Drei Punkte, egal wie!

Die Entscheidung, wo wir diesen herrlichen Sonntagabend ausklingen lassen sollten, fiel gestern auf das Moseleck, jene sympathische Kaschemme im Bahnhofsviertel, wo man sich wahrscheinlich nicht wundern würde, wenn plötzlich der Tatort-Komissar auftauchen würde, der dir ein Foto einer zwielichtigen Gestalt unter die Nase hält und fragt: "Kennen Sie diesen Mann?" Aber nichts dergleichen passierte natürlich in der Eckkneipe, wo heute fast jeder gut gelaunt war. Und während auf dem Fernseher in der Ecke die spanische Primera División läuft, werden wir Zeuge, wie Celta Vigo im Bernabéu Stadion mal ganz locker gegen Real gewinnt. "Soso", denke ich bei mir, "wenn Vigo Real schlägt, und wir gegen Vigo unentschieden spielen, dann heißt das doch, dass auch wir jederzeit gegen Real gewinnen könnten".

Nun, der Gegner an diesem Abend hieß nicht Real Madrid, sondern Borussia Mönchengladbach, die Elf vom Niederrhein, deren Fans sich vor kurzem noch in T-Shirts mit der Aufschrift "Auswärtsdepp" kleideten, die jedoch nun bekehrt, aber immer noch leicht depressiv, wieder ihren Verein unterstützen. Dass es gestern Abend nun wieder die Borussia traf, das war, schlicht gesagt, ihr Pech und unser Glück. Denn der Fußballabend hatte nicht viele Highlights zu bieten, vor allem in der ersten Hälfte wurde es vielen Fans auf beiden Seiten angst und bang. Orientierungs- und motivationslos wirkten unsere Jungs, Fehlpässe und Ballverluste am laufenden Band. Klar, am Donnerstag erst in Vigo gewesen, da kann man schon mal etwas müde daherkommen. Und auch wenn ich selbst unzufrieden in die Halbzeitpause ging, um mir an einem heißen Getränk die Finger zu wärmen, so fand ich die Pfiffe aus der Westkurve doch äußerst unpassend. Schließlich legt keiner unserer Spieler mit Absicht seine Schwächen zu Tage.

In der zweiten Hälfte jedoch rissen sich die Frankfurter sichtlich zusammen. In der 48. Minute war ich nicht die einzige, die schon von ihrem Platz aufsprang, da man den Ball einfach schon im Kasten sah, er musste einfach rein gehen, aber Spycher verfehlte sein Ziel dann sehr kanpp. Und schließlich machte der eingewechselte Takahara auch endlich das unvermeidliche Tor! Ein Tor gab es übrigens schon früher am Abend. Hätte der Schiedsrichter nicht die Fahne gehoben, wer weiß, wer an diesem Abend gefeiert hätte.

So waren es auf alle Fälle wir. Man muss nicht immer schön spielen, man muss sich nicht jeden Punkt mit Kunststücken verdienen, man kann auch einfach mal mit etwas Glück drei Punkte holen und sich damit für das Auswärtsspiel am Mittwoch in Cottbus selbst motivieren. Denn nicht nur gegen den Abstieg, sondern vor allem für das Selbstbewusstsein ist ein solcher Dreier gut.

Später, im Moseleck, treffen wir noch auf ein paar müde Gäste in schwarz-grünen Schals. Deprimiert wirken sie, freundlich-resigniert führen wir Fachgespräche, damit sie zwar mit einer Niedelage im Gepäck, aber immerhin mit dem Gefühl nach Hause fahren, in einer freundlichen Stadt zu Besuch gewesen zu sein. Später stellen sich all diese Mühen als vergeblich heraus: Kaum lässt man den Gladbacher, nennen wir ihn Günter, ein paar Minuten aus den Augen, übergibt er seinen Fanschal einer Gruppe von Frankfurtern, denen nichts besseres einfällt, als diesen Schal fröhlich singend zu verbrennen. Dies ist dann auch der Zeitpunkt, an dem mir einfällt, dass heute Sonntag ist, dass ich morgen früh raus muss, und dass das Moseleck zwar irgendwie authentisch ist, trotzdem aber wahrscheinlich nie zu meiner Stammkneipe werden wird...

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