Und schon wieder ungeschlagen SGE…!

 

5. März 2006, Waldstadion

Nach bisher mäßig erfolgreicher Rückrunde sollte endlich mal wieder ein Dreier eingefahren werden. Zu Gast im Waldstadion war der VfL Wolfsburg; ein Verein, wie es ein Schreiber der Frankfurter Rundschau lakonisch kommentierte, ohne Tradition und ohne Fans. Ganze 57 Karten (eine andere Quelle gab 71 an, was prozentual zwar ein großer, absolut aber zu vernachlässigender Unterschied ist) wurden in der VW-Stadt für das Gastspiel in Frankfurt verkauft, womit man den VfL wohl als legitimen Nachfolger für Bayer 05 Uerdingen betrachten kann – auch bei deren Gastspielen waren des Öfteren keine dreistellige Anzahl von Anhängern mitgereist.

Woran liegt das? Dies wurde ich auch von der Betreiberin dieser Seite auf dem Rückweg in der Straßenbahn gefragt. Ich erklärte die mangelnde Tradition damit, dass Wolfsburg erst Ende der 30er-Jahre des letzten Jahrhunderts, damals als KdF-Stadt, künstlich aus dem Boden gestampft wurde und somit denkbar schlechte Voraussetzungen für Kultur und Tradition vorlagen. Als Dank wurde ich verpflichtet, in meinem Bericht einen kleinen historischen Exkurs über Wolfsburg zu schreiben. Nun gut, in Wikipedia geschaut, erleichtert festgestellt, nicht all zu viel Unsinn erzählt zu haben, und folgendes rausgefunden:

Die Wolfsburg wurde urkundlich erstmals 1302 als Sitz des Adelsgeschlecht derer von Bartelsleben erwähnt. Im Mai 1938 erfolgte die Grundsteinlegung für das VW-Werk. Um die nötigen Arbeiter unterzubringen, wurde die „Stadt des KdF-Wagens bei Fallersleben“ durch Vereinigung verschiedener Gemeinden gebildet. Wegen des Krieges wurden im Autowerk allerdings nur wenige Käfer, sondern hauptsächlich Rüstungsgüter produziert. Erst nach Kriegsende wurde auf Weisung der US-Amerikaner die Stadt in „Wolfsburg“ umbenannt. Die Fertigungsmaschinen sollten zunächst abtransportiert werden, ein englischer Major namens Hirst schanzte dem VW-Werk jedoch Aufträge der britischen Regierung zu, wodurch das Werk bestehen blieb und das Wachstum der Stadt auslöste (heute: ca. 120.000 Einwohner). Also ist letztendlich ein englischer Major daran schuld, dass die Bundesliga sich mit dieser Retortenmannschaft herumschlagen muss, die wohl regelmäßig die schlechteste Zuschauerzahl in der Saison beschert (am Sonntag waren es 26.000). Ach ja, im Allerpark befindet sich die einzige Sechs-Mast-Wasserski-Anlage Europas, dazu herzlichen Glückwunsch.

Den Fußballverein VfL Wolfsburg (bereits 1945 gegründet) kennen die meisten wohl seit dem Aufstieg in die Bundesliga durch das 5:4 gegen Mainz 1997. Glaubt mir einfach, wenn ich schreibe, dass zuvor nichts Nennenswertes passiert ist.

Wieder einmal erreichten Harilos und ich das Stadion mit ca. 10-minütiger Verspätung. Ich kann mich nicht daran erinnern, das letzte Mal die Mannschaftsaufstellung im Stadion erlebt zu haben. In meinem Alter fällt es immer schwerer, sich von der Couch zu erheben, muss dringend an meiner Disziplin feilen. Kurz nach Betreten des Stadions machte ich die Bekanntschaft einer hübschen Frau, die mich in den Arm nahm und mich in meinen Block geleitete. Leider muss ich dazusagen, dass es sich um eine Ordnerin handelte, der auffiel, dass ich mich, wie üblich, in einen anderen Stehblock schmuggeln wollte. Seit wann wird denn auf so was geachtet? Immerhin machte die gute Frau einen netten Eindruck, wäre ich geistig etwas weniger lethargisch gewesen, hätte ich die Gelegenheit genutzt, sie nach dem Spiel auf einen Kaffee einzuladen. Wobei, wäre wohl ohnehin nichts geworden, besser ich lebe mit der Illusion, dass ich nur vergessen habe zu fragen.

Die Wolfsburger übernahmen die taktische Ausrichtung von Hannover 96: hinten drin stehen, hoffen, dass die Frankfurter zu blöd sind, das Tor zu treffen und vorne irgendwie einen Glückstreffer landen. Ich bin erleichtert, dass die Eintracht in der ersten Halbzeit das Tor berannte, welches auf der Gegenseite unseres Blocks lag. Wenn ich genau gesehen hätte, was da vorne alles versemmelt wurde, hätte das meinen Nerven nicht gut getan. Das 0:0 zur Pause war enttäuschend. Zu Beginn der zweiten Hälfte war die Luft etwas raus, ganz nett war, als die sich warmlaufenden Wolfsburger Ersatzspieler mit „Auswechselspieler! Ihr seid nur Auswechselspieler…“ besungen wurden, was selbst ihnen ein Lächeln aufs Gesicht zauberte (kreative Fans sind sie von Heimspielen offenbar nicht gewöhnt). Doch auf dem Platz wurde es bitter: erst vergab Amanatidis eine hundertprozentige, den nachfolgenden Konter konnte die Eintracht auf Kosten eines Freistoß klären, diesen netzte Hanke ein. Ich will nicht behaupten, dass ich ein großer Fußballexperte bin, jedoch fand ich es irgendwie seltsam, dass bei Ausführung des Freistoßes der Ball ca. zwei Meter nach rechts gelegt wurde und kein Eintrachtspieler sich genötigt sah, sich mal dem Schuss entgegenzustellen. So ungewöhnlich ist diese Variante, einen Freistoß auszuführen, nun ja wirklich nicht.

In der Folgezeit belagerte die Eintracht wieder das VfL-Tor und kam wenige Minuten später zum verdienten Ausgleich. Flanke Cha (der für den verletzten Jones reinkam, gute Besserung an dieser Stelle!), Kopfball Rehmer, Abwehr Jentzsch, Abstauber Amanatidis. Und danach wurde das Spiel der Eintracht richtig attraktiv: es war schnell, es war schön anzusehen, es war… nicht von Dauer. In der Schlussviertelstunde machten unsere Jungs, man muss leider sagen mal wieder, den Eindruck, mit den Kräften am Ende zu sein. Gut, in der ersten Halbzeit hatten sie viel Gas gegeben, trotzdem sollten Bundesligaprofis in der Lage sein, einmal pro Woche 90 Minuten lang fit zu sein. Die Eintracht stellte ihre Angriffsbemühungen weitgehend ein, womit die Schlussfolgerung nahe liegt, dass die Abwehr verstärkt wurde. Aber nein, mehrmals kamen Spieler des VfL in und um den Frankfurter Strafraum freistehend an den Ball, eine etwas clevere Mannschaft hätte wohl drei Punkte aus dem Waldstadion entführt. So muss man fast noch mit dem einen Punkt zufrieden sein.

Auf dem Weg aus dem Stadion gab Harilos noch eine Probe seines Fußballsachverstandes: „Man merkt, wie wichtig der Jones ist, als der rausmusste, ging mit Spielaufbau nicht mehr viel.“ So weit noch in Ordnung, aber dann… „Und auch, als der Meier raus ist, da kam kein Pass mehr an, da merkt man doch, wie wichtig der Mann ist!“ Kurzes Nachdenken. „Harilos, Meier ist in der 90. Minute gegen Huggel ausgewechselt worden, meinst du, das hat so viel ausgemacht?“ „Ja, schon OK, hab auch gerade gemerkt, dass der Kommentar nicht so schlau war…“.

Sieht man die Sache positiv, so haben wir immer noch fünf Punkte Vorsprung auf Platz 16, aber dass wieder so eine Serie gestartet wird wie in der Hinrunde, da habe ich doch meine Zweifel. Ich nutze die Gelegenheit für ein paar Appelle und gehe einfach mal davon aus, dass die Adressaten regelmäßig auf diese Seite schauen: Abwehrspieler: lasst die Gegner nicht mutterseelenallein in und um den Strafraum stolzieren und drescht den Ball ruhig mal raus, wenn ihr ihn habt. Geordneter Spielaufbau ist schön und gut, aber manchmal geht es halt nicht. Selbst eine Spitzenmannschaft wie der HSV hat sich einige Wochen zuvor in Frankfurt dieses probaten Mittels bedient. Mittelfeld: Auch wenn nicht alle Pässe ankamen, prinzipiell sieht das gar nicht schlecht aus. Lasst euch nicht von Pfiffen einzelner Fans beirren. Sturm: Macht die Dinger rein! Trainer: Ausdauertraining! Es war nicht das erste Mal, dass bei der Mannschaft in der letzten Viertelstunde nicht mehr viel lief. Im Notfall bei Magath anrufen und fragen, was man in einem solchen Fall macht. Präsidium: Die derzeitige Serie sieht nicht gut aus, aber bitte nicht nervös machen lassen und auf Gedanken kommen wie Trainerwechsel, abgehalfterte Söldner holen etc. Das wird schon wieder.

Mit dieser Hoffnung verabschiedet sich

Jochen