Mein schönstes Ferienerlebnis – Mit den Unbesiegbaren in Kopenhagen
Brøndby IF – Eintracht Frankfurt 2:2



Genau 170 Tage ist es her, da gab es im Waldstadion eine geradezu prophetische Choreographie zu sehen. Eine blau-gelbe Europakarte wurde damals entrollt, vor dem Pokalhalbfinale gegen Bielefeld am 11. April. Ganz schön übermütig, dachte ich damals. Wer sollte denn damals auch ahnen, dass dieses gelb-blau nicht nur für die Eroberung Europas durch unsere Eintracht steht, sondern auch gleich unseres ersten internationalen Gegners seit 16 Jahren!

Und so setzten sich die Mädels von F&T am Dienstagabend gut gelaunt und optimistisch in den Nachtzug von Düsseldorf nach Kopenhagen. Einige irritierte Blicke ernteten wir schon in diesem Zug, in dem außer uns niemand zu ahnen schien, was für große Ereignisse sich in weniger als 48 Stunden in einem Kopenhagener Vorort abspielen sollten und in dem außer uns niemand schwarz-weiss-rote Schals trug. Im Liegewagenabteil, mit sechs Pritschen auf ca. drei Quadratmetern, fällt es schwer Schlaf zu finden, der Schal dient als Kopfkissen und Zuversichtsbringer, kann aber dennoch nicht von einem australischen hysterischen Liebhaber ablenken, der sich nur wenige Zentimeter über mir eine 40 cm breite Pritsche mit seiner ebenfalls australischen Freundin teilt und sich während der gesamten Fahrt nicht gerade dezent verhält.

Wahrscheinlich habe ich dann doch mehr geschlafen als die jungen Menschen vom anderen Ende der Welt, als ich morgens um zehn den Zug verlasse und die verregnete dänische Hauptstadt betrete. Die Hotelwahl hätte wohl etwas überlegter ausfallen können, etwas übereilt wird eine 3-Sterne-Hutschachtel in einem zentralen Hotel reserviert, und erst nach dem Einchecken merke ich, dass das Zimmer nicht nur winzig, sondern auch noch lebensgefährlich ist, werde ich doch schier von einem Duschkopf erschlagen, der von der schimmeligen Badezimmerwand direkt auf meine Nase fällt. Egal! Kopenhagen ruft, und wir eilen, die Stadt zu erkunden.

Dies geht relativ schnell, wenn man nicht den Anspruch auf Vollständigkeit hegt und sich mit Smørrebrød und einem Rundgang durch Altstadt und Nyhavn zufriedengibt. Irriterend ist allein der Gebrauch der dänischen Krone, die sich relativ schwer umrechnen lässt. Euroverwöhnt sind wir wohl Kopfrechnen nicht mehr gewohnt, aber vielleicht ist das auch ganz gut so, denn solange man nicht weiss, ob man mit den hundert Kronen für zwei Kaffee ein Schnäppchen gemacht hat oder soeben ein Vermögen ausgegeben hat, muss man sich auch keine Sorgen machen über die Kreditkarte, die mal wieder die Reise finanziert.

Am Mittwoch abend machen wir uns zum ersten Mal auf den Weg in Richtung Brøndby. Die S-Bahn bringt uns sicher in den Vorort, wo Wohnblöcke, ein Einkaufzentrum und Brachflächen das Umfeld prägen. Der Bus 500s bringt uns zum Stadion, wo gerade die letzten Spieler von Brøndby das Training verlassen und von Teenagern abgefangen werden, um Trikots, Poesiealben und Mützen zu signieren. Etwas später kommt endlich der Frankfurter Mannschaftsbus an, zum finalen Training vor Ort. Das Stadion selbst ist übersichtlich, aber durchaus stimmungsvoll. Neben mir höre ich gerade eine Unterhaltung zwischen Frankfurter und dänischen Offiziellen mit, und ich weiss nicht, ob der Däne wirklich versteht, was der Frankfurter ihm sagen mit den Worten: „In Germany, we call this kind of Stadium Schmuckkästchen!“ sagen will. Egal, alle sind freundlich, und alle freuen sich auf den nächsten Tag.

Aber die Zeit bis zum nächsten Tag will natürlich erst einmal überbrückt werden! Also verlassen wir wieder das verlassene Brøndby, freuen uns, dass wir das Kopenhagener Hotel einer Alternative in Stadionnähe vorgezogen haben, und begeben uns wieder in die Kopenhagener Innenstadt. Es ist Champions League Abend, und so zieht es nicht nur uns zum Irish Pub, dieser universalen Einrichtung, in der man sich immer zu Hause fühlt, egal in welcher europäischen Stadt man sich gerade aufhält. Manchmal frage ich mich, wie die Irish Pubs in Irland wohl aussehen. Hier zumindest trifft man sich zum Fußballschauen und Biertrinken, und schon bald fühlen wir uns in guter Gesellschaft. Kaum jemanden interessiert noch, was Werder auf dem Bildschirm treibt und ob Didier Drogba auf der Großleinwand auch noch das dritte Tor für Chelsea macht. Denn schließlich ist der Pub fest in Frankfurter Hand, man trifft alte und macht neue Freunde, stimmt fröhliche Lieder an, tringt Carlsberg, und genießt diese ganz besondere Stimmung, die es wohl nur am Vorabend von Auswärtsspielen gibt, diese Vorfreude und Ausgelassenheit, noch völlig sorgenfrei und frei von jeder Art von Pöbeleien oder Aggression.

Für wenige Stunden verlassen wir dann doch irgendwann den fröhlichen Ort des Geschehens, um uns doch zumindest ein paar Stunden Ruhe vor dem Sturm zu gönnen. Aber auch am Donnerstag zieht es uns in die Stadt. Die kleine Meerjungfrau steht auf dem Programm, und vielleicht noch ein oder zwei Museen. Oder vielleicht doch lieber nicht? Schnell entscheiden wir, dass kleine Meerjungfrauen generell überschätzt werden und es Museen auch in Frankfurt gibt und flanieren entspannt durch die Straßen. Inzwischen sieht man sie überall: Schwarzrote Trikots und Schals und gutgelaunte Menschen dominieren das Stadtbild. Hübsche blonde Polizisten sind zwar vor Ort, greifen aber erst an, als in der Fußgängerzone Fußball gespielt wird, um zu vermeiden, dass doch noch Scheiben zu Bruch gehen. Unsere Fotografin muss zurückgehalten werden, damit sie sich nicht vor die blauäugigen Polizisten wirft. Das leise „Arrest me, please arrest me!“ ignorieren die gutaussehenden Polizisten leider und ziehen wieder von dannen, ohne aber vorher noch den Ball einzusacken.

Langsam machen wir uns wieder auf den Weg nach Brøndby. Wieder in die S-Bahn, die überraschend leer ist. Dazu trägt auch eine nicht besonders freundliche Dänin bei, die den verduzten Ultras auf dem Bahnsteig kurzerhand erklärt, diese Bahn fahre nicht nach Brøndby. Bevor wir den Irrtum aufklären können, schließen sich bereits die Türen und die anderen bleiben auf dem Bahnsteig. Auf der Fahrt klärt uns ein netter Kopenhagener auf, warum wir keinen gelb-blauen Brøndby Fans in der Bahn begegnen. In der Hauptstadt unterstützt man den FC. Spielt Brøndby, dann sind die Sympathien eher bei den Gästen, heute also bei uns!
Im Stadion merken wir schnell, dass die Brøndby Fans besser sind als ihr Ruf! Zwar ist das Stadion mit gerade mal 14,000 Zuschauern lange nicht ausverkauft, aber die Stimmung ist grandios! Auch wenn dieser Club, 1964 gegründet, nicht gerade ein Traditionsverein ist: seine Fans gaben alles, von der Choreographie vor dem Spiel über Gesänge und Schlachtrufe und nicht zuletzt das Zünden von Bengalos, was zwar immer wieder klasse aussieht, aber schließlich nicht ganz ohne Grund im Stadion verboten ist und auch eigentlich wirklich nichts dort verloren hat.
Ganz lange dauert es heute nicht, bis unsere Eintracht mich vollends überzeugt, und die allerletzten kleinen Zweifel daran, dass dieser Auswärtsfahrt in der Gruppenphase noch weitere folgen werden, werden ausgeräumt. Spätestens nach dem zweiten Treffer von Vasoski ist es eigentlich klar: Wir sind weiter, keine Frage!
Nach dem 2:2 steht die Frankfurter Fankurve Kopf. Auch als das Stadion schon längst von allen Dänen verlassen ist, weigern sich die Frankfurter noch über eine Stunde, ihren Block zu verlassen. Irgendwie gehen mir langsam die Superlative aus: schon in Berlin hatte ich geglaubt, dieses Erlebnis sei schwer zu toppen. Aber heute wird eben wirde getanzt, gesungen und gefeiert, und auch den Unbesiegbaren selber merkt man ihre Ausgelassenheit an, als sie sich auch beim Auslaufen immer wieder zum Tanzen und Faxenmachen hinreißen lassen. Selbst Friedhelm Funkel lässt eine Journalistin mitten im Interview stehen, um sich noch einmal bei den Fans blicken zu lassen. Und auch ein Brøndby Fan will anscheinend teilhaben an dieser Stimmung und läuft über den Platz zu den Frankfurtern. Diese reagieren mit „Wer bist du denn?“- Gesängen, und bevor er antworten kann, wird er auch leider schon von einem Ordner vom Platz geleitet.

Später treffen wir ihn noch. Um die Frankfurter Frage nach seiner Identität zu beantworten: Es handelte sich um Klaus, Sohn von Ralph, der ein dänisches Fahrradimperium aufgebaut hat, und der wohl einmal ausbrechen wollte aus der VIP-Loge, wo er mit anderen Sponsoren und später eben auch den F&T Redakteurinnen den Abend ausklingen ließ. Aber F&T wäre ja schließlich nicht F&T, wenn sie sich nicht auch noch mal unters Volk mischen würde. Und so machten wir uns erneut auf den Weg Richtung Hauptstadt. Inzwischen war Brøndby auch wieder fast ausgestorben, an der Bushaltestelle warteten wir mit drei freundlichen Brøndby-Fans, die uns empfahlen, doch lieber unsere Schals auszuziehen, denn die Matchverlierer könnten sich durchaus provoziert fühlen und auch nicht davor zurückschrecken, Frauen zu verprügeln. Zum Glück konnten wir diesen gutgemeinten Rat getrost ignorieren. Denn alle Dänen, denen wir auf unserer Reise begegneten, waren ausgesprochen freundlich und nicht im mindesten aggressiv. Nun, vielleicht mit Ausnahme der Frau in der Bahn, die sich hinterlistig die Frankfurter vom Leib gehalten hat und auch des Fans, der vor dem Spiel an der Bushaltestelle damit drohte, ein Fahrrad in die Frankfurter Menge der Wartenden zu werfen.

Es gab zwar keine offizielle Bembelbar in Kopenhagen, aber ein Irish Pub schenkt ja auch den leicht apfelweinähnlichen Cider aus und so konnte man auch an diesem Donnerstag abend noch lange fröhliche Lieder hören in der Kopenhagener Gass. Etwas heiserer jedoch als noch am Abend zuvor.


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