11. November 2006, Waldstadion

Eintracht - Bielefeld 0:3
Stell dir vor, es ist Eintracht und keiner geht hin...

Ein Publikumsmagnet war die Arminia ja noch nie. Aber dass an diesem Samstagnachmittag nicht nur die Ostkurve nahezu leer war, sondern auch im Westen die Fankurve eine kleine optische und etwas größere akustische Lücke aufwies, hatte andere Gründe: Die Frankfurter Ultras und einige andere Mitglieder der Frankfurter Fanszene hatten zum Support-Boykott aufgerufen, und so verbrachten tatsächlich ein paar hundert Fans die erste Halbzeit vor dem Stadion. Aber worum ging es eigentlich bei dem Boykott? Tagelange intensive Lektüre des Internetforums auf der Eintracht-Seite machte mich nicht wirklich schlau: Gegen ungerechtfertigte Stadionverbote hieß es, dann aber auch wieder gegen Stadionverbote im allgemeinen, gegen Polizeiwillkür, gegen die Eintracht AG, gegen den DFB, gegen die DFL, gegen die Kommerzialisierung im Fußball.

Dies war mir irgendwie doch zu unkonkret, und auch die Vorfeld veröffentlichten offiziellen Presseerklärungen mochten mich nicht davon überzeugen, die erste Halbzeit zu verpassen. Einige Vorfälle, die zu Stadionverboten von Frankfurter Auswärtsreisenden wurden immer wieder zitiert, wie zum Beispiel ein Übergriff Frankfurter "Fans" auf eine Schalke-Kneipe, bei dem nicht nur die tatsächlichen Randalierer mit einem Stadionverbot belegt wurden, sondern auch diejenigen, die zwar mit diesen im gleichen Bus angereist, sich aber anscheinend nicht beteiligt hatten. Hier drängt sich bei mir eine offensichtliche Frage auf, die ich in vielen Diskussionen leider vermisst habe:

Wenn ich mit einem ungerechtfertigten Stadionverbot belegt werde, weil ein paar meiner "Kumpels" sich nicht im Griff haben und offensichtlich Mist bauen, warum suche ich dann den Grund für meine ungerechte Behandlung stets bei Polizei, Verein oder DFB und nicht einfach mal bei den wirklichen Verantwortlichen, nämlich denen, die noch nicht verstanden haben, dass Gewalt und Fußball nichts miteinander zu tun haben.

Aber nun zurück ins Stadion. Die erste Halbzeit war also etwas ruhiger als sonst. Klar haben wir auch gesungen, das ganze war aber halt nicht ganz so spektakulär wie sonst. Na also, dachte ich mir, geht doch. Aber trotzdem schien die Stimmung im Stadion irgendwie von Grund auf vergiftet zu sein. Schon in der ersten Halbzeit hörte man immer wieder Pfiffe aus den eigenen Reihen, die sich weder gegen Bielefeld noch gegen den Schiedsrichter, sondern tatsächlich gegen die eigene Mannschaft richteten. Was ich davon halte, habe ich ja bereits nach dem Gladbachspiel kundgetan. Dass es eine Wiederholung bzw. eine Steigerung gab, hat mich maßlos enttäuscht. Was wird eigentlich mit diesen Pfiffen gegen die eigenen Reihen bezweckt und auf welchem Niveau beklagt man sich eigentlich in einer Saison, in der am 12. Spieltag die erste Heimniederlage droht, in der man souverän die Gruppenphase des Uefacups erreicht hat, man im Gegensatz zu sogenannten großen Mannschaften wie Schalke oder Bremen zumindest schon mal im Achtelfinale des DFB-Pokals steht?

Zu Beginn der Pause begannen die nächsten Pfeifkonzerte. Diese wendeten sich gegen die nun einlaufenden Boykottierer. Boykott hin oder her, eigentlich dachte ich bisher immer, wir wollen doch eigentlich alle das selbe: Fußball schauen und dabei unsere Lieblingsmannschaft unterstützen. Nun, da bin ich wohl etwas naiv an die Sache rangegangen, die immer so hochgelobten Eintrachtfans treten dieser Tage alles andere als einträchtlich auf.

Der Spielverlauf gab dem Unmut noch einmal Auftrieb. Nach dem zweiten Tor für Bielefeld begann sich mein Block zu leeren. Dafür war jetzt die Westkurve wieder voll dabei und stimmte ihre Lieder an, heute sogar "Marmor, Stein und Eisen bricht". Verwirrt, traurig und irgendwie auch wütend blieb ich auf meinem Platz, bis auch die Spieler mit hängenden Köpfen das Feld verließen. Ob die Spieler denn etwas von dem Boykott mitbekommen hat, fragte F&T später Michael Fink, und ob die Mannschaft denn für das Anliegen der Fans Verständnis habe. Nun, es wären ja zum Glück noch genügend Fans dagewesen, das hätte man schon gemerkt, sagte er, und dass es ja zum Glück auch in der zweiten Hälfte wieder laut war. Nun, ich denke, unseren Spielern gingen nach diesem Spiel andere Dinge durch den Kopf.

Als ich dann später dann auch noch auf dem Weg zur Straßenbahnhaltestelle und zu meinem wohlverdienten Bierchen von meinem Fanclub-Präsidenten mit den Worten "Na, du Streikbrecherin" begrüßt wurde, wurde mir klar, dass ich gerade den wohl enttäuschendsten Stadionbesuch meiner bisherigen Fankarriere hinter mir hatte. Und das lag nicht nur an der Tatsache, dass ich Heimniederlagen nicht mehr gewohnt bin.