endlich der Samstag. Eine Stunde vor Spielbeginn gehen die Meinungen innerhalb unseres Fanclubs auseinander: "Bloß nicht wieder so eine knappe Niederlage!" sagen die einen, "Bloß nicht wieder so ne Klatsche wie gegen Stuttgart" die anderen. "Äh", sage ich vorsichtig, "ich will eigentlich gar keine Niederlage!" und werde als Mädchen und als unverbesserlich heruntergemacht. Einzig ein Kollege äußerte kühn seinen Wunsch: Er möchte nach dem Spiel gerne Herrn Hitzfeld dabei zusehen, wie er vor Wut in seinen Trenchcoat beißt!

Kurz vor halb vier erreiche ich gerade noch rechtzeitig zur Hymne meinen Platz, und es liegt schon wieder so etwas in der Luft. Vorerst kann ich es gar nicht erklären, nach ein paar Minuten Spielzeit merke ich, was nicht stimmt: Der Sitznachbar zu meiner Linken entpuppt sich als Bayernfan! Nein, denke ich, das geht doch gar nicht! Und nicht zum ersten Mal in dieser Woche wünsche ich mir einen großen Bund Petersilie herbei, den ich mir in die Ohren stecken kann, um mich vor ungewolltem Gerede zu schützen. Zum Glück ist bald nur noch eines zu hören: Ohrenbetäubender Lärm aus der Westkurve. Vor allem in der zweiten Hälfte begleitet ein Pfeifkonzert ohnegleichen jeden bayerischen Ballkontakt, abgelöst von Anfeuerungsrufen und -gesängen, sobald der Ball wieder im Besitz Frankfurter Füße ist.

Unten auf dem Platz kann man eine Frankfurter Mannschaft beobachten, die ackert, rennt, und wirklich alles gibt. Daneben einen sogenannten wiedererstarkten Rekordmeister (und ich hoffe, dass ich dieses Wort so schnell nicht mehr hören muss!), der, wie der schmallippige Trainer das hinterher ausdrückte, irgendwie "stumpf" agierte. Und fast ertappte ich mich dabei zu hoffen, dass es doch bitte bei diesem 0:0 bleiben sollte. Und ganz plötzlich war da diese 78. Minute, in der Christoph Preuß so unerwartet den Führungstreffer erziehlte, dass ich ihn fast verpasst hätte, und zum Glück noch mal das Ganze auf dem Videowürfel verfolgen konnte, ansonsten hätte ich es vielleicht nicht geglaubt.

Die restlichen 12 Minuten und die eine Minute Nachspielzeit waren für mich die Hölle. Zappelnd saß ich auf meinem Platz, wohl wissend, dass so ein 1:0 zehn Minuten vor Schluss so gar nichts bedeutet. Irgendwann schrie ich wohl nur noch "ABPFEIFEN!!!", so unerträglich war dieser Gedanke, diesen Strohhalm loszulassen und die drei Punkte, an die heute wohl kaum jemand wirklich geglaubt hatte, wieder zu verschenken. Aber es kam, wie es endlich einmal kommen musste: Unsere Eintracht, möge man sie Mickey Maus oder sonstwie nennen, gewinnt gegen den Verein, der von sich selbst und anderen so gerne als das Nonplusultra des deutschen Fußballs hingestellt wird.

Es dauerte ziemlich lange, bis ich mich beruhigt hatte und meine Hände nicht mehr zitterten. Aber das war mir auch irgendwie egal. Schließlich durfte ich diese entspannten, glücklichen Eintrachtgesichter sehen, von denen sich natürlich jeder die größte Mühe gab, bescheiden und vorsichtig zu bleiben. Ob sie nun auf Wolke sieben schwebten, wurden die Spieler gefragt, aber natülich wurde betont, dass man nicht übermütig werden würde und sich darüber bewusst sei, dass auch nach diesem "lebensnotwendigen Sieg" (Amanatidis) noch schwere Aufgaben auf dem Weg zum Klassenerhalt bevorstehen. Auch Friedhelm Funkel freute sich über "drei sehr sehr schöne Punkte", ohne die nächsten Wochen aus dem Auge zu verlieren. Und wie schon in den vergangen Wochen und Monaten blieb er dabei, das er felsenfest überzeugt davon ist, dass sein Team bin zum Ende der Saison genügend Punkte gesammelt hat, um die Klasse zu halten. Und an diesem Samstag Abend haben hoffentlich auch wieder alle daran geglaubt.

Der Weg nach Hause war irgendwie beschwingt. Überall begegnete man Menschen, deren Gesichter von einem seligen Lächeln umspielt wurden. Und wie schon lange nicht mehr hörte man überall in der Stadt fröhliche schwarzweißrote Gesänge. Auch wenn wir wohl erst in dem Moment auf Wolke sieben schweben werden, in dem der Klassenerhalt gesichert ist, so fühlen wir uns zumindest im Moment auf Wolke zwölf als Championsleaguesiegerbesieger eigentlich schon mal sehr wohl!

PS: Ob Herr Hitzfeld vor Wut nun tatsächlich seinen Mantel aufgegessen hat, weiß ich leider nicht. Aber ich bin mir sicher, dass er für alle Fälle mehrere identische Exemplare dieses Kleidungsstückes im Gepäck hatte...