Der Pokal ist ein Bembel und gehört uns! (29.04.2006)
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Pokalfinale in Berlin: Eintracht Frankfurt - FC Bayern München

Will man über das gestrige Pokalspiel schreiben, und die großen Gefühle, die damit verbunden sind, dann muss man wohl etwas weiter ausholen. Genau genommen springe ich zurück zum 11. April 2006, so gegen 22:30. Unsere Eintracht hatte gerade das Pokalhalbfinale gegen Bielefeld gewonnen, und die Stimmung im Waldstadion erinnerte an den letzten Aufstieg, plötzlich schien wieder alles möglich. Gesungen hatten wir es ja schon lange, aber nun wurde es endlich wahr: „Berlin, Berlin, wir fahren nach Berlin!“

Auf die erste freudige Trunkenheit folgte in den nächsten Tagen allerdings schnell Ernüchterung: Das Spiel gegen Mainz verlief nicht gerade wie geplant, und der Pokal schien ein wenig in den Hintergrund zu geraten. Der Klassenerhalt ist, was zählt, und darum gilt es zu kämpfen. Vom Pokal träumte ich daher erst mal nur heimlich.

Bis zum letzten Samstag, als unsere Eintracht dank Amanatidis und Meier überraschend die drei Punkte gegen Stuttgart holte. Auch darauf hatten wir ja nicht zu hoffen gewagt. Und plötzlich schien erneut alles möglich. Das Pokalendspiel befreite sich wieder aus unseren geheimen Träumen und durfte ab sofort wieder die Nummer eins in unseren Gesprächen und Gedanken einnehmen. Klar: Dass der Klassenerhalt weiterhin wichtiger war und ist, gilt natürlich nach wie vor. Aber vielleicht könnte sich ja so ein Pokalsieg sich ja auch gerade motivierend auswirken auf das wichtige, noch ausstehende, auch gerne „Endpiel“ genannte Spiel gegen Kaiserslautern...

Es folgte eine merkwürdige Woche, die mich an kindliche Weihnachtsvorfreude erinnerte. Ob ich wohl das Fahrrad bekomme, das ich mir schon so lange wünsche? Ob wir wohl nach 18 Jahren den Pokal nach Hause holen dürfen? Das Leuchten, das man normalerweise mit Kinderaugen assoziiert, begegnete mir selten bei so vielen erwachsenen, gestandenen Männern. Die Produktivität der Frankfurter Firmen ließ in dieser Woche sicher zu wünschen übrig. Man musste ja schließlich noch mal recherchieren, oder in Erinnerungen schwelgen... wie war das noch gleich, damals, 1974, 75, 81 und 88? Und dann gab es ja auch noch so viel zu organisieren! Unse fürsorglichen EFC Vorsitzenden nahmen die Kartenbesorgung in die Hand, nun mussten sie verteilt werden, und ein System ausgetüftelt, nachdem potentielle Nachrücker nominiert werden können, im Falle von Absagen. Und wie komme ich hin, und mit wem, und gibt es noch Karten für den Sonderzug? Gute Kommunikation ist alles, und wenn es um so ein wichtiges Thema geht, dann sind gleichgesinnte Bekannte einfach nicht zu ersetzen! Denn wie oft erntete ich schon verständnislose Blicke von Freunden und Kollegen, die noch nicht von diesem unheilbaren Virus angesteckt wurden, und die einem mit Kommentaren wie „Ist doch nur ein Fußballspiel“ zur Weißglut treiben können. Die Ehefrau eines Mitreisenden ging sogar soweit, dass sie ihren Angetrauten fragte, warum er denn eigentlich nach Berlin reisen müsse, wo doch das Spiel im Fernsehen übertragen werde!?

Endlich war es soweit. Einerseits hätte ich die Vorfreude gerne noch ins unermessliche hinausgezögert, andererseits wurde es auch langsam Zeit, dass man von der inneren Anspannung erlöst wurde. Und so machte ich mich am frühen Samstagmorgen auf den Weg zum Bahnhof, wo um kurz nach sechs der Sonderzug nach Berlin losfahren sollte. Schon in der U4 traf ich auf Tagesausflügler in schwarzweissroten Schals, von denen einer ungeduldig bemerkte: „Nur noch einmal umsteigen, dann sind wir schon in Berlin!“ In vorwiegend netter Gesellschaft rollten wir also gegen Mittag tatsächlich in der Hauptstadt ein, und begrüßten die Berliner mit fröhlichen Gesängen, die meist auch sehr freundlich aufgenommen wurden. Gut, einige der Mitreisenden hatten schon auf der Fahrt so viel Spass, dass sie alle mitgebrachten Getränkevorräte schon am Vormittag verbraucht hatten, und dass ich bezweifle, dass sie das Spiel am Abend noch bei vollem Bewusstsein erleben konnten.

Anlaufstelle in Berlin war natürlich die Bembelbar in Kreuzberg, wo mit Sicherheit Bekannte, Unbekannte, und andere „mainophile“ Menschen anzutreffen wären. Und so ist es natürlich auch: Kleinfrankfurt mitten in Kreuzberg! Die Stimmung ist grandios, und die Gesichter glühen inzwischen nicht mehr nur von der Vorfreude, inzwischen trägt auch der Genuss importierter gekelterter Apfelgetränke zu leuchtenden Gesichtern bei.

Gut gelaunt, und gestärkt mit leckeren Berliner Spezialitäten (der 1a Döner kostet hier weniger als ein Bier!) machen wir uns schließlich auf den Weg zum Stadion. Schon auf dem Weg wird deutlich, dass Berlin heute fest in Frankfurter Hand ist: Heispiel in Berlin! Das einzige, was wirklich fehlt, ist eben unser schönes Waldstadion. Denn kaum angekommen sehe ich, dass das Olympiastadion zwar in der Tat größer ist, dass (relativ) objektiv gesehen aber alle anderen Superlative eindeutig am Main liegen.

Dass wir uns trotzdem wie zu Hause fühlen, ist wohl in erster Linie den weit mehr als 20000 Angereisten zu verdanken, und natürlich auch den zahlreichen preußischen Sympathisanten, die einen zumindest wenn es gegen die ungeliebten Bayern geht, verlässlich unterstützen. Das Vorprogramm ist erstklassig, angefangen bei der großartigen Choreographie (ein Lob an dieser Stelle an die Ultras!), bis hin zum Auftritt von „Tankard“, die mit ihrem Hit „Schwarz-weiss wie Schnee“ ordentlich einheizten. Dass wir uns nicht am Main, sondern an der Spree aufhalten, war spätestens vergessen, als der Klassiker „Im Herzen von Europa angestimmt wurde und sich endgültig Gänsehautstimmung verbreitete. Um acht wurde es dann endlich ernst, das wochenlage Vorspiel war beendet, unsere Elf stand nun im Mittelpunkt des Geschehens und wir würden bald wissen, ob unsere Träume und Hoffnungen in den kommenden 90 Minuten erfüllt oder enttäuscht werden würden. In der ersten Halbzeit gab es Spannung pur und wir durften mal wieder einer Eintracht zuschauen, die alles gab und den Bayern das Leben schwer machte. Und selbst nach dem 1:0 durch Pizarro schien noch eine Kehrtwende möglich. Aber die Bayern wären eben nicht die Bayern, wenn sie nicht auch diesen Pokal relativ gelangweilt mit nach Hause nähmen. Unterstützt wurden sie dabei freilich vom Schiedsrichter Herrn Fandel, der das klare Foul an Köhler nicht anerkannte, und sich damit an diesem Abend sicher nicht viele Freunde machte. Und als dann auch noch Deutschlands sogenannte Nummer Zwo Amanatidis Scharfschuss kurz vor Schluss abwehrte, den wir alle eigentlich schon im Tor sahen, schwand die letzte hessische Hoffnung. Das war wohl Kahns kleine Rache an den Frankfurtern, die ihn mit ihren „Jens Lehmann“- Gesängen wahrscheinlich am Ende noch anspornten.

Der Rest ist schnell erzählt. Unsere Jungs bekamen von Frau Merkel ihre Silbermedaillen ausgehändigt. Eine Geste, die zwar durchaus üblich ist bei Pokalendspielen, die ich aber in diesem Moment irgendwie als erniedrigend und schmerzhaft empfand. Dass wir nicht gerade als Favoriten in den Kampf gezogen waren, war uns ja allen bewusst, aber beim Schlusspfiff wussten wir auch, dass der Pokal doch eigentlich uns zustand, nicht nur, weil der Pokal, wie es ein Banner auf den Punkt brachte, ein Bembel ist und nicht nur, weil die Eintracht an diesem Abend sicher der Gewinner des Abends war.

Schmerzlich war außerdem mitzuerleben, mit welcher Abgeklärtheit die wenigen sogenannten Bayernfans das Stadion und die Stadt verließen. Denn was bedeutet einem bazerischen Trophäensammler schon so ein Pokalsieg? Feiernde Bayern blieben uns also glücklicherweise erspart auf dem Weg zurück in die Stadt, was auch der Polizei zu verdanken ist, die die Bajuwaren in separate Bahnen umleitete, aus Gründen der „Deeskalation“, wie sie es selber ausdrückten. Wie auch immer, wir ließen uns gerne deeskalieren, durften wir doch so weitgehend unter uns bleiben und unsere Pokalsieger der Herzen feiern.

Jungs, wir sind mal wieder mächtig stolz auf Euch und freuen uns voller Zuversicht auf Mittwoch!